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Rede von Bundeskanzlerin Merkel beim Festakt zum 60. Weltkongress des Weltdachverbandes der Unternehmerinnen "Les Femmes Chefs d’Entreprises Mondiales"

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Freitag, 28. September 2012
Ort:
Berlin

in Berlin

Sehr geehrte Frau Gucci,
sehr geehrte Frau Bschorr,
lieber Georg Fahrenschon,
sehr geehrte Frau Senatorin,
meine lieben Unternehmerinnen,
meine Damen – heute vor allen Dingen – und auch Herren, sofern sie vereinzelt hier im Saale sind,

wie oft ist die Rede davon, dass sich Frauen besser vernetzen müssen. Dazu kann man sagen: Das haben Frauen weit vor der heutigen Zeit schon gewusst, denn der Weltverband der Unternehmerinnen dient genau diesem Zweck, nämlich ein Netzwerk in vielen Ländern aufzubauen und zu pflegen – und das in fast 80 Ländern auf fünf Kontinenten. Er bietet Tausenden von Unternehmerinnen eine starke Plattform des Erfahrungsaustauschs und Zusammenhalts.

Nachdem ich hier zu früher Morgenstunde schon so gute Laune vorgefunden und fesche Musik gehört habe, kann ich mir vorstellen, dass es bei Ihnen sehr spannend zugeht. Wie Frau Gucci soeben gesagt hat: Jede Teilnehmerin hier kann wahrscheinlich eine spannende Geschichte davon erzählen, wie man in verschiedenen Ländern als Unternehmerin klarkommt, wie man Familie und Beruf miteinander vereinbart und wie man, wie Sie sagten, zudem einigermaßen vernünftig aussieht. All das muss zusammengebracht werden. Ja, ich kann auch aus eigener Erfahrung berichten, dass es viele Jahre gab, in denen meine Frisur mindestens so viel Gegenstand der Diskussion war wie meine politischen Überzeugungen. Aber diese Phase habe ich überwunden.

Sie haben sich zum 60. Weltkongress zusammengefunden – ein tolles Jubiläum. Dass Sie dafür Berlin ausgewählt haben, wird Frau Bschorr freuen. Aber auch ich sage Ihnen: Das ist eine gute Wahl. Berlin ist eine tolle Stadt. Ich weiß nicht, ob Sie am Sonntag noch den Marathon mitlaufen wollen; dazu haben Sie Gelegenheit. Auf jeden Fall ist hier viel los. Berlin ist ja auch ein Symbol der Veränderung unserer Welt seit Ende des vergangenen Jahrtausends. 1990, als der Kalte Krieg zu Ende war, als Europa im Großen und Ganzen in Freiheit leben konnte, hat etwas begonnen, das jetzt gewissermaßen auch im arabischen Raum seine Fortsetzung findet. Immer mehr Schwellenländer steigen immer intensiver in den Wettbewerb ein. Das heißt, Sie als Unternehmerinnen spüren, dass die Wirtschaftswelt in einer unglaublichen Geschwindigkeit weiter zusammenwächst, dass die technischen Möglichkeiten des Internets auch den kulturellen Austausch ganz anders möglich machen – im Übrigen auch das Bauen von Netzwerken, was ja gerade für Frauen so wichtig ist.

Es ist mir also eine sehr große Freude, dass ich Sie hier auch im Namen der ganzen Bundesregierung herzlich in Deutschland und in der Hauptstadt Berlin begrüßen darf. Seien Sie uns ganz herzlich willkommen, meine Damen und Herren – vor allen Dingen: meine Damen.

Schön ist, dass die Sparkassen in Deutschland diese Veranstaltung unterstützen. Denn da gibt es in der Frage der Frauenförderung auch noch einiges zu tun. Aber ich finde es vor allen Dingen deshalb so wichtig, weil auch die Frage der Kreditvergabe an Unternehmerinnen ein großes Thema ist; ich komme später noch einmal darauf zu sprechen. Insofern zeigt sich hier sozusagen ein natürlicher Verbund.

Der deutsche Unternehmerinnenverband hat 1.600 Mitglieder. Er ist also ein guter Pfeiler der internationalen Gruppe. Ich möchte hier zu Beginn auch noch einmal an die frühere Vorsitzende, Frau Ledendecker, erinnern, die viel Arbeit für diesen Unternehmerinnenverband geleistet hat. Im Nachhinein sind wir ihr zu großem Dank verpflichtet. Frau Bschorr wird mit Sicherheit das Ganze engagiert fortsetzen. Viel Kraft und viel Glück dabei.

Insgesamt führen Frauen – man glaubt es kaum – in Deutschland immerhin rund ein Drittel aller Unternehmen. Das sind vorrangig mittelständische Unternehmen. Aber gerade der Mittelstand ist in Deutschland unsere große Stütze in Sachen Flexibilität, Innovationen, Ausbildung, Chancen. Wenn es um Neugründungen geht, dann holen Frauen sogar noch weiter auf. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag hält es für möglich, dass in absehbarer Zeit schon die Hälfte aller neugegründeten Unternehmen auf weiblichen Schultern ruht. Das heißt, immer mehr Arbeitsplätze gehen auf das Konto tatkräftiger Frauen.

Ich glaube, dass Sie als Unternehmerinnen auch jeweils Vorbilder sind, weil sich Frauen durchaus fragen: Wie schaffen sie das, wie bringen sie das alles zusammen? Schülerinnen und Studentinnen von heute brauchen solche Vorbilder mit Erfahrungen, sie brauchen Mut, den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen und sich nicht unterkriegen zu lassen.

Natürlich gibt es auch in Deutschland immer noch Rollenklischees. Aber die Rollenbilder haben sich in letzter Zeit verändert. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist selbstverständlicher geworden. Unternehmerinnen sind aber gegenüber Unternehmern immer noch in der Minderzahl. Und je größer das Unternehmen ist, umso geringer ist auch die Repräsentanz von Frauen. Im Durchschnitt ist es immer noch so, dass Frauen in Spitzenpositionen weniger Kinder haben als Frauen, die nicht in Spitzenpositionen arbeiten. Das muss sich ändern; und deshalb ist das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein Kernthema.

Wir in der Bundesregierung machen in diesem Zusammenhang eine Menge, und zwar ausgehend von einem Bild des Menschen und einer Vorstellung, demnach der Staat, die Regierung nicht ein bestimmtes Lebensmodell vorgeben soll. Wir möchten Frauen und Männer in die Lage versetzen, sich frei entscheiden zu können, wie sie ihr Leben führen möchten. Allerdings muss ich sagen, dass die Diskussion oft dahin führt, dass gesagt wird: Wahlfreiheit – dann lassen wir doch einfach die Frauen wählen. Das reicht natürlich nicht aus. Denn wenn man genau hinschaut, dann ist es immer noch schwieriger, dass Frauen Beruf und Familie miteinander vereinbaren können, als sich dafür zu entscheiden, ihre Kinder ein paar Jahre zu Hause zu erziehen. Deshalb heißt Wahlfreiheit, dass der Staat und damit auch die Regierung Möglichkeiten eröffnen, dass Vereinbarkeit von Beruf und Familie besser gelebt werden kann.

Das beginnt mit der Kinderbetreuung, das beginnt aber auch mit vielen Hinweisen darauf, dass Familienpolitik und Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht allein eine Sache der Frauen ist. Denn wenn wir diese Fragen von Familie und Beruf immer nur unter Frauen bereden, dann müssen die Frauen sozusagen übermenschliche Qualitäten entwickeln, wenn Männer ihr Rollenverhalten überhaupt nicht ändern. Denn – es wurde schon gesagt – gut aussehen, immer munter sein, den Beruf meistern, für die Kinder immer verfügbar sein, ein schönes Essen auf den Tisch zaubern und was sonst noch alles dazu gehört – das kann ein Geschlecht allein nicht schaffen.

Deshalb führen wir in Deutschland zunehmend auch das Gespräch mit Männern über die Frage, wie denn Vereinbarkeit von Beruf und Familie funktionieren kann. Das ist für die Männer auch nicht einfach. Wenn man sagt, sie haben keine Lust, sich an der Erziehung der Kinder zu beteiligen, dann stimmt das ja so nicht, weil es auch dahingehend so viele Rollenklischees gibt. Wie wird denn ein Mann angesehen, der in einer mittleren Führungsposition ist und sagt, dass er jetzt gehen und die Kinder abholen muss? Dann wird gefragt: Was hast denn du für eine Frau? Es mag in anderen Ländern anders sein, aber in Deutschland kommt so etwas noch vor. Da wird der Mann gefragt: Kannst du dich zu Hause nicht durchsetzen? Oder: Wie sind bei euch die Prioritäten verteilt? Das heißt, wir müssen es selbstverständlicher werden lassen, dass Männer und Frauen, wenn sie Kinder haben, wenn sie Familie haben, im Berufsleben dieselben Rechte haben, um Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren.

Deshalb haben wir auch das Elterngeld eingeführt, das es in den ersten zwölf Lebensmonaten des Kindes gibt. Das heißt, das erziehende Elternteil bekommt einen bestimmten Prozentsatz des letzten Gehalts. Sehr interessant ist, dass dann, wenn Männer und Frauen etwa gleich viel verdienen, sich auch schon viele Männer dafür entscheiden, das Elterngeld zu beziehen. Und es gibt das Elterngeld zwei Monate länger, wenn der Partner, der nicht die zwölf Monate Elternzeit genommen hat, dann selbst bereit ist, noch zwei Monate Elternzeit zu nehmen.

Das Elterngeld wurde vor der Einführung auch als „Wickelvolontariat“ verspottet. Und jetzt ist eines interessant: In Bayern, dem Bundesland, das bei uns eher für eine Familienpolitik steht, bei der die Wahlfreiheit, sagen wir mal, besonders ausgeprägt ist, ist es nun so, dass prozentual betrachtet die meisten Vätermonate in Anspruch genommen werden. Das heißt, Bayern ist in diesem Zusammenhang das Spitzenland. Da wird es natürlich zunehmend selbstverständlich, dass Männer und Frauen auch im Unternehmen gleiche Möglichkeiten haben.

Eine unserer größten Aufgaben in Deutschland ist im Augenblick, dass wir neben dem Rechtsanspruch auf Betreuung für Kinder über drei Jahren auch für die Kinder unter drei Jahren bis zum 1. August des nächsten Jahres einen Rechtsanspruch schaffen wollen. Das erfordert eine große Anstrengung. Aber wir wollen diesen Rechtsanspruch auf jeden Fall umsetzen, weil nur so eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu schaffen sein wird.

Interessant ist, dass wir eine sehr kontroverse Diskussion über eine zweite Frage führen: Um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, aber auch die Wahlfreiheit deutlich zu machen, wollen wir den Frauen, die sich entscheiden, nach dem ersten Lebensjahr bis zum dritten Lebensjahr des Kindes keine staatliche Betreuung in Anspruch zu nehmen, ein bestimmtes Betreuungsgeld geben. Bei dieser Frage gehen in Deutschland die Wogen hoch. Aber ich finde, auch so etwas muss möglich sein, wenn man Wahlfreiheit wirklich deutlich machen will.

Nun kommen wir zu der Frage von Frauen im Berufsleben. Da gibt es, glaube ich, auch noch etwas, was nicht ausreichend in unserer Gesellschaft gewürdigt wird. Wir haben, seitdem die Industriegesellschaft gewachsen ist, ja eine unglaubliche Trennung von Arbeitswelt und Familienwelt. Diejenigen von Ihnen, die in kleinen und mittleren Unternehmen arbeiten, werden merken: Dort geht beides sehr viel besser zusammen, dort sind Generationen tätig, dort ergibt sich das automatischer. Bei großen Unternehmen, zu denen man zumeist einen längeren Arbeitsweg zurücklegen muss, hat sich eine Separation von Arbeitswelt und Familienwelt herausgebildet.

Aus dieser Erfahrung heraus sind auch die Kompetenzen, die man in der Arbeitswelt erwartet, um bestimmte Karrierestufen zu erklimmen, sehr auf diese Arbeitswelt ausgerichtet. Ich sage immer und immer wieder, dass das falsch ist. Frauen oder Eltern – aber meistens sind es ja noch Frauen –, die Kinder erziehen, die vielleicht zwei, drei Jahre nicht im Berufsleben waren, haben in dieser Zeit an Organisationstalent, an Improvisationskraft, an Innovationsfähigkeit, an Nervenkraft mindestens so viel gelernt wie die, die in diesen Jahren immer hinter demselben Schreibtisch gesessen sind. Das aber wird oft überhaupt nicht ins Kalkül gezogen. Ich glaube, Frauen als Unternehmerinnen wissen um diesen Erfahrungsschatz und sagen, dass das in einem Unternehmen auch zählt. Deshalb muss man in der Familie erworbene Fähigkeiten auch in der Arbeitswelt viel, viel besser anerkennen, meine Damen und Herren.

Bei all dem, was wir schon erreicht haben, darf man auch nicht darum herumreden: Ein Leben mit Kindern ist ein anderes Leben als ohne Kinder. Das heißt, Kinder brauchen Zeit; und deshalb sind flexible Arbeitszeitmodelle von allergrößter Wichtigkeit. Wir stärken als Regierung Initiativen wie „Familienbewusste Arbeitszeiten“ und „Erfolgsfaktor Familie“ – Initiativen, in denen wir auch vorbildliche Unternehmen vorzeigen, die Beispiele geben, wie sich auch andere Unternehmen entwickeln können.

Die gleichen Fragen stellen sich natürlich auch, wenn es darum geht, Angehörige zu pflegen. Deshalb haben wir Pflegezeiten eingeführt, damit auch hier Beruf und Familie vernünftig miteinander vereinbart werden können.

Meine Damen und Herren – ich sage immer „Damen und Herren“; ich habe noch nicht ganz mitbekommen, dass hier fast nur Damen sind. Also: Meine Damen und vereinzelte Herren, wenn man ein Unternehmen gründet, dann ist es in dieser spannenden Phase natürlich wichtig, dass Startkapital auch Gründerinnen zur Verfügung gestellt wird. In männerdominierten Branchen ist das nach wie vor noch nicht so einfach. Deshalb fördert die Bundesregierung eine bundesweite Gründerinnenagentur, die Frauen auf dem Weg zum eigenen Unternehmen berät und qualifiziert.

Ich möchte mich auch ganz herzlich bei Ihrem Verband und allen Mitgliedern in den einzelnen Ländern bedanken, weil Sie ebenfalls viele Initiativen haben, um Unternehmensgründungen zu fördern. Sie haben Mentoring-Programme. Frei nach dem Motto „aus der Praxis, für die Praxis“ stehen erfahrene Unternehmerinnen aufgeschlossenen Gründerinnen als Ratgeberinnen zur Verfügung.

Dass Frauen weltweit in der Wirtschaft etwas bewegen können, das ist natürlich längst Tatsache. Wir wissen, dass gerade Frauen in Entwicklungsländern, in Ländern, in denen wir greifbare Armut haben, bei der Bekämpfung von Armut eine Schlüsselrolle spielen. Die Mikrokreditvergabe ist eines der großen Beispiele, an denen man sieht, wie man über die Ansprache von Frauen die Gründertätigkeit sehr gut in Gang bringen kann. Ich denke, das wird bei Ihren Unterhaltungen auch eine große Rolle spielen. Nach dem, was ich höre, sind die Fragen der Mikrokredite ein sehr spannendes Feld, um Menschen in Selbständigkeit zu bringen.

Sie als Unternehmerinnen verkörpern ja auch etwas, das über Ihre eigentliche Geschäftstätigkeit hinaus geht. Ich weiß nicht, wie das in anderen Sprachen ist, aber das Wort „Unternehmerin“ kommt von „etwas unternehmen“. Das heißt, ich mache mich auf den Weg, weil ich eine Idee habe, die andere Menschen begeistern könnte; und das teste ich aus. Ich produziere etwas, ich biete eine Dienstleistung an und sage: Gucken wir mal, ob sich jemand dafür interessiert. Damit gehe ich natürlich ein unheimliches Risiko ein. Irgendwo hinzugehen und zu sagen, das Produkt gefällt mir oder gefällt mir nicht, und ich entscheide mich, das zu kaufen oder nicht zu kaufen, das ist ja einfach. Aber wenn ich mir etwas ausdenke, so wie Sie alle hier das tun, und mich selbständig mache und plötzlich erlebe, dass das andere interessiert, dann ist das schlichtweg toll. Auf der anderen Seite sind Sie auch sehr alleine, wenn Sie plötzlich erkennen, dass Ihr Produkt nicht gefragt ist. Den Mut zu haben, das durchzustehen, das ist natürlich etwas ganz, ganz Wichtiges.

Das, was wir auch in Deutschland immer wieder sagen müssen, ist: Wenn wir niemanden mehr haben, der etwas unternehmen will, dann haben wir außer staatsbezahlten Arbeitsplätzen letztlich keine Steuereinnahmen mehr und keine Möglichkeiten, solidarischen Ausgleich zu schaffen. Das heißt, jemanden dazu zu ermuntern, Unternehmerin oder Unternehmer zu werden, das ist eine der ganz großen Aufgaben einer Gesellschaft. Nichts wäre schlimmer, als wenn alle sagen würden, sie wollen nur noch sozusagen im Umfeld des Staates arbeiten, und wenn keiner mehr Lust hätte, das Risiko einer Unternehmung einzugehen. Deshalb sage ich Ihnen Dank.

Wir reden im Augenblick jeden Tag darüber, dass die Weltwirtschaft nicht so wächst, wie wir uns das vorstellen. Wir reden in Europa viel über Wachstum. Ja, wo kommt denn Wachstum her? Wachstum gehört zu den Dingen, die man nicht per Gesetzeserlass befehlen kann, sondern Wachstum kommt daher, dass Menschen Bedingungen finden, unter denen sie Lust haben, etwas zu unternehmen, Menschen einen Arbeitsplatz zu geben und Produkte auch weltweit zu vermarkten. Deshalb sind die Fragen, wie das Arbeitsrecht aussieht, wie unser Steuersystem aussieht, ja nicht nur einfach dahingehend zu beantworten, dass die, die mehr verdienen, mehr zahlen müssen. Natürlich – aber erst einmal müssen Steuern erwirtschaftet werden, erst einmal muss man etwas haben, das man versteuern kann. Deshalb sind die Fragen der Strukturreformen in Europa ein großes Thema.

Ich werde ja oft kritisiert: Frau Merkel verlange so viele Reformen in den Ländern Europas. Meine Damen und Herren, wenn Sie nach China, nach Indien, nach Vietnam oder in andere Länder fahren – ganz Asien ist voller Dynamik –, dann sehen Sie: Wir können nur wachsen, wenn wir unsere Produkte auch weiterhin in Europa und außerhalb Europas verkaufen können – und deshalb dürfen wir nicht sagen, dass wir das, was in Europa gestern so und vorgestern so war, erhalten wollen, sondern wir in Europa müssen sagen: Wenn sich die Welt verändert, müssen wir uns mit verändern. Wir in Deutschland und Europa haben ja alle Chancen. Aber diese Chancen müssen wir auch nutzen, indem wir sagen: Wir sind zur Veränderung bereit. Da traue ich Frauen ganz viel zu. Wenn es ums Verändern geht, sind wir stark, meine Damen.

Ich weiß, dass einige hier aus Ländern kommen, die nicht europäisch sind, aber trotzdem will ich die Probleme, die wir in Europa haben, nicht ausklammern. Europa stellt noch etwa sieben bis acht Prozent der Einwohnerschaft der Welt. Als Konrad Adenauer der erste Bundeskanzler in Deutschland war, waren es noch rund 20 Prozent. Europa erwirtschaftet heute noch über 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Welt. Aber auf Europa fallen auch ungefähr 50 Prozent der Sozialausgaben der Welt. Wenn wir das in Europa beibehalten wollen, dann müssen wir wirklich innovativ sein. Dann brauchen wir die innovativsten, kreativsten Menschen der ganzen Welt. Aber da gibt es einen harten Wettbewerb.

Deshalb: Wenn wir auch in Zukunft unseren Wohlstand in Europa erhalten wollen, dann müssen wir uns einem fairen Wettbewerb stellen. Dann dürfen wir uns nicht abschotten, dann müssen wir uns da verändern, wo wir uns verändern müssen, weil andere Wettbewerber heute auch gut sind. Wenn wir das nicht verstehen, steht uns eine schwierige Zeit bevor. Ich spreche deshalb so viel über Veränderung, weil es ja keinen Sinn hat, zuzusehen, wie Unternehmen in andere Länder abwandern. Deshalb sage ich: Wenn wir uns unseren Wohlstand erhalten wollen, brauchen wir viele innovative Unternehmerinnen und auch Unternehmer, meine Damen und Herren.

Es ist natürlich wichtig, dass Sie als Unternehmerinnen auch beispielhaft für das stehen, was uns in Deutschland wiederum sehr wichtig ist: die Soziale Marktwirtschaft. Die Soziale Marktwirtschaft, die die Bundesrepublik Deutschland in all den Jahren geprägt hat, ist eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, in der man davon ausgeht, dass der Staat sich nicht in alles einmischt, sondern dass es zum Beispiel auch eine Partnerschaft von Arbeitgebern, also Unternehmern, mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, mit den Arbeitnehmern, gibt und dass viele Dinge, die zu regeln sind, zum Beispiel die Lohnfindung, in einer partnerschaftlichen Kooperation geschafft werden.

Als wir 2008/2009 die große Finanzkrise hatten, hat sich in Deutschland das Miteinander von Unternehmern und Arbeitnehmern wirklich gut bewährt. Da hat die Regierung bestimmte Dinge angeboten, zum Beispiel Kurzarbeitergeld. Die Regierung kann vieles anbieten, aber wenn es die Unternehmen nicht annehmen und nicht auch ein Stück weit mehr Risiko eingehen, wenn die Arbeitnehmervertretungen es nicht annehmen und nicht auch ein Stück Risiko eingehen, dann funktioniert das Ganze nicht. Ich finde, in dieser Wirtschaftskrise hat sich die Soziale Marktwirtschaft wirklich bewährt. Aber warum? Weil wir vorher schon ein hohes Maß an Flexibilität, zum Beispiel bei Arbeitszeiten, bei Lohnfindung und bei den Tarifverträgen, hatten. Damit sind wir gut durch die Krise gekommen und haben mehr Arbeitsplätze retten können, als dies in anderen Ländern der Fall war. Das heißt, ich ermuntere die, die aus anderen Ländern kommen, durchaus auch auf eine Partnerschaft von Arbeitnehmern und Unternehmern zu setzen. Diese Partnerschaft darf aber nicht sozusagen zu einem Dauerkrach führen, sondern muss konstruktiv gelebt werden, damit sie gut für das Unternehmen ist.

Die Soziale Marktwirtschaft ist in Deutschland durch die weltweite krisenhafte Entwicklung heute ein Stück weit nicht mehr so akzeptiert, wie es früher einmal der Fall war. Warum nicht? Weil die Globalisierung inzwischen so fortgeschritten ist, dass insbesondere bei den Finanzmärkten die Menschen den Eindruck haben, dass die Finanzmärkte nicht mehr für sie da sind, sondern dass die Menschen den Finanzmärkten folgen müssen. Da gibt es ein Unwohlsein. Man fragt sich: Wer ist hier eigentlich noch für wen da? Ist die Wirtschaft für die Menschen da oder müssen sich die Menschen samt ihrem ganzen Lebensrhythmus den großen, globalen Märkten unterordnen?

Deshalb ist es so schön, dass der Sparkassenverband diese Tagung hier unterstützt, weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass kleinere Banken und Sparkassen in Deutschland relativ solide Verwalter des Geldes sind. Nicht immer mit Riesenrenditen, dafür aber nachhaltig und vernünftig wirtschaftend – das sind die Sparkassen und die Volks- und Raiffeisenbanken in Deutschland.

Ich glaube, bei den Fragen „Wie nachhaltig wird gewirtschaftet; wie ist es zu schaffen, auch weltweit wieder von einer Denkweise wegzukommen, heute und morgen schnell Gewinne zu machen und dann über alle Berge zu verschwinden, und stattdessen daran zu denken, wie man auch morgen und übermorgen noch gut wirtschaften kann?“ spielen Frauen eine ganz, ganz wichtige Rolle, weil Frauen eben heute noch mehr mit der Frage der Familie beschäftigt sind, weil sie an die Eltern und an die Kinder denken. Das tun Väter natürlich auch, aber Frauen ist das im wahrsten Sinne des Wortes in Fleisch und Blut übergegangen; sie haben ein Interesse daran, dass es auch der nächsten Generation und der übernächsten Generation noch gut geht.

Ich bin zutiefst davon überzeugt: Wenn wir die Krise jetzt wieder damit bekämpfen wollen, indem wir neue Schulden machen und noch einmal neue Schulden machen und damit die nächste Blase erzeugen, um dann wieder einen Crash zu erleben, dann werden die Menschen an unserer Wirtschaftsordnung verzweifeln. Deshalb habe ich eine Bitte an Sie: Unterstützen Sie nachhaltiges Wirtschaften – so, wie wir das von unserem Leben zu Hause auch kennen. In den Schwellenländern hört man manchmal schon: Demokratie ist eine Ordnung, in der du die Wahl nur gewinnen kannst, wenn du neue Schulden machst. – Das ist nicht das, was ich mir unter Demokratie vorstelle. Deshalb brauchen wir auch Sie, die Unternehmerinnen, die dafür mutig eintreten. Deshalb brauchen wir mehr Frauen in der Wirtschaft. Wir haben in Deutschland gerade eine sehr hitzige Diskussion über die Frage der Quote. Sie haben sich, glaube ich, als Verband für eine feste Quote entschieden. Das nehme ich jetzt mit in meine Regierungsarbeit. Bei mir sind nicht alle dieser Überzeugung. Aber wir versuchen erst einmal, Druck zu machen. Ansonsten wird das Thema weiter auf der Tagesordnung bleiben.

Ein Letztes: Es ist ganz wichtig, dass Mädchen und junge Frauen die ganze Bandbreite der Berufe erlernen. Es ist immer noch so, in Deutschland jedenfalls, dass technische Berufe, Berufe, die mit dem Internet zu tun haben, und Ingenieurberufe nicht so von Frauen wahrgenommen werden, wie ich mir das wünschen würde. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen: Ich habe Physik studiert; ich habe es geschafft. Nun muss nicht jede Physik studieren, aber wenn Frauen immer in den Bereichen arbeiten, in denen weniger verdient wird, dann ist das natürlich auch ein struktureller Nachteil. In technischen Berufen bestehen relativ gute Verdienstmöglichkeiten. Deshalb tun wir auch sehr viel am jährlichen „Girls‘ Day“. Ich lade auch ins Bundeskanzleramt immer wieder junge Mädchen ein. Wir zeigen ihnen an Beispielen, welche Berufe man überhaupt erlernen kann. Denn von der Berufswahl hängt natürlich viel für den zukünftigen Lebensweg ab.

Ein Punkt, den wir jetzt auch in der Europäischen Union stark diskutieren: Deutschland hat ein sehr gutes Berufsausbildungssystem: das duale Berufsausbildungssystem. Es bedeutet, parallel im Betrieb Erfahrungen zu sammeln und zur Berufsschule zu gehen. Das heißt, Theorie und Praxis werden eng zusammengeführt. Gerade mittelständische Unternehmen sind sozusagen die Hauptquelle derer, die Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen. Dieses System hat sich sehr bewährt. Deshalb wollen wir jetzt dort – etwa in Spanien oder sogar in Frankreich und anderen Ländern – helfen, wo das Ausbildungssystem nicht so gut funktioniert.

Es ist ganz wichtig, dass junge Leute eine gute Plattform haben, die sozusagen mehr Durchlässigkeit schafft, damit sie bessere Möglichkeiten haben, mit einer profunden Ausbildung in einen Betrieb zu kommen, damit sie nicht, wie derzeit zum Beispiel vor allem in Spanien, arbeitslos werden, während auf der anderen Seite Betriebe Schwierigkeiten haben, überhaupt junge Menschen zu finden. Es geht hier auch um eine Generationenbilanz. Ich möchte Sie, die Sie Unternehmerinnen sind, ermutigen, für eine gute Ausbildung Ihrer Auszubildenden, Ihrer Lehrlinge zu sorgen.

Liebe Teilnehmerinnen des 60. Weltkongresses, ich glaube, Sie haben viel miteinander zu besprechen. Ich bedauere, dass ich von den einzelnen Unternehmerinnenlebensläufen nicht mehr hören kann – ich glaube, das ist unglaublich spannend – und auch von den Sachen, die Ihnen zwischen die Füße geschmissen werden, wenn es etwa um Kreditvergabe geht, wenn es um Akzeptanz geht, wenn es um Zulassungen geht, wenn es um Anerkennung geht, wenn es um Posten in Verbänden Ihrer jeweiligen Länder geht. Wir haben in Deutschland vieles geschafft, aber – Frau Bschorr wird mir recht geben – es ist bei weitem nicht so, dass wir nicht noch eine Menge Arbeit hätten.

Deshalb sage ich danke dafür, dass Sie hierhergekommen sind. Ich hoffe, dass es ein Impuls sein wird, zu sagen: Wir brauchen auch bei uns hier mehr Frauen in der Wirtschaft, vor allen Dingen mehr Frauen in den Aufsichtsräten und Vorständen der großen Unternehmen, und wir brauchen noch mehr Arbeitsteilung beim Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Ich sage immer: Der Vater kann auch schon bei seinem eigenen Kind eine Menge Zeit investieren; er muss nicht erst warten, bis er Enkelkinder hat.

Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer, ich wünsche Ihnen spannende Stunden, gute Diskussionen und alles Gute. Danke für Ihren Berlinbesuch. Frau Bschorr, der Weltkongress soll ein Erfolg werden – ich drücke Ihnen die Daumen. Frau Gucci, unterstützen Sie uns auch in unserer Arbeit in Deutschland. Herzlichen Dank.

Freitag, 28. September 2012