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Mitschrift Pressekonferenz

Statements von Kanzlerin Merkel und Präsident der Republik Chile, Piñera Echenique

in Santiago de Chile

(Die Ausschrift des fremdsprachlichen Teils erfolgte anhand der Simultanübersetzung)

P Piñera: Einen wunderschönen guten Tag! Ich möchte eine große Frau - nicht nur eine große Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, sondern eine große Führungsperson der Welt, Angela Merkel - ganz herzlich willkommen heißen!

Ich möchte Ihnen sagen, dass Chile Deutschland und das deutsche Volk immer sehr bewundert hat - für seine Fähigkeit der Innovation, für das Unternehmertum, aber auch für die Stärke und die Durchsetzungskraft. Das erklärt das, was wir immer als das „deutsche Wunder“ kennengelernt haben. In Zeiten der Schwierigkeiten haben wir gesehen, dass die Bundeskanzlerin Angela Merkel ihr Land führen konnte, dass sie mit Stärke und Durchsetzungskraft einen Beitrag zur Führungskraft Europas leisten konnte und dass sich die Dinge in Europa zu verbessern beginnen.

Gleichzeitig möchte ich den Willen, unser Engagement und den Enthusiasmus Chiles hervorheben, wenn es darum geht, die Zusammenarbeit, die Kooperation an allen Fronten zu vertiefen. Wir haben heute im Bereich des Bergbaus und der Naturressourcen ein Abkommen unterschrieben. Aber es gibt viele weitere Abkommen im Bereich der Bildung, der Schulung und der Weiterbildung. In einigen Tagen werden wir eine tiefgreifende Reform des chilenischen Bildungssystems publizieren, und in diesem Rahmen ist die duale Ausbildung Deutschlands fundamental gewesen. Aber auch im Bereich der Wissenschaft und der Forschung freut es uns sehr, dass wir Institutionen wie die Fraunhofer-Gesellschaft, das Max-Planck-Institut und die Humboldt-Stiftung haben, die im Bereich der Wissenschaft und Technik Hand in Hand mit unserem Land zusammenarbeiten. Ebenso gibt es eine enge Zusammenarbeit im Bereich der Energie, insbesondere im Bereich der sauberen und erneuerbaren Energie, in dem Deutschland ganz klar eine führende Rolle einnimmt und bedeutende Technologie entwickelt hat.

Des Weiteren gilt: Die Freundschaft und die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Chile gehen lange Zeit zurück. Ich möchte Sie daran erinnern, dass Mitte des 19. Jahrhunderts eine bedeutende Anzahl von Deutschen nach Chile eingewandert ist und bedeutende Spuren hinterlassen hat - nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Musik, in der Kultur, in den Gebräuchen. Deshalb möchte ich einmal mehr unsere Bewunderung und Dankbarkeit für Deutschland unterstreichen. Deutschland hat Chile nach dem Erdbeben einmal mehr unterstützt. Wir sind Länder, die Werte und Prinzipien verteidigen, was Freiheit, Demokratie, Rechtsstaat, Anerkennung der Menschenrechte, Integration in der Welt sowie Kampf für den Frieden in der Welt angeht. Außerdem haben wir eine gleiche Vision, wenn es darum geht, die Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft anzugehen.

Aufgrund all dessen und da wir hier einen Gipfel haben, mit dem wir eine neue strategische Allianz zwischen Europa, Lateinamerika und der Karibik aufbauen wollen, möchte ich Sie alle herzlichst willkommen heißen und sagen, dass das Beste in der Beziehung zwischen Chile und Deutschland noch kommen wird. Es obliegt uns, das zu konstruieren, um die Lebensqualität unserer Völker zu verbessern.

BK’in Merkel: Sehr geehrter Herr Präsident, meine Damen und Herren, ich möchte mich zuerst einmal ganz herzlich für den warmen, freundschaftlichen Empfang hier bei Ihnen in Santiago de Chile bedanken. Ich habe mich auf diese Reise sehr gefreut. Wir sind uns schon mehrfach begegnet, und Chile ist mit Deutschland sicherlich sehr eng verbunden. Aber auch die Deutschen haben einen sehr guten und intensiven Blick auf Chile. Wir wünschen Ihrem Land weiterhin eine so gute Entwicklung, wie sie in den letzten Jahren stattgefunden hat.

Es ist ein landschaftlich wunderschönes Land. Es ist ein geografisch anspruchsvolles Land, was die Länge anbelangt. Es ist ein reiches Land, was Rohstoffe anbelangt. So gibt es viele Möglichkeiten der Kooperation. Es gibt glücklicherweise bereits seit 2002/2003 ein Assoziationsabkommen und damit auch ein Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und Chile, was dazu führt, dass Investitionen auch der deutschen Wirtschaft hier sehr gut stattfinden können. In meiner Delegation sind einige Vertreter der Wirtschaft, die ihr Engagement in Chile auch noch einmal verstärken wollen. Sie sind sehr froh darüber, dass die wirtschaftliche Entwicklung hier so dynamisch verläuft und dass auch internationale, ausländische Investoren sehr herzlich willkommen sind. Die Tatsache, dass wir hier heute auch ein Abkommen zur Zusammenarbeit im Rohstoffbereich unterschrieben haben, zeigt ja, dass sich unsere Beziehungen auch in einer strategischen Art und Weise entwickeln.

Es wurde auch schon einmal betont, als im Herbst die Bildungs- und Forschungsministerin hier in Chile war: Es gibt eine Vielzahl - mehr als 180 - von Kooperationen zwischen Universitäten. Es gibt hier 26 deutsche Schulen. Es gibt die Kooperation aller großen deutschen Forschungseinrichtungen mit chilenischen Institutionen, die auch die wunderbaren Arbeitsmöglichkeiten in den Observatorien im Norden des Landes einschließt. Es gibt also noch einen großen Bereich, in dem wir unsere wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit entwickeln können.

Chile ist inzwischen OECD-Mitglied und auf dem Weg, ein wirklich industrialisiertes Land zu werden. Die Ziele, die sich Chile gesetzt hat, sind sehr ambitioniert. Wenn wir uns das Pro-Kopf-Einkommen der Bevölkerung anschauen, dann gab es in den letzten Jahren große Fortschritte. Wir haben auch darüber gesprochen, dass die soziale Balance bei einer so dynamischen Wirtschaftsentwicklung natürlich immer wieder beachtet werden muss. Der Schlüssel dafür - das sehen der Präsident und ich gleich - ist die verbesserte Berufsausbildung der jungen Menschen. Wir haben darüber gesprochen, wie Deutschland gerade auch im Bereich der dualen Ausbildung und im Bereich der Techniker, die es hier schon gibt und die noch mehr an die Praxis angebunden werden müssen, einen Beitrag leisten kann. Gerade auch hinsichtlich der Kooperation im Rohstoffbereich könnten wir an dieser Stelle unser Know-how einbringen.

Chile hat viele Rohstoffe. Aber wenn es um die Energieerzeugung geht, ist Chile sehr stark von Importen abhängig. Das heißt, die Entwicklung der erneuerbaren Energien ist mit Sicherheit ein Faktor, der an Bedeutung zunehmen wird. Wir haben mit Interesse und auch mit Zustimmung das Ziel verfolgt, bis 2020 einen Anteil der erneuerbaren Energien von 20 Prozent zu erreichen. Hierbei kann Deutschland im Bereich der Solarenergie, aber auch in den Bereichen der Geothermie und der meeresthermischen Energieerzeugung sowie in viele anderen Bereichen sicherlich einen sehr guten Beitrag leisten. Insofern bietet die Möglichkeit unseres Zusammentreffens hier in Chile also auch die Möglichkeit, unsere Zusammenarbeit noch einmal zu intensivieren.

Der zweite Grund dafür, dass ich hier bin, ist, nicht nur Chile zu besuchen, sondern auch dem EU-Lateinamerika- und EU-Zentralamerikagipfel, also dem EU-CELAC-Gipfel, beizuwohnen. Das ist natürlich ein weiterer Punkt. Chile ist Gastgeber für immerhin 60 Länder, die sich hier treffen. Damit ist die Möglichkeit gegeben, dass wir unsere Beziehungen zwischen Lateinamerika oder, besser gesagt, CELAC und der Europäischen Union auf eine neue Stufe stellen und daraus eine strategische Partnerschaft auf Augenhöhe machen. Die dynamische Entwicklung dieser ganzen Region zeigt uns in Europa, dass wir uns sputen müssen, dass wir auch immer wieder unsere Wettbewerbsfähigkeit verbessern müssen, dass wir unsere Verschuldung abbauen müssen und dass wir nicht auf Kosten zukünftiger Generationen leben können. Der wirtschaftliche Aufschwung Chiles beruht zum Beispiel darauf, dass man keine Schulden für die Zukunft macht, und das sollte uns auch in Europa Ansporn sein. Deshalb freue ich mich, dass Sie uns heute auch in Ihrer Rolle als Gastgeber durch diese Konferenz lenken werden.

Ich bin sehr, sehr gerne hier hergekommen, um deutlich zu machen: Der lateinamerikanische Kontinent, Zentralamerika und Europa sind in vielfacher Weise miteinander verbunden, angefangen mit unseren gemeinsamen Werten bis hin zu dem Sozialmodell unserer Gesellschaften. Europa will diese Verantwortung wahrnehmen, Deutschland als Teil der Europäischen Union jedenfalls allemal.

Frage: Ich spreche im Namen der chilenischen Journalisten hier im Regierungspalast. Diese Frage geht an beide Staatschefs. Die Frage ist, ob die Krise den Staat stärkt oder dem Markt eine stärkere Rolle zuschreibt.

Ich möchte auch von beiden wissen, ob es für sie nicht ein Grund zur Sorge ist, dass David Cameron nicht hier anwesend ist, und ob er aus der EU austreten wird oder nicht.

BK’in Merkel: Ich habe David Cameron noch vor zwei Tagen in Davos getroffen, und er hat mir noch einmal dargelegt, dass seine ausdrückliche Arbeitsrichtung darauf hinausläuft, dass Großbritannien Teil der Europäischen Union bleiben möchte. Er hat natürlich darauf hingewiesen, dass wir auch einige Dinge zu verändern haben. Darüber werden wir mit Großbritannien sprechen müssen. Das werden wir in freundschaftlicher Art und Weise tun, wie wir es innerhalb der Europäischen Union immer tun. Zum Schluss muss man in Europa immer Kompromisse finden, und dazu muss dann natürlich auch Großbritannien bereit sein. Aber erst einmal arbeiten wir gut zusammen, und ich hoffe, dass schon die Haushaltsberatungen im Februar darauf hinweisen werden, dass wir in der Europäischen Union auch gemeinsam Probleme lösen können. Ich darf Sie also beruhigen: David Cameron und Großbritannien sind weiterhin Teil der Europäischen Union!

Zu Ihrer Frage, was die Rolle des Staates in Krisenzeiten anbelangt: Ich glaube, wir haben doch zwei Beobachtungen gemacht. Die eine ist: Der Ausgangspunkt war eine fürchterliche Finanzkrise, die ganz eindeutig darauf zurückzuführen war, dass die Finanzmärkte nicht ausreichend reguliert waren. Wir haben uns auf G20-Ebene vorgenommen, dass jedes Finanzmarktprodukt, jeder Finanzplatz und jeder Finanzmarktakteur einer Regulierung zu unterwerfen ist, denn die Wirtschaft braucht auch Leitplanken. Das ist das Wesen der sozialen Marktwirtschaft. Dabei sind wir noch nicht dort, wo wir sein müssten. Es gibt auf der Welt viel zu viel Steuerbetrug, Steuerhinterziehung, Steuerwettlauf sowie Niedrigsteuergebiete, hinsichtlich derer man noch sehr viel mehr tun muss. Es gibt Schattenbanken. Damit werden wir uns auf dem nächsten G20-Gipfel beschäftigen. Ich finde es auch gut, dass David Cameron für seine G8-Präsidentschaft gerade die Steuerflucht thematisch auf die Tagesordnung gesetzt hat, die international bekämpft werden muss.

Zweitens: Wenn wir miteinander intensiver zusammenarbeiten wollen, dann brauchen wir offene Märkte im Sinne des Freihandels, keinen Protektionismus. Das ist die Überzeugung, die zum Beispiel auch Chile und Deutschland eint. Deshalb sind wir froh, dass wir seit Langem ein Freihandelsabkommen mit Chile haben. Deshalb sind wir froh, dass wir jetzt eines mit Peru und Kolumbien unterzeichnen werden. Deshalb sind wir froh, dass es seitens der Europäischen Union ein solches Freihandelsabkommen mit Zentralamerika gibt. Deshalb arbeiten wir mit Intensität daran - ich werde darüber heute zum Beispiel auch mit der brasilianischen Präsidentin sprechen -, dass wir eines Tages auch mit MERCOSUR ein solches Abkommen hinbekommen. Das ist schwierig - wir verhandeln seit 1999 -, aber es wäre gut, wenn wir so etwas hätten.

Insofern dürfen die Partner keine Angst davor haben, dass einer besser als der andere sein könnte, weil wir nur gemeinsam besser werden. Insofern ist die Rolle des Staates die eines Staates, der Leitplanken setzt, der aber der Wirtschaft Möglichkeiten der Entfaltung gibt und der darauf setzt, dass Wettbewerb insgesamt etwas sehr Kreatives ist, das uns auch allen hilft.

P Piñera: In Bezug auf die Rolle des Staates und des Privatsektors: Diese beiden Rollen sind absolut notwendig und ergänzen sich. Es ist so, wie wenn man sich fragen würde, ob ein Athlet eher mit dem Herzen oder mit der Lunge vorankommt: Er braucht beides! Ohne Frage ist die Krise der Welt, die uns seit 2008 begleitet, eine Krise, die Fehler des Privatsektors, aber auch des öffentlichen Sektors aufweist. Wir müssen sowohl das eine als auch das andere verbessern.

Wir glauben an den Subsidiaritätsstaat. Was heißt das? - Einige glauben, dass das einzig Wichtige die Größe des Staates ist. Wir glauben, dass das Wichtigste die Rolle und die Qualität des Staates sind. Im Rahmen der Auffassung der Rolle des Staates als der eines Subsidiaritätsstaates hat der Staat Funktionen, die fundamental und relevant sind. Es gibt Bereiche, in denen niemand ihn ersetzen kann, nämlich wenn es darum geht, die Spielregeln festzusetzen, Gerechtigkeit zu sichern, die Umwelt zu schützen, die Bedingungen für die Entwicklung der Länder zu schaffen, die Einkommensverteilung zu verbessern und gegen die Armut zu kämpfen. All dies sind Rollen, die dem Staat zukommen.

Der Privatsektor hat die Rolle, der Motor zu sein, der Reichtum schafft, der Arbeitsplätze schafft, der investiert, der Unternehmertum betreibt und der innoviert, also Innovation betreibt. Dafür braucht man so viel Markt wie möglich und so viel Staat wie nötig.

Häufig haben die Länder das Gleichgewicht zwischen beiden Sektoren verloren. Wenn die Waage zu einem zu starken Staat führt, dann stagniert die Wirtschaft. Was andersherum passiert, wissen wir auch: Die Gesellschaften werden zu sehr ungleichen Gesellschaften. Der Staat und der Privatsektor sind Partner. Sie sind Alliierte auf der Suche nach mehr Wohlstand, nach mehr Lebensqualität für unsere Völker.

In Bezug auf England oder Großbritannien: Die Gründe dafür, dass der Premierminister nicht hier ist, sind interne Grüne. Er hat uns schon vor langer Zeit sehr deutlich erklärt, warum er nicht anwesend sein würde. Aber wenn man mich fragt, wie ich Europa gerne sehen würde, dann antworte ich: Mit einem starken Deutschland, mit einem starken Frankreich, mit einem starken England! Ich würde Europa gerne als einen Kontinent sehen, der die ganzen verschiedenen Ausdrücke verbindet und in dem Großbritannien weiterhin ein Teil der Europäischen Union ist. Wichtig ist es, hier keine Unsicherheit zu schaffen. Wichtig ist, dass die Regeln bekannt und stabil sind. Daher gilt: Je schneller die Permanenz Englands in der Europäischen Union geklärt wird, desto besser für Europa und den Rest der Welt!

Frage: Sie wollen die Kooperation Ihrer Länder vertiefen. Herr Präsident, ist nicht inzwischen längst Asien der wichtigste Kooperationspartner für Chile und vielleicht auch für Lateinamerika?

Frau Bundeskanzlerin, Sie sagen selbst, die Europäer müssten sich jetzt sputen. Ist da etwas verschlafen worden? Muss Europa fürchten, Lateinamerika an Asien zu verlieren?

P Piñera: Natürlich wollen wir unsere Beziehungen mit Europa stärken und sie ausweiten. Es stimmt: China ist heute unser wichtigster Handelspartner. Aber Europa ist sehr viel mehr als einer der zwei wichtigsten Handelspartner Chiles. Mit Europa teilen wir eine Geschichte, eine Kultur, eine Tradition, Werte, Prinzipien und Visionen. Das wichtigste Ziel dieses Gipfels zwischen der Europäischen Union und CELAC ist die Bildung einer strategischen Allianz für eine nachhaltige Entwicklung. Als Teil dessen bewerten wir natürlich sehr die führende Rolle, die Deutschland innerhalb Europas innehat. Europa ist der zweitwichtigste Handelspartner Lateinamerikas und der wichtigste Investor in Lateinamerika. Für Chile sind Deutschland und Italien die wichtigsten Handelspartner innerhalb Europas. Der Handel mit Deutschland hat ein Volumen von 7 bis 8 Milliarden Dollar, und das ist etwas, das wir vertiefen wollen. Wir haben mit der Bundeskanzlerin darüber gesprochen, wie wir diese Handelsverbindungen und die Investitionsverbindungen vertiefen können, und ebenso über Themen, die so sensibel und wichtig sind wie Ausbildung, Weiterbildung, Wissenschaft und Technologie. Das sind die Themen, die wir in unserer Beziehung mit diesem großen Land unter der großen Führung von Angela Merkel fördern und vertiefen zu können hoffen.

BK’in Merkel: Wir haben ja, wie der Präsident schon gesagt hat, sehr intensive Beziehungen, und zwar nicht nur, was Investitionen anbelangt. Dies ist auch ein Unterschied zu den asiatischen Partnern: Da ist das Handelsvolumen sehr groß, aber die Direktinvestitionen sind sehr viel geringer. Das Fundament unserer Zusammenarbeit ist vielmehr auch die wissenschaftliche Kooperation und die Kooperation im Ausbildungsbereich. Deshalb glaube ich, dass die Qualität unserer Kooperation heute sehr gut ist. Aber natürlich werden andere Regionen auf der Welt auch besser. Deshalb sage ich: Europa hat keine Sicherheit, dass es die nächsten 50 Jahre einfach so weitergehen wird, sondern wir müssen uns das jeden Tag erarbeiten. In dem Maße, in dem die Bildung zum Beispiel auch in Chile besser wird, und in dem die Forschung besser wird, wird natürlich auch der Wettbewerb wieder stärker.

Ich glaube, wir in Europa haben alle Chancen, ein wichtiger strategischer Partner Lateinamerikas zu sein, und ich bin auch sehr dankbar, dass der Präsident das hier genauso formuliert hat. Ansonsten müssen wir eben sehen, dass sich die Welt außerhalb Europas auch weiterbewegt. Dabei müssen wir zu den Besten gehören; ansonsten wird man sich auch nicht so für uns interessieren. Aber wir können das schon, wenn wir wollen!

Frage: Der spanische Ministerpräsident Rajoy hat hier gestern gesagt, um die Krise in der Eurozone zu überwinden, brauche man eine expansive Wirtschaftspolitik. Die müssten die Staaten der Euroländer leisten. Deswegen die Frage an Sie, Frau Bundeskanzlerin: Sehen Sie es ähnlich wie Herr Rajoy, dass unter anderem Deutschland jetzt eine expansive Wirtschaftspolitik betreiben sollte?

Herr Präsident, was wäre denn für Chile und Lateinamerika das Beste - ein Europa, das vorerst und vorrangig Haushalte konsolidiert, oder eben ein Europa, das diese expansive Wirtschaftspolitik betreibt?

BK’in Merkel: Ich glaube, dass es auch hierbei wieder kein Entweder-Oder gibt. Vertrauen kann nur wachsen, wenn man einerseits solide Finanzen hat und andererseits natürlich die Strukturen so reformiert, dass die Wirtschaft dadurch auch wirklich wachsen kann. Wir in Deutschland versuchen jetzt, einen Beitrag zu leisten, und zwar genau in dem Sinne, in dem Mariano Rajoy, mein spanischer Kollege, es gesagt hat, nämlich möglichst viel Binnenkonsum zu ermöglichen, Bürgerinnen und Bürger zu entlasten, ihnen mehr Konsummöglichkeiten zu geben und damit die Importe nach Deutschland zu stärken und dadurch auch die Exportüberschüsse ein wenig zurückzufahren. Das ist genau der Ansatz, der natürlich ganz Europa hilft.

Aber 90 Prozent des Wachstums finden heutzutage außerhalb Europas statt. Das heißt, wenn wir uns in Europa sozusagen nur um uns selbst kümmern, dann reicht das nicht aus. Das heißt, expansive Wirtschaftspolitik bedeutet auch, dass Europa und alle europäischen Länder interessante Produkte haben müssen, die sie in die Welt exportieren können, die sie in der Welt verkaufen können. Gerade Lateinamerika ist natürlich mit den intensiven Wurzeln und Verbindungen, die Spanien und Portugal hier haben, ein möglicher Markt für eine wettbewerbsfähige Industrie auch der südeuropäischen Länder. Deshalb hängen die Dinge alle sehr eng miteinander zusammen. Wir in Deutschland glauben also, dass wir unseren Beitrag für eine robuste Eurozone leisten.

P Piñera: Wir alle wissen, dass kein Land ständig mehr Mittel konsumieren kann, als es hat, und wir müssen diese Realität angehen. Wir wissen, dass es einige Länder in Europa gibt, die über ihre Verhältnisse gelebt haben. Das hat sich in Defizite und Schulden übersetzt, und das musste korrigiert werden. Dieser Anpassungsprozess ist schmerzhaft, aber unumgänglich.

Aber wenn dieser Prozess existiert, dann muss man sich sicherlich auch die Zeit geben und dem Ganzen Sauerstoff zuführen. Um das zu korrigieren, brauchen wir diese Zeit und den Sauerstoff. Die Frage ist nicht, ob die defizitären Länder einfach den Gürtel enger schnallen müssen oder ob diejenigen, die einen Überschuss haben, einfach eine expansive Wirtschaftspolitik durchführen. Beide Dinge müssen parallel funktionieren.

Das Ganze hat vielleicht ein bisschen zu lange gedauert, bis es losging, aber das Problem in Europa ist nicht nur die Wiedererlangung des fiskalen Gleichgewichts und des Gleichgewichts hinsichtlich der Schulden, sondern wir brauchen auch eine Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und der Flexibilität der Wirtschaften. Aus dieser Perspektive ist eine Krise immer eine große Chance. Europa hat die Chance, gestärkt aus dieser Krise hervorzugehen, nicht nur hinsichtlich des Wiedergewinnens des Gleichgewichts, sondern auch hinsichtlich der Wettbewerbsfähigkeit. Denn wie Bundeskanzlerin Angela Merkel gesagt hat: Niemand garantiert, dass Europa immer ein Kontinent der Avantgarde sein wird. Um in der Avantgarde zu sein, muss man weiterhin Innovationen betreiben, weiterhin das Unternehmertum fördern und weiter arbeiten.

Das wissen wir Länder, die zu den aufstrebenden Ländern gehören, sehr gut. Es gibt viele Länder, die glauben, das Ziel erreicht zu haben, bevor sie es wirklich erreicht haben. Sie fühlen sich entwickelt und beginnen, sich wie entwickelte Länder zu verhalten, aber sie vergessen, dass der Weg zur Entwicklung nicht einfach ist. Die wirklich entwickelten Länder in der Welt sind wenige. Chile befindet sich auf diesem Weg. Ich möchte hier eine Botschaft an die Chilenen vermitteln: Es gibt noch einen langen Weg, den wir hinter uns legen müssen, bis wir wirklich entwickelt und ohne Armut sind. Wir müssen weiter wachsen, und das Wachstum fällt nicht vom Himmel. Die Investitionen in Arbeitsplätze bedürfen Anstrengung, Disziplin und Verantwortlichkeit. Das ist der Weg und die Route, die unsere Regierung eingeschlagen hat, und wir werden auf dieser Route weitergehen.

Samstag, 26. Januar 2013