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Rede von Bundeskanzlerin Merkel im Rahmen des Festakts zum 70 jährigen Bestehen des Landes Nordrhein-Westfalen am 23. August 2016

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Dienstag, 23. August 2016
Ort:
Düsseldorf

Königliche Hoheit Prinz William,
Herr Bundestagspräsident,
Frau Landtagspräsidentin,
Frau Ministerpräsidentin,
Herr Oberbürgermeister,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Landtag und dem Bundestag,
liebe Geburtstagskinder des heutigen Tages,
sehr geehrte Gäste aus dem In- und Ausland,
meine Damen und Herren,

vor 70 Jahren lag Deutschland in Trümmern. Es war die Zeit des Steineklopfens, der Notküchen und des Fringsens – dieser Begriff gehört dazu, wenn es um die Nachkriegszeit in dieser Region geht. Umso verdienstvoller war es, dass die britische Militärregierung sich frühzeitig Gedanken über zukünftige Strukturen machte, insbesondere auch mit Blick auf das strategisch so wichtige Ruhrgebiet. Und sie beschloss, das Land Nordrhein-Westfalen zu gründen. Damit wurden Landesteile zusammengefügt, die aus historischer Perspektive nicht zwingend zusammengehörten.

Royal Highness, wir können heute im Rückblick sagen: Es war ein Glücksgriff. Das konnte man nicht immer so vermuten.

Nordrhein-Westfalenvereinte fortan unter seinem Dach eine große Vielfalt: unterschiedlich geprägte Regionen, große und kleine Städte mit eigener Geschichte und Identität, verschiedene Mentalitäten und Konfessionen, eine große kulturelle Bandbreite. Auch in der Wirtschaftsstruktur spiegelte sich die Vielfalt wider: Nordrhein-Westfalen ist ebenso Agrarland wie industrielles Kernland.

Deshalb lag auf dem neu gegründeten Bundesland auch von Anfang an viel Augenmerk. Seine Entwicklung war für Deutschland, für die Bundesrepublik Deutschland insgesamt von großer Bedeutung. Der spätere Bundeskanzler Konrad Adenauer hat es so formuliert – ich möchte ihn zitieren: „Die Entscheidung über das zukünftige Geschick Deutschlands fällt in der britischen Zone und innerhalb der britischen Zone in dem Lande Nordrhein-Westfalen.“

Einige Jahre später fand in Bonn die feierliche Verkündung des Grundgesetzes statt. Die Stadt war jahrzehntelang das politische Zentrum der Bundesrepublik. Nach der Deutschen Einheit und nach der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl habe ich dort acht Jahre als Bundestagsabgeordnete und als Bundesministerin gearbeitet. Ich habe mich in Bonn immer wohlgefühlt. Ich kehre gerne dorthin zurück. Und ich komme auch immer wieder gerne nach Nordrhein-Westfalen. Man kann sagen: Bonn war mein politischer Lernort.

Nordrhein-Westfalenist etwas Besonderes. Es ist das bevölkerungsreichste Bundesland. Es verfügt über große wirtschaftliche Kraft. Es hat die höchste Anzahl von Vereinen in der ersten Fußball-Bundesliga. Der Volkssport Nummer eins hat hier also tiefe Tradition. Nordrhein-Westfalen ist einfach ein starkes Stück Deutschland.

Dies alles ist vorneweg das Verdienst seiner Bürgerinnen und Bürger, denen ich herzlich zum Jubiläum ihres Bundeslandes gratulieren möchte. Die Menschen in Nordrhein-Westfalen haben sich einerseits ihre regionale Identität bewahrt. Sie fühlen sich nach wie vor als Rheinländer, Westfalen oder Lipper. Sie sind stolz darauf. Legendär sind auch die liebevoll gehegten Rivalitäten zwischen einzelnen Städten, Regionen und Landesteilen. Aber andererseits – das hat sich über die Jahrzehnte herausgebildet – verbindet alle eine gemeinsame Identität. Es ist ihr Nordrhein-Westfalen. Im Laufe der Jahrzehnte ist ein Gemeinschaftsgefühl gewachsen. Mit Fug und Recht lässt sich behaupten: Die Ehe zwischen den ungleichen Partnern ist geglückt. Die „Operation Marriage“ der Briten war erfolgreich.

Dahinter stehen Erfahrung im Umgang mit Unterschieden und eine lange Tradition der Integration. Der Schriftsteller Carl Zuckmayer prägte die Bezeichnung vom Rhein als – ich zitiere ihn – „der großen Völkermühle“ und „Kelter Europas“. Allein in den vergangenen zwei Jahrhunderten gab es Millionen Menschen, die zuwanderten, die sich hier niederließen, die heimisch wurden. Sie kamen als Arbeitskräfte aus Polen und den östlichen Provinzen Preußens, als die Industriezentren an Rhein und Ruhr aufblühten. Sie kamen als Vertriebene und Flüchtlinge nach dem Krieg. Sie kamen als sogenannte Gastarbeiter und wirkten am deutschen Wirtschaftswunder mit.

Für Nordrhein-Westfalen war die Zuwanderung ein Riesengewinn. Trotzdem wissen wir alle natürlich, dass mancherorts auch Folgen mangelnder Integration zu spüren sind. Da ist zusätzliches Engagement nötig, damit das Miteinander besser klappt.

Zugleich stehen wir in Deutschland vor neuen Anstrengungen. Wir müssen die vielen Flüchtlinge, die in den letzten Jahren zu uns gekommen sind und die für eine Zeit lang oder für immer bleiben, integrieren. Da ist natürlich auch Nordrhein-Westfalen stark gefragt. Es gibt zahlreiche Bürgerinitiativen und ein breites ehrenamtliches Engagement. Da sind Familien, die unbegleiteten Minderjährigen ein neues Zuhause bieten. Da sind Lehrkräfte, die weit mehr als die deutsche Sprache vermitteln. Da sind Unternehmen, die sich darum kümmern, Flüchtlinge auszubilden oder einzustellen. Ich danke allen für ihre Bereitschaft zur Integration, zur Aufnahme und zum Engagement.

Das alles, meine Damen und Herren, geschieht in Nordrhein-Westfalen parallel zu einem gewaltigen wirtschaftlichen Veränderungsprozess. Kaum eine andere europäische Region weiß besser, was Strukturwandel bedeutet. Lange Zeit kennzeichnete der Steinkohlebergbau ganze Regionen. Das Wort „Kohlenpott“ ist immer noch präsent. Wenn in wenigen Jahren die letzten Bergwerke schließen, geht eine Ära zu Ende. Dieser Abschied ist ganz sicherlich auch schmerzlich.

Zugleich ist jedoch viel Neues entstanden. Statt Kohle heißt der Rohstoff heute Wissen. Insbesondere die Digitalisierung eröffnet neue Perspektiven, ermöglicht neue Verfahrenstechniken und Geschäftskonzepte. Der Weg weg von Kohle und Stahl hin zur dienstleistungsorientierten Wissenschaftsregion ist steinig. Das zehrt an den Kräften, aber es trainiert sie auch.

Deshalb unterstützt der Bund Nordrhein-Westfalen auf seinem Weg. Über die Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ haben wir bereits Investitionen in Milliardenhöhe mobilisieren können. Wir helfen bei der Erneuerung der Verkehrsinfrastruktur. Und wir helfen bei der Erneuerung und Weiterentwicklung der Wissenschaftslandschaft.

Dass sich Anstrengungen auszahlen, zeigen die vergangenen Jahrzehnte. Natürlich ist der Strukturwandel noch nicht abgeschlossen, aber Nordrhein-Westfalen hat bereits viel geschafft. Das Land verfügt über eine leistungsfähige Wirtschaft. Nach wie vor finden sich in Nordrhein-Westfalen Standorte von Energieerzeugern und klassischen Industriezweigen, aber es sind neue Bereiche hinzugekommen, innovative Betriebe und Dienstleistungsunternehmen. Die Forschungslandschaft ist gut aufgestellt, auch hier oft durch Kooperationen von Bund und Land.

Nordrhein-Westfalen ist lebens- und liebenswert. Dies soll so bleiben. Der ehemalige Ministerpräsident und spätere Bundespräsident Johannes Rau hat von – ich zitiere ihn, nur er konnte es so sagen: der „Zuverlässigkeit der Rheinländer“, der „Leichtigkeit der Westfalen“ und der „Großzügigkeit der Lipper“ gesprochen, die NRW für seine Zukunft braucht. Nordrhein-Westfalen kann aus vielen guten Eigenschaften seiner unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen schöpfen. In der Wirtschaft fällt in solchen Fällen oft das Wort „Diversität“. Einfach formuliert sagt man: Die richtige Mischung macht’s.

Ich wünsche Ihnen von Herzen: Erhalten Sie sich Ihre Vielfalt und Ihren Humor. Erhalten Sie sich Ihre Bereitschaft zum Wandel und Ihre europäische Gesinnung. Ich darf sagen: Deutschland braucht auch in den nächsten Jahrzehnten ein starkes Nordrhein-Westfalen. Herzlichen Dank.

Dienstag, 23. August 2016