Navigation und Service

Inhalt

Rede von Bundeskanzlerin Merkel zur Ernennung von Jürgen Klinsmann zum Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft am 3. November 2016

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Donnerstag, 03. November 2016
Ort:
Erfurt

Sehr geehrte Damen und Herren – ich mache die Anrede kurz –,
vor allem lieber Jürgen Klinsmann,

Sie haben schon viele Pokale in der Hand gehalten und eine Reihe von Auszeichnungen entgegengenommen – darunter auch das Bundesverdienstkreuz, das ich Ihnen 2007 überreichen durfte. Es ist heute also wahrlich nicht die erste Ehrung, die Sie erfahren, aber ich denke, es ist doch eine ganz besondere.

Wer hätte Ende der 70er Jahre voraussagen können, dass aus dem jungen Kicker aus Schwaben ein DFB-Ehrenspielführer wird, dass er sogar in zwei Ländern zum Fußballer des Jahres gewählt werden sollte und dass aus dem Spitzenstürmer schließlich ein Spitzentrainer werden könnte? – Ein Trainer aus Leidenschaft, der in einem Atemzug mit allen anderen großen Bundestrainern genannt wird, obgleich er diese Aufgabe nur zwei Jahre innehatte. Diese zwei Jahre jedoch waren prägende Jahre; und zwar bis heute.

Aber beginnen wir von vorn. Ihre Laufbahn starteten Sie 1972 beim Turnerbund Gingen. Richtig los ging es dann in Stuttgart. Dort stiegen Sie von den Kickers in der zweiten zum VfB in die erste Bundesliga auf. Schnell fanden Sie Ihren Stammplatz in der deutschen Fußballnationalmannschaft. Sie wurden 1990 Weltmeister und 1996 als Kapitän Europameister. Auch bei der WM 1998 waren Sie Teamkapitän. Dies war dann auch Ihr letztes Jahr im Nationaltrikot. 47 Tore in 108 Länderspielen – eine großartige Bilanz, aber mitnichten das letzte Kapitel mit der Nationalmannschaft. Denn 2004 kehrten Sie als Trainer zurück.

Auf Ihnen ruhte die lastenschwere Hoffnung, das DFB-Team fit für die Weltmeisterschaft im eigenen Land zu machen. Sie galten als der richtige Mann, um für Aufbruchsstimmung zu sorgen – und die Erwartungen haben Sie wahrlich nicht enttäuscht. Im Gegenteil, manch einem der gut 80 Millionen Bundestrainer in unserem Land war es vielleicht sogar zu viel Aufbruchsstimmung. Ihre neuen, modernen Trainingsmethoden sorgten jedenfalls – um es zurückhaltend zu formulieren – für Diskussionen. Sie aber hielten fest an Ihrem Kurs, den Sie im Juni 2005 in einem Interview so zusammengefasst hatten: „Wir müssen alle Rituale und Gewohnheiten hinterfragen. Und zwar andauernd – nicht nur im Fußball. Das ist doch nichts Schlimmes. Reform ist kein Prozess, der in Episoden stattfindet. Das Reformieren muss zu einem permanenten Zustand werden – nicht nur vor der Weltmeisterschaft, auch danach.“ Lieber Jürgen Klinsmann, dass Reformen und Veränderungen nicht immer und nicht jeden begeistern, das ist nicht nur im Fußball so.

Als dann noch wenige Monate vor Beginn der WM die sportlichen Erfolge ausblieben und Sie in einem Testspiel gegen Italien, wie Sie es formulierten, „etwas auf die Mütze“ bekamen, war Schluss mit lustig. Besonders lebendig geführt wurde dann noch die sogenannte Wohnsitzfrage, also die zwischen Kalifornien und Deutschland. Ich erinnere mich noch gut an unser Treffen im Bundeskanzleramt wenige Monate vor Beginn der Weltmeisterschaft. Damals, im März 2006, sagte ich in unserer gemeinsamen Pressebegegnung: „Lassen wir uns doch überraschen, was in uns steckt, was alles möglich ist – gerade bei der Weltmeisterschaft 2006. […] Der Erfolg wird nicht zuletzt davon abhängen, […] ob wir hinter dieser Mannschaft stehen wollen oder ob wir zulassen wollen, dass sie schon vor dem ersten Spiel in Grund und Boden geredet und geschrieben wird.“

Und, meine Damen und Herren, was wurden wir damals überrascht – positiv. Denn der Erfolg, an den Jürgen Klinsmann immer glaubte, stellte sich tatsächlich ein. Bei der Weltmeisterschaft vor heimischem Publikum erkämpfte sich die Nationalmannschaft einen hervorragenden dritten Platz. Und was waren das für wunderbare Wochen. Seither sprechen wir vom Sommermärchen 2006. Landauf, landab war mit jedem neuen Turniertag immer mehr von der Aufbruchsstimmung zu spüren, die das ganze Team verkörperte. Vom Fußballfeld aus strömte die Begeisterung förmlich über das ganze Land, das plötzlich in ein schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer getaucht war. Da entwickelte sich ein fröhliches Zusammengehörigkeitsgefühl, das dem Motto der WM 2006 „Die Welt zu Gast bei Freunden“ alle Ehre machte.

Dem jungen Fußballer aus Schwaben mit Wohnsitz in Kalifornien und Herzblut für die deutsche Nationalmannschaft – ihm war als Bundestrainer etwas Großes gelungen. Jürgen Klinsmann hatte ein neues Kapitel in der deutschen Fußballgeschichte aufgeschlagen. Sie, lieber Herr Klinsmann, und die ganze Nationalmannschaft haben die Deutschen nicht nur als Fußballnation, sondern als Nation insgesamt mitgerissen. Diese Erfahrung verbindet sich mit Ihrem Namen. Darin liegt – weit über die sportliche Leistung hinaus – die besondere Anerkennung begründet, die Sie genießen und die Sie verdienen.

Sie und Ihr ganzes Team – natürlich auch Joachim Löw, Oliver Bierhoff und Andreas Köpke; alle von der ersten Stunde an dabei – waren Wegbereiter großartiger Erfolge. Zwar sollte es nach der Heim-WM noch ein paar Jahre dauern, bis Deutschland tatsächlich nach dem vierten Stern greifen konnte. Aber Sie haben in Ihrer Zeit als Bundestrainer schon auf Spieler gesetzt, die 2014 schließlich als erste europäische Mannschaft in Südamerika, im legendären Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro, den WM-Pokal holten.

Nach der großartigen WM 2006 wurden Sie von allen Seiten ermuntert, ja, geradezu gedrängt, weiterzumachen. Dennoch entschieden Sie sich anders und übergaben die Aufgabe des Bundestrainers der deutschen Fußballnationalmannschaft nach nur zwei Jahren Ihrem bisherigen Co-Trainer Joachim Löw. Joachim Löw setzte das gemeinsam begonnene Werk fort. Er baute darauf auf, er entwickelte seine eigene Handschrift und konnte schließlich seine Arbeit 2014 mit dem WM-Titel krönen – einem Erfolg, der für immer mit seinem Namen verbunden sein wird.

Diese Entwicklung von 2004 bis heute ist ohne den Teamgeist nicht denkbar, der Ihnen, lieber Herr Klinsmann, so wichtig war und ist – nicht ohne das Verständnis dafür, dass mentale Stärke und mannschaftliche Geschlossenheit ebenso entscheidend sind wie spielerische Fähigkeit und körperliche Fitness. Mit diesem Verständnis haben Sie stets mit der und für die Mannschaft gearbeitet.

Um es zusammenzufassen: Sie sind ein großartiger Sportler, ein echter Sympathieträger und ein wunderbares Vorbild weit über den Fußball hinaus. Ab heute zählen Sie auch zu den wenigen DFB-Ehrenspielführern. Mit Ihnen sind es – einschließlich der Ehrenspielführerinnen Bettina Wiegmann und Birgit Prinz von der Frauen-Fußballnationalmannschaft – nun insgesamt sieben. Der erste DFB-Ehrenspielführer war Fritz Walter. Sein großer Erfolg lag zehn Jahre vor Ihrer Geburt. Aber sein Name und das Wunder von Bern 1954 sind selbst heutigen Kindern, die auf dem Schulhof kicken, noch ein Begriff. Wer weiß, vielleicht werden manche auch noch in Jahrzehnten ein wenig ins Schwärmen kommen, wenn sie an das Sommermärchen 2006 denken.

Lieber Jürgen Klinsmann, in jedem Fall stehen Sie ab heute in einer Reihe mit Fritz Walter, Uwe Seeler, Franz Beckenbauer und Lothar Matthäus. Ich gratuliere Ihnen von Herzen zur Ernennung zum DFB-Ehrenspielführer.

Donnerstag, 03. November 2016