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im Wortlaut

Rede von Bundeskanzlerin Merkel zum Sternsinger-Empfang am 7. Januar 2015

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Mittwoch, 07. Januar 2015
Ort:
Berlin

im Bundeskanzleramt

Sehr geehrter Herr Prälat Krämer,
sehr geehrter Herr Pfarrer Rapp,
vor allem: liebe Sternsinger,

herzlich willkommen auch in diesem Jahr im Bundeskanzleramt. Ich darf auch im Namen der Staatsminister, die hier anwesend sind, sagen: Wir freuen uns jedes Jahr ganz besonders auf Euren Besuch. Warum? Das habt Ihr schon in Eurem Anspiel soeben deutlich gemacht: „Wer Sternsinger sieht, den lässt das nicht kalt.“ Wer Euch sieht, dem wird warm ums Herz, weil Ihr Euch für etwas einsetzt.

Einige von Euch kennen vielleicht die Geschichte vom kleinen Prinzen. Da gibt es einen Fuchs, der dem kleinen Prinzen seine Geheimnisse anvertraut. Zu diesen Geheimnissen zählt auch die Erkenntnis – ich zitiere –: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ Mit einem erwärmten Herz sieht man ganz besonders gut. Mit ihm lässt sich erspüren und erahnen, was einen eben nicht kalt lässt. Das ist in Eurem Falle das Schicksal anderer Menschen – Menschen, die Ihr nicht unbedingt persönlich kennt, aber über die Ihr im Zuge Eurer Vorbereitung sehr viel gehört habt.

Dieses Jahr geht es um ein ganz, ganz wichtiges Thema, nämlich um Kinder, deren Eltern nicht die Möglichkeit haben, für ausreichendes und gesundes Essen zu sorgen. Jeder, der einmal Hunger gehabt hat, kann sich vorstellen, was für ein schreckliches Gefühl es sein muss, wenn man nicht nur einmal nichts bekommt, sondern über lange Zeit hinweg nicht das Richtige oder zu wenig bekommt.

Dass Ihr Euch bei diesem Thema gleich noch mit ausgewogener Ernährung befasst, hat ja auch für uns hier zu Hause eine Bedeutung. Wir haben zwar viel zu essen, aber dass wir immer das Richtige essen, kann man nicht sagen. Deshalb ist es gut, dass Ihr gleich noch Vitamine, Kohlenhydrate, Zucker usw. erwähnt habt. Besonders gut finde ich, dass Ihr so schön „von jedem etwas“ gesagt habt. Es gibt nicht das eine Gute und das andere ganz Schlechte, sondern alles hat sein Maß. Das muss dort geschaffen werden, wo es heute noch zu knapp ist. Aber das muss auch dort geschaffen werden, wo manches im Überfluss ist und man sich zu sehr auf Zucker konzentriert. Bei uns geht es stark darum, Lebensmittel wieder mehr zu achten. Ihr werdet es vielleicht vom Schulessen kennen, wie schnell man etwas wegwirft. Die Eltern haben ja Recht, wenn sie sagen: Tut Euch nur so viel auf, wie man auch wirklich aufessen kann. Manchmal sind ja die Augen größer als das, was man dann wirklich zu essen schafft. Auch deshalb ist das Thema, das Ihr gewählt habt, ein ganz wichtiges.

Vor 15 Jahren – die meisten von Euch waren damals noch nicht geboren – haben sich alle Staaten rund um den Globus wichtige Ziele gesetzt, die Millennium-Entwicklungsziele heißen. Wir haben uns mit diesen Zielen zum Beispiel vorgenommen, ganz gezielt gegen Armut vorzugehen. Immerhin hat sich in diesen 15 Jahren die Zahl derer, die in absoluter Armut leben, halbiert. Es gibt immer noch sehr, sehr viele, aber es sind nur noch halb so viele. Das haben wir geschafft, obwohl heute mehr Menschen auf der Welt leben als vor 15 Jahren.

Auch beim Kampf gegen Hunger sind wir vorangekommen. Es gibt aber immer noch mehr als 800 Millionen Menschen – das bedeutet zehn Mal so viele Menschen, wie in Deutschland leben –, die nicht genug zu essen haben und viel Leid erdulden müssen; darunter viele Kinder, die auch entsprechend anfällig für Krankheiten sind. Deshalb arbeiten wir daran, dass wir neue Ziele vereinbaren, mit denen wir noch anspruchsvoller vorgehen und gerade auch Kinder in den Blick nehmen.

Wenn wir sagen, dass sich die Zahl derer, die unter Armut leiden, halbiert hat, dann wissen wir auch, dass in Asien, zum Beispiel in China, unglaublich viel auf diesem Gebiet passiert ist. Es ist aber leider in vielen afrikanischen Ländern noch nicht so viel passiert. Das heißt, nicht in jedem Land ist nur noch die Hälfte von Armut betroffen, sondern in manchen Ländern so gut wie kein Kind mehr und in anderen Ländern eben noch sehr, sehr viele.

Die Bundesregierung – das heißt, im Grunde auch die Menschen, die in Deutschland Steuern zahlen – stellt eine Milliarde Euro bereit, um vielfältige Hilfe zu leisten. Dabei geht es darum, Mangelernährung zu bekämpfen, indem wir Geld für direkte Lebensmittelhilfe geben. Wir geben vor allen Dingen auch Geld aus, um den Menschen zu ermöglichen, das Richtige anzubauen, die richtigen Methoden der Feldbewirtschaftung zu haben, sparsam mit Wasser umzugehen, damit sich die Pflanzen gut entwickeln können und damit man gesunde Nahrungsmittel produzieren kann.

Ein schönes Projekt, das ich zusammen mit Euch gerne unterstützen möchte – gleich kommt ja noch jemand mit einer Sparbüchse vorbei –, ist ein Mutter-Kind-Gesundheitsprogramm in einem der ärmsten Länder der Welt, nämlich in Äthiopien. Was mir an diesem Projekt sehr gut gefällt, ist der Ansatz, dass es auch wirklich dauerhaft klappt. Es ist Hilfe zur Selbsthilfe. Die Menschen bekommen Unterstützung dabei, sich selbst zu helfen. Dann müssen sie nicht bangen und hoffen, dass nächstes Jahr wieder Hilfe von außen kommt. Es geht darum, dass Mütter im Obst- und Gemüseanbau geschult werden. Sie lernen, wie sie mit einfachen Mitteln selber Nahrungsmittel erzeugen können. Sie sollen dann das Wissen, das sie erworben haben, wieder an Verwandte und Bekannte weitergeben, sodass noch mehr Kinder davon profitieren können.

Liebe Sternsinger, Ihr geht von Haus zu Haus. Ihr habt dezent darauf hingewiesen, dass das manchmal keine einfache Arbeit ist. Ihr singt und sammelt Spenden für gute Zwecke. Dafür habt Ihr im vergangenen Jahr rund 44,5 Millionen Euro zusammenbekommen. Das ist eine riesige und großartige Leistung.

Eben ist schon angeklungen: Ihr habt von Jahr zu Jahr nicht unbedingt mehr Zeit. Das Leben eines Kindes ist ja heute auch schon ganz schön verplant. Insofern ist es besonders schön, dass Ihr Euch wahrscheinlich gleich immer im Kalender eintragt, wann Ihr als Sternsinger wieder tätig sein wollt. Ich darf Euch sagen: Ihr tut etwas unglaublich Sinnvolles; Ihr bringt Freude in viele Herzen – dessen bin ich mir sehr sicher. Denn nicht nur wir hier freuen uns, sondern auch viele andere. Ich weiß, dass natürlich nicht alle Sternsinger hierher zu uns kommen können. Deshalb meine Bitte: Grüßt diejenigen ganz herzlich, die heute hier nicht mit dabei sein können.

Ich möchte einen ganz besonderen Dank an Pfarrer Rapp richten, der das letzte Mal hier mit dabei ist. Als Bundespräses des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend haben Sie die Einsätze der Sternsinger immer wieder unterstützt. Auch wenn sich die Wege nicht mehr so direkt kreuzen werden, werden Sie sicherlich auch da, wo Sie tätig sein werden, die Sternsinger ermuntern, etwas für das Wohl der Menschen auf der Welt zu tun.

Liebe Sternsinger, Ihr hinterlasst ja nicht nur gute Stimmung und warme Herzen in den Menschen, die etwas Gutes tun konnten, weil sie gespendet haben, sondern Ihr segnet auch das Haus. Es ist uns sehr wichtig, dass Ihr das gleich auch für uns hier machen werdet. Wir haben manchmal eine schwierige Arbeit, wir haben eine interessante, spannende Arbeit – wir arbeiten gerne hier –, aber wir haben eben auch oft schwierige Entscheidungen zu treffen. Wenn man weiß, dass auch dieses Haus gesegnet ist, lassen sich schwierige Entscheidungen vielleicht einfacher treffen. Deshalb sage ich zum Abschied noch einmal: „Wer Sternsinger sieht, den lässt das nicht kalt“, sondern dem wird ein bisschen warm ums Herz.

Noch einmal herzlich willkommen und schönen Dank dafür, dass Ihr hier seid.

Mittwoch, 07. Januar 2015