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Zeitzeugen

Zeugen der Maueröffnung an der "Bösebrücke" in Berlin berichten

Den einen war ein unglaubliches Gerücht zu Ohren gekommen, andere wunderten sich über die ungewöhnliche Betriebssamkeit an der streng bewachten Grenzübergangsstelle. Und einige vertrauten schlicht auf die Tagestehemen im Westfernsehen – wo sich der Moderator freilich ganz schön aus dem Fenster gelehnt hatte...

Mann zeigt Bild von Mauerfall Bild vergrößern Hans-Martin Fleischer Foto: REGIERUNGonline / Bergmann

Hans-Martin Fleischer war damals 26 und Student im Westen. Gerüchteweise hatte er an der Uni von der bevorstehenden Maueröffnung gehört. „Ich war der einzige, der ein Auto dabei hatte“, erinnert sich der heutige Senatsangestellte. Kurz entschlossen fuhren die Kommilitonen also zu siebt im VW-Käfer zur Bornholmer Straße.

Erst hatte der junge Mann Tränen in den Augen vor Glück. Ein historisches Glücksgefühl, wie er sagt. Später kam noch ein Kribbeln im Magen dazu.

Von der Ostseite überquerte da nämlich eine junge Frau die Brücke, und man kam ins Gespräch. Schließlich folgte sie dem Studenten der Wirtschaftswissenschaften nach Westberlin.

Für einige Jahre sollten Hans-Martin Fleischer und Katharina Katzek (damals 24) ein Paar bleiben. Sie wollte ja erst gar nicht rüber, erinnert sich Katzek an die Nacht auf den zehnten November. „Ich hatte einfach Angst, nicht mehr zurück zu können.“

Paar lächelt in die Kamera Bild vergrößern Liane Müller-Knuth und Herbert Müller Foto: REGIERUNGonline / Bergmann

Liane Müller-Knuth hatte Günter Schabowski und sein folgenreiches Gestammel („Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich“) nicht ganz verstanden. Wie auch.

Als Hanns-Joachim Friedrichs im West-Fernsehen dann aber die gewagte Deutung unternahm, die Tore der Mauer stünden weit offen, zögerte sie nicht lange. Ihr Mann Herbert startete den Trabant, und sie fuhren über die Grenze zu einer alten Freundin aus Westberlin. Bis sechs Uhr morgens wurde gefeiert. Dann mussten die Müllers ja zur Arbeit.

Heike und Hans-Jürgen Legler verstanden Schabowski dagegen gleich richtig, sagen sie – und gehörten so zu den ersten Grenzgängern an der Bornholmer Straße.

„Die hat gedacht, wir spinnen“, erinnert sich die damals 29-Jährige noch heute an die Reaktion ihrer Cousine, als ihr Mann und sie vom Kudamm anriefen. Dort waren sie von Westberlinern spontan zum Bier eingeladen worden. Für Heike Legler wird der 9. November immer ein ganz besonderer Tag bleiben, der zum Feiern einlädt – es war und ist ihr Geburtstag.

Eine Frau vor der Bösebrücke. Bild vergrößern Ingrid Schulze Foto: REGIERUNGonline / Bergmann

Ihr Enkel ist kaum älter als die Deutsche Einheit. An jenem späten Novemberabend schlief er schon. Auch Ingrid Schulze war zu Bett gegangen. Gegen Elf weckte sie ihr Schwiegersohn. Sie musste nur aus dem Fenster schauen, um zu sehen, dass etwas ganz anders war als sonst: Menschen tanzten und sangen im Licht der Trabischeinwerfer über die bis dato so stark gesicherte Brücke. „Eine ganz und gar unwirkliche Szenerie“, erinnert sich die Fürstenwalder Rentnerin.

Mit ihrem Enkel spricht sie bis heute viel über die Wendezeit und über die zweierlei Deutschlands, die da zu einem wurden.

Elke Leier ging ebenfalls ins Bett. Die Nachrichten waren nun wirklich nicht eindeutig gewesen. Ihr Freund, Günther Fiedel, damals 38, wollte es wissen. Trotzdem ihn die ersten Polizisten vor der Bösebrücke noch auf die Meldestellen und den folgenden Tag verwiesen, ging er weiter. Und kam durch. Eine Stunde später saß er bei seinem Bruder im Westen auf der Couch.

„Die waren schon überrascht“, berichtet Fiedel von dem spontanten Besuch bei der Westverwandtschaft, „aber auch nicht so sehr“. Warum das? Fiedel war – trotz versagter Reisegenehmigung der DDR-Behörden – ein paar Wochen zuvor schon zu einem runden Geburtstag da gewesen. Damals war er einfach über Ungarn von Ostberlin nach Westberlin gereist. Und, ganz selbstverständlich, wieder zurück nach Hause. Verrückte Zeiten.

Montag, 09. November 2009