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Rede von Bundeskanzlerin Merkel zur Eröffnung der CeBIT

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Sonntag, 09. März 2014

in Hannover

Sehr geehrter Herr Premierminister, lieber David Cameron,
sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
liebe Kollegen aus dem Kabinett,
sehr geehrter Herr Professor Kempf,
Herr Professor Winterkorn,
Herr Oberbürgermeister,
meine Damen und Herren,

der rasante Fortschritt in der IT-Branche hat zur Folge, dass manch visionärer Kommentar von einst heute unfreiwillig komisch wirkt. Vor mehr als 60 Jahren, also etwa in der Zeit, als die Bundesrepublik gegründet wurde, war in dem amerikanischen Wissenschaftsmagazin „Popular Mechanics“ zu lesen – ich zitiere –: „In Zukunft könnte es Computer geben, die weniger als 1,5 Tonnen wiegen.“ Als vor knapp 30 Jahren die CeBIT startete, gab es die ersten Laptops nicht nur für Gewichtheber. Aber sie wogen immerhin noch rund 1,5 Kilogramm. – Heute haben wir gesehen, was uns Herr Professor Winterkorn als Steuerungseinheit für einen Audi vorgestellt hat, der selbst fahren kann. – Wir reden heute über hochleistungsfähige Tablets, deren Gewicht wir nicht mehr in Kilogramm, sondern in Gramm messen.

Der Fortschritt ist also leicht messbar und doch sehr schwer zu verstehen. In der IT-Branche aber wird er jedes Jahr auf der CeBIT sichtbar. Die Messe präsentiert neue Technologien und Trends. Wir freuen uns, dass in diesem Jahr Großbritannien das Partnerland ist. Deshalb möchte ich David Cameron und alle Unternehmen aus Großbritannien ganz herzlich hier auf der CeBIT in Hannover begrüßen.

Als vor 300 Jahren der Kurfürst von Hannover zum König von Großbritannien gekrönt wurde und, wie heute schon gesagt wurde, eine Ära der Personalunion folgte, konnte man von unseren heutigen Formen der Zusammenarbeit noch nicht einmal träumen. Aber der kulturelle und wissenschaftliche Austausch blühte schon damals auf. Wir wissen aber, dass wir seitdem auch durch schwierige Zeiten gegangen sind. Ich denke an den 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs und an den 75. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs. Es ist gleichsam ein Wunder, dass unsere beiden Nationen heute darüber sprechen können, wie wir auf der Grundlage von Demokratie und Freiheit noch besser zusammenarbeiten und gemeinsam diejenigen unterstützen können – ich nenne als Beispiel die Ukraine –, die heute noch für ihre Freiheit kämpfen müssen.

Die Wirtschaftsdaten unserer Länder sprechen für sich. Großbritannien ist für Deutschland einer der wichtigsten Handelspartner. Unser Handelsvolumen beläuft sich auf über 115 Milliarden Euro. Großbritannien ist nach den USA der zweitwichtigste Investitionsstandort für deutsche Unternehmen. Die Investitionen liegen dort bei über 100 Milliarden Euro. Nicht zuletzt auf den IT-Märkten fühlen sich britische und deutsche Unternehmen wie zu Hause. Laut Branchenverband BITKOM beläuft sich der Branchenumsatz beider Länder auf rund 265 Milliarden Euro. Dies entspricht einem Anteil von fast zehn Prozent am Weltmarkt.

Ein Dankeschön für die heutige Offerte, enger zusammenzuarbeiten – sei es im Bereich der Forschung, sei es im Bereich der Startups, sei es im Bereich der Verschmelzung von Industrieproduktion klassischer Art mit der Internetwelt.

Großbritannien ist hier auf der Messe mit rund 150 Unternehmen vertreten. Wir werden uns einige davon anschauen. Das Leitmotiv der diesjährigen CeBIT ist „Datability“. Es ist ganz klar, dass es hier um „Data“ geht, aber auch um eine Frage von „capability“, „possibility“, „responsibility“, „sustainability“ – ich weiß nicht, ob der englische Wortschatz noch ausgedehnt werden könnte. Dies ist jedenfalls ein Motto, das zum Träumen und zum Weitermachen anregt.

Heute ist an vielen Beispielen vorgestellt worden, was alles möglich ist. Herr Winterkorn hat sozusagen Menschen auch ohne Fahrerlaubnis eine Perspektive zum Autofahren geboten. Da sind wir gespannt. Ich würde den jungen Menschen heute dennoch raten, so ein Ding noch in der Tasche zu haben.

Big-Data-Technologien können den Verkehrsfluss steuern. Wir haben gesehen, was sie bei der Krankheitserkennung, für medizinische Diagnosen oder auch für die Energieeinsparung tun können – all das ist gesagt worden. Big Data können große Datenmengen mit Mustern versehen. Man kann erkennen, was da eigentlich vor sich geht. Aber es ist auch klar: Man muss als Mensch immer noch aufpassen, dass man die Muster, die sich ergeben, auch richtig deutet – sozusagen als eine Art Selbstbehauptung des Menschen kurz vor seiner Überflüssigmachung. Das muss ich Jahr für Jahr auf der CeBIT doch noch einmal sagen.

Meine Damen und Herren, das eigentlich Spannende ist vielleicht der Paradigmenwechsel, demnach sich der Mensch nicht mehr auf die Bedienung des Produkts einstellen muss, sondern das Produkt bereit ist, sich auf den jeweiligen Menschen einzustellen. Das ist in der Tat eine fast unendliche, aber spannende Aufgabe und im Grunde die Vollendung dessen, worauf wir in unseren Gesellschaften ja so stolz sind: der Individualisierung, der Entsprechung der Einzigartigkeit jedes Einzelnen. Damit sind im Kern die Chancen beschrieben, aber natürlich, da all die Daten, die erfasst werden, schwer wieder zu vernichten sind, auch die Risiken.

Deshalb ist diese CeBIT auch eine Messe, die deutlich macht, was man tun kann, um die digitale Welt in einen Ordnungs- und Rechtsrahmen einzufügen. Ich glaube, wir sind erst am Anfang dessen, was da zu leisten ist. Denn das ist natürlich allein national nicht machbar. Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns mit einer Datenschutzgrundverordnung in Europa befassen. Aber wir müssen dies sicherlich auch international tun. Ohne die TTIP, die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen, zu überlasten, sollten diese Fragen auch mit unseren amerikanischen Partnern intensiv besprochen werden. Wir haben aber jetzt erst einmal unsere Hausaufgaben in Europa zu machen. Deshalb freue ich mich, dass auch EU-Kommissarin Neelie Kroes heute anwesend und mit dabei ist, wenn wir auf der CeBIT über unsere Fortschritte, aber auch über das beraten, was wir noch zu lösen haben.

Europa ist ein einzigartiger Binnenmarkt, der aber im digitalen Sektor noch nicht das geleistet hat, was er im realen Sektor schon geschafft hat. Deshalb müssen wir uns sputen. Wir haben vor Beginn der Veranstaltung schon darüber gesprochen – und ich darf Ihnen seitens der ganzen Bundesregierung, seitens des Wirtschaftsministers, aber auch der anderen Minister, sagen: Wir werden intensiv daran mitarbeiten, weil wir einen digitalen Binnenmarkt brauchen, um weltweit wettbewerbsfähig zu sein. Wir müssen nüchtern auf die Entwicklung schauen und, bei allem, was wir können, deutlich sehen, dass andere Kontinente in einigen Bereichen durchaus vorweg gelaufen sind. Da müssen wir wieder aufholen. Lieber David, ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Großbritannien gerade auch auf diesem Feld. Wenn wir es geschickt anstellen, dann können wir vor dem Ende der Arbeit der jetzigen Kommission noch ein paar Pflöcke einschlagen, damit unsere Unternehmen in Zukunft besser wirtschaften können. Ich glaube, man kann das gar nicht genug als dringend beschreiben. Aber ich habe heute auch schon die Kompromissbereitschaft der Unternehmen vernommen.

Wenn man sich einmal überlegt, wie viel wir in Europa über Arbeitslosigkeit sprechen und leider sprechen müssen, weil auch so viele junge Menschen arbeitslos sind, dann weiß man auch, dass im IT-Bereich für nahezu alle europäischen Mitgliedstaaten eine Riesenchance liegt, sich mit modernen Arbeitsplätzen zu entwickeln. Wir haben eher einen Mangel an Fähigkeiten und Fertigkeiten. Deshalb ist die Ausbildung in diesem Bereich von allergrößter Bedeutung.

Die Bundesregierung hat sich vorgenommen, mit einer Digitalen Agenda für die Jahre 2014 bis 2017 energisch voranzugehen. Die drei hauptsächlich zuständigen Minister – der Wirtschaftsminister, der Innenminister und der Minister für Verkehr und digitale Infrastruktur – werden dazu hier auf der CeBIT noch einen Auftritt haben. Herr Winterkorn wird erfreut sagen, dass wir in der Politik sozusagen schon das vorweggenommen haben, was man beim Auto noch versucht: die völlige Verschmelzung von Verkehr und Ausbau der notwendigen Infrastruktur im Breitbandbereich.

Meine Damen und Herren, der IT-Gipfel-Prozess, an dem viele Unternehmen mitarbeiten, hat in den letzten Jahren schon viele Anregungen hierzu geliefert. Ich bin sehr dankbar dafür, dass sich die Wirtschaft hierbei so eingebracht hat, und darf immer wieder betonen, dass dieser Prozess zwischen Politik und Wirtschaft außerordentlich ergebnisorientiert abläuft. Das wollen wir fortsetzen.

In wenigen Wochen wird die Hannover Messe an gleicher Stelle stattfinden. Die CeBIT ist ein Ableger der Hannover Messe. Inzwischen ist die CeBIT ein Vorreiter dessen, was sich im industriellen Bereich tut. Wir werden erleben, wie Maschinen miteinander sprechen. Hoffentlich haben wir dann noch Roboter, die uns übersetzen, was sie gerade miteinander ausmachen. Das wird alles sehr spannend. Was ist dazu nicht alles zu lesen? Zum Beispiel kommt automatisch der Trecker zum Mähdrescher, wenn dieser voll ist. Und die Butter kommt in den Kühlschrank. Ich frage mich nur, wer die Tür aufmacht. Aber mit solchen Robotern, wie wir sie heute gesehen haben, ist dann doch vieles möglich. Wenn ich hier meine Scherze mache, meine Damen und Herren, dann tue ich das aber in Respekt vor neuen Möglichkeiten und mit großer Neugier auf neue Entwicklungen.

David Cameron hat neulich gesagt, wir müssten offener sein, wir müssten flexibler sein und wir müssten wettbewerbsfähiger sein. Er hat damit Europa gemeint. Ich denke, das ist ein gutes Motto für die diesjährige CeBIT. – Wir werden gleich mit einem Produkt aus dem Hause Volkswagen noch ein Produkt aus dieser Welt sehen.

Voller Hoffnung auf neue Erkenntnisse erkläre ich die diesjährige CeBIT für eröffnet. Ich freue mich auch bereits auf den morgigen Rundgang.

Herzlichen Dank.

Montag, 10. März 2014