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Rede von Bundeskanzlerin Merkel beim Empfang der Preisträgerinnen und Preisträger des 50. Bundeswettbewerbs „Jugend forscht“ am 30. September 2015

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Mittwoch, 30. September 2015
Ort:
Berlin

in Berlin

Lieber Herr Kock,
liebe Kollegin, Frau Wanka,
meine Damen und Herren,
aber besonders: liebe Preisträgerinnen und Preisträger von „Jugend forscht“,

ich heiße Sie alle ganz herzlich im Bundeskanzleramt willkommen. Dieses Jahr ist ein ganz besonderes Jahr: natürlich zum einen, weil Sie alle einen Preis gewonnen haben – das dürfte in Ihrem Leben durchaus eine gute Rolle gespielt haben –; zum anderen, weil der Bundeswettbewerb bereits zum 50. Mal stattgefunden hat. Das ist ja doch eine gewaltige Zahl. Wenn Sie diese einmal mit Ihren eigenen Lebensjahren vergleichen, dann sehen Sie, dass schon einige Generationen vor Ihnen an diesem Wettbewerb teilgenommen haben. Beides – sowohl Ihr Erfolg als auch die Tatsache, dass „Jugend forscht“ schon 50 Jahre lang besteht – liefert gute Gründe, um einfach einmal zu gratulieren.

Wenn man sich überlegt, wie sich „Jugend forscht“ in diesen 50 Jahren verändert hat, dann muss man auch daran denken: Vor 50 Jahren waren Europa und die Welt in zwei Blöcke aufgeteilt. Ost und West standen sich gegenüber – politisch, wirtschaftlich und militärisch. Aber auch wissenschaftlich gab es viel, viel weniger Kontakte als heute. Es gab den sogenannten Sputnik-Schock. Die Sowjetunion hatte mit Sputnik erstmals einen Satelliten in die Erdumlaufbahn geschossen. Der Westen war schockiert, dass er nicht der erste gewesen war. Man hatte Angst, technologisch zurückzufallen. Damals hatte man auch in der Bundesrepublik gesagt: Wir müssen Themen wie Forschung und Entwicklung stärker in den Vordergrund rücken. In der Folge haben sich viele für Technik, Entwicklung und Fortschritt begeistert. Henri Nannen hatte im Jahre 1965 die erste Runde von „Jugend forscht“ ausgerufen. Ein Schock war also auch die Ursache für „Jugend forscht“.

Henri Nannen hat gesagt: „Ein Land, in dem die Naturwissenschaft nachhinkt, wird im Jahr 2000 ein Entwicklungsland sein.“ Nun haben wir schon das Jahr 2015. Wir sind immer noch kein Entwicklungsland. Daraus kann man also schlussfolgern, dass die Naturwissenschaft nicht nachhinkte, sondern dass wir ganz gut dabei waren. Das trifft, glaube ich, gerade auch auf das wiedervereinigte Deutschland zu, das es ja auch schon immerhin 25 Jahre lang gibt, also älter ist, als Sie es sind.

Das Motto der ersten Wettbewerbsrunde war: „Wir suchen die Forscher von morgen!“ Man ist auch immer wieder fündig geworden und hat Forscher von morgen gefunden. „Jugend forscht“ ist eine richtige Talentschmiede. Seit 1965 haben sich mehr als 235.000 Jungforscher am Wettbewerb beteiligt. Neun von zehn der erfolgreichen Teilnehmer studierten im Anschluss Ingenieurwissenschaften, Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Medizin. Viele von ihnen sind auch nach ihrem Abschluss der Forschung oder Entwicklung treu geblieben – sei es in Hochschulen oder in der Wirtschaft. Nicht selten sind aus „Jugend-forscht“-Projekten marktfähige Produkte entstanden, manchmal sogar neue Unternehmen.

Begründet liegt die Erfolgsgeschichte im Wesentlichen in der Organisation von „Jugend forscht“. „Jugend forscht“ ist als Netzwerk aus Schulen, Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Medien entstanden. Dieses Netzwerk macht „Jugend forscht“ einfach stark. Hier finden viele kluge Köpfe zusammen. Hier spornt man sich gegenseitig an. Man findet die Förderung, die man braucht, um weiterzukommen. Es gibt 5.000 Projektbetreuer, 3.000 Juroren, die alles bewerten müssen, 250 Unternehmen und Institutionen, alle namhaften Wissenschaftsorganisationen und auch die Regierungen in Bund und Ländern, die das Ganze begleiten. Da kann eigentlich nichts mehr schiefgehen, wenn man dann noch kluge junge Leute hat, die sich engagieren.

Das breite Bündnis unterstreicht, wie wichtig es ist, dass junge Talente wie Sie ihre Begabungen entfalten können – zum einen für den persönlichen Werdegang und eben auch für die Innovationsstärke unseres Landes. Wir wissen – davon sind jedenfalls Frau Wanka und ich sehr überzeugt –, dass der Wohlstand, in dem wir heute leben, ganz wesentlich durch Bildungs-, Ausbildungs-, Studien- und schließlich auch Forschungsmöglichkeiten definiert ist.

Wir müssen den Finger stets am Puls der Zeit haben. Das ist ein Wesensmerkmal von Forschung. Man muss immer etwas Neues haben. Man kann sich nicht mit dem zufriedengeben, was man schon gestern wusste. Das macht die Sache auch so spannend. So haben sich natürlich auch immer wieder die Themenbereiche verändert. In den 60er Jahren waren unter dem Eindruck des Apollo-Programms und des Wettlaufs zum Mond die Raumfahrtthemen hoch im Kurs bei „Jugend forscht“. In den 80er Jahren hat sich zum Beispiel der Umweltschutzgedanke sehr stark verbreitet. Viele Projekte hatten mit der Bekämpfung der Umweltverschmutzung zu tun. Heute geht es sehr viel um globale Entwicklungen, um Klimawandel, Ressourcenknappheit und Bevölkerungswachstum. Das heißt, immer mehr Länder stehen auch vor gleichen Herausforderungen. Wir lernen langsam, aber sicher, global zu denken.

Wenn Sie in diesen Tagen an die Flüchtlinge denken, dann merken wir ja, wie das, was in Syrien oder in Afghanistan passiert, nicht mehr irgendwo weit weg passiert, sondern im Grunde vor unserer Haustür. Dass viele, viele Menschen auf der Flucht sind – im Übrigen ist die Zahl der Flüchtlinge weltweit im Augenblick so hoch wie nie seit dem Zweiten Weltkrieg –, das tangiert uns. Sie sehen halt in unserem Land ein Land, das vieles kann. Aber wir sehen vor allen Dingen auch die Aufgabe, Fluchtursachen zu bekämpfen. Denn wir können ja nicht sozusagen alle Probleme in Deutschland lösen, sondern wir müssen noch viel intensiver vor Ort in den Krisengebieten arbeiten und mehr Geld zur Verfügung stellen. Das wird unsere Politik gravierend verändern und wieder neue Schwerpunkte setzen.

Sie können also auch daran sehen: Jede Zeit hat ihre eigenen Herausforderungen. Daher brauchen wir immer wieder talentierte junge Menschen, die sich mit wissenschaftlicher Neugier der Dinge annehmen und überlegen, was man tun kann und wie man besser werden kann. Die Neugier stachelt ja auch an; und so ein Wettbewerb stachelt noch mehr an, weil man ja auch vorne mit dabei sein will. Das heißt also: Neugier, Know-how, Ausdauer, Fleiß und zum Teil – das wissen Sie – Liebe zu akribischer Detailarbeit gehören dazu.

Ich darf ja jedes Jahr einen Sonderpreis der Bundeskanzlerin vergeben. Den erhalten in diesem Jahr Florentine Mostaghimi-Gomi und Ole Keim vom Gymnasium Heidberg aus Hamburg. Herzlichen Glückwunsch neben all den Glückwünschen, die Sie sonst schon bekommen haben. Sie haben mit Ihrem Gymnasium eine Forschungsreise nach Zypern gemacht. Mit behördlicher Genehmigung – ganz wichtig – haben Sie sich auf die Suche nach Gesteinen und Fossilien gemacht. Und es gelang Ihnen ein besonderer Fund – und zwar versteinerte Reste eines Wirbeltiers, genauer gesagt: eines Zwergflusspferdes. Dann haben Sie sich eifrig darangemacht, dem wahren Alter dieses Fossils auf die Spur zu kommen. Und das, was Sie herausgefunden und geschlussfolgert haben, war eine kleine Sensation. Warum das so ist, werden Sie uns gleich erklären.

Ich sage noch einmal: Glückwunsch zum Sonderpreis und Glückwunsch Ihnen allen. Schön, dass Sie hier sind. Jetzt bin ich gespannt, was ich zu hören bekomme.

Mittwoch, 30. September 2015