Rede von Bundeskanzlerin Merkel im Rahmen der Veranstaltung zur Würdigung von Ehrenamtsprojekten am 11. Mai 2017 in Heidenheim

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Ilg,
sehr geehrter Herr Landrat Reinhardt,
lieber Herr Kollege, lieber Roderich Kiesewetter,
liebe Inge Gräßle,
lieber früherer Kollege Schorsch Brunnhuber,
sehr geehrter Herr Lienhard, stellvertretend für alle Wirtschaftsvertreter,
und vor allem Sie, die Sie hier heute das Ehrenamt repräsentieren,

Herr Kiesewetter hatte mich gekapert, muss ich sagen, mit einer Einladung, die mich gleich sensibilisiert hat; denn er fragte: Wollen wir nicht einmal etwas mit dem Ehrenamt machen? Dann kamen wir ins Gespräch, ich habe ihn ein bisschen ausgefragt – wie können wir das machen? Und daraus ist dann diese Veranstaltung geworden. Dass in Baden-Württemberg das Ehrenamt tief verankert ist, wusste ich. Aber dass hier so viele Repräsentanten des Ehrenamts zusammenkommen, übersteigt doch meine Erwartungen.

Zeit ist heute gerade auch für Ehrenamtler ein knappes Gut – so, wie Zeit, die man sich füreinander nimmt, in unserer Welt überhaupt ein knappes Gut ist. Dass Sie sich die Zeit genommen haben, heute hierherzukommen, finde ich wunderbar. Und ich möchte Sie auch gleich zu Beginn bitten – Sie alle stehen ja auch für viele andere, die in Ihren Vereinen und in Ihren Initiativen engagiert sind –, jeden Einzelnen, der sich in unsere Gesellschaft einbringt, ganz herzlich zu grüßen. Sie sind ein tolles Stück Deutschland.

Wenn es um das Ehrenamt geht, dann ist oft die Rede vom Kitt unserer Gemeinschaft, vom Rückgrat der Gesellschaft oder vom menschlichen Gesicht unseres Landes. Diese Formulierungen sind sicherlich alle richtig, aber sie beschreiben natürlich nur ansatzweise das, was Bürgerinnen und Bürger bei uns in Deutschland tun, um einen Beitrag für ein gutes Zusammenleben und für das Gemeinwohl zu leisten. Das lässt sich in einer Rede auch gar nicht zusammenfassen; deshalb freue ich mich auch auf die Diskussion, die nachher stattfinden wird.

Es lässt sich aber durchaus ein deutliches Ausrufezeichen setzen, und zwar ein Ausrufezeichen hinter ein Wort, das mir in diesem Zusammenhang besonders wichtig ist. Dieses Wort heißt: danke. Danke für das, was Sie für andere tun. Ich wage aber einmal die Behauptung, dass das auch für Sie eine Bereicherung ist. Natürlich ist es manchmal auch eine Beschwernis, aber worüber man sich manchmal nicht auch ärgert und worum man sich nicht müht, das hat man auch nicht so richtig gern. Insofern ist es, glaube ich, ein Geben und Nehmen.

Auf der Einladungsliste zu diesem Termin standen über 500 Organisationen. Die Initiativen sind bunt gemischt. Sie sind eben so bunt und so vielfältig wie unser Leben. Das spiegelt sich glücklicherweise auch deutschlandweit im ehrenamtlichen Engagement wider.

Herr Oberbürgermeister, Sie haben bei der Vorstellung Ihrer Stadt gesagt, dass ein solches Engagement in einer Stadt, in der auch eine solche wirtschaftliche Stärke dahintersteht, vielleicht einfacher als anderswo ist. Das ist einerseits sicherlich richtig, weil vielleicht auch das Sponsoring ein bisschen besser klappt als bei mir in Mecklenburg-Vorpommern, wie ich einmal vermute. Auf der anderen Seite ist es, wenn es den Menschen recht gutgeht und wenn sie in ihrer Arbeit gefordert sind, auch nicht unbedingt selbstverständlich, dass man sich einbringt. Das heißt, es ist sozusagen auch etwas sehr Schönes, dass zusätzlich zur wirtschaftlichen Stärke auch das Ehrenamt dazukommt.

Noch eine Bemerkung zu Ihrer Vorstellung: Sie sagten, 40 Prozent seien nicht aus Heidenheim oder nicht aus Baden-Württemberg. Sie sind dann zwar auf die große Welt zu sprechen gekommen und haben gesagt, dass Sie eigentlich von China bis Indien alles repräsentieren – okay. Aber wenn wir in meinem Wahlkreis, zu dem die Hansestadt Stralsund, Greifswald und die Insel Rügen gehören, zum Beispiel eine Fachhochschule haben, die IT-Spezialisten ausbildet, dann sagen wir scherzhaft: Wir können eigentlich gleich einen Sonderzug bestellen; die eine Hälfte der Absolventen fährt nach Baden-Württemberg und lädt da die Spezialisten ab, und die andere Hälfte steigt in München aus. Insofern sind wir manchmal recht deprimiert, weil Sie unglaublich viele Fachkräfte aufsaugen. Ich vermute einmal, dass es auch viele junge Menschen aus Mecklenburg-Vorpommern gibt, die sich inzwischen recht wohl in Heidenheim fühlen. Meine Bitte ist: Vergessen Sie nicht, im Urlaub ist es bei uns auch schön; und inzwischen sucht man sogar auch Fachkräfte.

Wir sind aber beim Ehrenamt; und im Ehrenamt zeigt sich eine große Vielfalt. Vom Sportverein über die Altenpflege, den Beistand für sterbende Menschen, die Feuerwehr, das Technische Hilfswerk, die Kirchengemeinden, den Kulturbereich und die Kleiderkammern bis hin zu den Suppenküchen – alles lastet vor allem auf den Schultern ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer. Dass das Ehrenamt hier in Heidenheim einen besonderen Stellenwert genießt, sehen wir auch daran – es interessiert mich, nachher noch mehr darüber zu erfahren –, dass es eine Koordinierungsstelle gibt. Sie trägt den treffenden Namen: „Ich für uns“. Ich glaube, dieser Name macht auch den Kern des Ehrenamts deutlich. Es ist wirklich ein Gewinn für uns alle, für die Gemeinschaft.

Natürlich verändern sich auch die Probleme in unserer Gesellschaft. Wir alle sprechen vom demografischen Wandel. Wir wissen: Es gibt weniger jüngere und mehr ältere Menschen – auch wenn das allerdings recht ungleich über die Republik verteilt ist. Wir wissen aber auch: Die Mobilität muss heute höher sein. Das führt gerade auch in ländlichen Regionen oft dazu, dass die Arbeitswege länger werden, was wiederum nicht dazu führt, dass mehr Zeit für das Ehrenamt zur Verfügung steht. Kinder arbeiten auch oft woanders als die Eltern, weshalb innerfamiliäre Unterstützung nicht mehr so natürlich ist wie früher. Deshalb ist gerade auch im Bereich des Zusammenlebens mit Älteren die ehrenamtliche Arbeit gewachsen. Wir haben als Bundesregierung mit unserem Konzept der Mehrgenerationenhäuser auf diese Entwicklung reagiert.

Sie zeigen in Ihrer Stadt, dass es Ihnen beim Ehrenamt darum geht, dem, was man in den Vereinigten Staaten von Amerika vielleicht als „sorgende Gemeinschaft“ bezeichnen würde, den Weg zu ebnen. Ich finde es sehr gut, dass wir nachher noch darüber sprechen können, wie sich der Zusammenhalt der Gesellschaft auch im 21. Jahrhundert erhalten lässt.

Seitens der Bundesregierung versuchen wir durch hauptamtliche Möglichkeiten Unterstützung zu geben. Wir haben in dieser Legislaturperiode zum Beispiel im Bereich der Pflege einen besonderen Schwerpunkt gesetzt. Das ist zwar auch mit Beitragserhöhungen verbunden, aber eben auch mit der Möglichkeit, Beruf und Familie besser miteinander zu vereinbaren, sowie mit der Möglichkeit, die häusliche und die ambulante Pflege zu stärken und auch für diejenigen, die in Heimen als Pflegekräfte arbeiten, die Arbeit besser zu gestalten. Das alles ist ein Riesenkapitel. Schließlich geht es hierbei um einen Beitrag für eine menschliche Gesellschaft. Ich will daher einfach auch ganz besonders denen, die mit älteren Menschen arbeiten – ich sage hier allen danke, das ist klar; aber mit älteren Menschen zu arbeiten, auch das kann durch staatliche Regelungen gar nicht vollständig gelöst werden –, noch einmal extra ein herzliches Dankeschön sagen.

Zu all dem, was hier noch zu tun ist und was Sie schon getan haben, kam im Jahr 2015 mit Macht noch eine neue Aufgabe hinzu. Wir hatten eine humanitäre Notlage. Ehrenamtliche zusammen mit Hauptamtlichen haben im ganzen Land dafür Sorge getragen, dass wir diese außergewöhnlich belastende und fordernde Situation bestehen konnten. Ich habe gehört, dass in Ihrem Landkreis zeitweise 1.000 Ehrenamtliche auf rund 1.400 Flüchtlinge kamen. Das ist natürlich ein total beeindruckendes Zahlenverhältnis. Viele haben, aufgerüttelt von den Nachrichten und Bildern, sehr spontan geholfen, Kleider ausgeteilt, Unterkünfte gesucht, bei Arztbesuchen und Behördengängen begleitet oder beim Ausfüllen von Formularen geholfen. Ich meine, wir haben ja eine hochentwickelte Bürokratie; und wenn man aus fernen Ländern kommt und die Sprache nicht versteht, dann stößt man natürlich auf ganz besondere Schwierigkeiten. Ich denke, dabei ist vielen klar geworden, was wir uns auch selber antun; aber gut. Jedenfalls haben Sie geholfen. Es war nicht nur eine zeitliche, sondern oft auch eine sehr emotionale Herausforderung, Menschen zuzuhören und zu erfahren, was sie erlebt haben.

Inzwischen kümmern wir uns sehr viel mehr um Integration. Wir müssen zwischen denen unterscheiden, die ein Bleiberecht haben, und denen, die es nicht haben. Wir müssen auch darüber nachdenken, wie unser Zusammenleben organisiert ist und was es eigentlich ausmacht. Wir müssen denen, die zu uns gekommen sind, auch sagen, dass die Attraktivität und die Menschlichkeit unseres Landes auch auf Regeln beruhen und dass wir natürlich auch auf die Einhaltung dieser Regeln setzen müssen. Ich weiß aber, dass die vielen, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren, durchaus etwas Neues aufnehmen können. Wir sind ja keine geschlossene Gesellschaft, sondern wir sind eine Gesellschaft, die auch neugierig ist. Dennoch ist die Arbeit mit denjenigen, die als Flüchtlinge zu uns gekommen sind und aus ihrer Heimat vertrieben wurden, ein ganz neues Stück Verantwortung.

Aber mir war in der Vorbereitung mit meinem Kollegen Kiesewetter sehr wichtig, dass wir dieses Treffen hier nicht allein auf diese Arbeit reduzieren. Sie wurde und wird ja auch deshalb geleistet, weil wir eine lange Tradition und ein gut ausgebautes Netz von ehrenamtlichen Aktivitäten haben. Ich weiß nicht, wie es hier ist, aber bei mir im Wahlkreis sagen auch einige: Aha, nun habt ihr plötzlich so viel Zeit, für uns hattet ihr nicht so viel Zeit; oder habt ihr die jetzt auch für uns? Ich denke, wir müssen das auf alle in der Gesellschaft gleich verteilen. Deshalb ist es mir so wichtig, dass mit Ihnen sozusagen der gesamte Kranz ehrenamtlicher Aktivitäten hier im Saal vertreten ist.

Was macht eine Gesellschaft lebenswert? Dazu gehören viele Dinge, die der Staat regeln muss. Mein politisches Verständnis ist, dass wir als Staat Leitplanken bauen sollten, die schützen, die aber nicht einengen – die Räume eröffnen, in denen sich Menschen mit ihren Gaben, ihren Fähigkeiten und ihren Talenten entfalten können. Deshalb wäre es auch spannend, wenn wir in der anschließenden Diskussion auch ein bisschen über das Verhältnis von Ehrenamt und Hauptamt – Sie gehen mit der Koordinierungsstelle ja einen sehr interessanten Weg – und über Verrechtlichung und Nichtverrechtlichung sprechen können. Das sind ja spannende Fragen. Wo beginnt das eine, wo endet das andere?

Ich denke, dass wir in der Bundesrepublik Deutschland gerade auch in der augenblicklichen wirtschaftlichen Situation mit einer vergleichsweise geringen Arbeitslosigkeit die Möglichkeiten haben, uns ehrenamtliche Aktivitäten leisten zu können. Die wirtschaftliche Lage ist derzeit relativ gut, aber wir wissen auch, dass das jeden Tag neu erarbeitet werden muss. Das ist heute hier nicht das Thema, aber das beschäftigt uns an anderer Stelle. Heute freue ich mich einfach, mit Ihnen hier zusammen zu sein.

Ich freue mich natürlich auch, Herr Oberbürgermeister, dass Sie den Europatag begangen und sich noch einmal vergewissert haben, was für ein Glück es ist, dass wir in die Europäische Union eingebunden sind. Manchmal schmälern uns ja Diskussionen über die Richtlinie A, B und C die Lust an Europa ein bisschen. Aber wenn man sich in der Welt umschaut, dürfen und sollten wir nie vergessen, dass die Tatsache, dass wir seit vielen Jahrzehnten in Frieden leben, alles andere als selbstverständlich ist und dass sie ihre Grundlagen hat. Eine dieser Grundlagen ist nach meiner festen Überzeugung die Europäische Union. Selbst wenn wir uns in Europa manchmal übereinander ärgern: Das Gemeinsame, das Verbindende, die Tatsache, dass wir in Freiheit leben, Pressefreiheit haben, Meinungsfreiheit haben, Religionsfreiheit haben, uns beruflich frei betätigen können, ist ein solcher Schatz, dass wir ihn hüten, bewahren und weitergeben sollten. Sie alle tun das mit Ihrer täglichen Arbeit.

Herzlichen Dank.