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Donnerstag, 08. März 2018

Im Wortlaut: Merkel

Sportlicher Anreiz für mehr Inklusion

Interview mit:
Angela Merkel
Quelle:
Tagesspiegel

Die paralympischen Spiele sind ein positiver Impuls für inklusive Prozesse in Deutschland. Das sagt Kanzlerin Merkel in einem Interview mit Nachwuchsreportern der Paralympics Zeitung. Es brauche "noch mehr Bewusstseinswandel in der Gesellschaft, um weg von der bloßen Fürsorge und hin zu einer selbstbestimmten Teilhabe behinderter Menschen zu kommen".

Das Interview im Wortlaut:

Tagesspiegel: Frau Bundeskanzlerin, mit Südkorea sind die Paralympics und die Olympischen Spiele dieses Jahr in ein besonderes politisches Umfeld eingebettet. Wie kann die Sicherheit der Spiele garantiert werden?

Angela Merkel: Die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel bereiten uns allen Sorgen. Zugleich wissen wir, dass es den südkoreanischen Gastgebern ein großes Anliegen ist, Olympische Winterspiele und die Paralympics auszurichten, bei denen sich die teilnehmenden Sportlerinnen und Sportler sowie die Besucher sicher fühlen können. Der südkoreanische Präsident Moon Jae-in hat auch sehr früh eine ausdrückliche Einladung an Nordkorea ausgesprochen und damit eine positive Entwicklung in Gang gesetzt.

Tagesspiegel: Präsident Moon Jae-in hatte gesagt, er wünsche sich eine „heilende Wirkung“ der Spiele für die Beziehungen zwischen Nord- und Südkorea. Was können Großevents tatsächlich auf politischer Ebene bewirken? Und glauben Sie, dass die Spiele einen Effekt auf die Beziehungen zwischen Nordkorea und den Rest der Welt haben wird?

Merkel: Sportereignisse wie die Paralympics und die Olympischen Spiele bringen Menschen aus aller Welt zusammen. Davon können positive Impulse ausgehen. Allerdings wäre es zu viel zu erwarten, dass damit die bestehenden politischen Probleme gelöst werden würden. Das ist Aufgabe der Politik. Im Fall von Nordkorea ist es das Raketen- und Nuklearprogramm, das gegen zahlreiche Resolutionen des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen verstößt und damit völkerrechtswidrig ist. Wir haben das wiederholt kritisiert und rufen die Regierung in Pjöngjang auf, ihren Kurs zu ändern.

Tagesspiegel: Werden Sie es selbst nach Pyeongchang zu den Spielen schaffen?

Merkel: Ich werde es terminlich nicht schaffen, nach Pyeongchang zu reisen. Wenn möglich werde ich mir Wettkämpfe im Fernsehen ansehen und auch die weitere Berichterstattung verfolgen. Allen deutschen Athletinnen und Athleten drücke ich ganz fest die Daumen.

Tagesspiegel: 2016 schalteten über 20 Millionen Zuschauer mindestens einmal die Paralympics bei den öffentlich-rechtlichen Sendern ein, bei Olympia waren es knapp 55 Millionen. Die Paralympics haben sich emanzipiert, der Unterschied bleibt trotzdem groß. Wie kann man erreichen, dass Para-Sport einen ebenso großen Platz in der Gesellschaft erhält, wie Leistungssport von Nichtbehinderten?

Merkel: Den Stellenwert des Para-Sports in der Gesellschaft allein an Einschaltquoten festzumachen, greift meines Erachtens zu kurz. Entscheidend ist doch eher, wie die Breite und Vielfalt dieses Sports im gesellschaftlichen Alltag angenommen werden. Viele Sportvereine bieten Sport für Menschen mit Behinderungen an – als Breitensport oder auch als Leistungssport. In welchem Maße die Medien den Leistungssport von Menschen mit Behinderungen aufgreifen, hat viel mit der Attraktivität und Leistungsfähigkeit der jeweiligen Sportart zu tun. Das gilt aber für den Leistungssport der Menschen ohne Behinderungen genauso. Ich bin überzeugt: Je spannender para-sportliche Wettkämpfe werden, desto mehr Beachtung werden sie auch finden.

Tagesspiegel: Die Bundesregierung fördert Inklusion mit vielen Projekten. Wünschen Sie sich manchmal mehr Unterstützung aus der Gesellschaft?

Merkel: Die Bundesregierung kann Inklusion unterstützen, aber nicht vollständig steuern. Wir brauchen noch mehr Bewusstseinswandel in der Gesellschaft, um weg von der bloßen Fürsorge und hin zu einer selbstbestimmten Teilhabe behinderter Menschen zu kommen. Das fängt im Kindergarten an und setzt sich in Schule, Ausbildung und Arbeit fort. Wir finden heute viele ermutigende Beispiele für inklusives Zusammenleben in unserer Gesellschaft, so auch im Sport. Besonders schätze ich das Engagement von Menschen mit Behinderungen und ihrer Verbände. Nach dem Motto „Nichts über uns ohne uns“ gestalten sie inklusive Prozesse mit. Ihr Rat und Sachverstand haben bei der Entwicklung des Bundesteilhabegesetzes sehr geholfen.

Tagesspiegel: Sie sind selbst Ski-Langläuferin. Welcher Para-Wintersport ist Ihr Favorit?

Merkel: Ich kann da keinen bestimmten Favoriten nennen. Viele paralympische Sportarten faszinieren mich und haben ganz besondere Momente. Mich beeindruckt immer wieder die unglaubliche Disziplin und Motivation aller Athletinnen und Athleten. Es gibt sicherlich auch in Pyeongchang viele spannende Wettkämpfe, auf die wir uns freuen können.

Tagesspiegel: Haben Sie früher selbst an sportlichen Wettkämpfen teilgenommen?

Merkel: Leistungssport und sportliche Wettkämpfe habe ich schon immer denen überlassen, die so etwas wirklich gut können. Ich bin eher die typische Breitensportlerin, die Sport aus Freude an der Bewegung und zur Erhaltung der Gesundheit betreibt.

Tagesspiegel: Was schätzen Sie am Wintersport im Allgemeinen? In unserem Interview für die Paralympics 2014 erholten Sie sich gerade von einem Unfall, waren aber positiv gestimmt, schon bald wieder Skifahren zu können. Hat das geklappt?

Merkel: Bewegung in der Natur und an der frischen Luft bedeutet mir einfach sehr viel. Deshalb wandere ich im Urlaub gerne in den Bergen. Ich habe mich gefreut in den Weihnachtsferien wieder etwas Zeit für den Skilanglauf zu haben. So konnte ich das Naturerlebnis mit der Auffrischung der Kondition sehr schön verbinden.

Die Fragen für den Tagesspiegel stellten Nachwuchsreporter der Paralympics Zeitung, ein Medienprojekt des Tagesspiegels in Kooperation mit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung.