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Rede von Bundeskanzlerin Merkel zur Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag der Versöhnungsmesse am 20. November 2014

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Donnerstag, 20. November 2014

in Kreisau

Sehr geehrte Frau Ministerpräsidentin, liebe Ewa Kopacz,
sehr geehrter Herr Minister,
lieber Herr Bartoszewski,
Exzellenzen,
meine Damen und Herren,

in den vergangenen Wochen haben wir uns in Deutschland an die bewegenden Ereignisse vor 25 Jahren erinnert: daran, dass sich im Herbst 1989 in der ehemaligen DDR der Drang zur Freiheit mehr und mehr Bahn brach; daran, dass dieser Freiheitsdrang am 9. November 1989 schließlich die Berliner Mauer zu Fall brachte. Das war ein Durchbruch der Menschlichkeit. Doch gelingen konnte dieser Durchbruch nur, weil bereits andere vorangegangen waren.

Mit großem Respekt und tiefer Dankbarkeit blicken wir Deutschen deshalb auf den Mut und das Freiheitsstreben der Menschen in anderen Staaten des einstigen Ostblocks zurück. Die Polen waren die ersten, die politische Veränderungen erzwangen. Viele Bürgerinnen und Bürger Ihres Landes hatten sich das Wort „Fürchtet Euch nicht“ von Papst Johannes Paul II. in ihren Herzen bewahrt. Sie zeigten Mut. Damit machten sie auch anderen Mut. So halfen sie, den Weg hin zu einem freien und geeinten Europa zu ebnen.

Der Fall der Mauer steht für das Ende der Teilung Europas und Deutschlands. Er markiert den wohl glücklichsten Moment in der jüngeren deutschen Geschichte. Doch ich kann auch verstehen, dass sich viele unserer Nachbarn damals skeptisch fragten: Was wird wohl von einem wiedervereinten Deutschland zu erwarten sein?

Gerade Polen hatte unsägliches Leid durch Deutsche erfahren. Der am 1. September 1939 mit dem Angriff auf Polen entfesselte Zweite Weltkrieg war der Anfang des dunkelsten Kapitels unserer gemeinsamen Geschichte. Mit dem Zweiten Weltkrieg verbunden waren die grausame deutsche Besatzungsherrschaft in Polen und die systematische Auslöschung jüdischen Lebens in Europa, der Zivilisationsbruch der Shoa. Deutschland ist sich seiner immerwährenden Verantwortung für diese Schrecken bewusst.

Dies ist dann auch der geschichtliche Hintergrund, vor dem die Vertreibung von Millionen Deutscher aus dem heutigen Polen zu sehen ist. Vertreibung ist schlimmes Unrecht, doch ohne die vorangegangenen Verbrechen Deutschlands im Nationalsozialismus wäre es nicht denkbar gewesen. Wir erinnern heute, um zu versöhnen. Wir ziehen die Lehren für unsere und zukünftige Generationen.

Erinnerung und Versöhnung – das war die Botschaft, die deshalb auch vor 25 Jahren von Kreisau ausging. Drei Tage nach dem Mauerfall in Berlin fand hier in Kreisau die Versöhnungsmesse statt, an der Bundeskanzler Helmut Kohl und der polnische Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki gemeinsam teilnahmen. Diese Versöhnungsmesse war ein Meilenstein auf einem Weg, der zuvor mühsam beschritten wurde. Ich erinnere insbesondere an die Worte der polnischen und deutschen Bischöfe, die diesen Weg in einer Zeit wiesen, als das Wort „Tauwetter“ zwar eine politische Vokabel wurde, die Begriffe „Glasnost“ und „Perestroika“ aber noch Jahre auf sich warten ließen. Erst mit dem Ende des Kalten Krieges und dem Fall der Berliner Mauer öffnete sich die Tür zu einer in der Tat umfassenden Versöhnung.

Helmut Kohl und Tadeusz Mazowiecki trafen sich hier in Kreisau, an einem Ort des deutschen Widerstands und des freien Worts. Mitten im Zweiten Weltkrieg wurde hier über die Nachkriegsvision eines freien Europas gleichberechtigter Völker diskutiert. Kreisau – dieser Name steht für Verständigung, Versöhnung und Partnerschaft. Die Versöhnungsmesse drei Tage nach dem Mauerfall in Berlin hat diesen Geist in jener historischen Stunde unmittelbar spürbar gemacht.

Erzbischof Alfons Nossol, der damals die Messe feierte, beschrieb dies später mit folgenden Worten: „Das frühere traurige Nebeneinander wurde zu einem freudvollen Miteinander, das tragische Gegeneinander zu einem heilsbringenden Füreinander.“ Damit sind die grausamen Kapitel unserer Geschichte keineswegs abgehakt; nein. Doch die Zeiten sind vorbei, da aus den Schrecken der Vergangenheit Trennung und Feindschaft erwachsen. 25 Jahre nach der Kreisauer Versöhnungsmesse haben wir vieles erreicht, wovon Deutsche und Polen vor einem Vierteljahrhundert nur träumen konnten.

Deutschland ist wiedervereinigt. Wir leben frei und in Frieden mit all unseren Nachbarn. Polen ist frei und Mitglied in der NATO und in der Europäischen Union. Mit Donald Tusk rückt in wenigen Tagen erstmals ein Vertreter eines sogenannten ehemaligen Ostblockstaats an die Spitze des Europäischen Rats. Deutschlands Handel mit Polen ist mit einem Volumen von über 78 Milliarden Euro größer und vielfältiger als mit irgendeinem anderen Land in der Region. Über 600.000 Polen haben inzwischen ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland – mehr, als aus jedem anderen EU-Land zu uns gekommen sind. Ungefähr 300.000 Angehörige der deutschen Minderheit leben in Polen und nehmen am politischen und kulturellen Leben Polens teil. Das Deutsch-Polnische Jugendwerk bringt jedes Jahr über 100.000 junge Deutsche und Polen zusammen – und das schon seit über 20 Jahren.

So erweisen sich also Polen in Deutschland und Deutsche in Polen als Brückenbauer zwischen unseren Ländern. Zehn Jahre nach dem EU-Beitritt Polens ist unsere Zusammenarbeit enger denn je. Unsere beiden Regierungen stehen in regelmäßigem Dialog. Wir teilen gemeinsame Ziele und Interessen, uns verbinden gemeinsame Werte.

Darauf aufbauend übernehmen wir Verantwortung in und für Europa. Das gilt für eine Vielzahl von Bereichen, zum Beispiel auch für die Zusammenarbeit mit Frankreich im Weimarer Dreieck oder für die Beziehungen der Europäischen Union zu ihren östlichen Nachbarstaaten. Polen und Deutschland treten für Freiheit und Sicherheit ein. Wie wichtig das ist, das zeigt sich auch und gerade angesichts der Krise in der Ukraine, deren territoriale Integrität fortwährend verletzt wird. Für uns gilt die Stärke des Rechts und nicht die Inanspruchnahme eines angeblichen Rechts eines Stärkeren. Für uns sind Nachbarländer Partner und keine Einflusssphären.

Ich will an dieser Stelle ausdrücklich betonen, dass wir Deutschen in diesem Zusammenhang um die besonderen polnischen Sorgen wissen, die natürlich vor dem Hintergrund der leidvollen polnischen Geschichte zu sehen sind. Ich habe daher schon in der Vergangenheit sehr deutlich gesagt und wiederhole es hier, dass sich die Solidarität der NATO auf alle Bündnispartner erstreckt und Deutschland weiter seinen Beitrag zu einer glaubwürdigen Rückversicherung der Partner leisten wird. Wir sind uns dabei aber auch bewusst, dass wir Europas Sicherheit mittel- und langfristig nur gemeinsam mit Russland erreichen können. Deshalb beschließen wir Sanktionen nicht als Selbstzweck, sondern dann, wenn sie unvermeidlich sind, und halten dennoch am Dialog mit Russland fest.

Meine Damen und Herren, die Vergangenheit lehrt uns, dass unser Weg in Europa ein Weg der Partnerschaft und des friedlichen Ausgleichs der Interessen sein muss. Wir Europäer sind heute, wie wir es auch am 50. Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge 2007 formuliert haben, zu unserem Glück vereint. Wir müssen dieses Glück immer wieder verteidigen. Ich bin sehr froh, dass wir dies gemeinsam tun – auch weil wir die wunderbare Erfahrung teilen, die wir vor 25 Jahren gemacht haben: Veränderung zum Guten ist möglich. Dies sollte uns auch in unserem weiteren Zusammenwirken anspornen – zum Wohle unserer beiden Nationen, zum Wohle Europas und seiner Menschen.

Herzlichen Dank.

Donnerstag, 20. November 2014