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Rede von Bundeskanzlerin Merkel zur Verleihung der "Lampe des Friedens" am 12. Mai in Assisi

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Samstag, 12. Mai 2018
Ort:
Assisi

Ehrwürdiger Pater Kustos,
Eminenzen,
sehr geehrter Herr Präsident Santos,
Exzellenzen,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

es freut und bewegt mich sehr, heute hier bei Ihnen in Assisi zu sein. Die Basilika, in der wir uns befinden, gebietet Ehrfurcht und Staunen – schon allein weil sie zu den wunderbarsten Bauwerken der italienischen Kunstgeschichte zählt. Die Fresken der Franziskuslegende, die wir hier sehen, faszinieren Gläubige seit Hunderten von Jahren. Aber es ist nicht nur die Lebendigkeit der bildlichen Darstellungen, die die Menschen in den Bann zieht. Es ist vor allem der Inhalt, die Botschaft, die uns seit jeher anspricht.

Die Überzeugungen des Heiligen Franziskus – oder auch Franz von Assisi, wie wir ihn in Deutschland gern nennen – leuchten uns bis heute den Weg. Der Mensch auf seinem unsicheren Weg durch die Zeit braucht Licht und Orientierung. Daran hat sich auch 800 Jahre nach Franziskus und 700 Jahre nach dem Renaissance-Maler Giotto di Bondone nichts, aber auch gar nichts, für die Menschen geändert.

Daran erinnert die „Lampe des Friedens“. Deshalb ist es mir eine große Ehre, dieses Symbol des Friedens zu empfangen. Ich darf Ihnen sagen, dass mir diese Auszeichnung sehr viel bedeutet. Denn die Suche nach Frieden und Versöhnung ist – unabhängig von Glauben, Weltanschauung oder Nicht-Glauben – eine wesentliche, eine universelle, um nicht zu sagen, die vornehmste Aufgabe der Politik. Es gibt so viele aktuelle Entwicklungen, die uns vor Augen führen, dass Frieden alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist. Die jüngsten Eskalationen in Syrien und bei den Nachbarn zeigen das ganz deutlich.

Der Weg zu Frieden und Versöhnung ist zumeist nur mit großer Anstrengung und viel Ausdauer begehbar. Ganz selten liegt er schon hell erleuchtet vor uns. Wäre dem so, würden die Menschen nicht permanent wieder von diesem Weg abkommen.

Einer, der diesen Weg gegangen ist und immer noch geht, ist Präsident Juan Manuel Santos. In Kolumbien haben Sie, Herr Präsident, nach Jahrzehnten des blutigen Bürgerkriegs im September 2016 Frieden mit der FARC-Guerilla erreicht. Wenige Monate später haben die Kämpfer der FARC ihre Waffen niedergelegt. Und vor kurzem, im März, hat das kolumbianische Volk ein neues Parlament gewählt – zum ersten Mal seit dem Friedensschluss und zum ersten Mal ohne gewaltsame Zwischenfälle. Es war eine friedliche Wahl.

Es lässt sich jetzt schon sagen, Herr Präsident, dass Ihre Präsidentschaft in die Geschichte Kolumbiens als Wendepunkt eingehen wird, an dem der Friedensschluss einen lang ersehnten Weg zur Versöhnung eröffnete. Herzlichen Dank für das, was Sie geleistet haben.

Deshalb ist es mir einerseits Ehre, aber andererseits auch Verpflichtung, von Ihnen die „Lampe des Friedens“ übernehmen zu dürfen. Sie ist der Öllampe nachempfunden, die am Grab des Heiligen Franziskus brennt, das wir vorhin gemeinsam besuchen durften. Franziskus‘ Leben, Wirken und Botschaft der Barmherzigkeit berühren Gläubige in aller Welt.

Franziskus ist vielleicht der berühmteste Heilige der katholischen Kirche – wenn ich das als evangelische Christin überhaupt sagen darf. Er stammte aus wohlhabenden Verhältnissen und verstand es als junger Mann, Feste zu feiern. Doch es gab den Moment, an dem er radikal mit seinem alten Leben brach, um in Armut und Demut Christus nachzufolgen. Er lebte Nächstenliebe – bedingungslos und den Menschen zugewandt, ohne Ansehen ihres Standes und ihrer Herkunft. Er brach mit gesellschaftlichen Tabus, als er sich der Leiden der Aussätzigen annahm. Er umarmte sie – damals etwas, das absolut verpönt war. Er machte mit dieser Umarmung von Aussätzigen deutlich, dass er Grenzen überschreiten wollte. Er begründete damit die große franziskanische Tradition, von der wir heute sagen dürfen, dass sie Europa und die Welt verändert hat. Gut, dass wenigstens im zweiten Anlauf die franziskanischen Brüder Deutschland erreicht haben und dort geblieben sind.

Es gilt damals wie heute: Frieden ist ohne Teilhabe, Solidarität und Gerechtigkeit kaum denkbar. Frieden gibt es nicht umsonst. Frieden verlangt Arbeit. Frieden gleicht dem Licht einer Lampe, das uns immer nur so lange leuchtet, wie wir Öl nachfüllen. Das Sinnbild der Lampe ist uns allen Erinnerung und Mahnung, uns einem friedlichen Zusammenleben – im Kleinen wie im Großen – unablässig zu widmen.

Es ist wahr: Ein einzigartiges Beispiel für ein friedliches Zusammenleben der Völker ist die Europäische Union. Italien gehörte zu den sechs Gründerstaaten der Europäischen Gemeinschaft. Auch aus diesem Grund ist Assisi ein wunderbarer Ort, um Frieden zu feiern, ihn aber auch immer wieder einzufordern oder zu stiften. Dass die europäische Integration ein Friedensprojekt ist – in der Geschichte im Übrigen von seiner Dauer her ein einmaliges –, ist uns vielleicht nicht täglich präsent. Doch wenn wir uns die wechselvolle Geschichte unseres Kontinents vor Augen führen, dann erahnen wir, welches Glück wir heute haben.

Vor 400 Jahren – 1618 – begann der 30-jährige Krieg. 1648 also war er erst zu Ende. Es bedurfte des Westfälischen Friedens, einer Anstrengung über viele Jahre hinweg, um Europa endlich wieder zur Ruhe kommen zu lassen. Gestern war ich beim Deutschen Katholikentag in Münster, wo wir auch über diesen Friedensvertrag gesprochen haben. „Suche Frieden“ – so lautet das Motto der deutschen Katholiken, über das sie in diesen Tagen miteinander diskutieren.

Für mich ist es eine schöne Fügung, dass ich an zwei Tagen hintereinander – erst in Münster und heute in Assisi – über so etwas Grundsätzliches wie Frieden sprechen kann. Ich glaube, dass Frieden hier wie dort thematisiert wird, sagt viel über uns in Europa aus. Wer von Westfalen nach Umbrien reist, dem offenbart sich Europa als ein Kontinent der Vielfalt. Diese Vielfalt ist es einerseits, die es uns erleichtert, sich mit unserem Kontinent zu identifizieren. Ihre Akzeptanz ist auch die Voraussetzung für ein gedeihliches Zusammenleben. Aber vielleicht ist in der heutigen Zeit auch manchmal die Sehnsucht nach gegenseitigem Respekt vor der Vielfalt größer als die gelebte Akzeptanz der Vielfalt. Vielfalt ist Stärke. Das sollten wir uns immer wieder sagen – gerade auch in Zeiten, in denen Globalisierung so vieles gleichförmig erscheinen lässt. Vielfalt zu akzeptieren – dazu braucht es Respekt. Ud diesen können wir nur gewinnen, wenn wir bereit sind, über den jeweiligen nationalen Tellerrand hinaus zu schauen. Auch das müssen wir uns in der Europäischen Union immer wieder vor Augen führen.

Trotz aller Vielfalt können wir uns im Dom zu Münster genauso geborgen fühlen wie hier in der Basilika zu Assisi. Das hat eben auch viel mit unseren gemeinsamen Prägungen zu tun, mit unserer Geschichte, die vom christlichen Glauben geprägt ist. Aber nicht immer, wenn wir über Verordnungen und Direktiven und Richtlinien in Europa diskutieren, haben wir im Blick, wie wichtig unsere gemeinsamen Werte und Grundüberzeugungen sind.

Jacques Delors, der langjährige Präsident der Europäischen Kommission – ich begrüße Romano Prodi ganz herzlich heute unter uns –, gab einmal sogar zu bedenken – ich zitiere: „Wenn es uns nicht gelingt, Europa […] eine Seele, eine Spiritualität, eine Bedeutung zu verschaffen, werden wir das Spiel verloren haben.“ Seele, Spiritualität und Bedeutung müssen uns immer gegenwärtig sein bei unserem Tun.

Alcide de Gasperi, Robert Schuman und Konrad Adenauer waren davon überzeugt, dass nach zwei verheerenden Weltkriegen eine friedliche Zukunft für Europa nur möglich sein werde, wenn man in einer engen Gemeinschaft zusammenarbeiten will. Diesen Willen brauchen wir heute auch. Danke für Ihre Worte, Pater Kustos.

Wir wissen aber auch: Lange, ja, viel zu lange blieb Europa nach den Gründungsstunden des europäischen Projekts noch geteilt. Der Eiserne Vorhang, der Kalte Krieg, teilte unser Europa. Deshalb möchte ich an die mutigen Frauen und Männer der polnischen Solidarność erinnern. Ich erinnere mich noch gut daran, dass auch für viele in der ehemaligen DDR die polnische Gewerkschaftsbewegung eine Hoffnung war. Natürlich mischte sich auch Bangen in diese Hoffnung. Schließlich blieben die Niederschlagung des Volksaufstands in der DDR 1953 und der Prager Frühling 1968 unvergessen. Doch allen Schikanen und Repressionen zum Trotz: Der Drang nach Freiheit und besseren Lebensverhältnissen ließ sich nicht aufhalten.

Woher nahmen die Polen diesen Mut? Woraus schöpften sie ihre Hoffnung? Was hat sie bewogen, nicht aufzugeben? „Habt keine Angst!“ rief Papst Johannes Paul II. den Gläubigen auf dem Petersplatz zu Beginn seines Pontifikats im Oktober 1978 zu. Wenige Monate später reiste der polnische Papst durch sein Heimatland. Diese Reise ist bis heute tief im Bewusstsein der Polen geblieben. Michail Gorbatschow zeigte sich später überzeugt, dass der Papst maßgebenden Anteil am Erstarken des polnischen Freiheitswillens hatte. Ich fühle mich heute auch deshalb durch die Auszeichnung besonders geehrt, weil Papst Johannes Paul II. und Lech Wałęsa ebenfalls die „Lampe des Friedens“ überreicht wurde.

Aber wer dachte, dass mit Ende des Kalten Krieges endlich Frieden in Europa eingekehrt sei, sah sich schnell eines anderen belehrt. Die Länder des westlichen Balkans wurden in den 90er Jahren von entsetzlichen Kriegen und Menschenrechtsverletzungen heimgesucht. Das Massaker von Srebrenica war das größte Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. 8.000 muslimische Jungen und Männer wurden ermordet.

All diese Opfer mahnen uns, wie zerbrechlich Frieden sein kann. Sie nehmen uns in die Pflicht, uns immer wieder aufs Neue für Frieden einzusetzen. Wir werden uns in der nächsten Woche auf Einladung des bulgarischen Ministerpräsidenten mit den Ländern des westlichen Balkans treffen. Noch heute sind deutsche und andere Soldaten im Kosovo. Wir wissen, wie zerbrechlich dieser Friede dort ist.

Europa lebt auch heute nicht in Frieden und Sicherheit. Die Annexion der Krim war ein schwerer Einschnitt. Der andauernde Konflikt in der Ost-Ukraine beschäftigt uns. Wir mühen uns, Deutschland und Frankreich, im Normandie-Format gemeinsam die Vereinbarungen von Minsk, die mit der Ukraine und Russland getroffen wurden, umzusetzen. Aber in jeder Nacht gibt es Waffenstillstandsverletzungen. Fast jeden Tag kommen Menschen um.

Die Ukrainer sind mit ihrer Sehnsucht nach Frieden natürlich nicht allein, sondern wir müssen in unserer Nachbarschaft den Blick auf andere grausame Konfliktherde werfen. In unserer unmittelbaren Nachbarschaft, in Syrien, findet eine der großen humanitären Tragödien unserer Zeit statt. Sieben Jahre schon tobt dort ein Krieg. Von den über 20 Millionen Einwohnern Syriens ist die Hälfte auf der Flucht – davon die Hälfte innerhalb des Landes, die andere Hälfte außerhalb: in der Türkei, im Libanon, in Jordanien und in Mitgliedstaaten der Europäischen Union, auch in Deutschland. Diese Menschen brauchen ein Licht der Hoffnung, das im Augenblick noch nicht zu sehen ist. Wir werden uns politisch sehr anstrengen müssen.

Herr Präsident Santos, Ihr Beispiel, scheinbar Unmögliches zu erreichen, ist für uns ein Beispiel, es immer und immer wieder zu versuchen. Inzwischen ist dieser Konflikt ein Konflikt der regionalen Interessen geworden – ein Konflikt der Religionen. Um die Menschen in Syrien geht es vielleicht manchmal überhaupt nicht mehr. Deshalb mahnt die heutige Auszeichnung mich und viele andere europäische Staats- und Regierungschefs, uns stärker in die Lösung dieses Konflikts einzubringen. Durch die Kündigung des Nuklearabkommens durch die Vereinigten Staaten von Amerika ist die Situation noch angespannter geworden. Wir verfolgen die Ereignisse zwischen Iran und Israel. Vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte, vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die Sicherheit Israels für Deutschland zur Staatsräson gehört, mahnt uns das einmal mehr, uns in die Lösung dieses Konflikts stark und mit großer Überzeugung einzubringen.

Meine Damen und Herren, all das werden wir nur schaffen, wenn wir bereit sind, die Europäische Union weiterzuentwickeln. Ein Land in Europa allein wird nicht ausreichend handeln können. Deshalb müssen wir zusammenarbeiten. Ich freue mich über die sehr gute Zusammenarbeit auch mit unseren Freunden und Kollegen in Italien. Italien findet sich in einer entscheidenden politischen Phase, zu der ich natürlich nicht Stellung nehmen werde. Aber ich möchte sagen: Wir, die Bundesrepublik Deutschland, wollen mit Ihnen gemeinsam die großen Probleme unserer Zeit lösen. Italien hat als Nachbarn Libyen. Italien hat die Herausforderung afrikanischer Flüchtlinge.

Deshalb wissen wir: Wenn wir Frieden schaffen wollen in Europa, aber auch in unserer Nachbarschaft, dann müssen wir nicht nur an unseren eigenen Wohlstand denken, sondern dann müssen wir die Ursachen von Flucht und Vertreibung mutig bekämpfen. Nie seit dem Zweiten Weltkrieg gab es so viele Flüchtlinge wie heute, die allermeisten im Übrigen innerhalb des afrikanischen Kontinents. Wir Europäer schauen immer sehr auf uns – darauf, was wir erleben. Deshalb wird es eine große Aufgabe sein, wenn wir in Frieden weiterleben wollen, uns mit unseren Nachbarn und ihren Problemen zu beschäftigen und sie auch zu lösen.

Meine Damen und Herren, Papst Franziskus hat uns angesichts des Jubiläums der Römischen Verträge im vergangenen Jahr noch einmal ins Stammbuch geschrieben, dass uns nur Zuversicht helfen wird, unsere Probleme zu lösen. Er hat – für mich etwas betrüblich – vorher im Europäischen Parlament die Europäische Union mit einer Großmutter verglichen. Es ist wichtig, daran zu denken, dass Großmütter Enkel haben, dass die Hoffnung in der Jugend liegt und dass die Jugend uns Zuversicht geben muss, aber wir auch der Jugend Zuversicht geben müssen. Deshalb freue ich mich besonders, dass heute auch junge Menschen da sind, mit denen wir nachher diskutieren werden.

Papst Franziskus hat kürzlich ein Buch mit dem Titel „Gott ist jung“ veröffentlicht. Er beruft eine Jugendsynode ein. Er hat den Jugendlichen gesagt, sie sollen sich nicht zum Schweigen bringen lassen. Das sind ganz wesentliche Botschaften, die wir uns auch in der Politik zu Herzen nehmen sollen.

Meine Damen und Herren, die Lampe ist Inspiration für mich, für viele, denen ich von dieser Lampe erzählen werde und für viele, die sie schon bekommen hatten. Herr Präsident Santos, ich übernehme Ihren Vorschlag, sie auf meinem Schreibtisch aufzustellen, sodass sie nicht in Vergessenheit geraten kann. Lassen wir uns von dem Vorbild und der gelebten Nächstenliebe des Heiligen Franz von Assisi immer wieder inspirieren. Lassen wir uns die „Lampe des Friedens“ eine Mahnung sein, über eigene Interessen hinweg die Bedürfnisse anderer nicht zu übersehen und über das Klein-Klein des Alltags das große Ganze des friedlichen Zusammenlebens nicht aus den Augen zu verlieren.

Papst Franziskus hatte 2016 hier in Assisi am Weltgebetstag für den Frieden gesagt – ich möchte ihn abschließend zitieren: „Der Friede ist ein Geschenk Gottes und unsere Aufgabe ist es, um ihn zu bitten, ihn zu empfangen und ihn jeden Tag mit seiner Hilfe aufzubauen.“ Lassen wir uns von diesen ermutigenden Worten anstecken. Lassen wir uns in unserem täglichen Tun davon inspirieren. Das sage ich Ihnen zu im Rahmen meiner Kräfte. Aber darum bitte ich auch alle Anwesenden hier und alle, die uns heute zuhören. Die Kraft, Frieden zu schaffen, kann die Welt gar nicht genug gebrauchen.

Herzlichen Dank für die Ehre, dass ich heute hier sein darf.

Samstag, 12. Mai 2018