Navigation und Service

Inhalt

Rede von Bundeskanzlerin Merkel beim Jahresessen des Industrie-Club Düsseldorf e.V. am 4. November 2015

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Mittwoch, 04. November 2015
Ort:
Düsseldorf

Sehr geehrter Herr Scheele,
sehr geehrter Herr Grillo,
meine Damen und Herren,

ich möchte mich für die Einladung bedanken und bin ihr sehr gerne gefolgt. So gut gemeint die Bemerkung, dass man mich vielleicht vor zusätzlichen Belastungen hätte verschonen sollen, auch gewesen sein mag – wie das bei mir angekommen wäre, weiß ich nicht. Ich bin jedenfalls doch sehr dankbar dafür, dass ich heute hier sein kann.

Der Industrie-Club Düsseldorf ist eine Institution. Er besteht seit über 100 Jahren. Das vielleicht Bemerkenswerteste ist, dass er in der Region fest verwurzelt ist und seit jeher herausragende Persönlichkeiten unter seinem Dach vereint. Ich bedanke mich bei all denen, die heute hier sind; das ist schon eine beeindruckende Kraft, die sich hier versammelt hat.

Sie haben sich über die Jahre den Themen gewidmet, die die jüngere Geschichte unseres Landes widerspiegeln: der Erste Weltkrieg, die Weltwirtschaftskrise, der Zweite Weltkrieg, der Wiederaufbau, der industrielle Strukturwandel. Allein anhand dieser kurzen Aufzählung zeigt es sich schon, wie bewegt Geschichte ist und wie dankbar wir eigentlich sein können, in einer Zeit zu leben, in der die Geschichte Deutschlands auch ihr gutes Gesicht zeigt.

Wir wissen aber, dass jede Zeit ihre Bewährungsproben bereithält – natürlich auch unsere Zeit. Herr Scheele hat schon sehr ausführlich auf die Bewährungsprobe hingewiesen, die uns seit Wochen und Monaten – im Grunde schon länger, als wir es vielleicht wahrgenommen haben – beschäftigt, nämlich dass es viele, viele Menschen gibt, die ihre Heimat verlassen, um Krieg, Verfolgung und Armut hinter sich zu lassen. Es sind weltweit so viele Menschen auf der Flucht wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr.

Einige der Konflikte finden auch vor der Haustür Europas statt. Der Krieg in Syrien, der Terror des Islamischen Staates, die desolate Situation in Libyen – das alles schien bis vor kurzem für uns in Deutschland weit weg zu sein. Wir haben das im Fernsehen beobachtet; und es hat uns natürlich auch bekümmert, dass 100.000, 200.000, 250.000, inzwischen über 300.000 Menschen in Syrien gestorben sind. Aber wir haben die Folgen nicht direkt gespürt.

Um Krisen erfolgreich zu bewältigen, muss man an ihren Ursachen ansetzen. Deshalb glaube ich, dass es angesichts der vielen, vielen Menschen, die zu uns kommen, ganz wichtig ist, dass wir auch hier bei den Ursachen ansetzen. Das Problem der vielen Flüchtlinge wird mit Sicherheit nicht an der deutsch-österreichischen Grenze geklärt. Die Ursachen liegen vielmehr woanders. Die Ursachen liegen in den Herkunftsländern – ich habe über Syrien gesprochen; ich könnte über den Islamischen Staat im Irak sprechen – und sie liegen in den Nachbarländern der Herkunftsländer.

Wir haben gesehen, dass sich die Situation der Flüchtlinge zum Beispiel im Libanon dramatisch verschlechtert hat. Libanon hat weniger Einwohner als Hessen, knapp fünf Millionen, und beherbergt 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge. Auch Jordanien beherbergt eine sehr große Zahl an Flüchtlingen. Der Unterricht in den Schulen findet dort auch nachmittags im Zwei- und Mehrschichtsystem statt. Es war ein Versagen der internationalen Staatengemeinschaft, dass die internationalen UN-Programme – Welternährungsprogramm, UNHCR – nicht ausreichend finanziert waren. Wir haben das jetzt nachgeholt. Dass die Lebensmittelration für eine Person im Libanon und in Jordanien von 27 US-Dollar pro Monat auf 13 US-Dollar pro Monat gekürzt werden musste, ist sicherlich auch eine der Fluchtursachen.

Auch in der Türkei, die jetzt schon jahrelang über zwei Millionen Flüchtlinge beherbergt, ist die Situation für die Flüchtlinge nicht leicht. Sie werden dort als Gäste bezeichnet. Die Türkei hat die Genfer Flüchtlingskonvention nur bezüglich europäischer Staaten unterschrieben, nicht aber bezüglich nichteuropäischer Staaten. Die Syrer sind dort willkommen, aber sie haben keinen Zugang zum Arbeitsmarkt und auch zu anderen Dingen nicht. Insofern ist die Situation auch dort sehr schwierig, zumal es mittelgroße türkische Städte gibt, in denen mehr syrische Flüchtlinge als Einwohner sind. Das hat natürlich auch zu Entwicklungen geführt, die den Druck auf uns verstärkt haben – zumal auch deshalb, weil dann noch der Islamische Staat auftrat. Die Hoffnung für viele Syrer, schnell in ihre Heimat zurückzukommen, ist sozusagen immer mehr geschwunden. Die Ersparnisse waren aufgebraucht. So hat sich ein Druck aufgebaut, der das Entstehen der Flüchtlingsströme unterstützt hat.

Jetzt ist die Frage: Wie gehen wir mit solchen Herausforderungen um? Ich habe nicht von ungefähr zuerst von den Fluchtursachen gesprochen. Wir müssen bei den Ursachen ansetzen, um die Ströme zu ordnen, zu steuern. Wir müssen die Ursachen bekämpfen, um in der Folge auch die Zahl der Flüchtlinge, die zu uns kommen, zu reduzieren. Das ist die Aufgabe, an der wir arbeiten. Ich glaube allerdings, es wird nicht so sein, dass wir dann gar keine Flüchtlinge mehr haben.

Ich finde es aber eigentlich auch unerträglich, dass das schmale Meer zwischen Griechenland und der Türkei – immerhin zwei NATO-Mitgliedstaaten – im Augenblick von Schleppern beherrscht wird und die Legalität dort keine gute Chance hat. Das heißt, wir müssen legalisieren. Dem dient zum Beispiel unser EU-Türkei-Migrationsdialog. Und wir müssen auch die Lasten teilen – finanziell; vielleicht auch mit bestimmten legalen Kontingenten an Flüchtlingen. Dazu müssen wir Gespräche führen über Erwartungen der Türkei hinsichtlich der Nachbarschaft mit der Europäischen Union und uns offen austauschen zum Beispiel über die Frage: Wie kann man wieder einen Versöhnungsprozess mit den Kurden einleiten? Denn die Zahl der Konflikte in der Türkei und um die Türkei herum ist groß. Allein die Herausforderung, die sich durch den Islamischen Staat stellt, ist eine große.

Wir haben jetzt die Aufgabe, die bei uns ankommenden Flüchtlinge willkommen zu heißen und das Notwendige zu tun. Ich weiß, dass sich viele Menschen engagieren. Und das zu wissen, ist eine große Freude. Ich weiß aber auch, dass es eine riesige Aufgabe ist, dass mancher bis an den Rand seiner Kräfte gehen muss bzw. mancher vielleicht auch über sich hinauswachsen muss, um diese Arbeit zu leisten, und dass die Frage, wohin das noch führt, natürlich im Raum steht. Trotzdem müssen wir auch in einer solchen Situation wieder auf die Frage zurückkommen: Wie und wo können wir dieses Problem lösen?

Was gilt für uns? Für uns gilt, dass wir natürlich bezüglich unserer Werte herausgefordert sind. In Artikel 1 unseres Grundgesetzes steht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Das leitet uns in Deutschland. Aber der Inhalt dieses Artikels 1 gilt natürlich nicht nur für Deutsche, sondern er gilt auch in Europa. Wir haben eine Grundrechtecharta in Europa. Nach unserem Verständnis hat jeder Mensch seine Würde, die geschützt werden muss. Das macht ja auch unsere Außenpolitik und unsere Entwicklungspolitik aus.

Vor diesem Hintergrund heißt es jetzt: Wie gehen wir damit um, dass so viele Flüchtlinge zu uns kommen? Ich finde, das Allerwichtigste ist, dass wir sie – auch wenn es noch so viele sind – niemals als Masse, als große Menge bezeichnen, sondern dass wir in jedem Einzelnen eine eigene Person sehen. Das mag angesichts der vielen manchmal nicht einfach sein, aber jeder Mensch muss würdig behandelt werden, egal – damit bin ich bei meinem zweiten Punkt – ob er eine Bleibeperspektive hat oder nicht.

Wir sind dazu verpflichtet, Menschen, die vor Krieg, vor Verfolgung, vor Terror fliehen, Schutz zu gewähren. Wenn wir das schaffen wollen, bedeutet das, dass wir denen, die aus wirtschaftlichen Gründen kommen, sagen müssen: Ihr müsst wieder nach Hause zurückkehren. Die Entscheidung darüber findet in einem rechtsstaatlichen Prozess statt. Was die Menschen in Deutschland mit Recht erwarten, ist: Wenn unsere rechtsstaatlichen Prozesse gut ausgebildet sind, wenn sie fair sind, wenn sie gerecht sind, wenn man gegen sie Widerspruch einlegen kann und dann die Sache noch einmal betrachtet wird, dann muss der Rechtsstaat zum einen denen, die Schutz brauchen, Schutz gewähren; er muss zum anderen aber auch denen, die keinen Schutz brauchen, verdeutlichen, dass sie zurück nach Hause müssen, und dafür sorgen, dass das vollzogen wird. Dazu muss man einfach sagen: Daran hat es in den letzten Jahren immer wieder gemangelt. Als wir wenige Flüchtlinge hatten, konnten wir letztlich doch allen oder sehr vielen von ihnen ein gewisses Bleiberecht einräumen. Jetzt müssen wir aber in der Frage der Rückführungen sehr viel klarer werden und auch den Vollzug sehr viel besser hinbekommen.

Ein weiterer Punkt: Die Tatsache, dass viele zu uns kommen wollen, hat natürlich auch etwas mit unserem Land zu tun. Sie hat etwas damit zu tun, dass es hier vielleicht noch Arbeitsplätze gibt, dass es hier eine gute Behandlung gibt, dass es hier eine Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts gibt, die besagt, dass schon nach dem Asylbewerberleistungsgesetz das Existenzminimum gewährt werden muss – nur mit geringen Abstrichen im Vergleich zu Hartz IV. Aber dieses Land ist eben auch deshalb so, weil es bestimmte Regeln hat – weil es diese Verfassung hat, weil die Würde des Menschen unantastbar ist, weil Frauen und Männer gleichberechtigt sind, weil bei uns Meinungsfreiheit herrscht. Wir müssen auch vom ersten Tag an sagen, dass wir von denen, die zu uns kommen, erwarten, dass sie sich an diese Regeln halten. Auch das muss im praktischen täglichen Leben immer wieder gezeigt und durchgesetzt werden. Dadurch kommen wir auch wieder zu einer Diskussion über unsere Werte: Was macht uns aus, was ist uns wichtig? Ich glaube, das nützt beiden Teilen: sowohl denen, die zu uns gekommen sind, als auch uns, wenn wir uns in diesen Tagen vielleicht öfters über unser Selbstverständnis unterhalten als in normalen Zeiten.

Ich möchte noch eine kurze Bemerkung zur Frage der Grenzen machen. Das europäische Asylrecht, so wie es seit Anfang der 90er Jahre weiterentwickelt worden ist, ist ein Recht, das darauf beruht, dass wir den Grenzschutz im Wesentlichen an die europäischen Außengrenzen verlagert haben – jedenfalls an die Grenzen der Mitgliedstaaten, die zum Dubliner Abkommen gehören und die zum Schengen-Abkommen gehören – und dass der Nutzen, den wir aus dieser Abgabe der Verantwortung für den Grenzschutz an die Außengrenzen haben, für uns die Praktizierbarkeit des Binnenmarkts ist. Die Tatsache, dass keine Grenzkontrollen bestehen, hat zur Folge, dass der Warenverkehr in einem Maße frei erfolgen kann, wie es früher nicht möglich war. Eine Wiedereinführung aller Grenzkontrollen würde uns natürlich erheblich behindern; und zwar umso mehr, je stringenter wir sie durchführen würden.

Das heißt also, die Aufgabe der Bewältigung der Flüchtlingskrise ist letztendlich eine zutiefst europäische Aufgabe. Selbst wenn einige Mitgliedstaaten sagen, dass sie an dieser Aufgabe nicht so gerne teilhaben wollen, muss man wissen: Die Abgabe der Verantwortung für den Schutz der Grenzen an die Außengrenzen der Europäischen Union war eine Abgabe von Souveränität. Unabhängig davon, dass wir temporär wieder Grenzkontrollen einführen können, war es im Grunde ein Vertrauensbeweis. Das kann nur gutgehen, wenn wir dann auch gemeinsam bereit sind, die notwendigen Schlussfolgerungen zu ziehen, wenn dieses System nicht funktioniert.

Eines ist klar: Das Dublin-Abkommen hat Schwächen, sodass wir auf jeden Fall Veränderungen vornehmen müssen. Erstens merken wir, dass bei einem Andrang von Flüchtlingen, wie wir ihn jetzt sehen, Außengrenzen landseitig zu schützen sind. Wir haben zwischen Griechenland und der Türkei einen Zaun oder einen Wall; wir haben zwischen Bulgarien und der Türkei einen Zaun. Aber meerseitig haben wir große Probleme mit dem Schutz, wenn er nur einseitig erfolgt – nicht, wenn zwei oder drei illegale Flüchtlinge kommen; aber wenn Tausende kommen, dann stellt sich das sehr, sehr schwierig dar. Deshalb bin ich zutiefst der Überzeugung: Wir brauchen die Kooperation mit dem jeweiligen Land, von dem die Flüchtlinge ablegen, um dort dann auch gemeinsam den Grenzschutz zu organisieren. Deshalb ist die Kooperation mit der Türkei an dieser Stelle so essentiell. Die Türkei sagt natürlich: Es bedarf einer Lastenteilung zwischen uns beiden.

Noch schwieriger ist der Sachverhalt an der italienischen Mittelmeerküste, weil auf der anderen Seite Libyen liegt. Das funktionierte alles noch gut, als Gaddafi noch Grenzabkommen mit Italien geschlossen hatte. Aber jetzt, da in Libyen im Grunde keine Staatlichkeit mehr sichtbar ist, funktioniert das natürlich nicht mehr. Darüber, wie wir damit umgehen, muss auch gesprochen werden. Es gibt Missionen – erst einmal die Mission zur Seenotrettung von Menschen. Ich will daran erinnern, dass die europäischen Staats- und Regierungschefs im Frühjahr zu einem Sonderrat zusammengekommen sind, nachdem ein Schiff mit mehreren hundert Flüchtlingen gesunken ist, die alle umgekommen sind. Damals haben wir alle gesagt: Es kann doch nicht sein, dass so etwas auf dem Mittelmeer passiert. Seitdem hat allein die Deutsche Marine 9.000 Menschen gerettet. Die weiteren Schritte der Mission bestehen darin, auch das Schlepperwesen zu bekämpfen. Auch deshalb gibt es so intensive diplomatische Bemühungen, eine Einheitsregierung in Libyen zu schaffen. Wir müssen sicherstellen, dass wir von dort aus wieder eine kooperative Grenzsicherung und einen kooperativen Kampf gegen Schlepper führen können. Ansonsten fließt viel Geld an Schlepper, aber wenig Geld in Entwicklungshilfe und legale Migration.

Es ist also ein europäisches Problem – ein Problem, das sehr viel mit der Freiheit der Bewegung innerhalb des Binnenmarkts zu tun hat. Deshalb vertritt Deutschland die Haltung, dass wir in Europa zu einem fairen System zur Verteilung von Flüchtlingen kommen müssen. Dabei kann man natürlich die wirtschaftliche Kraft, die Zahl der Arbeitslosen, die Zahl der schon aufgenommenen Migranten mit einrechnen. Spanien hatte schon in den vergangenen Jahren sehr hohe Migrationsbewegungen. Damals waren wir als Bundesrepublik Deutschland sehr froh, dass wir keine Außengrenze hatten, und haben gesagt: Das ist ja ein Problem Spaniens, Portugals, Italiens oder Griechenlands, aber nicht unser Problem. Bei uns kamen nur ein paar Hundert auf dem Frankfurter Flughafen an. Jetzt merken wir: Angesichts der Zahl der Flüchtlinge ist es natürlich völlig unmöglich, dass Griechenland alleine alle aus der Türkei ankommenden Flüchtlinge aufnimmt.

Das heißt, ohne faire Verteilung, die heute im europäischen Asylsystem nicht vorgesehen ist, kann es auf gar keinen Fall gehen. Wir brauchen wahrscheinlich einen europäischen Grenzschutz, Abmachungen mit unseren Nachbarn und eine faire Verteilung in Europa. Das heißt, wir brauchen eine Veränderung des bestehenden Asylsystems – eine Veränderung, die Europa stärkt, und nicht eine Veränderung, die Europa schwächt.

Da die Freiheit der Bewegung im Binnenmarkt eine der wichtigen Säulen ist – neben der Säule des Euro, bei der wir ja in den letzten Jahren krisenhafte Situationen hatten –, sehen wir, dass zwei ganz wichtige Säulen Europas angegriffen wurden. Ich glaube, die Eurokrise haben wir im Griff, aber wir haben sie noch immer nicht ganz überwunden, weil wir die Gründungsfehler der Wirtschafts- und Währungsunion immer noch nicht überwunden haben. Wir müssen zu einer verstärkten wirtschaftlichen Kohärenz kommen. Hierbei kann es nicht um wirtschaftliche Kohärenz im Sinne eines Mittelmaßes gehen – also eines Durchschnitts aller Wettbewerbsfähigkeiten der Euro-Mitgliedstaaten –, sondern hierbei muss es darum gehen, Wettbewerbsfähigkeit im Sinne der Besten der Welt zu definieren. Wir haben Rettungsprogramme durchgeführt, von denen man sagen muss, dass sie recht gut funktioniert haben. Irland hat heute ein Wirtschaftswachstum von sechs bis sieben Prozent, Spanien hat wieder Wirtschaftswachstum und mehr Arbeitsplätze, Portugal hat wieder Wirtschaftswachstum. Und wenn in Griechenland die Dinge erfüllt werden, die wir verabredet haben, dann können wir davon ausgehen, dass sich auch dort wieder Wirtschaftswachstum einstellen wird.

Das heißt also, es geht für mich in diesen Jahren und auch in diesen Tagen nicht nur um die Frage, wie es in Deutschland weitergeht, sondern es geht auch um die Frage, wie es in Europa weitergeht. Müssen sich diejenigen, die am meisten Flüchtlinge haben – im Übrigen hat Schweden pro Kopf der Bevölkerung mehr Flüchtlinge als wir; und Österreich mindestens genauso viele wie wir –, jetzt mehr um Europa kümmern oder müssen sich die anderen mehr um Europa kümmern? Da glaube ich: Deutschland hat als größte Volkswirtschaft und als bevölkerungsreichstes Land in Europa auch eine große Verantwortung für Europa. Wir wissen: Unser Wohlstand, unsere Fähigkeiten und Möglichkeiten, auf der Welt Ideen und Interessen durchzusetzen, sind mit 500 Millionen Europäern allemal größer, als wenn wir es mit 80 Millionen Deutschen alleine versuchen.

Insofern ist es für eine Lösung des Problems wichtig, dass wir es uns von außen anschauen und sagen: Wir müssen es an den Ursachen packen – wissend, dass auch Europa allein die weltweiten Flüchtlingsbewegungen natürlich nicht bewältigen kann. Es bedarf der Kooperation, des Zusammenwirkens aller, ich sage einmal, demokratisch oder wenigstens friedlich ausgerichteten Kräfte dieser Welt. Wenn man das sagt, dann senkt manch einer seinen Kopf und sagt: Naja, das beobachten wir nun seit Jahr und Tag; und die Erfolge sind überschaubar. Das ist zwar richtig. Aber ist das ein Grund zu sagen, dass wir es nicht weiter versuchen?

Ich glaube, die Zahl der Flüchtlinge hat jetzt dazu geführt, dass in Syrien im Augenblick Friedensbemühungen im Gange sind, die wir so in den letzten fünf Jahren noch nicht hatten. Allein dass dort am letzten Freitag von Iran bis Saudi-Arabien, Russland und Amerika alle an einem Tisch saßen, ist keine Lösung des Problems, aber immerhin ein Zeichen der Hoffnung. Wenn wir diesen Weg nicht gehen, dann wird es, glaube ich, keinen guten Weg geben. Deshalb werden wir ihn gehen müssen; und ich gehe ihn zusammen mit anderen, mit dem Bundesaußenminister und der gesamten Bundesregierung aus voller Überzeugung.

Insgesamt muss man einfach sagen: Wir erleben ein Stück Globalisierung, das wir so noch nicht erlebt haben. Bislang war Globalisierung für uns, dass deutsche Unternehmen im Ausland, in Schwellenländern, in Entwicklungsländern Unternehmen gegründet haben, Arbeitsplätze geschaffen haben und damit auch Arbeitsplätze in Deutschland gesichert haben. Das war unter dem Strich in den allermeisten Fällen gut für uns. Das hat – zusammen mit der Digitalisierung – auch dazu geführt, dass es Menschen in Schwellenländern und auch in afrikanischen Ländern zum Teil besser geht. Das hat aber auch dazu geführt, dass die Menschen wissen, dass es anderen anderswo besser geht; und deshalb interessieren sie sich dafür.

Da, wo es Kriege gibt, sind wir für den Schutz mitverantwortlich. Das heißt, wir sehen jetzt ein Stück Globalisierung der anderen Art. Mit dieser Globalisierung müssen wir genauso umgehen, sie also mehr als eine Chance denn als ein Risiko begreifen. Und wir müssen versuchen, Antworten zu finden – die natürlich nicht heißen können: Wir können in Europa allein 60 Millionen Flüchtlinge beherbergen oder auch nur die Probleme der 60 Millionen Flüchtlinge lösen.

So, finde ich, sollten wir über dieses Thema reden. Wir sollten uns auch selbst vergewissern: Was können wir, was wollen wir, wo stehen wir? Aber Tatsache ist, dass es immer offensichtlicher wird, dass wir uns von der Welt nicht abschotten können – und dass wir auch nicht einen Schalter umlegen können und alles ist wieder so wie gestern.

Ich persönlich glaube ja – auch durch das Erlebnis der Deutschen Einheit –, dass Veränderungen, neue Situationen auch immer viele Chancen in sich bergen. Ich habe bis zu meinem 35. Lebensjahr eigentlich auch nicht ernsthaft damit gerechnet, dass aus meiner Tätigkeit als Physikerin an der Akademie der Wissenschaften eine Aufgabe als Politikerin wird. Die Mauer ist aber gefallen; und, ehrlich gesagt, die damalige, die alte Bundesrepublik Deutschland war auch nicht perfekt auf diesen Sachverhalt vorbereitet, obwohl man 40 Jahre lang darüber gesprochen hat, dass er morgen eigentlich eintreten müsste. Das heißt also, auch damals mussten wir mit anpacken und neue Ideen haben.

Heute haben wir ein anderes Problem; es kommen ganz andere Kulturen zu uns, es kommen ganz andere Aufgaben auf uns zu – jeder Vergleich hat seine Nachteile. Aber trotzdem haben wir in den letzten 25 Jahren auch Erlebnisse gehabt, die uns Mut machen können. Es gab Zeiten, in denen Helmut Kohl, wenn er von blühenden Landschaften in den neuen Bundesländern geredet hat, ziemlich komisch angeguckt wurde. Heute kommt einem das – zum Beispiel wenn ich in meinem Wahlkreis bin – relativ ruhig über die Lippen.

Insofern bitte ich einfach, dass Sie auch versuchen, das, was uns jetzt begegnet, eher als Chance zu sehen – ohne die Risiken unter den Tisch zu kehren –, aber auch als eine große Herausforderung, bei der es um mehr geht als nur um Deutschland, bei der es auch um Europa geht und bei der es auch um die Frage geht, wie redlich wir außerhalb Europas für unsere Werte eintreten können.

Der Fraktionsvorsitzende meiner Fraktion, der CDU/CSU-Fraktion, kümmert sich um verfolgte Christen in der Welt. Wir sprechen oft darüber: Wie glaubhaft können wir eigentlich dabei sein, uns um Verfolgte in anderen Ländern zu kümmern, wenn wir auf unsere Aufgaben hier nicht die richtigen Antworten finden? Auch das schwingt mit.

Ich habe jetzt alles, was ich über die Energiewende, die Digitalisierung und vieles andere sagen wollte, einfach weggelassen, weil Sie, Herr Scheele, mich auch ein Stück weit angeregt haben, zu dem Thema zu sprechen, zu dem Sie auch gesprochen haben.

Ich bedanke mich dafür, dass Sie mich eingeladen haben, und hoffe, dass sowohl Ihr Wirken in der Wirtschaft hier in Düsseldorf und in der Region, aber auch Ihr Wirken im Sinne der Sozialen Marktwirtschaft auch weiter seine Wirkung entfaltet.

Herzlichen Dank.

Mittwoch, 04. November 2015