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Rede von Bundeskanzlerin Merkel beim Familiengipfel 2013

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Dienstag, 12. März 2013
Ort:
Berlin

in Berlin

Liebe Kristina Schröder,
sehr geehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Deutschen Bundestag,
vor allen Dingen sehr geehrte Gäste aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft,
ich bin sehr gerne hierher gekommen und möchte mich an der Debatte über das Thema des heutigen Tages beteiligen.

Wenn von Familie die Rede ist, dann sprechen wir zuerst einmal über etwas sehr Persönliches. Familie ist für die meisten Menschen der wichtigste Ort – ein Ort der Geborgenheit, vor allen Dingen ein Ort der Verlässlichkeit. Hier werden Teilhabe und Verantwortung ganz selbstverständlich gelebt. Vor allen Dingen werden auch Freud und Leid miteinander geteilt.

Aber Familie steht natürlich nicht für sich allein, sondern die Frage, wie es in den Familien und mit den Familien geht, berührt auch die Gemeinschaft als Ganzes. Deshalb kann man vielleicht sagen: Wie es um die Familie steht, so steht es letztlich auch um die Gesellschaft. Ohne intakte Familien wäre kein Staat zu machen.

Deshalb sollte die Aufmerksamkeit groß sein, wenn es um die Belange der Familien geht. Die Belange von Familien gehören in das Zentrum der Politik, in den Mittelpunkt der kommunalen Verwaltung und in das Gewissen unternehmerischer Entscheidungen. Sie gehören einfach überall dorthin, wo Menschen in einer Gesellschaft zusammen sind.

Deshalb ist meine Überzeugung, dass wir nur gemeinsam für ein familienfreundliches Klima sorgen können. Das – wir wissen es aus vielen Diskussionen – ist leichter gesagt als getan. Deshalb ist dieser Familiengipfel eine sehr gute Möglichkeit, einmal in umfassender Art und Weise zu diskutieren.

Ein solcher Gipfel liegt auf der Hand. Er ist in der Arbeit des Familienministeriums begründet. Ein Anstoß zu diesem Familiengipfel war zudem der Bürgerdialog, den ich im letzten Jahr mit Menschen in unserem Land über drei Fragen geführt habe:

·         Wie wollen wir zusammenleben?

·         Wovon wollen wir leben?

·          Wie wollen wir lernen?

Ich habe 130 Experten aus Wissenschaft und Praxis eingeladen. Ich habe drei Städte besucht und dort mit Bürgerinnen und Bürgern diskutiert sowie einen großen Internetdialog veranstaltet. Die Experten hatten wiederum ihrerseits Empfehlungen abgegeben, was man als Ergebnis dieses Dialogs ins Auge fassen sollte. 24 Expertenvorschläge und zehn Bürgervorschläge wurden ausgewählt. Einer davon war die Idee eines Familiengipfels. Deshalb haben sich die Intentionen des Familienministeriums und die Ergebnisse der Experten sehr gut getroffen.

Frau Professorin Walper, die als Chefin der Arbeitsgruppe „Familie“ bei diesem Bürgerdialog mitgearbeitet hat, ist heute unter uns. Ich möchte mich ganz herzlich bei ihr bedanken. Ich hoffe, sie erkennt auch manches von ihren Intentionen wieder. Sie haben sie ja heute schon gehört, ich noch nicht. Insofern hoffe ich aber, dass sie sich wohlfühlt.

Dieser Vorschlag besagte, dass einmal im Jahr mit Akteuren aus den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen Bilanz gezogen werden soll, wie es um die Familien steht. Tarifpartner, Wirtschafts- und Wohlfahrtsverbände, Wissenschaft, Kirchen, Länder und Kommunen sollen dabei zu Wort kommen. Damit rückt etwas in die Mitte, das auch in die Mitte gehört, nämlich das, was Familien brauchen, was Familien stärkt. Der heutige Familiengipfel ist ein Auftakt. Wir wollen regelmäßig solche Bilanzen ziehen und dies fortsetzen.

Das Ganze bewegt sich auch im Einklang mit einem langfristigen Arbeitsvorhaben der Bundesregierung: unserer Demografiestrategie. Selbstverständlich spielen Familien in der Frage, wie sich der Altersaufbau unserer Gesellschaft entwickelt, eine zentrale Rolle.

Der Demografiegipfel wird in zwei Monaten stattfinden. Insofern ist dieser heutige Familiengipfel ein wichtiger Baustein, um in zwei Monaten zu diskutieren, welche Maßnahmen wir ganz besonders ins Auge fassen müssen, um die Wünsche von Familien noch besser im Zentrum unserer Arbeit widerzuspiegeln und ihre Erwartungen zu befriedigen.

Heute steht dabei ein Thema ganz besonders im Mittelpunkt: das kostbare Gut der Zeit. Familie und Zeit, Familienzeit, Zeit für die Familie – das ist etwas, das ganz wesentlich den Wünschen der Familien entspricht. Kristina Schröder hat angesichts vieler Studien, die wir durchgeführt haben, immer wieder darauf hingewiesen. Zeit ist vielleicht das kostbarste Gut in unserer heutigen Zeit. Deshalb steht heute die Frage im Mittelpunkt, wie Berufsalltag, Pflichten und Erwartungen von Eltern, Pflegeverantwortung – wie all das unter einen Hut zu bringen ist und wie vor allem auch Lebenszeit aufgeteilt werden kann, damit berufliche Entwicklung und familiäre Entwicklung gleichermaßen möglich sind.

Da sind alle gefragt. Das liegt nicht allein in der Hand der Familien. Das liegt nicht allein in der Hand der Unternehmen. Hier brauchen wir Schnittstellen. Hier brauchen wir Gesprächskontakte. Hier gibt es mit Sicherheit auch keine Einheitslösungen. Sondern hier gibt es eine Vielzahl von Erwartungen. Deshalb finde ich es gut, dass das hohe Gut der Zeit im Mittelpunkt des heutigen Gipfels steht. Das baut auf verschiedenen Aktivitäten auf, die wir seit Jahren durchführen. Man kann sagen, dass sich einiges schon zum Guten verändert hat.

Es gibt seit einigen Jahren die sogenannte Charta für familienbewusste Arbeitszeiten. Im Februar 2011 wurde diese Charta von der Bundesregierung, den Spitzenverbänden der deutschen Wirtschaft und dem Deutschen Gewerkschaftsbund unterzeichnet. Das war ein wichtiges Aufbruchssignal. Ich erinnere mich noch daran. Damals haben sich alle verpflichtet, das gemeinsame Ziel zu teilen, sich für mehr familienbewusste und familienangepasste Arbeitszeiten zu engagieren.

Durch diese Charta ist es gelungen, das Thema familienfreundliche, familienbewusste Arbeitszeiten auch in den Chefetagen von so manchem Unternehmen zu verankern. Viele Unternehmen nehmen heute das Thema familiäre Pflichten und Aufgaben, familiäre Wünsche und das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehr viel ernster.

Wenn man nach Lösungen sucht, ist es wichtig, sich erst einmal darüber zu informieren, was alles schon funktioniert. Deshalb ist das Unternehmensnetzwerk Erfolgsfaktor Familie eine sehr gute Idee. Damit gibt es eine Plattform, über die man sich austauschen kann. Wenn ich höre, dass es dort über 4.500 Mitglieder gibt, die das Angebot regelmäßig nutzen, die Beschäftigte dabei unterstützen, für Familien- und Berufsleben gleichermaßen Zeit und Raum zu haben, ist das ein sehr guter Startpunkt. Da kann man noch mehr machen. Aber 4.500 Mitglieder sind schon eine ganz beachtliche Zahl.

Man darf auch nicht drum herumreden: Das Ganze ist nicht trivial. Man darf das nicht schönreden, sondern dies ist immer wieder auch mit harten Entscheidungen verbunden. Familienlebensformen sind ganz unterschiedlich. Ich habe es schon gesagt: Es gibt nicht die Einheitslösung. Manche entscheiden sich für die Ehe als Grundlage ihrer Familie. Es gibt Patchworkfamilien. Es gibt Unverheiratete. Es gibt Alleinerziehende. Es gibt Frauen und Männer, die Eltern oder andere Verwandte pflegen. Verantwortung füreinander und für andere wird großgeschrieben. Auf all diese individuellen Erwartungen muss auch individuell geantwortet werden.

Auch die Unternehmen sind nicht frei von Zwängen – wir dürfen uns hier ja nicht eine heile Welt malen: große Konzerne, mittelständische Firmen, kleine Betriebe, Dienstleister, Produzenten, Unternehmen mit Schichtarbeit, Saisonbetriebe und die ganze Wirtschaft, die sich jetzt im Internetbereich ergibt.

All das lässt Familienanforderungen und die erwartete Verfügbarkeit von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern – möglichst auch zu allen Stunden des Tages – durchaus einmal in einen Konflikt hineinrasseln. Diesen Konflikten darf man nicht aus dem Wege gehen. Aus Unternehmenssicht ergeben sich unterschiedliche Anforderungen an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Und gleichzeitig bestehen unterschiedliche Erwartungen von denjenigen, die Familien repräsentieren. Deshalb steht es uns gut an, einerseits rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen, andererseits aber auch Modelle für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie vielfältig bekannt zu machen und weiter zu verbreiten.

Das heißt, Arbeitgeber müssen zunächst einmal für die Wünsche ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter offen sein – und da hat sich ja auch etwas verändert. Früher konnte man noch davon ausgehen, dass, wenn man sich mit den Müttern und ihren Wünschen befasst hat, das Thema Familie sozusagen einigermaßen abgearbeitet war. Das ist heute aber nicht mehr so. Ich sage ausdrücklich: Es ist gut, dass das nicht mehr so ist.

Ich erinnere mich noch an die Anfänge unseres Elterngeldes und der Vätermonate sowie an die spöttischen Bemerkungen, die darüber gemacht wurden. Die Elternzeit für Väter hat sich weit über das „Wickelvolontariat“ hinaus fortentwickelt und gerade auch im Bayerischen eine hohe Resonanz gefunden. Das mag auch mit der Aufgeklärtheit der bayerischen Beschäftigten zusammenhängen. Gerade gestern habe ich Familienbetriebe und mittelständische Unternehmen in Sachsen besucht. Und auch dort ist mir wieder berichtet worden, wie sehr gerade die Vätermonate um sich greifen und wie sehr sich die Dinge verändert haben.

Es gibt zudem die Frage der Pflege von Angehörigen. Dafür gibt es die Familienpflegezeit. Anhand dieses Beispiels möchte ich einmal sagen: Es gibt auch Modelle und Angebote, die sicherlich erst bekannt gemacht werden müssen, die ausprobiert werden müssen und bei denen sich dann auch eine Art Schneeballeffekt ergeben kann. Bei uns ist es manchmal so, dass ein Modell, wenn es dies seit einem halben Jahr oder einem Jahr gibt und es nicht gleich von Tausenden oder Millionen genutzt wird, gleich wieder als etwas gilt, das vielleicht nicht richtig war. Ich glaube das nicht. Sondern ich glaube, vieles geht über Mund-zu-Mund-Propaganda und über Bekanntmachen. Ich würde mir wünschen, dass die hier vertretenen Unternehmen auch durchaus offensiv über die Möglichkeiten sprechen, die es gibt.

Es geht darum, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mehr Zeit für zu Hause haben und gleichzeitig ihr Standbein im Berufsleben behalten können. Das ist nicht nur eine Bringschuld für die Unternehmen, sondern das hilft den Unternehmen auch. Das ist eine wirkliche Win-win-Situation.

Wir sprechen nämlich sehr viel über die Frage des Fachkräftemangels und darüber, dass wir möglichst Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben wollen, die auch lebenserfahren und durchaus flexibel sind. Hierbei können Familie und Beruf aus meiner Sicht sehr eng zusammengehen.

Es ist abzusehen, dass mit der sich vollziehenden demografischen Veränderung in unserem Land und dem zunehmenden Wettbewerb um gute Fachkräfte aus unternehmerischer Sicht sicherlich auch der Faktor an Bedeutung gewinnen wird, wie man gerade Eltern mit kleinen Kindern das Berufsleben als Standbein möglich machen kann. Von den Kompetenzen, die Eltern jenseits der rein fachlichen Voraussetzungen als Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter haben, habe ich schon gesprochen. Das heißt also, wir müssen umfassend nachdenken.

Jetzt will ich den Bereich von Familien und Unternehmen ein bisschen verlassen. Auch die übrige Gesellschaft kann natürlich manches dafür tun, dass die Dinge besser zusammengehen – wenn wir uns ganz praktische Dinge anschauen, also wie es mit Sprechzeiten von Kinderarztpraxen aussieht, wann Vorsorgeuntersuchungen angeboten werden, wenn es um den öffentlichen Personennahverkehr geht, wann die Busse fahren. Es geht also darum, wie man zeitintensive Phasen des Tages möglichst so entzerren kann, dass verschiedene Dinge besser zusammengebracht werden können. In dieser Hinsicht können neben den Unternehmen und neben der Familie als solcher auch Kommunen sowie die Gesellschaft als Ganze Angebote machen, die hilfreich sind.

Insofern ist es sicherlich ganz wichtig, wenn wir auch die Lobby der Familien vor Ort in den Kommunalparlamenten stärken und wenn wir das Engagement der Unternehmensvertreter in den Kommunalparlamenten stärken. Dann bekommt die ganze Sache sofort einen anderen Blickwinkel, weil man sich plötzlich mit Themen beschäftigen muss, mit denen man sich normalerweise nicht beschäftigt.

Da Kristina Schröder schon davon gesprochen hat, wie ihre Chefin immer aufgeschlossen schaut, wenn sie sagt, dass sie eine Familienverpflichtung hat, will ich sagen, dass sich auch mein Blickwinkel in dem Maße verändert, in dem sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oder Kolleginnen und Kollegen im Kabinett mit familiären Pflichten auseinanderzusetzen haben. Ich würde jetzt übertreiben, wenn ich sagen würde, dass es nicht manchmal auch ein kurzes Innehalten gibt und man überlegt, ob man nicht vielleicht den Vater noch einmal in die Pflicht nehmen könnte. Das ist bei ihr nun nicht so einfach, weil auch der politisch aktiv ist. Aber wie auch immer: Jeder muss sich natürlich in die Rolle des anderen hineindenken.

Vom Bundesfamilienministerium sind lokale Bündnisse für Familien angeregt worden. Ich finde, sie sind genau die richtige Antwort, um all die Kräfte zusammenzubringen, die daran arbeiten können, den Tagesablauf besser zu gestalten: Vereine, Kirchen, Verbände, Gewerkschaften, Behörden, Unternehmen. All dies kann für Familien sehr wichtig sein. Dass das Bundesfamilienministerium die Familienzeitpolitik auch immer wieder durch gute Beispiele heraushebt, ist ein wichtiger Beitrag.

Das heißt, es geht nicht immer nur um mehr Geld, sondern es geht auch darum, miteinander nachzudenken, um sich in die Lage des anderen hineinzuversetzen und Flexibilität lebbar zu machen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass wir mehr und mehr gute Beispiele haben.

Deshalb gibt es auch gute Gründe dafür, gute Beispiele immer wieder anzusprechen. Ich denke zum Beispiel an Aachen, an den Oberbürgermeister Marcel Philipp, der das Thema zur Chefsache gemacht hat – und zwar für beide Seiten –, vielleicht auch aufgrund seiner Erfahrungen aus dem handwerklichen Bereich und als jemand, der gesagt hat: Ich möchte in meiner kommunalen Verantwortung diesem Thema einen großen Bereich widmen. Gute Kommunen der Zukunft werden familienfreundliche Kommunen sein müssen. Wer sich heute einmal mit der Frage beschäftigt, was die Einwohner einer Stadt oder einer Gemeinde bewegt, der sieht, dass das eben vor allen Dingen auch die Frage der Familienfreundlichkeit betrifft. Und das wird zunehmen.

Wir wollen Familie auch entlasten. Es ist bekannt, dass das Thema haushaltsnahe Dienstleistungen in Deutschland nicht so verankert ist, dass sie von Haus aus schon von vielen in Anspruch genommen werden. Deshalb haben wir uns in unserer Regierungsarbeit bemüht, Hürden abzubauen und auch steuerliche Vergünstigungen anzubieten.

Die Bedeutung haushaltsnaher Dienstleistungen wird in den nächsten Jahren noch sehr stark zunehmen. Gerade auch im Bereich der Pflege und der Haushaltshilfen im Zusammenhang mit dem Älterwerden, werden sie ein sehr wichtiger Punkt sein. Es ist sicherlich vernünftig, sich schon frühzeitig daran zu gewöhnen. Der Dienstleistungsstandort Deutschland kann noch ausgebaut werden.

Wir wollen im Rahmen unserer Demografiestrategie auch Plattformen schaffen, die Angebot und Nachfrage besser zusammenbringen. Manch einer denkt immer noch, man könne das alles nur im halbgrauen oder Schwarzmarkt-Bereich erledigen. Ich darf darauf hinweisen, dass wir viele bürokratische Verfahren vereinfacht haben und dass wir haushaltsnahe Dienstleistungen heute wirklich gut nutzen können – und zwar im Rahmen des ganz normalen deutschen Steuerrechts und einfacher Abrechnungsverfahren.

Wir brauchen natürlich Angebote. Deshalb ermutigen wir alle, die Lust haben, günstige Dienstleistungsangebote zu machen. Es kann solche geben, die kostenpflichtig sind. Es gibt aber durchaus auch Angebote, die auf ehrenamtlicher Basis erfolgen. Ein Beispiel, für das ich mich als Schirmherrin immer wieder selber engagiert habe, ist die Initiative wellcome, die inzwischen ihr zehnjähriges Bestehen gefeiert hat und die junge Familien mit Babys unterstützt und ihnen das Leben mit der neuen Familiensituation nahebringt.

Es geht darum, dass wir jungen Familien beziehungsweise Familien insgesamt Unterstützung geben. Wir wollen dabei darauf achten, dass wir einerseits die Rückkehr in den Beruf jederzeit ermöglichen und auch Wahlfreiheit garantieren, dass wir andererseits aber nicht den Eindruck erwecken, Familienpolitik sei sozusagen nur die verlängerte Form der Ökonomisierung unserer Gesellschaft. Darauf reagieren Familien auch sehr sensibel. Und es gibt auch in der Partei, der ich angehöre, immer wieder durchaus erhebliche Diskussionen über diese Frage. Zum Beispiel gab es sie bei der Einführung des Elterngelds. Ich halte die Einführung des Elterngelds genauso wie die Bundesfamilienministerin für absolut richtig – und zwar nicht nur wegen der Vätermonate, sondern auch wegen der Möglichkeit, sich ein Jahr lang mit einer Leistung, die etwas mit dem früheren Gehalt zu tun hat, ganz um die Familie zu kümmern.

Wichtig ist auch, dass wir ab dem 1. August den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kleinkinder umsetzen. Da gibt es noch eine ganze Menge zu tun. Wir sind aber auf einem guten Weg. Einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz gibt es schon, aber dann werden wir auch einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz haben, das heißt, einen Anspruch auf einen Betreuungsplatz für die Kinder von ein bis drei Jahren. Damit gibt es dann für alle Familien Wahlfreiheit.

Der Bund hat für diese Leistung, die eigentlich eine kommunale oder Länderleistung ist, erhebliche Finanzmittel zur Verfügung gestellt: zunächst vier Milliarden Euro und jetzt noch einmal 580 Millionen Euro, weil wir sehen, dass der Bedarf gestiegen ist. Wir helfen auch dauerhaft bei den Betriebskosten der Kitas. Wir haben damit deutlich gemacht, dass die Bundesregierung diese Leistung als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ansieht.

Damit verdeutlichen wir, dass wir neben dem Angebot eines Betreuungsgeldes vor allen Dingen wollen, dass genügend Betreuungsplätze da sind. Dass wir heute ein Manko haben, sehen wir insbesondere, wenn wir uns einmal die Arbeitslosenstatistik der alleinerziehenden Eltern anschauen. Dann wird besonders sichtbar, wie schlecht die Betreuung der Unter-Dreijährigen bis jetzt gelöst ist.

Wir fördern Familien, haben aber eine immerwährende Diskussion darüber, ob die Förderung, die wir haben, nun die richtige Förderung ist. Ich erhoffe mir von einem solchen Familiengipfel daher auch Antworten auf die Frage: Was könnte man gegebenenfalls ändern? Manches muss sicherlich transparenter gemacht werden. Manches muss sicherlich stärker zusammengefasst werden.

Wir haben erlebt, was für eine erregte Diskussion es gab, als Teile einer wissenschaftlichen Bewertung publik geworden sind. Insofern müssen wir immer aufpassen, dass wir beim Thema Familie nicht sehr schnell an einen Punkt kommen, wo jeder eine persönliche Meinung dazu hat, obwohl gar nicht jeder in einer entsprechenden Familiensituation mit kleinen Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen lebt. Denn die persönliche Überzeugung und die wirklich breite repräsentative Bewertung können manchmal auch ein bisschen auseinanderfallen.

Deshalb sollte man – egal, welche Position jemand vertritt – eine wissenschaftliche Analyse eine wissenschaftliche Analyse sein lassen. Dann kann es immer noch passieren, dass zur gleichen wissenschaftlichen Analyse unterschiedliche politische Gruppierungen zu unterschiedlichen Meinungen kommen. Es kann auch sein, dass Unternehmen und Familienverbände, Gewerkschaften und Kirchen zu ganz unterschiedlichen Meinungen kommen, wie man eine bestimmte Sachlage zu bewerten hat. Das ist dann der gesellschaftliche Diskurs. Ich glaube aber, eine gute Fakten- und Datenbasis ist schon sehr wichtig, um darüber zu richten, wie wir in Zukunft unsere Familienförderung ausrichten.

Manches allerdings hängt sicherlich auch damit zusammen, dass sich kulturelle Gewohnheiten entwickelt haben. Wenn wir manche unserer Nachbarländer anschauen – die skandinavischen Länder oder auch Frankreich –, dann sehen wir, dass die Entwicklung in Deutschland in eine bestimmten Richtung vorangeschritten ist, die etwas damit zu tun hat, dass man in gut gestellten Familien nach der Industrialisierung jahrelang gesagt hat: „Meine Frau muss nicht arbeiten gehen.“ Diese Phase haben wir hinter uns gelassen. Das gibt es heute nicht mehr. Ich sage es nur noch einmal, falls jemand noch davon träumen sollte: Die Frauen werden – so schön es ist, dass sie nicht arbeiten gehen müssen – zum allergrößten Teil einfach auch mal außer Haus gehen wollen und dabei auch noch etwas Produktives verrichten wollen. Davon bin ich zutiefst überzeugt. Wenn das nicht zieht, dann kann man ja sagen: „Mein Mann muss nicht arbeiten gehen.“

Meine Damen und Herren, damit ich mich weiter mit dem Thema befassen kann – auch mit Blick auf den Demografiegipfel –, bin ich heute nicht nur beim Familiengipfel und bei Kristina Schröder gerne zu Gast, sondern werde mich in den nächsten Tagen auch vor Ort in verschiedenen Einrichtungen noch einmal umsehen: in Kitas, die gerade auch das Thema Berufsleben und Betriebsnotwendigkeiten gut zusammenbringen, in Mehrgenerationenhäusern und in weiteren Einrichtungen. Und dabei werde ich vor Ort sehen, wie viele spannende und gute Initiativen es schon gibt.

Denn bei allem, was noch zu tun ist, möchte ich meine Rede beenden mit einem ganz herzlichen Dankeschön an all diejenigen, die sich heute schon engagieren, die sich heute wieder Zeit genommen haben, darüber zu berichten, und die mit kreativen Ideen dazu beitragen, dass unsere Gesellschaft vielfältig ist und den Bedürfnissen der Familien gerecht wird. All diejenigen, die noch Zweifel haben, ob das wirklich gelingen kann, möchte ich ermutigen, sich an diesen guten Beispielen ein Beispiel zu nehmen.

Da die Themen aber noch nicht abgearbeitet sind, wird dies auch nicht der letzte Familiengipfel sein. Er ist vielmehr ein Auftakt. Es gibt viele Aspekte, die wir im Zusammenhang mit dem Thema Familie noch berücksichtigen müssen.

Deshalb noch einmal herzlichen Dank, Frau Professorin Walper, dass Sie auch diese Idee eines Familiengipfels unterstützt haben. Der Bürgerdialog hat damit auch einen Wunsch umgesetzt. Danke Kristina Schröder. Danke allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Und danke allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die sich heute Zeit genommen haben für die gute Sache der Familien in unserer Gesellschaft.

Dienstag, 12. März 2013