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Rede von Bundeskanzlerin Merkel im Rahmen der Gedenkfeier „100 Jahre Schlacht um Verdun“ am 29. Mai 2016 vor der Nationalnekropole von Douaumont

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Sonntag, 29. Mai 2016
Ort:
Verdun

Sehr geehrter Herr Präsident, lieber François Hollande,
sehr geehrte Damen und Herren Regionalpräsidenten, Ministerpräsidenten, Eminenzen, Vertreter der jüdischen und muslimischen Gemeinden,
sehr geehrter Herr Präsident des Europäischen Parlaments,
sehr geehrter Herr Präsident der Europäischen Kommission,
sehr geehrte Damen und Herren,
nicht zuletzt auch liebe junge Gäste,

kaum älter als Sie war der französische Leutnant Alfred Joubaire, als er vor 100 Jahren unweit von hier im Schützengraben lag. Er vertraute seinem Tagebuch an, dass „nicht einmal die Hölle so furchtbar sein könne“. Diese Worte waren der Versuch, dem Grauen Ausdruck zu verleihen – der Versuch eines jungen Menschen, der eigentlich noch ein langes Leben vor sich haben sollte. Doch kurze Zeit später war Alfred Joubaire tot – eines der unfassbar vielen Opfer von Verdun.

Hinter uns befindet sich das Beinhaus mit den sterblichen Überresten von mehr als 100.000 namentlich unbekannten Soldaten. Wir sind hier umgeben von einem Gräbermeer. Noch heute finden sich im Erdreich menschliche Knochen von jungen Franzosen und Deutschen, die um ihr Leben betrogen wurden. Die gesamte Landschaft ist nach wie vor von den Kämpfen gezeichnet. Hier ist die Geschichte beklemmend nah. Verdun lässt uns nicht los. Verdun kann und darf uns nicht loslassen. Verdun steht für die Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Krieges schlechthin.

Zugleich aber ist uns Verdun ein Symbol der Sehnsucht nach Frieden, der Überwindung von Feindschaft und der deutsch-französischen Aussöhnung. Selbst inmitten der Kämpfe gab es bewegende Gesten der Menschlichkeit. Wilhelm Ritter von Schramm wurde vor Verdun Zeuge, wie deutsche und französische Soldaten einander zuwinkten und sich gegenseitig Vorräte zuwarfen – ich zitiere: „Die Franzosen waren großzügiger als wir. Vor allem haben sie uns eins herübergereicht, was für uns das Wichtigste war, Wasser. So weit ging damals die Verbrüderung, es war die erste Verbrüderung, die ich in meinem Leben erlebte, sie steht in keinem Kriegstagebuch, denn wir hüteten uns wohl, das bekannt werden zu lassen.“ Diese Begebenheit könnte uns die Absurdität des Krieges kaum anschaulicher vor Augen führen – nicht allein deshalb, weil selbst in einer Hölle wie auf den Schlachtfeldern von Verdun Menschlichkeit nie ganz ausgelöscht werden kann, sondern, weil Krieg möglich ist, auch wenn sich im Innersten der meisten Menschen eigentlich alles dagegen sträubt. Dessen sollten wir stets gewahr sein, um wachsam zu bleiben und den Anfängen zu wehren.

Nach dem Ersten Weltkrieg gab es zwar Bemühungen um eine möglichst dauerhafte friedliche Koexistenz in Europa. Aristide Briand und Gustav Stresemann, die Außenminister beider Länder, erhielten für ihr Engagement 1926 sogar den Friedensnobelpreis. Doch die Stimme der Vernunft und der Verständigung war noch zu schwach, um sich nachhaltig Gehör zu verschaffen. Wir wissen alle nur zu gut, welch dunkle Jahre schließlich folgen sollten. Das nationalsozialistische Deutschland brachte Europa unsägliches Leid.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust kam es einem Wunder gleich, dass sich mit dem Élysée-Vertrag von 1963 das Tor zu Annäherung und Aussöhnung öffnete. Das Band des Vertrauens, das Staatspräsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer geknüpft haben, ist uns ein Erbe, das kaum wertvoller sein könnte. Über zwei Jahrzehnte später standen Staatspräsident François Mitterrand und Bundeskanzler Helmut Kohl Hand in Hand vor den Gräbern in Verdun. Diese Geste sagte mehr als jedes Wort. Sie war und ist Ausdruck tief empfundener Zusammengehörigkeit.

So gedenken wir auch heute gemeinsam der vielen Toten von Verdun. Sie alle sind gleichermaßen Opfer geworden: von Engstirnigkeit und Nationalismus, von Verblendung und politischem Versagen. Wir bewahren den Opfern vor allem dann ein ehrendes Gedenken, wenn wir uns die Lehren, die Europa aus den Katastrophen des 20. Jahrhunderts gezogen hat, immer wieder bewusst machen. Das sind die Fähigkeit und die Bereitschaft, zu erkennen, wie lebensnotwendig es ist, uns nicht abzuschotten, sondern offen füreinander zu sein.

Natürlich mag es manchmal auch Kraft kosten, aufeinander zuzugehen und sich in die Sichtweisen anderer hineinzudenken. Aber nur wer sich aufeinander einlässt, kann voneinander lernen und voneinander profitieren. Das ist es, was ein erfolgreiches Europa ausmacht. Das spüren wir gerade in dieser Zeit, in der wir auch Schwächen unserer Gemeinschaft erfahren müssen. Und dennoch: Gemeinsame Herausforderungen des 21. Jahrhunderts lassen sich nur gemeinsam bewältigen.

Mit der Einigung Europas haben wir die Gräben der Feindschaft hinter uns gelassen. Wir haben Frieden und Wohlstand gewonnen. Wir haben manche Krise gemeistert, in der wir um das Einheitswerk fürchteten, dem wir so viele Errungenschaften zu verdanken haben. Präsident François Hollande hat kürzlich nach dem deutsch-französischen Ministerrat gesagt: „Wir haben es immer geschafft, die Hindernisse zu überwinden.“ Genau dies lässt uns auch heute trotz aller Mühen und mancher Rückschläge zuversichtlich nach vorne blicken.

In der Europäischen Union werden wir auch künftig immer wieder unterschiedliche Auffassungen in bestimmten Fragen haben. Das liegt in der Natur der Sache. Aber ein Gewinn für uns alle wird das, wenn wir am Ende immer wieder auch unsere Fähigkeit zum Kompromiss, zur Einigung beweisen. Rein nationalstaatliches Denken und Handeln hingegen würde uns zurückwerfen. So könnten wir unsere Werte und Interessen weder nach innen noch nach außen erfolgreich behaupten. Das gilt für die Bewältigung der europäischen Staatsschuldenkrise oder den Umgang mit den vielen Menschen, die bei uns Zuflucht suchen, wie auch für alle anderen großen Herausforderungen unserer Zeit.

Unser gemeinsames Bekenntnis zu den grundlegenden Werten Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit muss täglich unter Beweis gestellt werden – Werte, für deren Bewahrung Frankreich und Deutschland inmitten Europas eine besondere Verantwortung tragen. Französische und deutsche Soldaten stehen in der NATO Seite an Seite. Sie sind auch gemeinsam im Einsatz – in Mali, im Mittelmeer oder im Rahmen der internationalen Koalition, die gegen die Terrororganisation IS kämpft. Die deutsch-französische Brigade, die auch diese Gedenkfeier begleitet, verkörpert unsere enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit.

Meine Damen und Herren, in der Schlacht von Verdun schien es, als würde das Herz Europas aufhören zu schlagen. Aber geht uns heute nicht das Herz auf, wenn wir sehen, wie sich hier, auf dem ehemaligen Schlachtfeld, gerade auch viele junge Frauen und Männer aus Frankreich und Deutschland zusammenfinden und der überwundenen Feindschaft die heutige Freundschaft unserer Länder entgegensetzen? Dies ist ein Ort des Gedenkens und zugleich ein Ort der Hoffnung auf eine gute gemeinsame Zukunft.

Lieber François Hollande, von Herzen danke ich für die Einladung zu diesem gemeinsamen Gedenken. Die Bereitschaft der Französischen Republik zum gemeinsamen Innehalten an diesem geschichts- und symbolträchtigen Ort ist eine Geste, die uns in Deutschland tief berührt. Drei Flaggen wehen nun an diesem Ort: die französische Trikolore, das deutsche Schwarz-Rot-Gold und die gemeinsame Europaflagge. Uns trennen keine Gräben mehr. Als Freunde gedenken wir gemeinsam der Vergangenheit und gestalten miteinander unsere Zukunft. Denn wir sind zu unserem Glück vereint. Möge es so bleiben.

Herzlichen Dank.

Sonntag, 29. Mai 2016