Rede von Bundeskanzlerin Merkel beim Deutsch-Indischen Wirtschaftsforum auf der Hannover Messe am 13. April 2015

Sehr geehrter Herr Premierminister,
Herr Lienhard,
Herr Shriram,
Herr Shah,
Herr Grillo,
meine Damen und Herren Teilnehmer dieses deutsch-indischen Wirtschaftsforums,

es war mir eine große Freude, gestern an der Eröffnung der Hannover Messe teilzunehmen und heute den gemeinsamen Rundgang mit dem Premierminister zu machen. Es war ein kluger Schachzug der Hannover Messe, Indien gerade in diesem Jahr zum Partnerland der Hannover Messe zu erklären.

Wir sehen, in Indien bewegt sich etwas. Dort ist etwas in Gang gekommen. Die überdurchschnittlichen Wachstumsraten geben allen, die in Indien investieren wollen, eine Chance. Aber sie sind natürlich auch eine Chance für indische Unternehmen, sich nach außen, sich in Richtung Deutschland zu orientieren.

Ich will das ausdrücklich sagen: Wir, die Bundesrepublik Deutschland, sind stark geworden, weil wir immer bereit waren, uns dem Wettbewerb offen zu stellen. Deshalb sind uns all diejenigen, die mit uns in den Wettbewerb treten, in unserem Lande herzlich willkommen. Dort, wo das nicht so klappt, wie Sie sich das vorstellen, werden wir dem nachgehen. Das genau ist die Aufgabe, die wir gemeinsam zu erfüllen haben.

Ich will nicht wiederholen, was der Premierminister eben auf so wunderbare Weise geschildert hat, was in Indien in den letzten Monaten alles in Gang gekommen ist. Wir sind natürlich von der Größe Ihres Landes beeindruckt. Rund 80 Millionen Menschen haben wir. Deutschland empfindet sich als stärkste Volkswirtschaft in der Europäischen Union eigentlich schon als riesig. Aber ein Blick nach Indien, der Vergleich mit dem Land, das Sie regieren, Herr Premierminister, zeigt, dass wir doch ein kleines Land sind.

Zugleich sind wir ein Land, das eine ganz andere demografische Herausforderung zu bewältigen hat. Wir müssen uns überlegen, wie wir trotz einer alternden Bevölkerung den Wohlstand bewahren können. Das ist genauso ambitioniert wie die Aufgabe, mit einer sehr jungen Bevölkerung, wie Sie sie haben, Wohlstand zu generieren und gleichzeitig soziale Sicherheit zu schaffen. Wir können zwischen Indien und Deutschland sehr interessante Erfahrungen austauschen, etwa wie sich der Respekt zwischen den Generationen unter ganz unterschiedlichen Umständen er-halten lässt und wie man eine stabile und prosperierende Gesellschaft entwickeln kann.

1.500 Unternehmen aus Deutschland sind in Indien aktiv. Der Slogan "Make in India" füllt sich mit Inhalten – Sie haben das hier dargestellt. Wir haben gestern Abend beim Abendessen deutlich gemacht, was uns von deutscher Seite wichtig ist. Das ist die Gleichbehandlung mit der heimischen Industrie: beim Zugang zu öffentlichen Aufträgen, bei der Vergabe von Lizenzen und bei den rechtlichen Rahmenbedingungen.

All das ist genau Inhalt dessen, was Ihr politisches Programm ausmacht. Deshalb kann ich, bevor hier die detaillierteren Diskussionen beginnen, schon sagen: Wir nehmen Ihre offenen Arme an. Wir reichen unsere Hand. Wir wollen gute Partner sein. Wir können Indien manche unserer Erfahrungen und Entwicklungen zur Verfügung stellen. Aber wir können mit Sicherheit auch vieles lernen von einem Land, das neugierig ist, das viel Innovationskraft hat und das noch um den Wohlstand kämpfen muss.

Diese Dynamik ist für uns Ansporn. Denn wenn man einmal ein bestimmtes wirtschaftliches Niveau erreicht hat, ist es gar nicht so einfach, die Menschen immer weiter zu motivieren, innovativ zu sein. Deshalb brauchen wir diesen frischen Wind aus Indien auch, um selber erfolgreich zu sein. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen heute noch gute Diskussionen und gute Begegnungen auf der Hannover Messe.

Ich freue mich, dass der Premierminister morgen noch einmal zum politischen Besuch bei uns sein wird und wir über das sprechen können, was wir hier gelernt haben, was wir als Politiker auf der Agenda haben. Und ich freue mich natürlich auf die Deutsch-Indischen Regierungskonsultationen, die die Bundesregierung im Herbst nach Indien führen wird. Dort können wir auch Bilanz ziehen: Was haben wir auf der Hannover Messe erreicht? Wo gibt es noch etwas zu tun? Und wie können wir zusammenarbeiten? Die heutige Veranstaltung ist also nicht nur eine symbolische Veranstaltung, sondern sie wird sehr konkrete Folgen haben.

Wir haben den indischen Löwen jetzt besser kennengelernt. Und ich glaube, wir haben ihn auch ein bisschen lieben gelernt. Wir werden mal gucken, ob wir dann mit dem deutschen Adler einschweben oder mit welchem anderen Tier wir uns zei-gen.

Alles Gute und herzlichen Dank, dass Sie hier sind.