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Rede von Bundeskanzlerin Merkel zur Eröffnung des Museums Barberini am 20. Januar 2017 in Potsdam

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Freitag, 20. Januar 2017
Ort:
Potsdam

Sehr geehrter Herr Professor Plattner,
sehr geehrter Herr Ministerpräsident Woidke,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Jakobs,
Exzellenzen,
liebe Gäste von nah und fern,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus den Parlamenten,

Friedrich der Große ließ das Palais Barberini nach römischem Vorbild errichten. Der Prachtbau vervollständigte und prägte das Zentrum Potsdams. Das repräsentative Gebäude blieb stadtbildprägend, bis es im Zweiten Weltkrieg den Bomben zum Opfer fiel. Seine letzten Reste verschwanden in den Folgejahren. Jetzt ist das Palais Barberini wiederauferstanden – als Museum Barberini. Damit knüpft das Haus an einstige Traditionen als Ort der Kultur im Herzen der Stadt an. Dass und wie das möglich wurde, sagt viel über unser Land aus.

Die deutsche Kulturlandschaft weist eine einzigartige Vielfalt auf. Dies wurde und ist nur möglich, weil neben staatlichem viel privates und bürgerschaftliches Engagement steht. Etliche Museen und Ausstellungshäuser mit ihren großen und kleinen Schätzen verdanken wir Sammlern und Stiftern. Sie machen Kunst und Kultur einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Ihr Wirken verleiht dem kulturellen Reichtum unseres Landes erst den richtigen Glanz. Ohne Mäzene wie Hasso Plattner wäre die Kulturnation Deutschland weitaus ärmer. Deshalb, lieber Herr Professor Plattner, möchte ich Ihnen an dieser Stelle meinen Dank für Ihr großzügiges, tatkräftiges – man hat den Eindruck, schier unerschöpfliches – Engagement sagen. Ich habe ihm vorhin gesagt: Dass er jetzt Ehrenbürger dieser Stadt geworden ist, wurde auch Zeit. Aber Sie werden schon den richtigen Zeitpunkt abgepasst haben.

Kreative Menschen wie Sie, Herr Plattner, zeichnet aus, dass sie Chancen sehen und nutzen und sich nicht von Risiken abhalten lassen. Ihr Name ist ja seit vielen Jahren eng mit der Stadt Potsdam verbunden – vorneweg durch das Hasso-Plattner-Institut an der Universität. Ende der 90er Jahre kündigten Sie die Stiftung dieses Instituts für Softwaresystemtechnik an. Ich habe das sehr aufmerksam verfolgt, weil mich das Thema Digitalisierung sehr bewegt. Sie waren sich ganz sicher, Potsdam sei – ich zitiere Sie – „der ideale Standort für zukunftsorientierte Forschung und Lehre, wobei die havelländische Landschaft und das historische Erbe eine besondere Anziehungskraft ausüben.“ – Stimmt eindeutig. Diese Aussage spricht Bände. In ihr klingt nämlich die Breite Ihrer Interessen an, aber eben auch etwas von der Wechselwirkung zwischen Wissenschaft, Kultur und Landschaft. Ohne Zweifel gewinnt ein innovativer Forschungs- und Bildungsstandort auch durch eine ansprechende und geschichtsbewusste Umgebung an Kontur. Denn Kultur in all ihren Dimensionen regt den Geist an und weitet den Horizont. Und dass Sie sich auch mit Design Thinking beschäftigen, zeigt, dass Sie auch weiterdenken.

Für Kulturliebhaber aus aller Welt lag die Anziehungskraft Potsdams bisher vor allem in seinem Ruf als Stadt der Schlösser und Gärten begründet. Mit dem Museum Barberini erhält die brandenburgische Landeshauptstadt einen zusätzlichen Besuchermagneten. Auch ich will noch einmal darauf hinweisen, dass vergangenes Jahr innerhalb einer Woche bereits 24.500 Interessenten die Gelegenheit genutzt haben, das leere Palais in Augenschein zu nehmen, was davon zeugt, welche Bedeutung dieses Palais für Potsdam und seine Geschichte hat. Deshalb können Sie, schon bevor Sie die Ausstellung für die Öffentlichkeit freigegeben haben, sagen, dass die Potsdamer und die Gäste das Haus bereits angenommen haben. Es bildet zusammen mit Einrichtungen wie dem Filmmuseum Potsdam oder dem Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte ein sehr attraktives Museumsquartier, das sich mit anderen namhaften Museen der Welt messen kann.

Sie sind ja hier nun umgeben – auch wenn man einmal den Schritt nach Berlin wagt – von durchaus ebenfalls interessanten Museumseinrichtungen. Aber die Kunst, die hier eingezogen ist, ist etwas ganz Besonderes, wie ich nach dem Rundgang hier sagen muss. – Man schreibt ja manchmal schon vorher auf, dass man beeindruckt ist, aber ich will das sagen, weil das ja auch zutrifft. Na, es ist ja so, der Redeentwurf ist ja meistens fertig, bevor ich an Ort und Stelle bin. Oder andersherum: Ich gebe zu, dass in meinem Manuskript keine Freifläche ist, neben der steht: Bitte persönlichen Eindruck wiedergeben. Das tue ich jetzt aber. – Es ist etwas, das atemberaubend ist – in der Art der Bilder, aber auch in der Art der technischen Ausstattung, die diese Bilder zum Erstrahlen bringt, und in der Art der Komposition der Ausstellung. Dafür allen, die daran beteiligt waren, ein herzliches Dankeschön.

Mit Intuition, Sachkunde und der Ihnen eigenen Entschlusskraft ist es Ihnen, Professor Plattner, gelungen, wirklich etwas Eigenständiges, eine einzigartige Kunstsammlung anzulegen. Und ich glaube, auch der Umfang und die Spannung, die zwischen den einzelnen Ausstellungen besteht, werden viele, viele interessierte Besucher ansprechen. Wir haben ja gleich drei fulminante Auftaktausstellungen. Die Öffentlichkeit bekommt Einblick in Ihre Sammlung, die durch Leihgaben ergänzt wird.

Zu sehen ist die Ausstellung „Impressionismus. Die Kunst der Landschaft“. Da schließt sich der Bogen zur havelländischen Landschaft, auch wenn wir beim Impressionismus damals noch nicht vorne mit dabei waren. Aber vielleicht ist es ja auch eine Inspiration, weitere Kunstrichtungen hier im Havelländischen noch besser zu etablieren. Großartige Werke von Claude Monet werden gezeigt. Die zweite Ausstellung „Klassiker der Moderne“ zeigt Werke unter anderem von Liebermann und auch Andy Warhol. Und es gibt eine dritte Ausstellung – von ihr habe ich heute nichts mitgekriegt, aber das lädt zu weiteren Besuchen ein –, nämlich mit Gemälden aus der Zeit der DDR. Ich finde das sehr wichtig gerade für eine Stadt wie Potsdam, in der sich sozusagen die DDR und die Geschichte auf eigenwillige Art und Weise treffen.

Diese drei Ausstellungen sind wirklich überwältigend. Doch dabei lassen Sie es nicht bewenden, weil für Sie neben der Liebe zur Kunst und der Begeisterung für das Schöne auch gelebte Verantwortung von großer Bedeutung ist. Deshalb möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass Sie vor dem Erwerb neuer Kunstwerke immer deren Geschichte überprüft haben, um damit den Ankauf von Kulturgütern auszuschließen, die in Deutschland in der Zeit des Nationalsozialismus vor allem jüdischen Eigentümern entzogen wurden. Wir erfahren damit auch Unterstützung in unserem Bemühen, den Kunstraub im Nationalsozialismus umfassend aufzuarbeiten. Deshalb kommt es auch nicht von ungefähr, dass Sie im vergangenen Jahr mit dem „Preis für Verständigung und Toleranz“ des Jüdischen Museums in Berlin geehrt wurden.

Sie haben das Museum Barberini unter das Motto „Das Original erleben, die Begeisterung teilen“ gestellt. Daraus spricht Ihr Selbstverständnis als Sammler, dass Sie das nicht einfach nur sich selbst zugutekommen lassen wollen, sondern vielen, und dass Sie einem offenen Diskurs über Kunst und Kultur in einer lebendigen Demokratie einen Platz geben. – Wir haben erfahren, dass dieses Haus auch noch vielfältige Veranstaltungen beherbergen wird. – Denn zum Selbstverständnis jeder freiheitlichen Gesellschaft gehört auch die öffentliche Präsentation von Kunstwerken. Dem heutigen Betrachter erschließt sich zum Beispiel kaum mehr, dass manche der hier ausgestellten Arbeiten des Impressionismus zum Zeitpunkt ihres Entstehens erbitterte Diskussionen ausgelöst haben. Und so sollten wir uns auch heute nicht um solche Diskussionen drücken. Es gibt nicht die eine Meinung und die eine Wahrheit, sondern es gibt so viele verschiedene Menschen mit so vielen verschiedenen Ideen, die erst das Schöne unserer Gesellschaften ausmachen.

Diese Kunstwerke sind also auch Ausdruck des damaligen Ringens um Freiheit, um Humanität, um Individualität. Wir sehen im Rückblick den Aufbruch der Moderne. Viele Arbeiten stammen von Künstlern, die mit ihren Werken unser Verständnis von einer weltoffenen Gesellschaft beeinflusst haben. Darin liegt, glaube ich, auch eine Quelle der prägenden Kraft, die das Museum Barberini entfaltet. Somit dient das Haus der kulturellen Bildung und Vermittlung auf vorbildliche Weise. Und dass Kinder und Jugendliche unter 18 freien Eintritt genießen, halte ich für eine sehr, sehr schöne Regelung. Es gibt museumspädagogische Angebote für Kinder, für Gruppen aus Kindertagesstätten und Schulen. Und es ist vielleicht auch ein Ort, um den interkulturellen Dialog zu etablieren, mit dem wir uns im Augenblick auch sehr viel beschäftigen.

Angesichts des unternehmerischen Hintergrunds des Stifters liegt es auf der Hand, dass das Museum mit der digitalen Welt über eine digitale Pinakothek, eine Barberini-App und einen Barberini-Guide verbunden ist. All das ist auch wegweisend für die Bildungsarbeit moderner Museen, aber auch die Bildungsarbeit für Kinder und Jugendliche heute insgesamt, die wir im digitalen Zeitalter leisten müssen. – Mein Blick geht zum Ministerpräsidenten, weil er zuständig ist; aber er weiß ja, dass wir auch seitens des Bundes helfen wollen.

Meine Damen und Herren, draußen im Hof steht die Bronzeskulptur „Jahrhundertschritt“ des Leipziger Künstlers Wolfgang Mattheuer. Viele kennen sie aus der Sammlung von Kunst aus der DDR. Ich glaube, das Museum macht auch einen Jahrhundertschritt, indem es an das anknüpft, was vor 70 Jahren verschwunden war und indem es gesellschaftliche Herausforderungen kommender Jahrzehnte adressiert. Offenheit, Diskursfähigkeit, das Bewusstsein für den Wert der Freiheit erleiden Schaden, wenn wir sie vernachlässigen – wenn wir meinen, dies alles sei so selbstverständlich, dass es jeglicher Anfechtung standhielte. Wir spüren in diesen Tagen und Wochen, dass es so einfach leider nicht ist. Wir erleben das vielfach, wenn Vorurteile verfangen, wenn undurchsichtigen Behauptungen mehr Glauben geschenkt wird als wissenschaftlichen Fakten, wenn Raum für sachliche Auseinandersetzung verlorengeht. Aber nur wenn wir diese Werte leben und verteidigen, die uns so viel bedeuten, erhalten wir sie.

Ich bin der Überzeugung: Das Museum Barberini steht für gelebte Werte, für Verantwortung, für Großherzigkeit, für Weltoffenheit und vieles mehr. Und deshalb möchte ich Ihnen und allen anderen an diesem wunderschönen Museum Beteiligten herzlich gratulieren, allen Erfolg wünschen und allseits zufriedene Besucher dieses Hauses. Herzlichen Dank.

Freitag, 20. Januar 2017