Navigation und Service

Inhalt

Rede von Bundeskanzlerin Merkel zum 7. Integrationsgipfel am 1. Dezember 2014 in Berlin

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Montag, 01. Dezember 2014
Ort:
Bundeskanzleramt

Liebe Freunde, wie ich vielleicht sagen darf,
liebe Staatsministerin,
sehr geehrter, lieber Herr Ministerpräsident Woidke,
sehr geehrter Herr Erster Bürgermeister, lieber Herr Scholz,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Kabinett und dem Deutschen Bundestag,
sehr geehrte Vertreter der Wirtschaft, der Gewerkschaften und
vor allen Dingen derer, um die es heute geht, der Migrantenorganisationen,

wir freuen uns, dass wir Sie hier wieder herzlich willkommen heißen dürfen. Ich begrüße Sie auch im Namen von Staatsministerin Özoğuz ganz herzlich im Bundeskanzleramt.

Wir haben vor kurzem – Sie werden sich erinnern – den 25. Jahrestag des Mauerfalls gefeiert. Wir haben uns gefreut, dass die Teilung unseres Landes überwunden wurde. Aber das heißt ja nicht, dass wir nicht weiterarbeiten müssen. Das heißt, dass wir uns vor allen Dingen um das Zusammenleben aller Menschen in Deutschland mit und ohne Einwanderungsgeschichte kümmern müssen und es erfolgreich gestalten wollen. Darum geht es uns auch bei unserem heutigen Integrationsgipfel.

Jeder weiß: Deutschland wird immer vielfältiger. Im vergangenen Jahr sind mehr Menschen zu uns gekommen wie seit 20 Jahren nicht mehr, nämlich rund1,2 Millionen. Wenn wir die Abwanderung abziehen, dann sind es immer noch fast 430.000 Menschen, die wir in Deutschland gewonnen haben. Das ist ja doch auch ein Zeichen dafür, dass wir ein attraktives und interessantes Land sind, sowie dafür, dass sich gerade auch viele Junge hier eine bessere Zukunft als in ihren Heimatländern erhoffen.

Wir kommen in Deutschland auch unseren humanitären Verpflichtungen nach. Dass so viele Menschen zu uns kommen, zeigt, dass die Not auf der Welt groß ist, dass es schreckliche Kriege gibt, die Menschen zur Flucht treiben, und andere schreckliche Situationen in vielen Ländern, in denen Menschen aus großem Leid heraus fliehen müssen.

Natürlich bedeutet das, dass wir neue Chancen für sie damit verbinden, aber genauso gut auch Herausforderungen haben. Dabei sind alle gefordert – staatliche Akteure ebenso wie auch nicht-staatliche Akteure. Ich bin sehr dankbar dafür, dass sich so viele Menschen aus Überzeugung um die verschiedenen Probleme in Deutschland freiwillig kümmern.

Nun reicht es ja nicht, Pläne für eine bessere Integration vorzuzeichnen, die nur auf dem Papier stehen. Was für den einzelnen Menschen zählt, ist, was bei ihm ankommt, was für ihn und sein Leben dabei herauskommt. Deshalb begrüße ich es sehr, dass Staatsministerin Özoğuz gesagt hat: Lasst uns doch bei diesem Integrationsgipfel auf ein Thema konzentrieren. Wir waren uns schnell einig, dass das Thema Ausbildung ein zentrales Thema ist.

Wir beide haben heute Morgen die Berliner Verkehrsbetriebe besucht, die stellvertretend für viele andere Betriebe in unserem Land stehen und die uns mit einem Anteil auszubildender Migrantinnen und Migranten von 30 Prozent einen sehr guten Praxiseinblick in Ausbildungsmöglichkeiten gegeben haben.

Wir wollen also, dass das Thema Ausbildung etwas wird, das ganz selbstverständlich für junge Leute auch mit Migrationshintergrund mit guten Möglichkeiten verbunden ist. Wir müssen da noch besser werden. Ich wurde zum Beispiel heute von jungen Leuten gefragt: Wann ist Integration für Sie geschafft? Ich habe gesagt: Tja, dann, wenn genauso viele junge Menschen mit Migrationshintergrund einen Schulabschluss haben, einen Studienplatz annehmen, eine Facharbeiterausbildung absolvieren, wie die, deren Familien schon seit vielen hundert Jahren in Deutschland leben. Dann haben wir das geschafft und brauchen uns kaum mehr darum zu kümmern.

Wenn wir uns die Zahlen anschauen, dann wissen wir aber, dass wir noch einiges zu tun haben. Wir werden langsam besser, aber das Tempo könnte gesteigert werden. Deshalb sind heute hier auch alle Akteure an einem Tisch, die darüber reden können: Was gilt es noch zu tun, was müssen wir noch hinbekommen?

Ich bin sehr froh – Herr Hoffmann und die Vertreter der Wirtschaftsverbände –, dass wir eine Chance haben, die Allianz für Aus- und Weiterbildung, wie wir sie uns im Koalitionsvertrag vorgenommen haben, hinzubekommen. Das ist auf einem sehr guten Weg, um nicht zu sagen: Das war auf einem sehr guten Weg und ist geschafft. – Ja, er nickt. – Das haben wir „just in time“ gemacht. Wir haben den Integrationsgipfel nämlich extra so spät gelegt, damit wir vielleicht schon darauf hinweisen können; und jetzt ist es doch noch Ende letzter Woche geschafft worden.

Wir haben mit der Charta der Vielfalt ein sehr gutes Instrument, um auch Unternehmen einzubeziehen. Es sind ja immer zwei Seiten, die betrachtet werden müssen. Die eine Seite ist: Wie bringen sich die jungen Leute mit Migrationshintergrund ein? Die andere Seite ist: Wie nimmt die Gesellschaft sie auf? Wenn man liest, wie viele Bewerbungen vielleicht schon allein am Namen scheitern, wie viele Vorstellungsgespräche vielleicht daran scheitern, dass jemand anders aussieht, als man sich das in unseren Breitengraden vorstellt, dann muss man sagen: Es müssen sich beide Seiten bewegen. Deshalb ist es eine ganz wichtige Sache, dass wir alles auf den Tisch packen, was verbessert werden kann, damit wir wirklich noch mehr Erfolge erreichen.

Wir haben unserer Ausbildungslandschaft noch eine Facette hinzugeführt. Das ist das MobiPro-EU-Programm. Das ist ein Angebot für junge Menschen aus europäischen Ländern, in denen die Jugendarbeitslosigkeit sehr hoch ist. Wir haben immerhin über 9.000 Anträge seit dem Beginn des Programms erhalten. Ich habe mich neulich in meinem Wahlkreis auch mit spanischen und portugiesischen Jugendlichen unterhalten, die Koch und Hotelfacharbeiter lernen. Dazu muss ich sagen, dass das durchaus spannend, aber auch nicht ganz einfach ist. Da gewinnt man auch noch einmal einen Eindruck davon, wie schwer es ist, wenn die neue Sprache und die Berufsschule mit ihren Curricula auf einen einprasseln. Wir müssen sicherlich auch noch lernen, wie wir das vielleicht besser machen können.

Danke dafür, dass Sie alle hierhergekommen sind. Ich entschuldige mich dafür, dass ein Teil mit dem Sprichwort „Ein schöner Rücken kann auch entzücken“ leben muss. Aber auf jeden Fall ein herzliches Willkommen Ihnen allen. Lassen Sie uns den Nachmittag zu einem guten Nachmittag machen – zum Wohle der jungen Menschen, die in diesem Land ihre Chancen suchen.

Montag, 01. Dezember 2014