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Rede von Bundeskanzlerin Merkel zur Verabschiedung des Präsidenten des Deutschen Raiffeisenverband e.V., Herrn Manfred Nüssel, am 30. Juni 2017 in Berlin

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Freitag, 30. Juni 2017
Ort:
Berlin

Sehr geehrter Herr Präsident Nüssel,
sehr geehrte Familie Nüssel,
liebe Bundesminister Christian Schmidt und Gerd Müller,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Deutschen Bundestag – allen voran darf ich Gerda Hasselfeldt begrüßen –,
sehr geehrter Herr Bockelmann,
sehr geehrter Herr Kirsch,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Weggefährten des scheidenden Präsidenten,

ich war noch nicht Bundeskanzlerin, als ich erstmals bei einer Mitgliederversammlung des Raiffeisenverbands zu Gast war. Das ist 14 Jahre her. Lieber Herr Präsident Nüssel, damals waren Sie bereits seit vier Jahren im Amt. Daraus sind inzwischen fast 18 Jahre geworden. Und heute feiern Sie Ihren Abschied. Für den Raiffeisenverband geht also eine Ära zu Ende. Ein bisschen gilt das natürlich auch für alle außerhalb des Verbands, deren Wege sich mit Ihren kreuzten. Was mich anbelangt, so erinnere ich mich gerne an unsere Begegnungen und Gespräche, die wir seit unserem ersten Zusammentreffen hatten. Sie haben sich mit ganzer Kraft den Genossenschaften in der Agrarwirtschaft gewidmet. Fachlich konnte Ihnen als Kenner der Materie kaum einer etwas vormachen.

Begonnen hat Ihr Lebensweg in Bad Berneck in Oberfranken. Es war Ihnen quasi in die Wiege gelegt, weit über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen – angesichts eines Vaters, der viele Jahre lang Staatssekretär und schließlich Landwirtschaftsminister in Bayern war. Sie haben sich in jungen Jahren nicht nur um den elterlichen Betrieb gekümmert, sondern sich auch in der Bayerischen Jungbauernschaft engagiert. Sie wurden deren Landesvorsitzender mit Mitte 20. Um alles aufzuzählen, was dann an Stationen Ihres vielfältigen Wirkens folgte, wäre ein Buch geeigneter als hier mein kurzer Beitrag. Aber zusammenfassend lässt sich festhalten: Für Sie ist Verantwortung etwas, das Sie nicht scheuen, sondern – im Gegenteil – tatkräftig übernehmen. Sie wollten immer etwas bewirken. Sie wollten die Landwirtschaft voranbringen. Das ist Ihnen in den verschiedensten Ämtern und Funktionen auch gelungen. Sehr viele haben Ihnen daher auch sehr vieles zu verdanken. – Das ist ja hier in den Beiträgen auch angeklungen. – Ich möchte mich diesem Dank ausdrücklich anschließen.

Als ich 2003 bei Ihnen zu Gast war, ging es natürlich auch schon um die Frage, wie wir die Wettbewerbsfähigkeit kleiner wie auch großer Betriebe stärken können. Damals aber stellte sich diese Frage in ganz besonderer Weise angesichts schwieriger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen. Deutschland stand damals ganz anders da als heute. Wir waren weit davon entfernt, als wettbewerbsfähigstes Land der Europäischen Union zu gelten. Wir hatten zwar Wachstum – aber nicht beim Bruttoinlandsprodukt, sondern beim Schuldenberg. Wir haben damals sogar gegen das Defizitkriterium des europäischen Stabilitätspakts verstoßen. Aber das ist Geschichte. Doch manchmal hilft der Vergleich, um sich vor Augen zu führen, was wir in den vergangenen Jahren erreicht haben.

Deutschlands Wirtschaft steht im europäischen und internationalen Vergleich inzwischen sehr gut da. Heute gilt Deutschland nicht mehr als kranker Mann, sondern als Stabilitätsanker in Europa. Aber dass wir das auch morgen sein werden, das ist nicht naturgegeben. Um die Wettbewerbsfähigkeit müssen wir uns weiter und permanent Gedanken machen. Das ist eine Daueraufgabe. Das gilt für alle Branchen – und natürlich auch für die Agrar- und Ernährungswirtschaft.

Meine Damen und Herren, mit Ihren vielen genossenschaftlichen Unternehmen kennen Sie die wirtschaftlichen Realitäten. Sie wissen um die Herausforderungen, aber Sie wissen auch um Ihre Stärke. Der Raiffeisenverband schreibt über sich – ich zitiere: „Gemeinsam mehr erreichen, so lautet das einfache und überaus erfolgreiche Prinzip kooperativen Handelns.“ – Zitatende. Dieses Prinzip überzeugt, seit Friedrich Wilhelm Raiffeisen vor über 150 Jahren in Heddesdorf den sogenannten „Darlehnskassen-Verein“ gründete. Die genossenschaftliche Idee überzeugt nicht nur hierzulande, sondern auch weltweit. Es gibt rund 800 Millionen Genossenschaftsmitglieder in über 100 Ländern. Die Genossenschaftsidee überzeugte auch die UNESCO, die sie Ende vergangenen Jahres in die Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufnahm.

An diesem Erfolg haben natürlich auch die Genossenschaften des Deutschen Raiffeisenverbands einen großen Anteil, auch weil sie auf vertrauensvolle Zusammenarbeit und Offenheit für Neues setzen. Und das macht sich bezahlt. Die rund 82.000 Beschäftigten haben 2016 einen Jahresumsatz von rund 60 Milliarden Euro erzielt. Das kommt eben nicht von ungefähr. Um nur einige Beispiele zu nennen: Rund die Hälfte der Marktfrüchte in Deutschland geht durch die Hände in Raiffeisen-Genossenschaften. Ein Drittel der Exporte von tierischen Erzeugnissen geht auf ihr Konto. Auch etwa 30 Prozent des deutschen Weins stammen aus Genossenschaften. All das zusammen ergibt eine Bilanz, die sich durchaus sehen lassen kann.

Lieber Herr Nüssel, das ist ganz besonders auch Ihr Verdienst. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Sie sich in der Agrarwirtschaft dafür stark gemacht haben, über nationale Grenzen hinaus zu denken. Mit Ihnen haben die Raiffeisen-Genossenschaften den Export verstärkt ins Blickfeld genommen. Das ging mit einem Konzentrationsprozess und Strukturwandel einher, der gewiss nicht einfach war. Aber so konnten die genossenschaftlichen Unternehmen den Anforderungen des Weltmarkts gerecht werden.

Solche Prozesse erfordern Kraft, sie erfordern Zeit. Das haben wir vor allem auch in den gewaltigen Umbrüchen der Landwirtschaft in den ostdeutschen Bundesländern nach der Wiedervereinigung erlebt. Bei allen Schwierigkeiten können wir heute sagen: Der Transformationsprozess ist eine Erfolgsgeschichte – natürlich nicht nur, aber eben auch für den Deutschen Raiffeisenverband.

Längst haben Sie neue Herausforderungen in den Blick genommen. Dazu zählen auch der Klimaschutz und die globale Ernährungssicherheit. Sie haben dazu geschrieben, Herr Nüssel – ich zitiere Sie –: „Die Antworten der Branche auf Bevölkerungswachstum und Klimawandel sind ein freier internationaler Agrarhandel und eine neue ‚Grüne Revolution‘ in der Pflanzenproduktion.“ – Zitatende. Ihrer Analyse kann ich nur zustimmen. Wie alle anderen Branchen muss auch der Agrarsektor seinen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Wir hatten das in dieser Woche ja auch schon auf dem Bauerntag als Thema. Ohnehin hat der Klimawandel auch direkte Folgen für die Landwirtschaft und ihre Hauptaufgabe: die Produktion von Lebensmitteln.

In nationaler Hinsicht sage ich: Ein Land wie Deutschland muss sich selbst mit Lebensmitteln versorgen können. Auf globaler Ebene müssen wir uns fragen, wie auch die weiter rasant wachsende Weltbevölkerung ernährt werden kann. Der Schlüssel liegt in offenen Märkten, im Abbau von Handelshemmnissen und in der Forschung bzw. innovativen Technik. Dafür bietet insbesondere auch die Digitalisierung neue Chancen – zum Beispiel um genau zu bestimmen, wann und wo wieviel Saatgut oder welcher Dünger auszubringen ist. Das Stichwort hierzu lautet: Präzisionslandwirtschaft. Der biologisch-technische Fortschritt insgesamt ermöglicht uns eine hocheffiziente Landwirtschaft, die Ressourcen, das Klima und die natürlichen Lebensgrundlagen schont. Das ist auch im Sinne der globalen Abkommen, die die Staatengemeinschaft 2015 verabschiedet hat: das Klimaabkommen in Paris und die Agenda 2030.

Für uns Europäer bietet der Binnenmarkt hervorragende Bedingungen für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung. Im Konzert der globalen Marktkräfte müssen wir zusammenspielen – nicht nur um in der Welt hörbar, sondern auch möglichst besser als andere zu sein. Dabei spielt natürlich die Gemeinsame Agrarpolitik für unsere Landwirte eine zentrale Rolle. Aber diese – darüber werden wir in den nächsten Jahren ja auch reden – muss vereinfacht werden. Ich habe an anderer Stelle schon ausführlicher dazu Stellung bezogen.

Auch international ist bessere Zusammenarbeit gefragt, was Handel und Standards anbelangt. Leider sehen wir derzeit in der Welt wieder eine Tendenz zur Abschottung. Dies steht im Grunde auch im Widerspruch zur Genossenschaftsidee. „Gemeinsam mehr erreichen“ – das ist ein Motto, das genauso gut über der globalen Agenda stehen könnte. Wie ein solches Motto mit Leben erfüllt werden kann, das zeigen die vielen Genossenschaften vom Einkauf über Vermarktung bis hin zu den genossenschaftlichen Banken. Dabei kommt es aber – im Kleinen wie im Großen – immer wieder auch auf hartnäckige Überzeugungsarbeit an.

Lieber Herr Nüssel, Sie haben sich in Ihrer Amtszeit für große Richtungsentscheidungen eingesetzt. Sie sind dabei natürlich auch auf Widerstände gestoßen. Aber diese konnten gar nicht so hoch sein, dass sie Ihnen den Blick auf die Interessen und das Wohlergehen der Mitglieder verstellt hätten. Schließlich hat Ihre Arbeit viel Anerkennung gefunden. Es kommt nicht von ungefähr, dass die genossenschaftlichen Unternehmen und der Raiffeisenverband das sind, was sie sind: Ernstzunehmende Größen auf den nationalen und internationalen Agrarmärkten sowie gefragte Gesprächspartner für die Politik auf allen Ebenen.

Deshalb sage ich Ihnen aufrichtig ganz herzlichen Dank für Ihre Verdienste. Ich wünsche Ihnen für die kommende Zeit alles Gute. Ich schließe in den Dank auch Ihre Frau mit ein. Ich vermute einmal, sie hat so manche Stunde manches allein machen dürfen; nicht nur im Betrieb. Deshalb ein ganz herzliches Dankeschön auch an Sie, an Ihre Frau und die ganze Familie.

Lieber Herr Holzenkamp, Sie übernehmen den Staffelstab von Herrn Nüssel. Ehrlich gesagt, hatte ich mich neulich kurzfristig gewundert, warum Sie als Abgeordneter aufhören; aber jetzt ist mir alles klar. Sie treten an die Spitze des Raiffeisenverbands. Sie bringen viel Erfahrung mit – sowohl als landwirtschaftlicher Unternehmer als auch als Politiker. Seit zwölf Jahren sind Sie Mitglied des Deutschen Bundestags. Dass Sie überzeugen können, zeigen Ihr Direktmandat und auch manche Diskussion in der Fraktion. Ich wünsche Ihnen viel Freude an der neuen spannenden Aufgabe, natürlich auch eine glückliche Hand und interessante Begegnungen.

Meine Damen und Herren, der Deutsche Raiffeisenverband und der genossenschaftliche Verbund schauen bereits auf das Jubiläumsjahr 2018, in dem sich der Geburtstag von Friedrich Wilhelm Raiffeisen zum 200. Mal jährt. Das ist eine schöne Gelegenheit noch einmal zu betonen: Die Genossenschaftsidee hat Geschichte und – davon bin ich überzeugt – sie hat Zukunft. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen weiterhin viel Erfolg.

Freitag, 30. Juni 2017