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Rede von Bundeskanzlerin Merkel beim Unternehmertag des Bundesverbands Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen e.V.

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Montag, 15. Oktober 2018
Ort:
Berlin

Meine Damen und Herren,

sehr geehrter Herr Bingmann,

erst einmal herzlichen Dank für die Einladung. Zum Zweiten: Herzlichen Glückwunsch zu dem ja schon beängstigend einmütigen Wahlergebnis und alles Gute nun für die erste ganze Amtszeit als Präsident des Bundesverbands Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen.

Ihre heutige Tagung findet in einem Umfeld statt, in dem wir auf sehr gute Wirtschaftsdaten und eine sehr gute Beschäftigungslage verweisen können. Das gilt für alle Teile der Bundesrepublik, ganz besonders auch für das Bundesland Bayern. Gestatten Sie mir eine Bemerkung zum gestrigen Wahltag dort. Er hat nämlich gezeigt, dass selbst beste Wirtschaftsdaten und eine Beinahe-Vollbeschäftigung in fast allen Teilen Bayerns für die Menschen noch nicht ausreichen, wenn etwas nicht da ist, das aber sehr wichtig ist: nämlich Vertrauen – Vertrauen in die politischen Akteure.

Im Rückblick auf die Regierungsbildung und die letzten zwölf Monate müssen wir feststellen, dass viel Vertrauen verloren gegangen ist. Das gilt auch für die Unionsparteien, von denen man erwartet, dass sie gemeinsam agieren. Es ist der Großen Koalition bislang nicht gelungen, das, was sie getan hat, wirklich deutlich zu machen. Deshalb ist meine Lehre aus dem gestrigen Tag, dass ich auch als Bundeskanzlerin dieser Großen Koalition stärker dafür Sorge tragen muss, dass Vertrauen da ist und die Resultate unserer Arbeit sichtbarer werden. Das werde ich mit allem Nachdruck tun.

Der heutige Tag ist im Übrigen ein sehr guter Tag, um über Vertrauen zu sprechen. Denn heute vor zehn Jahren, am 15. Oktober 2008, rutschte der Dow-Jones-Aktienindex so stark ab, wie seit dem sogenannten Schwarzen Montag im Jahr 1987 nicht mehr. Der Deutsche Aktienindex schwenkte auch ins Minus. Im Bundestag wurde an jenem Tag intensiv über das Finanzmarktstabilisierungsgesetz diskutiert. Ich habe damals deutlich gemacht, dass die vorgesehenen Maßnahmen – außerordentliche, aber unglaublich wichtige Maßnahmen – nicht dazu dienten, einzelnen Finanzinstituten zu helfen, sondern dass es uns um den Schutz unserer gesamten Wirtschaft und den Schutz der Bürgerinnen und Bürger ging, auf den sie ein Anrecht haben. Es war damals eine gewaltige Rettungsoperation, die notwendig war.

Beim Europäischen Rat, nur wenige Stunden später am selben Tag, standen dann auch Fragen wie diese im Mittelpunkt: Wie lassen sich die Kapitalmärkte und die Wirtschaft insgesamt stabilisieren? Wie können wir möglichst viele Arbeitsplätze sichern? Wie schützen wir die Sparer? Das war eine einzigartige Bewährungsprobe für uns in Deutschland, für Europa und weltweit. Daher hat erstmals ein G20-Treffen auch auf der Ebene der Staats- und Regierungschefs stattgefunden. Bis dahin gab es diese Treffen nur auf der Ebene der Finanzminister. Wir haben uns damals vorgenommen, dass wir nie wieder in eine Lage kommen, in der sozusagen Risiken in einzelnen Ländern letztlich die globale Wirtschaft in Turbulenzen bringen können.

Wir haben eine Menge gelernt. Ich hoffe, dass wir auch genug gelernt haben. Vor allen Dingen ist eine dieser Lehren gewesen, dass nationale Alleingänge uns nicht weiterhelfen. Nur durch gemeinsames und aufeinander abgestimmtes Handeln – global, europäisch und national – haben wir überhaupt den Weg aus der Krise gefunden. Ich sage das, weil mit einem Abstand von zehn Jahren die Gefahr zu wachsen droht, dass man diese Lehren wieder vergisst. Heute zeichnen sich auch wieder außenwirtschaftliche Turbulenzen ab. Zwar wurde eine ganze Reihe neuer Handelsabkommen geschlossen. Und ich freue mich, dass Sie es genauso sehen wie wir, dass das wichtig und richtig war, obwohl dem ja auch teils dramatische gesellschaftliche Diskussionen vorangingen. Aber wir sehen, dass der protektionistische Gedanke eine Renaissance erlebt. Dass gerade auch die Vereinigten Staaten von Amerika, ein globaler Wirtschaftsakteur, an verschiedenen Stellen den Multilateralismus infrage stellen, ist durchaus ein Punkt großer Sorge aus politischer Sicht und, wie ich glaube, auch aus Ihrer Perspektive in der Wirtschaft.

Denken wir an den Handelsstreit zwischen den USA und China, den beiden größten Volkswirtschaften. Aus diesem Streit können auch wir Deutsche uns nicht heraushalten, weil wir miteinander vernetzt sind. Wir sind eben keine unbeteiligten Dritten. Denn über internationale Wertschöpfungsketten – das zeigt sich immer mehr – sind wir so eng miteinander verbunden, dass, wenn an einer Stelle Vertrauen fehlt oder infrage gestellt wird, sich dies auch an allen anderen Stellen zeigen kann.

Wir werden zudem – das wurde von Ihnen eben auch schon erwähnt, Herr Bingmann – innerhalb der Europäischen Union ein großes, wichtiges Mitgliedsland verlieren. Dass ich das bedauere und dass Sie alle hier in diesem Raum das bedauern, ist klar. Aber wir müssen damit umgehen.

Es gibt also einige Unsicherheitsfaktoren, die für den Welthandel und die Weltwirtschaft von Bedeutung sind. Gewisse Ausläufer spüren wir ja auch schon bei uns. Unser Land ist so stark in die internationale Wirtschaft eingebunden, dass wir natürlich besonders sensibilisiert hinschauen. Die Außenhandelsquote bei uns ist hoch. Exporte und Importe von Waren und Dienstleistungen zusammen beliefen sich 2017 auf fast 87 Prozent unseres Bruttoinlandsprodukts. Das heißt, dass wir viele politische Diskussionen über Verteilung nicht zu führen brauchen, wenn sich an dieser Stelle Unsicherheiten ergeben. Das heißt, dass die Außenwirtschaft für Wachstum, Beschäftigung und soziale Sicherheit – kurz: für den Wohlstand in unserem Land – außerordentlich bedeutsam ist.

Deshalb versteht es sich von selbst, dass wir nicht nachlassen dürfen, uns immer wieder für einen Abbau von Handelsbarrieren stark zu machen und immer wieder dafür einzutreten, friedliche Lösungen und Verhandlungslösungen für Konflikte zu finden und natürlich auch die Welthandelsorganisation zu stärken. Denn das ist im Grunde das Fundament, auf dem wir arbeiten. Bilaterale Handelsabkommen sind notwendig, sie sind ergänzend, aber eigentlich sind sie nur Ausdruck der Tatsache, dass wir in den multilateralen Handelsbeziehungen nicht so richtig weitergekommen sind. Das WTO-System muss also weiterentwickelt werden. Wir wollen den multilateralen Ansatz stärken. Eigentlich ist es ein wenig traurig, dass man das betonen muss. Aber ich freue mich, dass wir dabei am gleichen Strick ziehen – und dann auch noch in die gleiche Richtung. Das ist ja nicht immer der Fall.

Sie haben selbst davon gesprochen, wie es mit dem Vertrauen ist. Auch das ist natürlich wichtig mit Blick auf einige Wirtschaftszweige. Damals waren es die Banken. Und man muss sagen, dass verlorengegangenes Vertrauen in den vergangenen zehn Jahren nicht im selben Maße wieder zurückgekehrt ist. Was wir in den vergangenen Wochen, Monaten und Jahren mit der Automobilindustrie erlebt haben, hat auch viel Vertrauen zerstört. Deshalb meine herzliche Bitte gerade auch an die vielen mittelständischen Unternehmen: Seien Sie das, was man unter der Philosophie des ehrbaren Kaufmanns versteht; leben Sie das, was man unter Sozialer Marktwirtschaft versteht. Das ist so unendlich wichtig für die Akzeptanz der Wirtschaft in unserem Land. Aber es ist viel, viel mehr: Wenn man über gesellschaftlichen Zusammenhalt spricht, dann erwartet man einfach, dass nicht betrogen wird, sondern dass Vertrauen geschaffen wird.

Ich habe von dem G20-Format gesprochen, das es seit 2008 gibt. Der nächste G20-Gipfel wird in Buenos Aires stattfinden. Ich hoffe, dass wir dort ein Signal – jedenfalls arbeiten wir dafür – für eine Modernisierung und Weiterentwicklung der Welthandelsorganisation setzen können. Denn angesichts der dramatischen Weiterentwicklung der Wirtschaft mit Blick auf die Digitalisierung brauchen wir ja auch in diesen Bereichen ein – wie man so schön sagt – „level playing field“, das aber bei einem Stillstand in einer solchen multilateralen Organisation nie geschaffen werden würde, was dann große Gefahren von Verzerrungen im internationalen Handel mit sich bringen würde.

Wir denken natürlich weiter. Wir wissen, dass wir international und multilateral nicht immer so, wie gewünscht, vorangekommen sind. Deshalb haben wir uns sehr für CETA eingesetzt. Das ist jetzt unter Dach und Fach – mehr oder weniger; es wird vorläufig angewandt. Und ich hoffe, die Ratifizierung gelingt. Das Handelsabkommen mit Japan ist unterzeichnet. Es laufen Verhandlungen mit Australien. Das alles sind gute Punkte, aber wir sehen auch, wie schwierig Fortschritte sind – zum Beispiel mit Blick auf Mercosur. Wir haben da also noch sehr viel zu tun.

Wir haben uns auch immer wieder dafür eingesetzt, dass es Gespräche zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten von Amerika gibt. Diese finden zurzeit zum Glück statt. Und ich hoffe, dass sie auch erfolgreich sein werden. Zusätzlich haben wir seitens der Bundesregierung – auch stark vorangebracht durch das Kanzleramt – einen bilateralen Wirtschaftsdialog mit den Vereinigten Staaten von Amerika aufgenommen, weil wir im Handel ja in besonderer Weise exponiert sind. Wir wollen deutlich machen, dass wir ein fairer und offener Handelspartner sind und auch alles tun werden, um dem amerikanischen Mittelstand vielleicht noch mehr Zugang zu unseren Märkten zu geben. Ich bin mir im Übrigen nicht ganz sicher, ob alles, was wir an Freiheit und Offenheit im Handel haben, schon überall auf der Welt bekannt ist.

Nach den Krisenjahren zeigt sich auch, wie wichtig es ist, dass wir in der Europäischen Union ein gemeinsames Vorgehen haben. Zum Beispiel werden die Mandate für die Handelsabkommen immer von der Europäischen Kommission nach Rücksprache mit den Mitgliedstaaten vertreten. Das heißt, man kann Europa nicht auseinanderbrechen. Das ist gerade auch mit Blick auf die Stabilität unserer gemeinsamen Währung, des Euro, sehr wichtig. Wir haben aber auch noch eine große Aufgabe vor uns, nämlich diese Währungsunion weiterzuentwickeln, um sie stabiler und fester zu machen.

Nach den Jahren, in denen wir für einige Mitgliedstaaten des Euroraums sehr harte Programme hatten, kann man sagen, dass diese Programme im Grundsatz sehr erfolgreich waren. Irland steht heute sehr gut da. Spanien steht nach seinem Bankenprogramm sehr gut da. In Portugal läuft die Wirtschaft besser. Und auch in Griechenland haben wir – auch wenn dort sicherlich noch ein langer Weg zu gehen ist – Stabilität wiederhergestellt. Es zeigt sich, dass es gut war, auf die Einhaltung des Stabilitäts- und Wachstumspakts zu setzen und notwendige Reformen in diesen Ländern durchzuführen.

Das ist auch deshalb so wichtig, weil wir eine Situation haben, in der sich die Art des Wirtschaftens durch die Digitalisierung dramatisch weiterentwickelt. Ich werde nicht müde, immer wieder darauf hinzuweisen, dass es für uns darauf ankommt, die digitale Zukunft mitzugestalten. Da heißt es, die digitale Infrastruktur auszubauen – ein Sorgenpunkt von vielen von Ihnen. Da sind wir jetzt aber sehr entschieden dabei. Da heißt es, mehr Investitionen in Forschung und Entwicklung zu tätigen, gerade auch im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Wir werden im November eine Digitalklausur der Bundesregierung haben, auf der wir auch eine Strategie für die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz vorstellen werden.

Wir wissen natürlich, dass sich auch die Arbeitswelt durch Digitalisierung dramatisch verändert. Das heißt, wir werden auch die Auswirkungen auf unser Ausbildungs- und Bildungssystem weiter im Blick haben. Wir haben jetzt schon festgelegt, dass jeder Arbeitnehmer Zugang zu einer Beratung bei der Bundesagentur für Arbeit zur Frage hat, was Digitalisierung für das jeweilige Arbeitsumfeld bedeutet. Es wird auch Zuschüsse geben. Das ist sozusagen ein Paradigmenwechsel für Unternehmen, wenn sie ihre Mitarbeiterschaft mit Blick auf Digitalisierung fortbilden; denn dafür werden sie Zuschüsse bekommen können. Wir wollen also nicht erst warten, bis Arbeitslosigkeit entsteht, sondern wir wollen präventiv handeln. Ich hoffe, dass das von den Unternehmen auch wahrgenommen wird.

Wir müssen die Wirtschafts- und Währungsunion weiterentwickeln. Wir können bei dem jetzigen Zustand nicht stehenbleiben. Hier will ich vor allen Dingen die Bankenunion nennen. Diese ist in Deutschland mit zum Teil sehr kontroversen Debatten verbunden. Natürlich müssen wir erst eine Risikoreduzierung haben, bevor wir dann in eine Bankenunion einsteigen. Aber dass eine Währungsunion auch durch eine Bankenunion untermauert sein muss, genauso wie durch eine Kapitalmarktunion, versteht sich eigentlich von selbst. Was die Kapitalmarktunion anbelangt, so bin ich manchmal ein bisschen erschrocken, muss ich ganz ehrlich sagen, weil viele sagen: Ach, wir brauchen doch eigentlich gar keine Zugangsmöglichkeit zu Krediten in anderen Ländern; das können wir doch bei uns zu Hause regeln. Ich glaube aber, eine Währungsunion wird auf Dauer nur dann Akzeptanz finden, wenn man auch da ein Wettbewerbsfeld und Zugangsmöglichkeiten zu verschiedenen Kapitalmärkten hat.

Wir wollen einen Europäischen Währungsfonds entwickeln, um den Euroraum besser für Notfälle zu rüsten. Außerdem müssen wir – das ist uns auf deutscher Seite immer sehr wichtig – innerhalb der Europäischen Union stärker am Thema Wettbewerbsfähigkeit arbeiten; und zwar nicht so, dass wir uns irgendwo in der Mitte treffen, sondern so, dass wir uns wirklich mit den Ambitioniertesten auf der Welt messen. Natürlich ist eine Unternehmensteuerreform wie die in den Vereinigten Staaten von Amerika nichts, das wir einfach ignorieren könnten. Vielmehr sehen wir natürlich, dass dort verstärkt Investitionen stattfinden. Das fordert uns heraus. Deshalb haben wir mit Frankreich eine gemeinsame Bemessungsgrundlage für das Unternehmensteuersystem entwickelt. Und wir werden versuchen, daran anknüpfend dann auch mit Blick auf die ganze Europäische Union Schritt für Schritt voranzugehen.

Nächstes Thema: Großbritannien. Ich hatte das schon erwähnt. Wir werden uns in dieser Woche beim Europäischen Rat noch einmal damit beschäftigen. Wir werden sozusagen zwei Abkommen haben: ein Austrittsabkommen und ein Abkommen über die zukünftigen Beziehungen der Europäischen Union zu Großbritannien. Wir waren eigentlich sehr hoffnungsfroh, dass uns der Abschluss eines Austrittsabkommens bald gelingen könnte. Im Augenblick sieht es eher wieder etwas schwieriger aus, weil sich im Grunde die Probleme immer an der Irland-Frage – Republik Irland und Nordirland – treffen. Wir alle wollen, dass das sogenannte Good Friday Agreement, also das Leben ohne Grenzkontrollen zwischen den beiden irischen Entitäten, auch in Zukunft erhalten bleibt.

Dann stellen sich verschiedene Fragen – zum Beispiel: Wie sieht es mit dem Binnenmarkt aus? Wie können wir das vernünftig regeln? Ich bin sehr froh, Herr Bingmann, dass Sie gesagt haben: Wir wollen ein geordnetes Verlassen der EU durch Großbritannien, aber nicht um jeden Preis. Wir dürfen uns unseren Binnenmarkt, der wirklich ein Wettbewerbsvorteil ist, durch einen Austritt nicht zerstören lassen. Das erfordert sehr viel Fingerspitzengefühl. Und wenn es in dieser Woche nichts wird, dann müssen wir eben weiterverhandeln; das ist klar. Aber die Zeit drängt. Denn der Austritt soll ja am 31. März 2019 stattfinden.

Was die zukünftigen Beziehungen anbelangt, so wollen wir natürlich so eng wie möglich zusammenarbeiten. Wir müssen aber auf die Vorgaben Großbritanniens schauen – darauf, wie Großbritannien sich das vorstellt. Eines ist für mich sicher: Wir wollen die Fragen der wirtschaftlichen Verflechtungen möglichst unbürokratisch lösen und enge Beziehungen erhalten, wo immer das möglich ist. Wir werden auch in Bereichen wie der Außenpolitik, der Verteidigungspolitik, der inneren Sicherheit und der Terrorismusbekämpfung alles daransetzen, sehr, sehr eng miteinander verbunden zu bleiben. Premierministerin Theresa May sagte richtigerweise: „Wir bleiben Europäer, auch wenn wir die Europäische Union verlassen.“ Wir haben eben auch gemeinsame europäische strategische Interessen, die wir natürlich auch weiterverfolgen wollen.

Wir haben also 90 Prozent des Austrittsabkommens fertiggestellt, aber nur bei 100 Prozent ist es ein schönes Abkommen; und deshalb ist noch Arbeit zu leisten.

Wir Deutsche haben natürlich auch ein großes Interesse an weiterhin guten Beziehungen. Großbritannien ist weltweit unser fünfgrößter Handelspartner. Das Handelsvolumen belief sich 2017 auf weit über 121 Milliarden Euro. Das ist ein Riesenbatzen. Deshalb müssen wir einerseits sagen: Wer nicht EU-Mitglied ist, kann nicht Teil des Binnenmarkts sein; das kann nicht die gleichen Vorteile und die gleichen Rechte mit sich bringen. Aber auf der anderen Seite wollen wir eben auch möglichst unbürokratische Beziehungen. Deshalb müssen wir uns im Augenblick neben einem geordneten Austritt leider noch auf verschiedenste Szenarien vorbereiten. Wir dürfen den Kopf nicht in den Sand stecken und sagen, es wird schon werden. Vielmehr müssen wir uns auch mit Alternativen beschäftigen.

Europa hat sehr starke Wirtschaftsbeziehungen auch in den asiatischen Raum entwickelt; das wissen Sie alle. Aber ich möchte die Gelegenheit nutzen, um den Fokus nochmals auf einen anderen Kontinent zu legen, nämlich auf Afrika, weil ich glaube, dass da im Außenhandel noch eine ganze Menge zu tun und zu entwickeln ist. Wir sind ein Land mit über 80 Millionen Menschen. Afrika hat weit mehr als eine Milliarde Einwohner. 2050 wird Afrika voraussichtlich zwei Milliarden Einwohner haben. Afrika wird zu großen Teilen eine sehr dynamische Entwicklung durchlaufen. Ich bin fest davon überzeugt: Wer sich heute für Afrika interessiert, wer heute Partnerschaften in Afrika entwickelt, der kann morgen einen großen Vorteil haben. Wir sehen, mit welcher strategischen Akribie sich China um Afrika kümmert. Wir sehen, mit welcher Akribie sich auch die Türkei kümmert. Deshalb steht es uns Europäern, gerade auch Deutschland, gut an, noch etwas weiter voranzugehen.

Wir hatten während unserer G20-Präsidentschaft im letzten Jahr einen sogenannten „Compact with Africa“ entwickelt, der jetzt auch von der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds betreut wird. Der Compact with Africa – darauf hatte Wolfgang Schäuble als Finanzminister geachtet – hat die Philosophie: Je transparenter die Strukturen sind, je transparenter die Vorgehensweisen gerade auch mit Blick auf die Budgets und auf die Kapitalmärkte in den afrikanischen Ländern sind, umso besser sollen die Investitionsbedingungen sein. Das heißt, wir haben bezüglich einiger afrikanischer Länder, die bei diesem Compact mitmachen, zum Beispiel Ghana, sozusagen schon die Risikostufe abgesenkt und gesagt: Hier gibt es so viel Transparenz, wofür diese Länder auch belohnt werden sollen. Das bedeutet dann eben auch, dass die Wirtschaft bessere Absicherungen und gegebenenfalls Bürgschaften hat. Was wir allerdings nicht tun können, ist, jedes Afrika-Geschäft zu 100 Prozent bürgschaftlich abzusichern. Das wäre schön, aber das wird es natürlich nicht geben. Das unternehmerische Risiko wird bestehen bleiben. Aber auf jeden Fall wäre es schön, wenn auch Sie sich engagieren würden.

Es werden Ende Oktober zehn Präsidenten aus Afrika nach Deutschland kommen. Wir versuchen auch zusammen mit dem Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft und den Entwicklungsbanken vernünftige Investitionsprojekte vorzubereiten, sodass diese Länder sehen: Gute Regierungsführung erhöht auch die Chancen auf Investitionen. Investitionen sind notwendig, auch weil eines ganz klar ist: Wir werden Afrika mit reiner Entwicklungshilfe nicht entwickeln können. Entwicklung im Sinne von Wohlstand findet nur statt, wenn es auch privatwirtschaftliches Engagement gibt. Wir sehen, dass die Menschen, die Entwicklungschancen haben, dann auch in ihren Ländern bleiben. Diejenigen, die zwar noch irgendwo eine gute Ausbildung erhalten, vielleicht über die Entwicklungshilfe, aber anschließend sehen, dass sie in ihrem eigenen Land keinerlei privatwirtschaftliche Resonanz finden, sagen: Jetzt wissen wir, wie schön es sein könnte; also müssen wir uns lieber auf den Weg machen. Insofern gilt es, die wirtschaftliche Dynamik besser in Gang zu bringen. Und wenn sich der Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen daran beteiligt, dann wären wir an dieser Stelle sehr, sehr dankbar.

In diesem Zusammenhang will ich auch darauf aufmerksam machen, dass wir Eckpunkte für ein Fachkräfte-Zuwanderungsgesetz beschlossen haben und dass ich weiß, dass das Thema Fachkräfte zurzeit das vielleicht brennendste auf dem deutschen Arbeitsmarkt ist. Unser Ziel muss eben sein, Fachkräfte zu gewinnen, die uns helfen, unsere Engpässe zu beseitigen. Es muss aber auch zu legalen Formen des Austauschs kommen. Wir dürfen es nicht Schleppern und Schleusern überlassen, wer nach Europa kommt, sondern das muss geordnet sein. Es gibt humanitäre Gründe; und diese müssen deutlich von denen des Fachkräftebedarfs unterschieden werden. Aber an dieser Stelle müssen wir sowohl unser Außenbild verbessern als auch schneller und besser werden. Ich glaube, damit setzen wir sehr gute Eckpunkte. Die politische Sorge aber, die wir auch haben, ist: Was passiert in einer konjunkturellen Flaute? Haben wir dann sozusagen die Sozialsysteme, die stärker belastet werden können? Deshalb muss man hier eine vernünftige Balance finden. Aber ich glaube, das haben wir auch geschafft.

Meine Damen und Herren, das sind Punkte, mit denen wir uns beschäftigen. Wir ziehen, wie gesagt, am gleichen Strang in die gleiche Richtung, wenn es darum geht, Ihnen ein vernünftiges internationales Umfeld zu schaffen. Aber ich habe hier schon in Jahren gestanden, in denen das hoffnungsvoller erschien, in denen die Weltlage sehr viel stärker auf Multilateralismus ausgerichtet zu sein schien. Ich bin trotzdem der festen Überzeugung: Es lohnt sich für uns in Deutschland, Vorkämpfer für Multilateralismus zu sein. Und das mit Ihnen gemeinsam zu sein, macht Spaß. Danke schön.

Montag, 15. Oktober 2018