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Rede von Bundeskanzlerin Merkel zur Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universitäten Gent und Löwen am 12. Januar 2017

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Donnerstag, 12. Januar 2017
Ort:
Brüssel

in Brüssel

Sehr geehrte Rektorin de Paepe,
sehr geehrter Rektor Torfs,
sehr geehrter Herr Premierminister Michel, lieber Charles,
sehr geehrter Herr Ministerpräsident Bourgeois,
meine Damen und Herren,
liebe Studierende,

dies ist ein sehr bewegender Moment für mich. Ich möchte mich ganz herzlich bei Ihnen beiden, den Rektoren der beiden Universitäten, für die gemeinsame Laudatio bedanken. Es ist die erste Ehrendoktorwürde, die mir von zwei Universitäten gemeinsam verliehen worden ist – noch dazu von solch traditionsreichen Universitäten wie den Ihren. Löwen beheimatet eine der ältesten Universitäten Europas, die 1425 gegründet wurde. Die Universität Gent feiert in diesem Jahr ihr 200-jähriges Bestehen. Zu diesem Jubiläum möchte ich natürlich ganz herzlich gratulieren.

Von dieser Stelle aus möchte ich auch Herman van Rompuy grüßen, der heute nicht unter uns sein kann, auch wenn er das eigentlich wollte. Ich habe ihm viel an europäischer Regierungskunst zu verdanken. In seiner Eigenschaft als Präsident des Europäischen Rates hat er alle seine politischen Erfahrungen, die er in Belgien gesammelt hat, mit eingebracht und uns aus allen Ländern Europas damit sehr geholfen, wenn ich das so sagen darf.

Sie haben angesprochen, dass vieles von dem, worüber wir heute sprechen, vor dreißig Jahren nicht denkbar war. In der Tat, unser europäischer Kontinent hat in den vergangenen Jahrzehnten eine bewegende Geschichte erlebt. Der Kalte Krieg ist zu Ende gegangen. Deutschland konnte in Folge dieser Entwicklung seine Wiedervereinigung begehen, feiern und politisch gestalten. Wir haben gesehen, dass vieles, was undenkbar erschien, möglich wurde. Wir sehen heute, gut ein Vierteljahrhundert später, dass sich wieder neue Entwicklungen auftun, auf die wir unsererseits reagieren müssen.

Aber natürlich will ich erst voranstellen, welche große Ehre mir heute auch als ehemaliger Wissenschaftlerin zuteilwird. Sie haben den Titel meiner Dissertation verlesen. Ich darf Sie beruhigen: Auch ich lese diese Dissertation mittlerweile eigentlich nicht mehr, sondern andere Bücher. Aber es hat damals trotzdem Spaß gemacht, das will ich ausdrücklich sagen. Naturwissenschaft ist auch schön, nicht nur Politik. Natürlich ist es für mich eine große Ehre, von zwei so renommierten Hochschulen ausgezeichnet zu werden. Ich hätte mir in der Tat nicht vorstellen können, einmal hier zu stehen.

Hintergrund beider Universitäten ist die Verpflichtung dem humanistischen Ideal und der europäischen Idee gegenüber – ganz in der Tradition des großen europäischen Humanisten Erasmus von Rotterdam, der seinerzeit auch in Löwen tätig war. So können Sie, beide Universitäten, nicht nur stolz auf den Beitrag sein, den Sie in der Vergangenheit geleistet haben, sondern auch auf den Beitrag, den Sie heute zur Gestaltung unserer Zukunft leisten. Robert Cailliau, ein Alumnus der Universität Gent, hat beispielsweise einen Vorläufer des World Wide Web mitentwickelt. Seine Arbeit war bereits Anfang der 90er Jahre wegweisend für das erste webbasierte Projekt der Europäischen Kommission, das dann übrigens mit der Fraunhofer-Gesellschaft aus Deutschland durchgeführt wurde.

Für mich ist die heutige Veranstaltung vor allem auch Ausdruck der Wertschätzung zwischen den Menschen in Belgien und Deutschland, zwischen Ihrem und meinem Land. Für diese besondere Geste der Freundschaft und Verbundenheit bedanke ich mich von Herzen – ganz besonders bei meinem Kollegen Charles Michel, stellvertretend natürlich auch beim Ministerpräsidenten, Herrn Bourgeois.

Angesichts unserer gemeinsamen Geschichte ist es keineswegs selbstverständlich, dass eine Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland eine solche Ehre in Ihrem Land erfährt. Wir alle wissen um die Schrecken des Krieges und das furchtbare Leid, das Deutschland einst der belgischen Bevölkerung angetan hat. Dies ist tief in unser gemeinsames kollektives Gedächtnis eingeschrieben.

Aber es bleibt auch unvergessen, dass nach zwei verheerenden Weltkriegen die Nationen Europas uns Deutschen die Hand zur Versöhnung gereicht haben. Versöhnung und Verständigung waren die Voraussetzung dafür, dass wir heute in Frieden, Freiheit und Stabilität auf unserem Kontinent zusammenleben. Belgien hatte und hat daran einen wesentlichen und unverzichtbaren Anteil. Gerade in einer Zeit, in der viele der Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs nicht mehr unter uns sind, ist es sehr wichtig, dass wir die Erinnerung an unsere Geschichte wachhalten, um das Richtige für die Zukunft zu tun.

Heute sind Belgien und Deutschland in guter Nachbarschaft und enger Freundschaft einander verbunden. Das zeigt sich besonders in den Grenzregionen unserer Länder, etwa in der Euregio Maas-Rhein, einem der ältesten Kooperationsverbände in Europa.

Und natürlich ist auch nicht zu vergessen, dass unsere beiden Länder über Jahrzehnte hinweg gemeinsam den europäischen Einigungsprozess immer wieder vorangebracht haben. Belgien spielt heute auch deshalb eine herausragende Rolle, weil mit Brüssel und den hier ansässigen Institutionen das Herz der Europäischen Union in Ihrem Land schlägt. Es gibt vermutlich keine Stadt außerhalb Deutschlands, die ich so oft besucht habe wie Brüssel. Ich bin auch sehr froh, dass ich heute zu einem bilateralen Besuch hier bin. Ich komme auch immer gern in die Gebäude der Institutionen, aber ich freue mich auch darauf, heute mit Charles Michel noch in ein richtiges belgisches Restaurant zu gehen.

Wenn wir feststellen, dass Europa derzeit nicht so gut dasteht, wie wir uns das wünschen, dann sollten wir uns aber auch immer wieder bewusst machen, was wir in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten gemeinsam erreicht haben, woraus wir auch Kraft schöpfen können. Wir dürfen nicht vergessen, dass viele Errungenschaften Europas uns mittlerweile selbstverständlich erscheinen: Reisefreiheit, die Vorteile einer gemeinsamen Währung, die Chancen eines Auslandsstudiums. Das alles ist für Studierende inzwischen offensichtlich gelebte Praxis. Man muss auch nicht jeden Morgen dankbar dafür sein. Aber sich ab und zu zu vergegenwärtigen, dass es viele Regionen der Welt gibt, in denen es so etwas nicht gibt, ist vielleicht auch kein Fehler. Sie, die Studierenden, gehören einer Generation junger Europäer an, die zumeist ihr ganzes Leben in einem vereinten und friedlichen Europa verbringen konnten. Sie sind mit der Europäischen Union in einer historisch einzigartigen Periode des Friedens, der Freiheit, des Wohlstands und der Stabilität großgeworden.

Jetzt kommt es aber darauf an, das alles nicht nur zu bewahren – Bewahren kann Stillstand und dann auch Rückschritt bedeuten –, sondern all das immer wieder weiterzuentwickeln. Denn eines ist auch klar: Die Welt um uns herum entwickelt sich weiter. Und wenn sie sich dauernd verändert, dann kann und darf auch Europa nicht einfach stehenbleiben.

Wenn wir uns einen Blick auf den Globus gönnen und uns die geografische Lage Europas in der Welt bewusst machen, dann merken wir, vor welchen Herausforderungen wir stehen. Wir alle sind daran gewöhnt, den Schengen-Raum als einen Raum der freien Bewegung ohne Passkontrollen zu begreifen. Im Augenblick gibt es wieder Grenzkontrollen, aber im Großen und Ganzen ohne große Formalitäten. Aber sehen Sie sich einmal an, welche Nachbarschaften wir an den Außengrenzen von Schengen haben: Russland, Weißrussland, die Ukraine, Georgien, die Türkei, Syrien, Libanon, Israel, Ägypten, Libyen, Tunesien, Algerien, Marokko – alles Regionen, in denen das Leben zumeist ganz anders aussieht als innerhalb des Schengen-Raums. Aber es sind Nachbarschaften und nicht weit entfernte Regionen. In vielen Teilen gibt es Armut, Instabilität und politische Verfolgung. In Teilen Afrikas gibt es immer wieder große Hungersnöte. Der Krieg in Syrien, der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine – all dies geschieht in unserer unmittelbaren europäischen Nachbarschaft.

Wer sich auch nur ein wenig mit den letzten zweitausend Jahren europäischer Geschichte beschäftigt hat, der weiß, dass es naiv wäre, zu glauben, dass die dortigen Entwicklungen keine direkten Folgen für unser Leben in Europa haben könnten oder haben werden. Es wäre genauso naiv, sich immer nur auf andere zu verlassen, die die Probleme in unserer unmittelbaren Nachbarschaft für uns lösen werden. Ich denke, wir Europäer sollten unsere eigene Verantwortung sehr klar erkennen. Machen wir uns nichts vor: Aus Sicht einiger unserer traditionellen Partner – ich denke hierbei auch an die transatlantischen Beziehungen – gibt es keine Ewigkeitsgarantie für die enge Zusammenarbeit mit uns Europäern. Wir als Europäer müssen uns für diese Zusammenarbeit immer wieder stark machen. Aber ich bin auch davon überzeugt, dass wir in Europa und der Europäischen Union lernen müssen, in Zukunft mehr Verantwortung in der Welt zu übernehmen.

Hinzu kommt, dass wir uns nicht nur mit unseren europäischen Werten, sondern auch mit unserem Wirtschafts- und Sozialmodell im rasanten globalen Wettbewerb behaupten müssen. Das wird uns nur gelingen, wenn wir gemeinsam passende Antworten auf den technischen Fortschritt und die zunehmende Globalisierung und Digitalisierung finden. Natürlich sind wir es jeweils unserer eigenen Bevölkerung schuldig, das Wohlstandsversprechen zu erfüllen, das die Europäische Union insgesamt abgegeben hat: Unseren Kindern soll es möglichst besser, aber zumindest genauso gut gehen, wie es uns heute geht.

Welche Entscheidungen sind hierfür zu treffen? Was brauchen wir hierfür? Wir brauchen unter anderem eine ehrgeizige Handelspolitik und einen innovationsfreundlichen europäischen Binnenmarkt. Wir müssen natürlich die viel zu hohe Arbeitslosigkeit, insbesondere die Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen, in den Griff bekommen. Dafür sind Innovation und Wettbewerbsfähigkeit der Schlüssel. Die Leitplanken hierfür sind durch den Staat zu setzen. Wir haben das auch während der internationalen Finanzkrise gesehen. Wenn es keine Leitplanken für die Kräfte des Marktes gibt, dann entwickeln sie sich schnell in eine Richtung, die nicht dem Wohl der Menschen dient. Das Wohl der Menschen muss das Leitmotiv für unsere Gestaltung der Wirtschaftsordnung sein – der Sozialen Marktwirtschaft, wie wir in Deutschland sagen würden.

In diesem Zusammenhang müssen wir feststellen: Europa steht heute vor einigen der größten Herausforderungen der letzten Jahrzehnte. Gerade jetzt, da wir diese Herausforderungen zu bewältigen haben, scheinen die Zweifel an diesem Europa immer lauter zu werden. Für viele ist der Ausgang des Referendums in Großbritannien ein beredtes Beispiel dafür. Ich will hier darauf hinweisen, dass vieles, was in der Diskussion in Großbritannien eine Rolle gespielt hat, sicherlich nicht immer mit den Diskussionen in Kontinentaleuropa zu vergleichen ist. Großbritannien gehört nicht zum Schengen-Raum. Großbritannien teilt nicht die gemeinsame Währung. Großbritannien nimmt an der gemeinsamen Justiz- und Innenpolitik nicht in vollem Umfang teil. Aber dennoch: Wir sollten die britische Entscheidung zum Anlass nehmen, gemeinsam daran zu arbeiten, Europa jetzt erst recht zusammenzuhalten, weiter zu verbessern und den Bürgerinnen und Bürgern auch wieder näherzubringen.

Ende März wird es in Rom die Möglichkeit dazu geben, anlässlich des 60. Jahrestages der Unterzeichnung der Römischen Verträge zusammenzufassen, wo wir stehen und wohin wir wollen. Wir wollen als Staats- und Regierungschefs der nach einem Austritt Großbritanniens dann 27 EU-Mitgliedstaaten die Gelegenheit zusammen mit den europäischen Institutionen nutzen, um eine gemeinsame Vorstellung darüber zu erarbeiten, in welche Richtung sich die Europäische Union in den kommenden Jahren entwickeln soll. Wir wollen konkrete Entscheidungen treffen, um in den europäischen Fragen, die für die Bürgerinnen und Bürger von zentraler Bedeutung sind, voranzukommen. Denn nur so können wir sicherstellen, dass wir die Menschen in unseren Ländern davon überzeugen, dass es einen Mehrwert durch die Zusammenarbeit in Europa gibt. Ich möchte fünf Punkte nennen, die mir hierfür entscheidend erscheinen.

Erstens: Wir müssen damit aufhören, uns in den Mitgliedstaaten immer nur selber zu gratulieren, wenn etwas gut läuft, und, wenn wir aber in den Mitgliedstaaten Schwierigkeiten haben, als erstes mit dem Finger auf Brüssel zu zeigen und zu sagen: Brüssel ist schuld.

Zweitens: Wir sollten uns auf die Themen konzentrieren, die auf der europäischen Ebene besser als auf der nationalen und regionalen Ebene gelöst werden können. Ich denke, es gibt sehr viele solcher Themen. Dazu gehören für mich die Themen Flucht und Migration – ganz wesentlich verbunden mit dem Schutz der Außengrenzen –, innere und äußere Sicherheit und natürlich auch die Wettbewerbsfähigkeit und die Nutzung der Vorteile eines großen gemeinsamen Marktes im Wettbewerb mit Ländern wie China und Indien, die jeweils weit über eine Milliarde Einwohner haben, und auch mit den Vereinigten Staaten von Amerika.

Aber es gibt auch eine Vielzahl von Themen, bei denen Europa gerade davon lebt, dass es vielfältig ist, dass es unterschiedliche Traditionen in seinen Regionen gibt. Der Versuch, alles gleichzumachen, nur um den Erfordernissen eines gemeinsamen Marktes zu entsprechen, wird die Herzen der Menschen nicht erobern, da sie stolz auf ihre regionalen Traditionen sind, die auch zu speziellen Fähigkeiten und Fertigkeiten verhelfen. Die Summe dieser Fähigkeiten und Fertigkeiten kann auch einen Mehrwert darstellen und Motivation sein.

Drittens: Wir müssen schneller zu sinnvollen und konkreten Entscheidungen kommen. Ich nenne das Beispiel eines europäischen Ein- und Ausreiseregisters. Als der Raum der Freizügigkeit, der Schengen-Raum, geschaffen wurde, kam sehr schnell die Idee auf, dass wir trotzdem wissen müssen, wer zu uns in diesen Raum hineinkommt und wer ihn wieder verlässt. Aber in den Zeiten guten Wetters, in den Zeiten, als kein Druck auf die Außengrenzen bestand, hat man von einem solchen Projekt Abstand genommen und gesagt: Das brauchen wir nicht.

Ich will ausdrücklich ein Beispiel nennen, das auch Deutschland nicht vorangetrieben hat, bei dem wir Fehler gemacht haben. Wir liegen im Zentrum der Europäischen Union. Als der Schengen-Raum geschaffen wurde, haben wir gesagt: Na ja, jetzt lassen wir erst einmal die Länder an den Außengrenzen – Italien, Spanien – sich mit den Fragen der Grenzsicherung beschäftigen; wir wollen keine europäische Verantwortlichkeit für die Grenzsicherung. Später aber haben wir gemerkt, dass das doch keine gute Idee war, sondern dass die Grenzsicherung unser gemeinsames Problem ist. Wir haben dann im Parlament, in der Kommission, im Rat entschieden, eine Grenzschutzagentur mit europäischen Kompetenzen aufzubauen und dann auch auszubauen. Das war eine wichtige Entscheidung.

Insgesamt betrachtet muss es aber schneller gehen, zu Entscheidungen zu gelangen. Die Welt wartet nicht auf uns. Wir wissen, wie schnell sich Dinge entwickeln, worauf wir aber manchmal zu langsam reagieren. Daran sind nicht die europäischen Institutionen schuld, sondern oft – das darf ich auch aus eigener Erfahrung sagen – Konflikte innerhalb der Koalitionen in den Mitgliedstaaten bei Fragen, zu denen wir aber eine einheitliche Position beziehen müssen und daher Abstimmungsnotwendigkeiten haben. Hierbei können wir vieles verbessern.

Viertens: Wenn wir Entscheidungen getroffen haben, dann müssen wir sie auch einhalten. Wir sind innerhalb der Europäischen Union über 80 Verpflichtungen als Mitgliedstaaten eingegangen. Eine Vielzahl davon ist gar nicht mehr richtig bekannt. Manche werden nicht eingehalten. Zum Beispiel haben wir uns vor vielen Jahren – weder Charles Michel noch ich waren dabei – verpflichtet, drei Prozent des jeweiligen Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung auszugeben. – Das sage ich hier in Anwesenheit von Vertretern von Universitäten. – Wir alle arbeiten noch daran; die Allerwenigsten in der Europäischen Union haben es schon geschafft. Verpflichtungen müssen aber auch eingehalten werden. Darüber müssen wir Rechenschaft ablegen.

Fünftens: Wir müssen besser und verständlicher sagen, was genau wir gemeinsam in Europa erreicht haben, damit die Menschen verstehen, warum es ohne ein Miteinander in Europa schlechter wäre.

Ich will sagen, dass mich durchaus auch einiges sehr optimistisch stimmt – zunächst einmal die Analyse, die wir gemeinsam in Bratislava vorgenommen haben, und auch die Tatsache, dass wir gemeinsam und geschlossen auf den Ausgang des britischen Referendums reagiert haben. Wir beide, Charles Michel und ich, wissen, wie mühsam es manchmal ist, in Europa einen Konsens herbeizuführen. Ehrlich gesagt, weiß aber jeder aus seiner eigenen Regierungsarbeit zu Hause – jedenfalls all die, die Koalitionsregierungen haben –, dass es manchmal auch zu Hause mühsam ist, Ergebnisse zu erzielen. Deshalb müssen wir kompromissbereit sein. Ein Kompromiss ist immer dann gut, wenn die Vorteile die Nachteile überwiegen. Aber ein Kompromiss wird niemals 100 Prozent dessen abbilden, was man sich allein vorgestellt hat.

Kompromisse brauchen wir jetzt in drei Bereichen sehr dringend. Erstens beim Umgang mit der illegalen Migration. Wir brauchen gesamteuropäische Ansätze. Ich habe bereits von der europäischen Grenzschutzagentur gesprochen. Es geht auch darum, präventiv Verantwortung zu übernehmen und mit unseren Nachbarregionen vernünftige Beziehungen aufzubauen. Die Staats- und Regierungschefs der drei Benelux-Länder waren kürzlich in Tunesien. Deutschland hat zusammen mit Frankreich und Italien Migrationspartnerschaften mit Niger und Mali übernommen. Die Europäische Kommission baut zusammen mit anderen Mitgliedstaaten auch solche Partnerschaften auf, um Fluchtursachen zu bekämpfen.

Es ist auch für unser Staatsverständnis von entscheidender Bedeutung, dass wir uns nicht von Schleppern und Menschenhändlern leiten lassen, die illegale Migration zu verantworten haben, sondern dass wir legale Wege über tragfähige Vereinbarungen mit unserer Nachbarschaft eröffnen. Um das durchzusetzen, brauchen wir natürlich auch die Fähigkeit zur Rückführung derjenigen, die illegal gekommen sind und kein Aufenthaltsrecht bei uns haben. Nur so werden wir den Schleusern und Schleppern den Boden für ihr Handeln entziehen können. Was Flüchtlinge anbelangt, die aus humanitären Gründen zu uns gekommen sind und ein Bleiberecht nach unseren rechtlichen Standards haben, brauchen wir natürlich die Fähigkeit zur Integration. Diese Fähigkeit zu beweisen, ist auch eine große Aufgabe.

Die zweite Herausforderung betrifft uns auch alle gemeinsam: Das ist der Kampf gegen den internationalen Terrorismus. Die Anschläge in Brüssel ebenso wie in anderen Städten, zuletzt auch in Berlin, haben auf unser Gemeinwesen und auf unsere Art zu leben abgezielt. Wir müssen alles tun, um unseren Bürgerinnen und Bürgern Sicherheit in Freiheit zu gewährleisten. Dazu gehört auch, Gefährder schneller zu identifizieren. Dazu gehört, die Informationsdateien besser und schneller zu vernetzen. Dazu gehört die Kooperation unserer Nachrichtendienste.

Der dritte Bereich, den ich nennen möchte, betrifft die Zusammenarbeit in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Eine Welt in Unruhe, asymmetrische Konflikte, Cyber-Attacken – all das sind Herausforderungen, vor denen wir alle in gleicher Weise stehen. Deshalb ist es notwendig, hierbei mehr gemeinsam zu handeln.

Es ist klar – das wissen wir auch in Deutschland –: Wir müssen zusätzliches Geld in die Hand nehmen, damit Europa seiner globalen Verantwortung gerecht werden kann – innerhalb der NATO, aber auch innerhalb der Europäischen Union. Jedem wird einleuchten, dass uns Kleinstaaterei in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik nicht voranbringen wird, sondern dass wir unsere Kräfte konzentrieren, in gemeinsame Verteidigungsfähigkeiten investieren und im Übrigen auch vernetzte Ansätze von Entwicklungspolitik, Sicherheitspolitik und Verteidigungspolitik, Ausbildung, Training und Ausrüstung angehen müssen. All das gehört zusammen und muss vernetzt gesehen werden.

Migration und Flüchtlinge, Kampf gegen den Terrorismus, innere und äußere Sicherheit – das sind drei Beispiele gewaltiger Aufgaben, bei denen der Mehrwert gemeinsamen europäischen Handelns aus meiner Sicht sehr klar sichtbar wird.

Meine Damen und Herren, nur wenn Europa geeint und mit einer Stimme spricht, werden wir uns Gehör verschaffen. Nur dann wird es uns gelingen, die Globalisierung nach den Werten zu gestalten, die uns wichtig sind, bei denen der einzelne Mensch im Mittelpunkt steht, der eigenverantwortlich und freiheitlich seine Zukunft gestalten soll. Ich bin der Überzeugung, dass uns das gelingen wird, wenn wir einheitlich auftreten. Deutschland will das auch in diesem Jahr 2017 versuchen, in dem wir die G20-Präsidentschaft innehaben. Ich hoffe, dass ich dafür auch einen breiten Rückhalt meiner Kolleginnen und Kollegen in der Europäischen Union bekomme.

Ein letztes Wort an Sie, liebe Studierende. Europa, das ist nicht die Kommission oder das Parlament oder der Europäische Rat. Europa, das sind Sie und das sind wir alle. Jeder einzelne ist Europa.

Sie können an den Universitäten – davon bin ich überzeugt – jeden Tag das Beste an Europa kennenlernen. Sie können dadurch, wie Sie Ihr Studium gestalten, in welchem Geist Sie miteinander diskutieren, wie Sie das Erasmus-Programm und viele andere Austauschmöglichkeiten nutzen, Europa nicht nur kennenlernen, sondern auch formen und mitgestalten – durch Ihre Neugierde, Ihr Wissen, Ihren Fleiß, Ihren Tatendrang, Ihren Austausch mit Kommilitonen und Wissenschaftlern aus aller Welt.

In nicht allzu ferner Zukunft wird es die Aufgabe Ihrer Generation sein, Ihr Land und ganz Europa zu gestalten. Ich möchte Sie dazu ermutigen, das zu tun aus dem Gefühl heraus, dass unglaublich viel erreicht ist, aber auch aus dem Gefühl heraus, dass das in jeder Generation Erreichte neu weiterentwickelt werden muss. Nichts in der Geschichte ist selbstverständlich. Das zeigt der Lauf der Geschichte. Schärfen Sie deshalb Ihren kritischen Geist. Bringen Sie sich mit Vorstellungen und Ideen ein, die durchaus auch kontrovers, unterschiedlich sein können und sein müssen, weil jeder Mensch eben andere Ideen hat. Aus der Interaktion im Geist des gegenseitigen Respekts entsteht Fortschritt. Europa lebt nicht nur von Politik, sondern vom Austausch der Menschen in verschiedensten Verantwortlichkeiten. Gleichgültigkeit kann sich Europa nicht leisten. Davon bin ich überzeugt.

Noch einmal: Herzlichen Dank für diese ganz besondere Stunde an diesem ganz besonderen Ort – für die Ehrung durch zwei ureuropäische Universitäten, wenn ich das so sagen darf. Herzlichen Dank auch für Ihre Aufmerksamkeit.

Donnerstag, 12. Januar 2017