Rede von Bundeskanzlerin Merkel zum Besuch des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen am 15. März 2017

Sehr geehrte Frau Ministerin Schulze,
sehr geehrter Herr Professor Nicotera,
sehr geehrte Frau Helling-Moegen,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Annette Schavan,
sehr geehrter Thomas Rachel,
sehr geehrte Frau Kollegin – die Lokalmatadoren und alle anderen Abgeordneten schließe ich in den Gruß mit ein –,
sehr geehrter Herr Professor Wiestler,

der Neubau des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen ist hier oben auf dem Bonner Venusberg kaum zu übersehen. So kann auch symbolhaft von einem Leuchtturm der Forschung gesprochen werden. Er strahlt weithin die Hoffnung aus, dass Patienten, die unter neurodegenerativen Erkrankungen leiden, in Zukunft besser geholfen werden kann. Auffällig ist das räumliche Ineinandergreifen der drei Gebäudekomplexe. Diese Architektur veranschaulicht die Zusammenarbeit verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen. Sie alle eint hier letztlich das Ziel: „Forschung für den Menschen – Für ein gesundes Leben!“

Gesundheitsforschung ist schlichtweg die Grundlage für medizinischen Fortschritt, der jedem von uns zugutekommen kann und soll. In kaum einem anderen Forschungsbereich liegt der Nutzen neuer Erkenntnisse für die breite Mehrheit so klar auf der Hand. Nun wissen wir aber auch: Erkenntnisgewinn kann nicht einfach vorprogrammiert werden. Aber er setzt zumindest verlässliche Strukturen voraus. Die Antwort der Bundesregierung darauf ist unser „Rahmenprogramm Gesundheitsforschung“. Dass es ein solches Rahmenprogramm gibt und dass die Institutionen hierfür gefunden wurden, hat sehr viel mit Annette Schavan zu tun. Dafür möchte ich ein herzliches Dankeschön sagen. Das Programm ist dann auch kontinuierlich fortgeführt worden.

Ich kam selbst aus der Grundlagenforschung und habe immer gesagt: Da kannst du nichts prognostizieren; da musst du einfach Raum lassen. Aber ich habe von Annette Schavan gelernt, dass bestimmte Strukturen eher zum Erfolg verhelfen. Um diese Fragen von Struktur und Freiheit geht es eigentlich permanent und natürlich auch hier.

Auf der einen Seite haben wir im Rahmenprogramm einen Schwerpunkt auf die sogenannten Volkskrankheiten gelegt, wie zum Beispiel Lungen- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs oder Demenz. Auf der anderen Seite geht es immer auch darum, die Anwendung der Forschungsergebnisse zu beschleunigen. Dazu haben wir die Initiative ergriffen, um Forschungskapazitäten zu bündeln. Gerade in der medizinischen Forschung ist die Frage, wann sie den Menschen auch wirklich in großer Breite zugutekommt, mindestens so wichtig wie in anderen Forschungsbereichen.

Insgesamt gibt es nun sechs Deutsche Zentren der Gesundheitsforschung, die sich den bedeutsamsten Volkskrankheiten widmen. Denn die großen Fragen der Gesundheitsforschung lassen sich nur oder auf jeden Fall sehr viel besser disziplin- und einrichtungsübergreifend beantworten. Daher dürfen wir, so glaube ich, auf das breite Netzwerk aus Kliniken, Hochschulen und Forschungseinrichtungen hierzulande durchaus stolz sein. Schon jetzt lässt sich sagen: Die Verknüpfung von präklinischer und klinischer Forschung ist von großer Bedeutung. Den sechs Deutschen Zentren ist es in relativ kurzer Zeit gelungen, neue Konzepte für Diagnosen und Therapien zu entwickeln. Das hat ihnen im In- wie im Ausland bereits hohe Reputation eingebracht.

Das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen gibt es schon seit 2009. An neun Standorten stellen sich über 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus verschiedenen Nationen in den Dienst der Forschung. Sie überwinden dabei Instituts- und Fächergrenzen, um den Dingen auf den Grund zu gehen, von denen außer ihnen nur die Allerwenigsten etwas verstehen. Zu verstehen ist für die große Mehrheit der Laien immerhin, wie wichtig ihre Forschungsarbeit für unser aller Gesundheit ist.

Lieber Herr Professor Nicotera, liebe Frau Helling-Moegen, was Sie in wenigen Jahren ins Rollen gebracht haben, aufgebaut haben, erreicht haben, ist in seiner Bedeutung gar nicht hoch genug zu schätzen. Das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen ist noch keine zehn Jahre alt, genießt aber schon einen ausgezeichneten Ruf. Die Qualität der Arbeit spiegelt sich in zahlreichen Fachpublikationen, in Wissenschaftspreisen wie zum Beispiel dem Leibniz-Preis oder auch in der Förderung des Europäischen Forschungsrats ERC wider. Daran lässt sich auch ablesen, wie viel Aufmerksamkeit den Forscherinnen und Forschern und ihrem Forschungsgebiet gilt.

Wurden vor nicht allzu langer Zeit Demenz oder Parkinson noch mehr oder weniger als hinzunehmende Begleiterscheinungen des Alters angesehen, so hat sich diese Wahrnehmung glücklicherweise inzwischen geändert. Neurodegenerative Erkrankungen werden als die Herausforderung angenommen, die sie sind: schmerzlich für die Betroffenen und ihre Angehörigen, kräftezehrend für das Personal in Pflegeheimen und letztlich auch belastend für unser gesamtes Gesundheitswesen.

Heute leben rund 1,6 Millionen Demenzkranke in Deutschland; Tendenz weiter steigend. Das liegt insbesondere daran, dass immer mehr Menschen ein höheres Alter erreichen; natürlich auch dank des medizinischen Fortschritts. So erfreulich eine höhere Lebenserwartung ist – mit zunehmendem Alter steigt aber auch das Risiko, Demenz oder andere neurodegenerative Erkrankungen zu erleiden. Diese könnten Schätzungen der WHO zufolge in wenig mehr als zwei Jahrzehnten sogar Todesursache Nummer zwei werden; gleich nach den Herz-Kreislauf-Leiden.

Was für einen tiefen Einschnitt eine Erkrankung für Betroffene wie auch für Angehörige, Freunde und Bekannte bedeuten kann, darüber hat zum Beispiel Inge Jens geschrieben, die ihrem Mann, Walter Jens, der an Demenz erkrankte und dem sich die Welt der Worte und des klaren Denkens mehr und mehr verschloss, bis zuletzt beigestanden hat. In ihrem Buch vertraut uns Inge Jens an – ich möchte sie zitieren –: „Ich bin überzeugt, er hat genau registriert, wie ihm alles entglitt, wie er aufhörte, schreiben zu können, wie das Lesen und schließlich – parallel – auch das Sprechen unmöglich wurden. [...] Der Verlust eines Partners, der zwar noch lebt, aber dennoch für immer entschwunden ist, hinterlässt tiefe Spuren.“ Soweit Inge Jens. Diese Worte lassen uns vielleicht ansatzweise erahnen, was Demenzkranke und ihre Angehörigen durchmachen. Mit dem fortschreitenden Verlust der Erinnerung, der Lebenserfahrung und der Möglichkeiten, sich anderen mitzuteilen, geht der Verlust einer vertrauten Persönlichkeit einher – langsam und unwiederbringlich. Dies lässt so manchen hilflos verzweifeln.

Die Diagnose Demenz ist ein bitterer Einschnitt für Betroffene wie für Angehörige. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Die medizinische Forschung beginnt erst, die komplexen Ursachen von Demenzerkrankungen zu verstehen. Wir alle hoffen natürlich auf Fortschritte: angefangen bei der Grundlagenforschung zur Vorbeugung und möglichst frühzeitigen Diagnose über die klinische Forschung zur Entwicklung neuer und wirksamer Behandlungsmethoden bis hin zur optimalen Versorgung und Pflege.

Es ist also ein breites Aufgabenspektrum, dem sich das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen widmet. Als ausgewiesene Experten haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Anspruch, ihre Forschungsergebnisse schnell und effizient zur praktischen Anwendung zu bringen. Hierfür ist es von besonderer Bedeutung, auch schwerstkranke Patienten in die Arbeit einbeziehen zu können.

Der Bundestag hat umfassend und sehr ausführlich über diese schwierige ethische Frage beraten. Das Ergebnis ist ein Kompromiss, der auf der einen Seite dem Patientenwohl und auf der anderen Seite dem berechtigten Wunsch nach medizinischem Fortschritt Rechnung trägt, damit andere Erkrankte von den Forschungsergebnissen profitieren können. Das heißt, unter eng begrenzten Voraussetzungen wird die Forschung erlaubt, auch wenn die betroffene Person zu dem Zeitpunkt, zu dem die Forschung stattfindet, nicht mehr einwilligen kann. Dennoch wird dem Recht auf Selbstbestimmung großer Wert beigemessen. Es muss gegebenenfalls zu einem früheren Zeitpunkt eine ärztliche Beratung erfolgt sein, nach der die Bereitschaft zur Teilnahme an der Forschung klar erklärt werden musste.

Fest steht: Die Lebensqualität von Erkrankten allgemein hängt in hohem Maße von der Qualität der medizinischen und der pflegerischen Versorgung ab. Ein Großteil der Pflege liegt in familiärer Hand. Sie ist außerordentlich anstrengend – körperlich wie psychisch. Die Bundesregierung hat in den vergangenen Jahren sehr viel getan, um pflegende Angehörige zu unterstützen. Wir haben die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf verbessert und die Pflegeversicherung in einem Umfang ausgeweitet, der in ihrer zwanzigjährigen Geschichte beispiellos ist. Unser erstes Pflegestärkungsgesetz hat bereits deutliche Verbesserungen für alle rund 2,7 Millionen Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen gebracht. Vor allem die Leistungen für die Pflege zu Hause haben wir angepasst, um Angehörige zu entlasten. Das zweite Pflegestärkungsgesetz ist in großen Teilen zu Beginn dieses Jahres in Kraft getreten. Die neuen Regeln stellen den jeweiligen individuellen Unterstützungsbedarf noch stärker in den Vordergrund. Es gibt jetzt fünf Pflegegrade statt der drei Stufen, die es bisher gab. Wir setzen auf Unterstützungsangebote, um Selbständigkeit zu fördern und soweit wie möglich zu erhalten. Das kommt ja auch Ihrer Arbeit zugute. Denn wir hatten bis jetzt eine Pflegeversicherung, die auf Demenzerkrankungen nicht richtig reagiert hat. Deshalb haben wir an dieser Stelle sozusagen Vorsorge getroffen für alle Forschungsergebnisse, die wir noch erwarten.

Wir können bei dieser Einstufung auf die Forschungsergebnisse des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen zurückgreifen. Die Versorgungs- und Pflegeforschung ist bei Ihnen in die Arbeit der verschiedenen Disziplinen eingebunden. In enger Kooperation mit der Uniklinik Bonn arbeiten verschiedene Berufsgruppen Hand in Hand, um eine vernünftige Rundumversorgung zu ermöglichen. Das ist in dieser Form nahezu einmalig in Deutschland.

Die Pflege hat durch das Engagement der Forschung, aber auch der Politik in den vergangenen Jahren mehr Raum gewonnen. Ohnehin stehen wir in Politik und Forschung grundsätzlich in der Verantwortung, drängende Fragen zum Gemeinwohl aufzugreifen. Um klarzustellen, welche für uns die Kernthemen sind, wie wir sie angehen und wo wir die Kräfte bündeln, gibt es die Hightech-Strategie, auf die auch Sie hier schon hingewiesen haben. Zu den prioritären Aufgabenfeldern, die definiert wurden, zählt eben auch gesundes Leben.

Natürlich reicht es nicht, uns vordringliche Forschungsaufgaben nur bewusst zu machen. Aufgaben wahrzunehmen, heißt vielmehr auch, Ausgaben vorzunehmen. Deshalb hat die Bundesregierung ihre Forschungsmittel seit dem Jahr 2005 kontinuierlich erhöht. Der Haushalt des zuständigen Ministeriums hat sich seither mehr als verdoppelt. Das haben wir geschafft, ohne an unserem Ziel eines ausgeglichenen Bundeshaushalts zu rütteln. In diesem Zusammenhang haben wir von einer wachstumsorientierten Konsolidierung gesprochen. Das heißt, wir nutzen Spielräume, um uns gezielt Wachstumspotenziale zu erschließen. Das bedeutet, gerade auch in Forschung zu investieren, in Entwicklung zu investieren, in Innovation zu investieren.

Im Bereich Gesundheit möchte ich, dass wir in den nächsten Jahren noch ehrgeizigere Ziele verfolgen. Es gilt, mit jeweils einer zusätzlichen Milliarde Euro den Kampf gegen Krebs noch erfolgreicher zu führen, das Fortschreiten der Demenz aufzuhalten und wirksame Antibiotika gegen multiresistente Keime zu entwickeln.

Ich möchte auch, dass wir der Gesundheit unserer Kinder in unserer Gesellschaft einen noch höheren Stellenwert einräumen und daher der Kinder- und Jugendmedizin ebenfalls ein Deutsches Zentrum für Gesundheitsforschung widmen. Es muss ja immer weitergehen.

Ich möchte, dass die Lebensqualität der Menschen noch stärker in den Mittelpunkt unserer Gesundheits- und Gesundheitsforschungspolitik rückt. Viele Menschen in jüngeren Lebensjahren sorgen sich, ob ihnen genügend gesundheitliche Versorgung zur Verfügung steht. Gegen Ende des Lebens fürchtet man manchmal auch eine Überversorgung, die zu mehr Leid und nicht zu besserer Lebensqualität führt. Ja, Über-, Unter- und Fehlversorgung müssen wir gleichzeitig minimieren. Es gilt also, überall das Optimum zu erreichen, um Lebensqualität wirklich zu sichern.

Deshalb möchte ich, dass in Forschung und Krankenversorgung gemeinsam die Frage beantwortet wird: Welche Therapie nützt den Menschen wirklich? Und ich möchte, dass wir auf der Grundlage einer großen empirischen Datenbasis, zum Beispiel auch durch eine nationale Lebensqualitätskohorte – das Rheinland geht hierbei schon mit gutem Beispiel voran –, diese Frage umfassend beantworten und die Lebensqualität noch mehr als bisher zum Leitmotiv für Versorgungsentscheidungen machen, also immer nach der Lebensqualität fragen. Ich glaube, dass uns gerade auch die Verarbeitung großer Datenmengen – Sie haben in Ihrer Rede vorhin darauf hingewiesen – noch unerkannte Möglichkeiten eröffnet, Strukturen zu erkennen, mit denen wir in Zukunft sehr viel effizienter und sehr viel näher am Menschen arbeiten können.

„Deutschland 2025“ – das heißt für mich auch, durch mehr Forschung die großen Geißeln der Gesundheit zu besiegen, ein auf die Lebensqualität der Menschen ausgerichtetes Gesundheitswesen. Daran wollen wir in den nächsten Jahren arbeiten.

Forschung ist die Grundlage, um in Zeiten großer Veränderungen eigene Akzente setzen zu können – zum Beispiel mit Blick auf die Globalisierung, die Digitalisierung, den Klimawandel, das weltweite Bevölkerungswachstum oder die demografischen Veränderungen bei uns. Von wissenschaftlichen Erkenntnissen und ihrer praktischen Anwendung – davon bin ich überzeugt – hängt viel für unser künftiges Wohlergehen ab. Das gilt natürlich nicht nur bei uns hierzulande, sondern weltweit. Und ich sage: Gerade die Gesundheitsforschung hat eine zentrale Bedeutung auch hinsichtlich der Frage der Akzeptanz von Forschung. Wir wissen ja, dass es Forschungsgebiete gibt, bei denen die Menschen in Deutschland durchaus sehr skeptisch sind.

Wir sehen am Beispiel der Gesundheitsforschung, was alles mit einfließt. Wenn Sie keine ordentlichen Geräte haben, wenn Sie keine ordentlichen Rechner haben, wenn Sie keine ordentlichen mathematischen Methoden haben, sind Sie ja auch aufgeschmissen. – Hier spricht eine ehemalige Physikerin. – Es geht also nicht nur um Medizin, sondern immer um alles, was zur Lebensqualität beiträgt. Nur so werden wir sie wirklich verbessern. Das immer wieder zu sagen, ist wichtig. Darin liegt auch eine besondere Bedeutung des heutigen Tages.

Als leistungs- und forschungsstarker Nation kommt uns gemeinsam mit den anderen großen Industrieländern im Übrigen für die Gestaltung der Globalisierung eine besondere Verantwortung zu. Das betrifft gerade auch die Gesundheitsforschung. Die Staatengemeinschaft hat sich mit der Agenda 2030 unter anderem das Ziel gesetzt, jeder Frau, jedem Mann und jedem Kind auf der Welt die Chance auf ein gesundes Leben zu geben. Wir wissen, dass bis dahin noch ein sehr langer Weg vor uns liegt. Aber wir in Deutschland können mit unseren Partnern weltweit einiges in Gang bringen, um Schritt für Schritt voranzukommen.

Unser Kernanliegen ist – das haben wir in unserer G7-Präsidenschaft deutlich gemacht; und das machen wir auch jetzt während unserer G20-Präsidentschaft –, globale Gesundheitsrisiken zu minimieren und den Ausbruch gefährlicher Infektionskrankheiten möglichst zu verhindern. Die Ebola-Krise haben wir alle noch vor Augen. Es gab mehr als 28.600 Erkrankte, über 11.300 Tote. Diese Zahlen sind eine eindringliche Mahnung, Lehren aus dieser Epidemie zu ziehen. Im Übrigen hatten wir bei Ebola noch Glück im Unglück, weil sich diese Krankheit relativ langsam verbreitet hat. Wenn wir an die Spanische Grippe Anfang des 20. Jahrhunderts denken, so zeigt uns dies, dass wir unter den heutigen vernetzten Bedingungen der Globalisierung ganz anders vorbereitet sein müssen.

Wir haben in einem Prozess Empfehlungen erarbeitet, um die globale Gesundheitsarchitektur zu stärken. Zum einen geht es um weitreichende Prävention und zum anderen um eine schnelle, koordinierte internationale Antwort, wenn es doch wieder zu einem Ausbruch gefährlicher Infektionskrankheiten kommt. Die G20-Gesundheitsminister werden sich treffen, um zum ersten Mal anhand einer Simulation eines fiktiven Krisenfalls darüber zu sprechen, wie man einer Epidemie begegnen kann. Die Staats- und Regierungschefs werden dann auch darüber diskutieren. Wir schenken auch dem Thema Antibiotikaresistenzen erhöhte Aufmerksamkeit. Denn alle Anstrengungen für bessere Strukturen nutzen wenig, wenn die notwendigen Therapien fehlen beziehungsweise durch Resistenzen ihre Wirkung verlieren.

Klar ist – das erleben Sie hier auch –: Bei all diesen Themen können nur durch eine enge internationale Zusammenarbeit wirklich Fortschritte erzielt werden. Das ist auch der Grund, warum wir im Rahmen der G20 der globalen Gesundheit einen politischen Schwerpunkt einräumen.

Meine Damen und Herren, dem politischen Ziel eines gesunden Lebens können wir uns nur über eine lebendige Forschungslandschaft nähern. Dies erfordert Investitionen – auch in Gebäude. Dieser Neubau ist ein Vorzeigebeispiel der Kooperation von Bund und Ländern – in diesem Fall von Bund und Land Nordrhein-Westfalen, von dem der überwiegende Beitrag für den Bau kommt. Ich glaube, dass wir hier gemeinsam Gutes erreichen können. Hier ist einer der modernsten Forschungsbauten in Europa entstanden. Mit ihm erhält das DZNE in bildlichem wie in wörtlichem Sinne Raum für hervorragende Arbeitsbedingungen.

Die Aufbruchsstimmung bei der Erforschung neurodegenerativer Erkrankungen ist an diesem Ort förmlich zu spüren. Auch viele Besucher werden, glaube ich, noch vieles über diese Krankheiten lernen. – Ich finde es sehr berührend, dass Sie hier mit der Handschrift und der Farbgestaltung sozusagen den Ausgangspunkt des Verlustes von Fähigkeiten zum Ausdruck bringen bis hin zu dem, was man am Endpunkt noch erfassen kann.

Wir brauchen diese Aufbruchsstimmung. Und wir brauchen Menschen wie Sie, die diese Aufbruchsstimmung leben, die Sie Ihre Erfahrungen, Ihre Ideen, Ihre Leidenschaft für die Forschung in Ihre tägliche Arbeit einbringen. Forschungsergebnisse können wir nicht staatlich befehlen. Wir können den Menschen Geld in die Hand geben, aber nicht sagen: Bitte denke dir etwas Vernünftiges aus, lass dir etwas einfallen, sei kreativ. Das kommt vielmehr von innen. Das muss natürlich durch gute Bedingungen gefördert werden, aber das ist ein Wert an sich.

Ich wünsche Ihnen an der neuen Wirkungsstätte viel Erfolg, viel Freude, viele tolle Erkenntnisse, ehrlich gesagt, auch viel Arbeit – sonst macht Forschen ja keinen Spaß – und viel Geduld. Denn meistens braucht man lange; und oft entdeckt man etwas anderes, als man dachte. In jedem Fall: Alles Gute für Ihre Arbeit.