Navigation und Service

Inhalt

Rede von Bundeskanzlerin Merkel zum Empfang der Sternsinger am 9. Januar 2017 im Bundeskanzleramt

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Montag, 09. Januar 2017
Ort:
Berlin

Sehr geehrter Herr Prälat Krämer,
sehr geehrter Herr Pfarrer Bingener,
vor allem liebe Sternsingerinnen und -singer,

klasse, dass ihr wieder da seid. Herzlich willkommen. Ich freue mich, euch hier im Bundeskanzleramt zu sehen.

Vielleicht habt ihr es gemerkt, als ihr in das Bundeskanzleramt hineingegangen seid: In diesem Haus ist es meistens recht ruhig, obwohl hier mehrere hundert Männer und Frauen in den Büros sitzen. Dies ist ein bisschen wie bei einer Klassenarbeit in der Schule. Alle arbeiten angestrengt. Das hier ist eine eigene Atmosphäre. Es gibt viel zu tun. Manchmal machen wir uns viele Gedanken über wenige Sätze. Wir müssen überlegen: Was soll in einem Gesetz stehen und was nicht? Es werden Texte formuliert, um genau das erreichen zu können, was man sich vorgenommen hat. Wir überlegen, ob sich die neuen Regeln mit den alten vereinbaren lassen. Manchmal muss das auch sehr schnell gehen. Alle müssen sich konzentrieren, genau aufpassen und mitdenken. Das ist einer der Gründe, warum hier immer das herrscht, was man Arbeitsatmosphäre nennt, also eine besondere Stille.

Das ist die Stimmung, wenn ihr hereinkommt. Aber wenn ihr da seid – das kennen wir schon –, dann verändert sich die Stimmung ein bisschen. Darauf freuen sich viele, die auch jetzt zuhören und zuschauen. Ihr kommt mit euren bunten Kostümen, mit euren hoffnungsvollen Liedern. Ihr seid im ganzen Haus nicht zu übersehen und nicht zu überhören. Ich habe gerade eben mit meinem Wirtschaftsberater gesprochen und habe gesagt: Jetzt muss ich weg; die Sternsinger sind da. Daraufhin sagte er: Habe ich schon gehört. Er hatte also in seinem Büro euren Besuch schon mitbekommen.

Wenn wir euch sehen und hören, dann wissen wir, dass das etwas mit unserer Arbeit zu tun hat. Es geht nämlich darum, dass sich Hoffnungen erfüllen und dass wir immer wieder neue Wege in Angriff nehmen. Genau das tut ihr auch. Wir wollen, dass ihr mit euren Familien in unserem Land, in der Bundesrepublik Deutschland, gut leben könnt. Ihr sollt lernen können, in die Schule gehen können. Ihr sollt die Möglichkeit haben, einen interessanten Beruf zu ergreifen. Wir wünschen euch Gesundheit und Erfolg. Als Sternsinger macht ihr aber klar, dass es nicht nur um euch und nicht nur um die Kinder in Deutschland geht, sondern genauso um Kinder in anderen Teilen der Welt, und dass das, was ihr euch wünscht und was wir für uns umsetzen wollen, für die anderen Kinder auf der Welt auch gilt: Dass auch sie in eine Schule gehen können, dass sie als Erwachsene Arbeit finden. Deshalb kommt ihr einerseits recht fröhlich und hoffnungsvoll hierher, aber andererseits mit einer sehr ernsten und klaren Botschaft.

Wie in jedem Jahr gibt es einen Schwerpunkt für eure Arbeit. Diesmal lautet das Motto: „Gemeinsam für Gottes Schöpfung“. Es geht – das habt ihr eben in dem wunderschönen Schauspiel dargestellt – um den Klimawandel. Damit habt ihr ein zentrales Thema aufgegriffen. Denn es ist in der Tat sehr perfide, dass Menschen in anderen Teilen der Welt, obwohl sie schon Not genug haben, unter etwas leiden, was sie gar nicht zu verantworten haben.

Wenn man zum Beispiel diese Region in Kenia kennt, die ihr angesprochen habt, dann weiß man, dass die Menschen dort doppelte Aufgaben haben. Sie haben zum Beispiel oft nicht genug Holz, um Feuer zu machen. Gerade wurde gesagt, dass nur 1,5 Prozent einen Stromanschluss haben. Das müsst ihr euch einmal überlegen: Von 100 Menschen haben 98 keinen Stromanschluss. Deshalb ist es für sie auch sehr schwierig, zu kochen. Denn dafür müssten sie immer wieder Holz haben. Wenn überhaupt möglich, roden sie selbst das wenige ab, das sie noch haben. Auch dadurch kommt ein Kreislauf in Gang, bei dem es letzten Endes zum Beispiel in den Seen weniger Wasser gibt.

Zudem müssen sie noch besonders darunter leiden, dass wir durch einen hohen Ausstoß von Kohlendioxid den Effekt erreichen, dass es immer wärmer wird, dass also noch mehr verdunstet, dass es noch weniger regnet. Das spielt sich gar nicht zuvorderst bei uns ab, sondern eben in anderen Teilen der Welt. Deshalb lohnt es sich, darüber nachzudenken, wie viel Kohle, Erdöl, Erdgas wir verbrauchen, was wir damit anrichten und was das für andere bedeutet. Unser Wetter verändert sich schon etwas. Das merken wir zum Beispiel an den Dürren oder an den Unwettern, die es bei uns gibt. Aber noch viel klarer ist das in Kenia in der Turkana. Dies ist eine Region, die ihr euch vorgenommen habt. Dort zeigt sich ganz plastisch und klar, was Klimawandel für jeden Menschen, der dort lebt, bedeutet.

Wir arbeiten politisch daran, dass wir das Schlimmste des Klimawandels noch aufhalten können. Ihr habt vielleicht etwas über das Klimaabkommen gehört, das Ende des vergangen Jahres in Paris geschlossen wurde. Das war eine großartige Sache, weil sich nach vielen Anläufen zum ersten Mal alle Länder der Welt geeinigt haben – jedenfalls diejenigen, die in den Vereinten Nationen zusammenarbeiten –, dass sie alle etwas gegen den Klimawandel tun wollen, aber natürlich entsprechend der jeweiligen Verantwortlichkeit. Wir in den Industrieländern haben halt schon sehr viel mehr zum Klimawandel beigetragen. Insofern müssen wir auch größere Verpflichtungen eingehen.

Das heißt also, wir müssen schauen, wie wir auf der einen Seite unsere Arbeitsplätze erhalten – ich habe ja auch darüber gesprochen, dass auch ihr in Zukunft Arbeit haben wollt –, und dass wir auf der anderen Seite den technologischen Wandel, die Veränderungen so gestalten, dass wir weniger mit Benzinautos, sondern mit mehr Elektroautos fahren werden, dass wir beim Energiesparen vorankommen und dass wir Strom aus erneuerbaren Energien gewinnen – aus Wind, Sonne und Wasser. Deutschland ist hierbei durchaus Vorreiter. Manchmal wird gesagt: Das ist ja alles so kompliziert; und das kostet uns Geld. Aber das ist gut investiertes Geld, weil wir damit nämlich nicht nur uns helfen, sondern weil wir auch die Technologien und Techniken entwickeln, von denen auch andere profitieren können. Man kann zum Beispiel Sonnenenergie in Kenia viel besser als in Deutschland gewinnen, weil dort eben mehr Sonne scheint. Aber wir müssen erst einmal die Technik so weit entwickeln, dass man damit auch anderswo mehr anfangen kann.

Beim Klimaschutz müssen und können alle mitmachen. Papst Franziskus hat in seiner Enzyklika „Laudato si“ gesagt: „Alle können wir als Werkzeuge Gottes an der Bewahrung der Schöpfung mitarbeiten.“ Wer diese Chance nutzen will, der macht viel richtig. Deshalb finde ich es großartig, dass ihr euch dieses Jahr dieses Thema vorgenommen habt, auch weil man damit Leben dort und Leben woanders sehr gut an Beispielen zeigen kann.

Ihr unterstützt an vielen Orten der Welt Bildungsprojekte, bei denen Kinder lernen können, wie sie sich selber eine Lebensgrundlage aufbauen. Dass ihr mir eines dieser Projekte so hautnah, lebendig und plastisch vorgeführt habt, finde ich natürlich ganz toll. Deshalb hoffe ich, dass die Region Turkana in Kenia auch wirklich spürt, dass es besser wird.

Ihr seid jung, aber ihr bewegt schon viel, denn ihr erzählt anderen Menschen davon, dass sie auch etwas Gutes tun, wenn sie euch helfen. Ich finde, das ist wie immer wichtig. Deshalb möchte ich mich stellvertretend für viele, viele Menschen in Deutschland bei euch nochmals ganz herzlich bedanken. Ihr macht noch etwas Zweites. Ihr kommt nicht nur hierher und macht dieses Haus etwas fröhlicher, sondern ihr gebt uns auch etwas für das ganze Jahr mit auf den Weg, wenn ihr euren Segensspruch hier im Kanzleramt aufschreibt. Das ist für uns auch sehr wichtig. Ich bin oft mit vielen Gruppen, die zu Besuch kommen, dort unten auf der Treppe, auf der ihr auch gleich sein werdet. Dann denke ich immer daran, dass in diesem Jahr schon die Sternsinger da waren und gute Vorboten für alle waren, die hier arbeiten. Auch dafür herzlichen Dank.

Nun möchte ich mich natürlich auch nicht lumpen lassen und mich ein bisschen an diesem Projekt beteiligen. Deshalb hoffe ich, dass jemand mit einer Schatulle kommt. Herzlichen Dank für eure tolle Vorführung hier – wie immer professionell. Ich glaube, ihr könnt bald auch professionell Theater machen.

Danke schön.

Montag, 09. Januar 2017