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Rede von Bundeskanzlerin Merkel beim Festakt zum 200. Geburtstag von Werner von Siemens am 29. November 2016 in Berlin

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Dienstag, 29. November 2016
Ort:
Berlin

Sehr geehrte Frau von Siemens,
sehr geehrter Herr Kaeser,
sehr geehrter Herr Cromme,
sehr geehrter Herr Regierender Bürgermeister,
meine Damen und Herren,

als Vordenker und Firmengründer erscheint uns Werner von Siemens förmlich als Lichtgestalt. Dies war ihm nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Er kam in einer Gutspächterfamilie am Ende eines im wörtlichen Sinne dunklen Jahres zur Welt. Denn 1816, das Geburtsjahr Werner von Siemens‘, ging als das Jahr ohne Sommer in die Geschichte ein. Schuld daran war besonders ein Vulkanausbruch in Indonesien, in dessen Folge gewaltige Aschemengen die Sonne selbst im entfernten Europa verdunkelten. Kälte, Ernteausfälle und Hungersnöte prägten dieses Jahr. Auch die Lage der Familie Siemens war alles andere als leicht. Der junge Werner ging dennoch seinen Weg, so wie er es mit knapp 40 Jahren beschrieb: „Ich habe überhaupt stets in der Zukunft mehr wie in der Gegenwart gelebt; wenn diese mir nur lächelt, so trage ich gern die rauen Seiten der selten ganz liebenswürdigen Gegenwart.“

Werner Siemens – damals noch ohne „von“ im Namen – wuchs in eine Zeit hinein, in der die Massenproduktion Fahrt aufnahm. Die erste industrielle Revolution hatte begonnen. In diesen Jahren des wirtschaftlichen wie auch gesellschaftlichen Umbruchs reifte sein Entschluss, einen praktisch-wissenschaftlichen Beruf zu ergreifen. Doch das nötige Geld für eine entsprechende Ausbildung fehlte. Daher wählte er den Weg über das Militär und besuchte die Berliner Artillerie- und Ingenieurschule, wo er umfassende naturwissenschaftliche Kenntnisse erwarb. Er legte damit den Grundstock für seine Karriere als Erfinder, Unternehmer und Wegbereiter der zweiten industriellen Revolution.

Von der Entwicklung des Zeigertelegrafen 1846 war hier schon die Rede. Ein Jahr später gründete er in einem Berliner Hinterhof mit Johann Georg Halske die „Telegraphen Bau-Anstalt von Siemens & Halske“. Dies war der Anfang des heutigen Weltkonzerns, der Siemens AG. Über 40 Jahre stand Werner von Siemens – inzwischen für seine Verdienste geadelt – an der Spitze des Unternehmens. Zu seinem Lebensende arbeiteten bereits 6.500 Beschäftigte bei Siemens & Halske.

Reputation verschaffte der Firma anfangs vor allem der Bau der Telegrafenleitung von Berlin nach Frankfurt am Main zur Tagung der Deutschen Nationalversammlung. Der Mann hatte ein gutes Gespür. Es folgten diverse Großaufträge im In- und Ausland. Mit der Erfindung der Dynamomaschine nahm die Elektrifizierung ihren Lauf. In der Folge schritt auch der Aufbau von Stromnetzen voran, zunächst vorwiegend in Städten. So konnten in den Fabriken zunehmend Elektromotoren als Antriebsmaschinen eingesetzt werden. 1881 brachte Siemens, Herr Regierender Bürgermeister, die weltweit erste elektrische Straßenbahn in Berlin zum Einsatz – eine Sensation, die von der Fortschrittlichkeit der Stadt zeugte. Heute bin ich davon nicht immer überzeugt, aber ich denke, die Straßenbahn hat eine gute Zukunft in Berlin.

Die zukunftsweisenden Erfindungen von Siemens waren das eine. Hinzu kam sein wirtschaftlich vorausschauendes Denken. Er setzte sich unter anderem für einen erweiterten Patentschutz ein. Die Prinzipien des Gesetzes, das hierzu 1877 in Kraft trat, gelten bis heute. Weitsicht bewies Siemens auch in seinem Engagement, qualifizierte Beschäftigte an das Unternehmen zu binden. Er ließ seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter früh am Erfolg teilhaben. – Herr Kaeser hat schon darüber gesprochen. – Er setzte Leistungsanreize, indem er sie besser entlohnte als andere Unternehmer. Er zahlte nicht nur Prämien und Tantiemen, sondern legte auch kürzere Arbeitszeiten fest: die 54-Stunden-Woche. Da würde man heute wahrscheinlich, lieber Herr Huber, manchen Protestruf hören. Aber damals bedeutete das eine erhebliche Erleichterung, die alles andere als selbstverständlich war. Dasselbe gilt für die Pensions-, Witwen- und Waisenkasse, die Siemens einführte. Dies alles in einer Zeit, in der die Arbeitsbedingungen gemeinhin miserabel waren und eine vernünftige soziale Absicherung noch in weiter, weiter Ferne lag. Ich denke, Siemens hat einfach die Fachkenntnis der Arbeiter geschätzt und deshalb darauf gesetzt, vernünftige soziale Bedingungen zu schaffen. Werner von Siemens setzte eigene Akzente, was die soziale Absicherung anbelangte. Er förderte Fortschritt eben nicht nur in technologischer, sondern auch in sozialer Hinsicht.

Nun herrschte auch in seinem Unternehmerleben wahrlich nicht nur Sonnenschein. Es galt Rückschläge zu verkraften – sei es beim anfänglichen Auslandsgeschäft, sei es durch die Trennung vom Gründungspartner Halske. Am Ende aber hinterließ Werner von Siemens ein hervorragend aufgestelltes Unternehmen von Weltruf.

Das 20. Jahrhundert brachte dann eigene Herausforderungen mit sich: Wirtschaftskrisen, politische Umbrüche, zwei verheerende Weltkriege. Zur Wahrheit gehört, die auch heute Abend durchaus benannt werden sollte, dass auch Siemens während des Nationalsozialismus Teil des Tiefpunkts der deutschen Industriegeschichte war. Als Lieferant der Rüstungsindustrie und weltweit zweitgrößter Elektrokonzern griff das Unternehmen auf einige zehntausend Zwangsarbeiter zurück, die unter fürchterlichen Bedingungen leben und arbeiten mussten. Für viele endete dieses Martyrium mit dem Tod. Dieser Tiefpunkt der deutschen Geschichte und vieler deutscher Industrieunternehmen muss uns eine stete Mahnung sein, unsere ethischen Maßstäbe, die unser Land heute auf der Grundlage unseres Grundgesetzes prägen, niemals aus dem Blick zu verlieren. Nur so können wir eine gute Zukunft gestalten.

Die Folgen des Zweiten Weltkriegs, die nahezu vier Fünftel der Unternehmenssubstanz vernichtet und zu einer vollständigen Schließung der Berliner Siemens-Werke geführt hatten, zwangen das Unternehmen zu einem Neuanfang. Durch ihn fand Siemens wieder zu seinen ursprünglichen Stärken zurück und stellte sich einer neuen, also der dritten industriellen Revolution. Im Zuge dieser industriellen Revolution trieben Elektronik und Informationstechnologien die Automatisierung in der Produktion weiter voran.

Digitalisierung und Vernetzung haben uns schließlich in die vierte industrielle Revolution geführt, in der sich Daten als zentraler Rohstoff erweisen. Auf der Basis riesiger Datenmengen lassen sich schier unendlich viele Geschäftsmodelle, Produkte und Dienstleistungen entwickeln. Ob in der Wirtschaft oder in der Gesellschaft allgemein – wir alle sind mittendrin in diesem digitalen Wandel. Er lässt sich nicht aufhalten, aber er lässt sich gestalten. Siemens stellt sich dieser Herausforderung. Unser Anspruch als Industrieland Deutschland muss es sein, vorne mit dabei zu sein, wenn der Fortschritt in der digitalen Welt fortgeschrieben wird. Wir können uns über bisherige Erfolge freuen, aber niemals dürfen wir uns auf ihnen ausruhen. Denn nur wer das Ohr am Puls der Zeit hat, kann frühzeitig Trends erkennen oder selber setzen.

Lieber Herr Kaeser, mit der „Vision 2020“ haben Sie für Siemens Ihre Leitideen skizziert. Damit unterstreichen Sie das Selbstverständnis von Siemens als Weltkonzern, Wandel nicht nur anzunehmen, sondern ihn auch selbst zu gestalten. Zur entsprechenden Innovationskultur gehört auch eine Unternehmenskultur, die alle miteinbezieht. Da klingen die Ideale wieder an, die auch Werner von Siemens hatte. Denn er wusste um die Innovationskraft, die der Motivation und Identifikation der Mitarbeiter mit dem eigenen Betrieb innewohnt. Auch als seine Firma immer stärker wuchs, sollte unternehmerische Verantwortung nicht zu kurz kommen – eine Verantwortung, die sich insbesondere auf Weitsicht gründet: also auf dem festen Willen, den Bestand des Unternehmens langfristig zu sichern, und auf dem Antrieb – ich darf Sie, liebe Frau von Siemens zitieren –, „mit Technik Nutzen zu stiften für Menschen, für die Gesellschaft, über die Grenzen Deutschlands hinaus“.

Im Sinne seines Gründers, Nutzen zu stiften, nimmt das Unternehmen auch heute zukunftsträchtige Felder in den Blick – Wachstumsfelder, die nun vor allem in der digitalen Welt liegen. Hier bieten sich gerade auch in der Elektroindustrie große Chancen, denn deren Unternehmen sind oft Entwickler, Ausrüster und Produzenten zugleich. Sie spielen somit eine Schlüsselrolle für die Fertigungs- und Prozessindustrie.

Unter dem Stichwort Industrie 4.0 haben wir es mit der Verknüpfung von realer und virtueller bzw. digitaler Welt zu tun. Die Vorzüge und Möglichkeiten dieser digitalen Vernetzung sind vielfältig. Man kann mehr Flexibilität in die Großproduktion bringen, die früher ja relativ schematisch ablief. Man kann daher jedem Kunden passgenauere Lösungen anbieten. Forscher und Entwickler können durch die Möglichkeiten der Digitalisierung viel enger zusammenarbeiten und vom Wissensaustausch schneller profitieren. Verkehrsflüsse können durch intelligente Leitsysteme verbessert werden. Das Thema „autonomes Fahren“, das heute zum Teil noch eine Vision oder für viele zumindest außerhalb dieses Raumes noch nicht vorstellbar ist, nimmt Geschwindigkeit auf; und zwar schneller als gedacht. Wir können den Energieverbrauch viel besser senken. Wir können Energieeffizienz verbessern. Wir können in der Medizin individuellere und damit mehr Erfolg versprechende Behandlungen für viele Menschen ermöglichen. Auch darin liegt noch ein riesiges Potenzial.

Die Beispielliste ist jetzt schon lang; man kann und wird sie weiterentwickeln. Siemens spielt eine zentrale Rolle bei der Frage, ob dies der deutschen Industrie insgesamt gelingt. Sie machen bei der Plattform Industrie 4.0 mit, mit der wir uns, denke ich, auch weltweit eine gewisse Beachtung geschaffen haben. Ich bin sehr froh, dass maßgebende Akteure aus Politik, Wirtschaft, Gewerkschaften und Wissenschaften hier vereint sind.

Die Chancen der Digitalisierung zu nutzen, ist natürlich nicht nur eine Herausforderung für große Unternehmen, sondern auch für kleine und mittlere Betriebe. Hierbei geht es auch darum, dass wir Kompetenzzentren bilden und – damit komme ich wieder zu Werner von Siemens zurück – dass wir eine lebendige Gründerkultur pflegen. Wir können sagen, dass sich in Berlin eine vielversprechende Start-up-Szene entwickelt hat. In manchen Hinterhöfen herrscht heute genauso ein Erfindergeist wie seinerzeit bei Werner von Siemens – allerdings ganz anderer Natur. Mit „next47“ erinnert die Siemens AG an die eigenen Anfänge 1847 und daran, was den damaligen Betrieb groß gemacht hat. Das hat wirklich wenig mit Nostalgie zu tun, sondern es geht darum, eine Start-up-Kultur zu pflegen, die die Stärken großer und kleinerer Unternehmenseinheiten miteinander verbindet.

Kreative Ideen fallen in der Regel nicht einfach vom Himmel. Damals mag das bei Werner von Siemens noch ein gutes Einzelbeispiel gewesen sein. Heute funktioniert das nicht mehr so. Wir brauchen landesweit Bildung und Qualifizierung. Deshalb haben wir auch beim IT-Gipfel vor wenigen Tagen das Thema Bildung ganz oben auf die Tagesordnung gesetzt. Es ist wichtig, dass wir – obwohl ich weiß, dass das in die Zuständigkeit der Länder fällt – uns gemeinsam überlegen, wie wir gesamtstaatlich die Voraussetzungen dafür schaffen können, dass die Schulen gut ausgerüstet und die Lehrer gut qualifiziert sind, damit die Kinder gut gerüstet in die neue Zeit hineinwachsen – nicht nur zu Hause mit der Nutzung des eigenen Smartphones und des eigenen Tablets, sondern auch durch geeignete Bildung. Der Bildungskanon wird sich verändern. Ich denke, neben Lesen, Schreiben und Rechnen, die weiterhin Grundfähigkeiten sein sollten, wird das Verständnis einfacher Programmsprachen notwendig sein, um jungen Menschen zu eröffnen, was die digitale Welt leitet und voranbringt.

Natürlich sind wir auch gefordert – das ist ebenfalls eine staatliche Aufgabe –, Unternehmen eine gute Heimat zu geben und die notwendige Infrastruktur zu schaffen. 50 Megabit pro Sekunde sind etwas, worüber Sie lachen oder, so will ich es an einem solchen Festabend sagen, lächeln. Aber für die ländlichen Räume und die Haushalte dort sind 50 Megabit heute schon ein großer Gewinn. Ich denke, im Grunde befinden wir uns in einem Zustand, den Werner von Siemens auch kannte, als es um Elektrifizierung ging. Damals erfolgte diese auch zunächst in den Städten und erst später dann auch in den ländlichen Räumen. Wir haben heute aber in unserem Grundgesetz die Maßgabe, dass wir vergleichbare Lebensbedingungen für alle Menschen in Deutschland schaffen müssen. Zu diesen Daseinsvorsorgepflichten gehört mit Sicherheit auch die Versorgung mit Breitbandanbindungsmöglichkeiten.

Meine Damen und Herren, wir wissen auch um Gefährdungen. Auch hierbei müssen wir eng zusammenarbeiten. Die Nationale Cyber-Sicherheitsstrategie, die wir jetzt aktualisiert haben, ist ein erster Schritt. Aber wir sind gemeinsam auch weiterhin sehr gefordert, weil wir in der Regierung und auch die Parlamentarier, wenn ich diese mit einbeziehen darf, nicht immer über das jüngste technische Know-how verfügen. Wenn aber nicht genau verstanden wird, was stattfindet, ist es natürlich auch nicht einfach, zweckmäßige Gesetze zu machen. Deshalb müssen wir bei Cyber-Fragen eng zusammenarbeiten.

Meine Damen und Herren, wie wäre es heute um den Standort Deutschland bestellt, wenn es nicht findige und mutige Unternehmerpersönlichkeiten gegeben hätte, die sich auch immer wieder auf neue Wege wagten? Zurückhaltung und Skepsis gegenüber technischem Fortschritt sind ein altes Phänomen. Auch Werner von Siemens hatte es nicht immer leicht, andere vom Nutzen seiner Ideen zu überzeugen. Aber im Rückblick zeigt sich, dass er gut damit gefahren ist, Veränderung vornehmlich als Chance zu begreifen. Das war auch die Sichtweise, die sein Unternehmen stark gemacht hat – die Sichtweise, der das Unternehmen bis heute treu geblieben ist und die heute weltweit über 350.000 Beschäftigten gute Perspektiven bietet.

Das wiederum bietet Anlass, den 200. Geburtstag des Firmengründers feierlich zu begehen. Meine Aufforderung an Sie ist: Machen Sie dem Namen Werner von Siemens weiterhin alle Ehre. Fortschritt kennt viele Namen, Siemens ist einer davon. Ich wünsche mir und Ihnen, dass das so bleibt. Viel Erfolg und herzlichen Dank.

Dienstag, 29. November 2016