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Rede von Bundeskanzlerin Merkel beim EU-CELAC-Wirtschaftsgipfel

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Samstag, 26. Januar 2013
Ort:
Santiago de Chile

in Santiago de Chile

Sehr geehrte Herren Präsidenten,
meine Damen und Herren,

ich möchte mich als erstes bei Präsident Piñera für den freundschaftlichen Empfang bedanken. Seit 22 Jahren war kein deutscher Bundeskanzler mehr in Chile. Deshalb freue ich mich, dass ich es endlich geschafft habe, anlässlich des EU-CELAC-Gipfels hier zu sein. Wir wollen diesen Gipfel auch nutzen, um die deutsch-chilenischen Beziehungen weiter zu stärken – natürlich eingebettet in die Beziehungen der Europäischen Union mit CELAC, der neuen Assoziation von lateinamerikanischen und karibischen Staaten.

Da der Präsident der Europäischen Kommission und der Präsident des Europäischen Rates schon einiges zum europäischen Umfeld gesagt haben, möchte ich das jetzt nicht alles wiederholen, weil wir hierbei vollkommen einer Meinung sind – auch, was die Bewertung der Lage im Euroraum anbelangt. Ich möchte vielmehr einige Bemerkungen zu den deutsch-chilenischen Beziehungen machen und zu unserer grundsätzlichen Auffassung von Handel und Kooperation zwischen unseren Ländern.

Es ist gut und es war wegweisend, dass Chile 2002 das erste Land war, mit dem wir seitens der Europäischen Union ein Freihandelsabkommen vereinbart haben. Es ist gut, dass wir auch mit Zentralamerika ein solches Abkommen geschlossen haben und jetzt mit Kolumbien und Peru in der Ratifizierungsphase sind. Man sieht hieran, dass insbesondere entlang des Pazifiks eine wirtschaftliche Kooperation auf der Basis eines freien Handelsverständnisses stattfindet. Wir in der Europäischen Union und ganz besonders die Bundesrepublik Deutschland sind davon überzeugt, dass dies die beste Möglichkeit der Entwicklung unserer ökonomischen Beziehungen ist.

Wir begegnen bei diesem CELAC-Gipfel einer Region, die eine rasante wirtschaftliche Entwicklung durchmacht. Chile ist ein außerordentlich gutes Beispiel für diese Entwicklung. Dies ist jetzt schon der vierte EU-Lateinamerika-Gipfel, an dem ich teilnehme. Über die Jahre hinweg konnte ich die Entwicklung unserer Zusammenarbeit mitverfolgen, die, wie man heute sagen kann – so haben es Präsident Piñera und ich auch in unserem bilateralen Gespräch gesagt –, jetzt eine strategische Partnerschaft auf Augenhöhe ist, die zum Wohle unserer beiden Regionen natürlich weiterentwickelt werden muss.

Mehr als 2.000 deutsche Unternehmen sind in Lateinamerika tätig, die mit großen Investitionen auch immer wieder dafür Sorge tragen, dass sich die industrielle Basis hier weiterentwickelt. Es ist ja klar, dass wir, was die Handelsvolumina anbelangt, im asiatischen Raum und insbesondere in China inzwischen sehr große Konkurrenz haben; die Handelsvolumina sind sogar größer geworden. Was aber Direktinvestitionen anbelangt, so ist dies immer noch etwas, das zwischen Europa und den lateinamerikanischen und karibischen Staaten ganz wichtig ist. Ganz besonders in Chile haben wir einige herausragende Unternehmen; einige Unternehmer begleiten mich hier. Ich möchte die K+S AG erwähnen, die am größten Salzhersteller Südamerikas beteiligt ist. Ich möchte die Südzucker AG erwähnen, die hier in Chile die Herstellung von Nahrungsmitteln und landwirtschaftlichen Produkten in großem Umfang betreibt. Dies sind nur zwei von sehr vielen gelungenen Beispielen.

Wir haben unsere bilaterale Zusammenarbeit auch auf einer sehr engen wissenschaftlich-technologischen Kooperation aufgebaut. Die Bundesrepublik Deutschland unterhält mit mehr als 180 Universitäten in Lateinamerika Kontakte und Partnerschaften. Alle großen deutschen Forschungsinstitutionen sind in Chile anwesend. Wenn wir es geschickt anstellen, können wir in der Kombination wichtiger Unternehmen mit diesen Forschungseinrichtungen die technologische Entwicklung in Chile zu unserem gegenseitigen Wohle auch noch weiter ausbauen.

Ein Punkt, über den ich hier auch mit dem chilenischen Präsidenten intensiv gesprochen habe, lautet: Wie kann angesichts der verbesserten Industrieproduktion in Chile der Bedarf an Facharbeitern noch besser gedeckt werden? In diesem Zusammenhang geht es ja nicht nur um akademische Ausbildungen, sondern es geht eben auch darum, Facharbeiterkenntnisse zu bekommen. Hierbei kann das duale Ausbildungssystem der Bundesrepublik Deutschland von großem Nutzen für die Entwicklung einer Facharbeiterschaft, einer gut trainierten mittleren Schicht von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in Chile sein. Hierbei will Deutschland sein Know-how sehr gerne mit einbringen.

Wir haben hier heute ein bilaterales Abkommen über eine Kooperation im Rohstoffbereich unterschrieben. Auch hierbei wird es wichtig sein, gut ausgebildete junge Menschen zu haben, die im Bergbaubereich in Chile Arbeit finden. Deshalb fußt unsere Kooperation an dieser Stelle auf einer Kette von wissenschaftlicher Kooperation, wirtschaftlicher Kooperation und verbesserter Ausbildung insbesondere von jungen Menschen. Ich glaube, diese Art der Kooperation können wir noch weiter stärken.

Deutschland ist auch bereit, im Bereich der erneuerbaren Energien eine Partnerschaft anzubieten. Ich glaube angesichts der Tatsache, dass Chile zwar sehr viele Rohstoffe hat, aber gerade bei Kohle und Erdöl auf Importe angewiesen ist, dass die erneuerbaren Energien in Zukunft einen wesentlichen Beitrag zur Energieversorgung leisten werden. Der Präsident hat hierzu auch sehr ehrgeizige Ausbauziele für Chile ausgegeben. Deutschland hat sowohl im Bereich der Solarenergie als auch im Bereich der Windenergie oder der Geothermie herausragende Unternehmen, die sich dieser Kooperation widmen können.

Insgesamt geht es darum, dass wir unsere Kooperation – auch zwischen Europa und Lateinamerika und Karibik – ganz klar nach den Werten und Prinzipien ausrichten, mit denen wir eigentlich immer erfolgreich waren. Dazu gehört eben auch die Zusammenarbeit ohne Handelsbarrieren. Auch in Zeiten, in denen wir Schwierigkeiten haben – wir als Europäer haben ja sehr schwierige Jahre durchlebt und durchleben sie noch –, darf niemand denken, dass er diese Schwierigkeiten durch Protektionismus besser bewältigen wird. Es hat sich schon in den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts gezeigt, dass protektionistische Tendenzen nach der großen Weltwirtschaftskrise den Aufschwung gelähmt und nicht vorangebracht haben.

Deshalb darf ich Ihnen als Regierungschefin der Bundesrepublik Deutschland sagen: Wir glauben an einen fairen Wettbewerb. Wir glauben daran, dass wir immer wieder darum wetteifern müssen, die Besten zu sein. Wir glauben daran, dass unsere Europäische Union und unser europäischer Binnenmarkt für uns eine gute Heimat sind, aber dass wir die weltweite Entwicklung insgesamt dann am besten gestalten können – in dem Sinne, dass mehr Menschen in Wohlstand leben können und dass Armut überwunden wird –, wenn wir uns dem Wettbewerb auch mit Ihren Regionen offen stellen.

Deshalb sage ich abschließend: Es ist nicht nur so, dass wir hier investieren wollen, sondern wir laden Sie auch dazu ein: Investieren Sie in Europa, investieren Sie in der Bundesrepublik Deutschland. Wir sind offen, wir heißen Sie willkommen. Es ist auch ganz selbstverständlich, dass eine Partnerschaft auf Augenhöhe darin besteht, dass es einen Handel hin und her über den Ozean gibt. Wir werden, um gerade auch junge Menschen unserer beiden Länder noch besser miteinander bekannt zu machen, ein Work-and-Holiday-Programm entwickeln, zum Beispiel zwischen Deutschland und Chile, im Rahmen dessen die Menschen dann im jeweils anderen Land arbeiten und Ferien verbringen können und wir uns besser kennenlernen können. Denn es arbeitet sich noch besser, wenn man sich kulturell versteht und wenn man etwas von Land und Leuten weiß.

Deshalb bin ich auch so glücklich, heute hier zum ersten Mal in Chile zu sein – leider so kurz, dass ich Ihr Land nicht vollständig kennenlernen kann. Aber ich danke Ihnen für Ihre herausragende Gastgeberschaft, Herr Präsident. Ich freue mich auch auf den CELAC-EU-Gipfel, auf dem wir unsere Prinzipien weiterentwickeln werden.

Herzlichen Dank.

Samstag, 26. Januar 2013