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Rede von Kanzlerin Merkel bei der Eröffnung der Cebit

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Montag, 05. März 2012

in Hannover

Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Dilma Rousseff,
sehr geehrter Herr Ministerpräsident, lieber David McAllister,
sehr geehrter Herr Schmidt,
sehr geehrter Herr Professor Kempf,
sehr geehrte Kollegen aus dem brasilianischen Kabinett,
sehr geehrte Kollegen aus dem deutschen Kabinett,
Herr Oberbürgermeister und

meine Damen und Herren, die Sie heute bei der diesjährigen Eröffnung der Cebit mit dabei sind,

Vertrauen managen, Managing Trust – das ist das Thema, das die Cebit in diesem Jahr auszeichnet, das der Leitfaden der Ausstellung ist. Dies ist ein sehr gutes Thema mit Blick auf das, was die Cebit darstellt. Denn sie ist ja mehr als eine Messe, die einfach nur neueste Geräte aus dem Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie zeigt. Sie ist eine Messe, die sich dadurch auszeichnet, dass sie auch die Anwendungen dieser Informations- und Kommunikationstechnologien für große und mittelständische Unternehmen der Realwirtschaft sehr deutlich macht. 

Insoweit ist das Thema Vertrauen natürlich ein eminent wichtiges Thema. Denn wer Informations- und Kommunikationstechnologien nutzt, wer Anteil an den grandiosen Möglichkeiten haben will, die Eric Schmidt uns hier eben dargestellt hat, der muss sicher sein, dass seine Produkte trotzdem oder gerade deshalb gut produziert werden können, der muss sicher sein, dass man sich darauf verlassen kann, dass die Daten nicht irgendwo verschwinden und von anderen benutzt werden. Eric Schmidt hat es eben sehr schön gesagt: Je automatischer, je selbstverständlicher es ist – wie beim Strom, der aus der Steckdose kommt und über dessen Produktion man sich nicht jeden Tag Gedanken macht –, umso wichtiger ist es, dass man vertrauen kann und weiß, das Produkt, das ich aus diesem Bereich benutze, ist verlässlich. Deshalb ist es wichtig, dass das Thema Managing Trust die Cebit leitet, und deshalb freue ich mich auch auf den morgigen Rundgang.

4.200 Aussteller aus über 70 Ländern sind ein Spiegelbild des globalen Fortschritts in diesem Bereich. Wir sind sehr stolz, liebe Frau Präsidentin, liebe Dilma Rousseff, dass Brasilien in diesem Jahr unser Partnerland ist. Sie haben uns eben dargestellt, welche Dynamik Ihr Heimatland auszeichnet – als Markt für weitere Konsumenten, aber zunehmend auch als Anbieter von Produkten. Die dynamische Wirtschaftsentwicklung Brasiliens, das, was Sie in den letzten Jahren in Ihrem Lande geschaffen haben, ist beeindruckend. Das reale Bruttoinlandsprodukt hat sich in den letzen 20 Jahren verdoppelt. Aber das ist vielleicht nicht das Wichtigste, sondern das Wichtigste ist das, was Sie mit sozialer Mobilität beschrieben haben: immer mehr Menschen, die Zugang zu den Bildungsmöglichkeiten bekommen, die aus der Armut herauswachsen, die eigenständig ihren Weg gehen können. Ich weiß, das ist das große Thema, das Sie lenkt und leitet und bei dem wir durch bilaterale Zusammenarbeit unterstützend tätig sein wollen.

Rund 1.300 Unternehmen deutscher Herkunft sind in Brasilien tätig. Wir schätzen natürlich den Markt, den Brasilien bietet. Wir schätzen aber auch die stabilen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die guten Wachstumsaussichten und auch die zunehmende lateinamerikanische Integration, bei der Brasilien eine zentrale Rolle spielt. Sie haben uns eben am Beispiel der Schaffung der Infrastruktur für die Informations- und Kommunikationstechnologien deutlich gemacht, wie strategisch Brasilien, aber auch andere lateinamerikanische Länder darangehen, ihre Zukunftschancen zu nutzen.

Wir werden 2013 das Deutschlandjahr in Brasilien haben – ich bin Ihnen dankbar, Frau Präsidentin, dass Sie die Schirmherrschaft dafür übernommen haben. Wir wollen damit ein Bild von Deutschland zeichnen, das ermöglicht, noch mehr Menschen in Brasilien für Deutschland zu interessieren. Das kann umgekehrt natürlich genauso gelten.

Wenn wir über Deutschland und Brasilien sprechen, dann sprechen wir eigentlich exemplarisch über das Zusammenwachsen der Welt, darüber, welche neuen Möglichkeiten die Globalisierung bietet, welche aufstrebenden dynamischen Regionen die Welt hat. Deshalb ist auch das Motto der diesjährigen Cebit eigentlich ein gutes Motto für die Kooperation der großen Wirtschaftsnationen der Welt, die sich im Rahmen der G20 zusammengeschlossen haben – wir werden uns in diesem Jahr in Mexiko treffen und freuen uns schon darauf. Managing Trust passt auch zu dieser Gruppe, denn wir müssen uns aufeinander verlassen können, wir müssen uns auch hier auf faire Rahmenbedingungen verlassen können.

Ich denke, heute Abend, wenn wir die Gelegenheit zum Gespräch haben, werden wir auch darüber sprechen, was uns die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise, die wir immer noch nicht vollkommen überwunden haben, eigentlich auferlegt und welche Sorgen jeder hat. Die brasilianische Präsidentin hat von einem Tsunami der Liquidität gesprochen. Sie haben damit Sorgen geäußert, die Sie haben können, wenn Sie schauen, was in den Vereinigten Staaten von Amerika passiert, was in der Europäischen Union passiert. Auf der anderen Seite fragen wir: Welche protektionistischen und einseitigen Maßnahmen gibt es? Ich denke, trust, Vertrauen, ist der Weg, um diese internationale Krise zu lösen.

Wenn wir uns auf der Cebit vergegenwärtigen, welche Verbesserungen der Produktqualität es von Jahr zu Jahr gibt, so wird uns Europäern damit klargemacht, dass wir aufpassen müssen, auch genügend Zeit damit zu verbringen, über unseren eigenen Tellerrand zu schauen. Uns haben die Folgen der internationalen Finanzkrise u.a. in Form der Schuldenkrise in Europa in den letzten Jahren sehr stark beschäftigt. Auch wir in der Europäischen Union mussten sozusagen unser Vertrauen wieder neu aufbauen.

Die Europäische Union ist mit 500 Millionen Einwohnern heute der größte Binnenmarkt der Welt und hat damit alle Chancen, an den dynamischen Entwicklungen weltweit teilzunehmen. Aber auf der anderen Seite müssen wir Europäer uns gewahr sein, dass wir heute noch etwa sieben Prozent der Weltbevölkerung ausmachen – im Jahre 1950 waren das noch zwischen 20 Prozent und 25 Prozent – und dass unser Anteil am Welt-Bruttoinlandsprodukt immerhin, aber eben nur noch 20 Prozent ausmacht. Das heißt: Wir haben riesige Chancen, aber wir müssen diese Chancen auch nutzen.

Deshalb gibt es aus meiner Sicht auch keine Alternative dazu, die Europäische Union und insbesondere die Euro-Zone zu einer stabilen Zone zu entwickeln und dafür die notwendigen Vorkehrungen zu treffen. Das bedeutet auf der einen Seite Vertrauen darin, dass jeder die Regeln zum Beispiel einer soliden Haushaltspolitik einhält, auf der anderen Seite aber auch das Vertrauen darauf, dass in schwierigen Stunden innerhalb der Europäischen Union und der Euro-Zone insbesondere auch Mechanismen der Solidarität wirken, die jedem einzelnen Teilnehmer die Chance geben, die Solidität, die es vielleicht in der Vergangenheit nicht gab, in den nächsten Jahren unter Beweis zu stellen.

Das ist das Thema, mit dem wir uns befassen, und wir tun dies in Deutschland – ich will das hier ausdrücklich sagen – aus dem tiefen Bewusstsein heraus, dass dies in unserem eigenen Interesse ist. Nicht umsonst haben wir zur Feier von 50 Jahren Römische Verträge während der deutschen Ratspräsidentschaft im Jahre 2007 gesagt: Wir Europäer sind zu unserem Glück vereint. Und dieses Glück müssen wir gestalten. Das bedeutet mehr politisches Zusammenrücken. Und das heißt vor allen Dingen mehr Arbeit für eine verbesserte Wettbewerbsfähigkeit.

Damit bin ich wieder an dem Punkt, an dem uns die Globalisierung die Maßstäbe vorgibt. Es reicht nicht, wenn Deutschland innerhalb der Europäischen Union gut ist. Sondern unsere Zielmarke müssen immer die Besten der Welt sein. Die Cebit führt uns vor Augen, wo die Welt steht. Wir sind in vielen Bereichen gut, aber in der Informations- und Kommunikationstechnologie gibt es viele Bereiche, in denen wir deutlich besser werden können.

Es hat sich bewährt, dass die Bundesregierung im Rahmen des IT-Gipfel-Prozesses mit der Wirtschaft intensiv zusammenarbeitet – ich möchte mich bei BITKOM ganz herzlich für diese Zusammenarbeit bedanken. Es hat sich bewährt, dass wir uns in Deutschland entschieden haben, bei der Forschung und Entwicklung einen deutlichen Schwerpunkt zu setzen, die materiellen Möglichkeiten zu verbessern und verstärkt Geld für Forschung und Entwicklung auszugeben. Es hat sich bewährt, dass wir mit der Hightech-Strategie in der Wissenschaft gerade auch die informations- und kommunikationstechnologischen Bereiche ganz systematisch in Zusammenarbeit von Wissenschaftsinstitutionen, Wirtschaft und Politik fortentwickeln und uns dabei auch ganz klar an den Besten der Welt orientieren. Aber wir haben noch viel zu tun.

Da ist das Thema des Breitbandausbaus. Das gilt für die gesamte Europäische Union und auch für Deutschland. Die brasilianische Präsidentin hat uns eben vor Augen geführt, was in anderen Regionen der Welt geschieht. Die schönsten technischen Möglichkeiten, lieber Eric Schmidt, werden uns verborgen bleiben, wenn die wenig sichtbaren Leitungen nicht existieren und die Daten nicht übertragen werden können. Deshalb ist Infrastruktur das A und O, um Menschen überhaupt den Zugang zu diesen technischen Entwicklungen zu ermöglichen. Gerade in Deutschland, in einem Land, in dem noch 50 Prozent der Menschen in ländlichen Regionen leben, heißt die große Aufgabe: Wie versorgen wir alle mit einer solchen Infrastruktur, damit sie am digitalen Zeitalter auch wirklich teilnehmen können?

Als zweite Aufgabe haben wir die Bildung, damit wir keine Kasten von Menschen bekommen: derjenigen, die sich in den neuen technischen Möglichkeiten auskennen, und anderer, die daran keinen Anteil haben. Deshalb ist das Thema Bildung für ein Land wie Deutschland von extrem großer Bedeutung – und für die gesamte Europäische Union natürlich auch. Denn im Gegensatz zu Lateinamerika – auch das wird uns hier auf dieser Cebit vor Augen geführt – sind wir ein Kontinent, der mit einer demografischen Entwicklung umzugehen hat, die bedeutet, dass wir in den nächsten Jahren im Durchschnitt ältere Menschen haben. Wie wir unter solchen Bedingungen die Neugierde, die Freude an der Wissenschaft, an der Entwicklung der Technologie, an Innovation aufrechterhalten können, das wird die große Herausforderung des europäischen Kontinents sein. Wir können diese Herausforderung annehmen, wenn wir offen bleiben, wenn wir uns nicht wegducken, wenn wir nicht die Augen verschließen, sondern wenn wir bereit sind, Neuland zu betreten.

Deshalb ist die europäische Aufgabe nicht nur die solider Haushaltsführung, sondern vor allen Dingen auch die einer guten Wettbewerbsfähigkeit im fairen Wettstreit mit anderen Regionen der Welt. Dazu brauchen wir gut ausgebildete Leute. Die Branche der Informations- und Kommunikationstechnologie ist immer eine, in der gute, auch gut bezahlte Beschäftigung möglich ist. Rund 850.000 Beschäftigte und fast 40.000 offene Stellen gibt es in Deutschland in diesem Bereich. Das zeigt auch: Wir müssen weitermachen im Werben um die Lust an technischen und naturwissenschaftlichen Berufen. Angesichts der zum Teil schwierigen Ausbildungsgänge ist die Leidenschaft nicht überall so ausgeprägt, wie wir uns das wünschen. Aber wir haben mit dem Pakt für mehr Ausbildung im Ingenieurbereich, in den naturwissenschaftlichen und in den technischen Berufen schon erhebliche Fortschritte erzielt. 

Die Cebit ist also eine tolle Ausstellung – eine Ausstellung, die uns vor Augen führt, was auf der Welt möglich ist, aber auch was in Deutschland schon gemacht wird. Unser Land, die Bundesrepublik Deutschland, möchte sich hier gut präsentieren, aber wir möchten auch gute Gastgeber sein.

Eine ganz besondere Freude ist es uns wie gesagt, dass Brasilien dieses Jahr unser Partnerland ist. Die brasilianische Präsidentin hat schon von dem Thema Wissenschaft ohne Grenzen gesprochen. Bis 2014 sollen 100.000 Brasilianerinnen und Brasilianer zusätzlich im Ausland studieren und forschen. Frau Präsidentin, unsere Ministerin für Bildung und Forschung war jüngst in Brasilien. Wir sind ein Land, das alle Studenten mit offenem Herzen und mit offenen Armen willkommen heißt. Wir haben gute Studienmöglichkeiten. Die Sprachbarriere kann man nicht ganz wegdiskutieren, aber es wird auch immer mehr in Englisch angeboten. Deshalb ist diese Partnerschaft auf der Cebit auch eine symbolische Partnerschaft für engere Beziehungen zwischen unseren Ländern. Die Dynamik Ihres Landes zeigt uns ganz deutlich, dass wir uns nicht etwa auf Erfolgen ausruhen dürfen, sondern dass wir voranschreiten müssen.

Managing Trust – auf dieser Messe werden wir über Vertrauen sprechen. Ich darf sagen: Zwischen Brasilien und Deutschland gibt es ein politisches Vertrauensverhältnis. Ich danke Ihnen, dass Sie Vertrauen in die Entwicklung unserer Wirtschaft haben. Ich hoffe, Sie haben auch Vertrauen in die Entwicklung unserer Europäischen Union. Wir brauchen das. Ludwig Erhard hat gesagt, 50 Prozent in der wirtschaftlichen Entwicklung seien Psychologie. Wir können für ein gutes Gefühl, für gute Nerven und gute Möglichkeiten, für die Zukunftsaussichten ein wenig davon gebrauchen.

In diesem Sinne wünsche ich der Cebit alles Gute, ein interessiertes Publikum und zufriedene Aussteller. Deutschland und Brasilien wünsche ich morgen einen guten Tag für unsere gemeinsamen Chancen. Und damit darf ich die Cebit im Jahre 2012 für eröffnet erklären. Herzlichen Dank. 

Montag, 05. März 2012