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Rede von Bundeskanzlerin Merkel beim Empfang der Sternsinger am 5. Januar 2016

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Dienstag, 05. Januar 2016
Ort:
Berlin

Sehr geehrter Herr Prälat Krämer,
sehr geehrter Herr Bingener
und vor allem liebe Sternsinger – ich freue mich, dass ihr da seid.

Der Empfang der Sternsinger gehört in jedem neuen Jahr zu meinen ersten Terminen, die ich wahrnehme. Ich freue mich immer sehr darauf. Es ist ein schönes Ereignis, auch wenn es natürlich immer auch um sehr ernste Themen geht, die euer Sternsingen beinhalten.

Das Motto – dazu haben wir soeben dieses wunderbare Spiel gesehen – heißt in diesem Jahr: „Respekt für dich, für mich, für andere – in Bolivien und weltweit!“ Worum es geht, habt ihr wunderbar gezeigt. Und ihr habt auch wunderbar gezeigt, wie schnell man dabei ist, Vorurteile zu haben; wie schnell man irgendeine Meinung von etwas hat, bevor man überhaupt irgendetwas davon gehört hat. Deshalb gilt das mit dem Respekt für alle in der Welt und damit auch für uns hierzulande.

Ich habe auch Respekt. Ihr habt mir euren Respekt bekundet, ich möchte euch meinen Respekt bekunden – und zwar dafür, dass ihr von Haus zu Haus zieht. Ihr seid ja stellvertretend hier für 300.000 Sternsinger und 90.000 Begleiter, wie wir gehört haben. Das sind unglaublich hohe Zahlen. Ich hoffe, dass euch viele Türen offenstehen, dass nicht zu viele Türen vor der Nase zugeschlagen werden, sondern dass die Menschen ein weites Herz bekommen, wenn sie sich mit euch treffen.

Diese Bewegung der Sternsinger ist etwas Wunderschönes. Dazu gehört aber auch viel Vorarbeit. Ihr beschäftigt euch mit dem Sternsingerthema – klar. Aber auch an der Vielfalt, in der ihr hierhergekommen seid, sieht man, wie viel Vorarbeit geleistet wird: Man bastelt Kronen, man schaut, was man noch vorrätig hat, und man guckt sicherlich, wie die Kleidung der Könige im Vorjahr ausgesehen hat. Und so vielfältig, wie eure Kostüme, wie eure Sterne, wie eure Kronen sind, so vielfältig sind ja auch die Menschen. Jeder unterscheidet sich von anderen in bestimmten Punkten, derentwegen er auch immer wieder neugierig betrachtet werden kann. Das Sternsingen ist jedenfalls eine wunderschöne Tradition. Es gehört inzwischen zu dem, was man Kulturerbe nennt. Es ist eine christliche Tradition. Und diese wollen wir uns bewahren.

Das Wort Respekt – ich weiß nicht, ob ihr darüber gesprochen habt – stammt aus der lateinischen Sprache. Darin steckt das Verb „spectare“. Es bedeutet: hinsehen, sich etwas anschauen. Das heißt, ich muss erst einmal offen sein, mir etwas Neues anzuschauen – einen Menschen, einen Gegenstand. Wenn ich mir einen Menschen anschaue, dann muss ich bereit sein, mich überraschen zu lassen und etwas zu entdecken, was ich bisher noch nicht gekannt habe. Ich muss dann auch bereit sein, dass man auch mich anschaut und dass auch ich Gegenstand einer Betrachtung bin. Dann kann ich nicht einfach weggucken, nach unten gucken oder die Augen schließen, sondern dann guckt man sich an und weicht den Blicken nicht aus. Man kennt das untereinander; man kennt das beim Blick zu den Eltern. Manchmal weiß man ja auch, wenn sie einen bestimmten Blick haben, was das bedeutet; dann braucht man gar keine Worte. Man kennt das auch bei den Lehrern. Man kennt es auch bei Freunden. Und manchmal, wenn man sich gestritten hat, wartet man einfach darauf, dass wieder ein Lächeln aufs Gesicht kommt und man dann wieder neu anfangen kann. Das heißt also, man muss etwas aufnehmen, man muss etwas wahrnehmen. Und das ist schon ein Teil dessen, was unter Respekt zu verstehen ist.

Wir alle sind der Überzeugung – ihr drückt das auch aus, indem ihr heute stellvertretend aus den vielen Bistümern hierhergekommen seid –, dass wir auch alle auf der Welt, die wir nicht kennen, respektieren müssen. In unserem Grundgesetz steht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Das gilt nicht nur für die Deutschen oder nicht nur für die Menschen, die hier in Deutschland leben, sondern das gilt auch für die Menschen, die in Europa leben. Aber auch da endet es nicht, sondern es gilt für alle Menschen – für jeden Menschen als Gottes Geschöpf.

Diesmal lenkt ihr euren Blick nach Bolivien. Bolivien ist ein sehr armes Land, auch ein Land mit sehr großen Gegensätzen. Das Geld fließt zum Beispiel in die Arbeit einer Stiftung namens Contexto, die in der Hauptstadt La Paz, in der Nachbarstadt El Alto und in ländlichen Regionen Kindertagestätten und ein Kinderheim betreibt. Hier finden Kinder Unterstützung, die keine Eltern haben oder deren Eltern sich nicht um sie kümmern. Es geht auch darum, dass Mütter, die nicht die Kraft oder die Möglichkeit haben, sich um die Kinder gut zu kümmern, etwas lernen, dass Erzieherinnen ausgebildet werden, dass man gesund leben kann, dass man wenigstens ein Mindestmaß an Hygiene hat. Das alles sind Dinge, bei denen wir es hierzulande relativ gut haben. Es ist ein wunderschönes Projekt, wenn Menschen in Bolivien, das ein sehr schönes Land ist, was seine Naturreichtümer angeht, dort auch etwas besser leben können.

Ein solches Engagement hilft ganz konkret. Was die ganz großen Projekte angeht, so haben wir uns im letzten Jahr, also 2015, eine Agenda 2030 vorgenommen. Was wollen wir in den nächsten 15 Jahren erreichen? Dabei spielt eine große Rolle, dass es allen Kindern auf der Welt gutgehen soll und dass wir die fürchterliche Armut und Hunger bis 2030 bekämpfen wollen. Heute gibt es noch fast eine Milliarde Menschen, die nicht genug zu essen haben bzw. nicht das Nötigste für ein menschenwürdiges Leben haben. Deshalb gilt unser Engagement gerade auch den notleidenden Kindern.

Wir wissen ja: Auch Kinder sind schon sehr stark. Sie können vieles erreichen. Kinder sind immer ein Ausdruck von Hoffnung. Deshalb seid ihr hier für mich nicht nur Menschen, denen ich Respekt zolle, sondern ihr gebt mir und uns auch Ansporn hier im Bundeskanzleramt. Ich sage das also nicht nur für mich, sondern ich sage das auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich jedes Jahr freuen, dass am Anfang des Jahres die Sternsinger zu uns kommen.

Ihr wisst, dass wir wieder viel Arbeit haben werden. Das deutet sich schon in den ersten Tagen an, wenn man hört, wie viele schwierige Sachen auf der Welt passieren, wenn wir zum Beispiel an den Krieg in Syrien denken, wenn wir daran denken, dass Menschen hingerichtet werden; wir alle hier sind gegen die Todesstrafe. Viele Ereignisse werden uns dieses Jahr begleiten. Aber wir dürfen uns davon nicht treiben lassen, sondern müssen uns immer wieder gegenseitig anspornen, dass man auch etwas zum Guten wenden kann. Manche Dinge lassen sich zum Guten entwickeln.

Daher möchte ich mich bei euch für eure Arbeit bedanken, denn ihr tragt dazu bei, dass man nicht nur über das Gute spricht und darüber, was passieren sollte, sondern dass auch wirklich etwas Gutes passiert. So, wie ihr darauf hingewiesen habt, welche Projekte es letztes und vorletztes Jahr gegeben hat und was daraus geworden ist, so wird ganz sicher auch aus dem diesjährigen Projekt für Bolivien wieder etwas Gutes werden. Ich freue mich, dass auch ich mich ein bisschen daran beteiligen kann.

Ich begrüße euch hier noch einmal ganz herzlich. Ihr hattet einen tollen Auftritt, ein tolles Anspiel. Ihr macht vielen auch Mut, auch selbst zu den Sternsingern zu gehen. Ich möchte nochmals betonen: Die Sternsinger sind offen für alle. Auch wenn Kinder aus anderen Ländern zu uns kommen, können sie gerne bei den Sternsingern mitmachen. Danke für eure Arbeit.

Dienstag, 05. Januar 2016