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Rede von Bundeskanzlerin Merkel zur Überreichung des Seoul Friedenspreises am 2. November 2016

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Mittwoch, 02. November 2016
Ort:
Berlin

im Bundeskanzleramt

Sehr geehrter Herr Botschafter Lee,
sehr geehrter Herr Generalsekretär Kim,
meine Damen und Herren,

ich möchte Sie zuerst nochmals herzlich im Bundeskanzleramt willkommen heißen und mich sehr herzlich für Ihre Worte bedanken, natürlich auch für die Ehre, heute den Seoul Friedenspreis entgegennehmen zu dürfen.

In dieser Legislaturperiode haben wir als Bundesregierung einen umfassenden Dialog durchgeführt, in dem sich viele Bürgerinnen und Bürger zu verschiedenen Themen geäußert haben. Das Kernthema dieses Dialogs war: Was bedeutet für uns gutes Leben? Obgleich die wenigsten Menschen in Deutschland Krieg noch selbst erleben mussten – nur die Älteren haben diese schreckliche Erfahrung gemacht –, stand unter den Antworten der Bürgerinnen und Bürger auf die Frage, was gutes Leben für sie bedeutet, Frieden an erster Stelle – Frieden im eigenen Land, aber auch Frieden rund um den Globus.

Wie leicht es ist, Frieden zu verlieren, und wie schwer es ist, ihn zurückzugewinnen, erleben wir Europäer auch in unserer Nachbarschaft – in der Ukraine, aber auch in Syrien und in Libyen. Das Leid in den Krisenherden, insbesondere auch in Syrien in diesen Tagen, ist unbeschreiblich. Der Einsatz von Fass- und Brandbomben, ja, sogar von Chemiewaffen wird nicht gescheut. Die Zivilbevölkerung wird ausgehungert, medizinische Einrichtungen werden angegriffen, Ärzte verlieren ihr Leben, Krankenhäuser werden zerstört. Und auch die Hilfskonvois der Vereinten Nationen sind nicht sicher vor Beschuss. Das sind schwere Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Wir dürfen nicht einfach darüber hinwegsehen. Das betrifft nicht nur Fragen des internationalen Rechts, sondern auch ganz einfach die Frage: Was ist uns menschliche Würde wert?

Die Sehnsucht nach Frieden und die Sorge über die Zerbrechlichkeit von Frieden werden überall auf der Welt geteilt. Auch in der Region, aus der der Seoul Friedenspreis stammt, ist Stabilität keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Mit Nukleartests und Raketenabschüssen bedroht Nordkorea schon seit Jahren seine Nachbarn. Die Führung in Pjöngjang missachtet internationales Recht und provoziert die Weltgemeinschaft. Auch die gewachsenen Spannungen im Süd- und Ostchinesischen Meer bieten Anlass zu Sorge. Wieder einmal muss man sagen: Alle Beteiligten haben die Pflicht, sich an die global vereinbarten Spielregeln zu halten, Schritte zur Vertrauensbildung und Verständigung zu gehen und aufeinander zuzugehen.

Das liegt auch uns in Europa am Herzen. Unsere Länder sind inzwischen so eng verbunden wie nie zuvor – durch Handel, durch Investitionen, durch Zusammenarbeit und Beziehungen in den verschiedensten Bereichen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Das bedeutet auch im Hinblick auf Korea: Konflikte woanders in der Welt betreffen uns sehr viel stärker, als die geografische Entfernung vielleicht erscheinen lassen mag.

Jeder von uns muss seiner eigenen Verantwortung gerecht werden – auch wir in Europa mit der europäischen Idee, die uns Frieden, Freiheit und Wohlstand sichert. Diese Idee darf nicht weiter an Strahlkraft verlieren. Wir machen im Augenblick eine schwierige Phase durch. Das Ergebnis des Referendums in Großbritannien ist natürlich ein großer Einschnitt. Als Europäer müssen wir deutlich machen, wo die Vorzüge unserer Europäischen Union liegen. Gerade auch Deutschland verdankt dem europäischen Integrationsprozess sehr viel.

Angesichts des unvorstellbaren Leids, das durch Krieg und den Zivilisationsbruch der Shoa von Deutschland ausgegangen war, ist uns vollauf bewusst: Die Rückkehr in die Völkergemeinschaft war alles andere als selbstverständlich. Unsere Nachbarn waren bereit, die Hand zur Versöhnung zu reichen. Es ist ein großes Geschenk, die europäische Einigung zu haben. Auch eine Partnerschaft mit Israel zu haben, ist alles andere als selbstverständlich.

Oft waren es starke Persönlichkeiten, die den Weg geebnet, Widerstände gebrochen und einen Versöhnungsprozess in Gang gebracht haben. Natürlich aber braucht echte Versöhnung die breite Unterstützung einer gesamten Gesellschaft; und diese haben wir auch bekommen. Dafür bin ich als Bundeskanzlerin und persönlich zutiefst dankbar. Die Deutsche Einheit und die europäische Einigung – das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Die Bereitschaft zum Dialog und Kompromiss war immer die Grundlage dafür, dass sich Europa weiterentwickeln konnte. Und so muss auch unser Bemühen um Frieden auf der Welt angelegt sein.

Ich weiß, dass Ihr Land von der Vereinigung beider Landesteile noch träumt. Wir wünschen Ihnen von Herzen – das habe ich immer wieder auch in meinen Gesprächen mit der Präsidentin gesagt –, dass Ihnen dies eines Tages auch gelingen möge.

Ich danke Ihnen dafür, dass Sie mir diesen Seoul Friedenspreis verliehen haben – auch als Ermutigung für viele Bürgerinnen und Bürger in Deutschland, weitere Brücken zwischen unseren beiden Ländern zu schlagen und sich weltweit für Frieden und Versöhnung einzusetzen. Danke dafür, dass dieser Preis heute an mich übergeben wurde. Und alles Gute in Ihrer weiteren Arbeit.

Mittwoch, 02. November 2016