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Rede von Bundeskanzlerin Merkel beim Besuch des Unternehmens Galvanotechnik Baum

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Montag, 11. März 2013
Ort:
in Heinsdorfergrund

in Heinsdorfergrund

Sehr geehrter Herr Baum,

sehr geehrte, liebe Familie Baum – ganz besonders Helmut Baum und seine Frau Marga,

sehr geehrter Herr Ministerpräsident, lieber Stanislaw Tillich,

lieber Herr Hochbaum,

lieber Herr Wanderwitz – Marco Wanderwitz hat mich in diese Gegend geholt, jetzt bin ich etwas jenseits der Grenzen seines Wahlkreises, ich gehe aber nachher noch in seinen Wahlkreis, wir teilen uns das hier also gut,

liebe Landtagsabgeordnete,

aber vor allen Dingen: liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Geschäftspartner und auch diejenigen, die hier lokale Verantwortung tragen – Herr Landrat, Herr Bürgermeister,

meine Damen und Herren,

ich freue mich sehr, heute hier in Unterheinsdorf zu sein und dabei zu sein, wenn wir gleich ein neues Stück einer jetzt schon etablierten Firma auf den Weg bringen werden. Dies ist ja wahrscheinlich das letzte Mal, dass diese Halle für ein gesellschaftliches Ereignis ausgestaltet ist. Denn bald wird auch hier gearbeitet werden. Das entspricht ja auch dem Credo der Firma Baum.

Ich führe von Zeit zu Zeit Gespräche mit Mittelständlern über verschiedene Fragen, zum Beispiel über die Fragen „Warum ist der Mittelstand stark?“ und „Welche Werte leiten Familienunternehmen?“, über die Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, über die Frage „Wie kann man älteren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern eine Chance geben?“ und über die Fragen der Ausbildung. Bei einem dieser Gespräche war in der Tat die Firma Baum mit dabei, was schon dafür spricht, dass in Ihrer Firma seit langer Zeit Werte nicht nur auf dem Papier stehen, sondern auch gelebt werden.

Als Marco Wanderwitz mich dann fragte, ob ich nicht einmal in die Nähe seines Wahlkreises oder besser noch in seinen Wahlkreis kommen wolle, haben wir uns das dann im Bundeskanzleramt noch einmal angeschaut und gedacht: Das wäre doch eigentlich eine gute Sache.

Die Firma Baum ist eine Firma, die in Baden-Württemberg gegründet wurde und heute zu ganz wesentlichen Teilen in Sachsen zu Hause ist. Das ist auch ein Stück Erfolgsgeschichte der Deutschen Einheit. Wenn Stanislaw Tillich eben gesagt hat, dass sich ein großer Teil der Automobilindustrie jetzt hier im erzgebirgischen Raum angesiedelt hat, und wenn man weiß, dass der Ort Chemnitz eine herausragende technische Fähigkeit besitzt und auch die Fähigkeit besitzt, junge Leute in all den technischen Fragen auszubilden, dann zeigt das, dass hier nach der Deutschen Einheit angepackt wurde und dass die Menschen unglaublich motiviert waren.

Nun wissen wir: Die Baden-Württemberger sind sowieso motiviert. Die können alles außer Hochdeutsch – das hat sich auch bis Sachsen und sogar bis Berlin herumgesprochen. Dennoch erfüllt es uns natürlich immer wieder mit Stolz, wenn in den neuen Bundesländern eine Firma wie die Ihre eine Heimat gefunden hat. Die wenigen Worte, die ich eben mit Ihnen, lieber Herr Helmut Baum, austauschen konnte, haben gezeigt: Sie stehen zu den Sachsen genauso wie zu den Baden-Württembergern.

Das Schöne ist ja, dass Sie gekommen sind und Menschen gefunden haben, die mit anpacken wollten und wollen. Als wir eben einen kurzen Rundgang gemacht haben, hat sich gezeigt, dass hier sehr viele Frauen im technischen Bereich tätig sind. Sonst halten wir immer lange Abhandlungen darüber ab, wie wir Frauen mehr für Technik begeistern können. Hier bei Ihnen scheint das kein Thema zu sein. Vielmehr sind die Frauen an vielen Stellen in diesem Unternehmen auch die Chefinnen.

Sie haben hier also Menschen getroffen, die mit anpacken. Aber Sie haben vor allen Dingen auch Behörden getroffen, die ein großes Interesse daran haben, dass hier Industrie angesiedelt wird, dass hier produziert werden kann, dass hier Arbeitsplätze geschaffen werden und dass hier nicht nur irgendetwas produziert werden kann, sondern dass hier hochspezialisierte Teile produziert werden können. Ich habe eben ein Stück einer Bremse für einen BMW in der Hand gehalten. Wenn da etwas schlecht galvanisiert ist, dann ist schon das halbe Auto in Gefahr. Insofern sind in vielen Spitzenprodukten der Bundesrepublik Deutschland Baum-Teile mit dabei.

Dass dies hier möglich ist, dafür möchte ich all denen, die daran beteiligt sind, ein herzliches Dankeschön sagen. Wir sind stolz darauf, dass der Mittelstand in Deutschland einen ganz festen Platz hat. Wir wissen natürlich auch, dass der Mittelstand bestimmte Bedingungen braucht. Denn Sie erleben hautnah – wir haben gleich beim Reingehen darüber gesprochen –, wie sich der asiatische Automobilmarkt entwickelt, wie sich der europäische Automobilmarkt entwickelt und was das für diesen Standort bedeutet. Das heißt, es braucht nur einen Gang und ein Gespräch mit der Geschäftsführung, und nach drei Minuten ist man bei der Globalisierung.

Dann kann man sehen: Wo liegen unsere Stärken? Unsere Stärken liegen natürlich darin, dass wir vor allen Dingen viel Erfahrung haben, dass wir sehr effizient arbeiten, dass wir sehr präzise sind, dass die Menschen mit großer Leidenschaft dabei sind, dass wir technisch auf ein großes Know-how zurückgreifen können und dass unser Mittelstand – das macht ihn immer wieder so erfolgreich – so flexibel ist, das heißt, Neuerungen sehr schnell aufnehmen kann, umsetzen kann und sich darauf einstellen kann.

Dennoch – das weiß ich aus den vielen Gesprächen mit Stanislaw Tillich, der für seinen sächsischen Standort hart kämpft –, die Margen sind klein und die Gewinnmöglichkeiten, die ja die Voraussetzung für jede erfolgreiche Produktion sind, sind immer wieder hart zu erarbeiten. Deshalb sind eben Themen wie die Energiewende, erneuerbare Energien, Umlage für erneuerbare Energien, Befreiung für energieintensive Industrie und vieles andere mehr wichtige Themen, genauso natürlich wie die Frage: Welchen Stellenwert hat überhaupt die industrielle Produktion in Europa?

Ich sage ganz klar – und das soll auch mein heutiger Besuch hier ausdrücken –: Wir wollen den Mittelstand, wir brauchen den Mittelstand, wir sind stolz auf diejenigen, die von Familiengeneration zu Familiengeneration ihre Unternehmen weiterentwickeln. Wir sind stolz auf diejenigen, die Erfahrung einbringen – wie die Großeltern der Familie Baum, die sich heute darüber freuen können, was die Enkelgeneration hier jetzt schon erreicht – und die damit auch zeigen, dass Deutschland in vielen, vielen Bereichen auch an ganz verborgenen Orten extrem erfolgreich ist.

All das wäre aber nicht möglich, wenn nicht auch alle und gerade die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mitziehen würden. Jeder muss hier ein offenes Ohr haben, jeder muss hier ein offenes Auge haben, und jeder muss bereit sein, auch Neues aufzunehmen. Deshalb gilt mein besonderer Dank denen, die hier das, was verkauft wird, täglich schaffen. Ich wünsche Ihnen dabei weiter eine geschickte Hand, die man ja braucht, und weiterhin viel Begeisterung. Ein Dank geht natürlich auch an all die, die Geschäftspartner sind. Denn auch Sie entscheiden sich immer wieder für die Familie Baum.

Auch ich möchte schließen mit der Hoffnung, dass der Baum ein gutes Markenzeichen ist. Als wir noch in der DDR lebten, war das Erzgebirge unser Sorgenkind, was die Bäume anbelangte. Denn wegen der speziellen Form des Erzgebirges war die Baumgefährdung besonders ausgeprägt. Der saure Regen hatte die Kämme des Erzgebirges schwer in Mitleidenschaft gezogen. Das ist heute nicht mehr so. Hier kann man anspruchsvolle Produkte fertigen und trotzdem umweltfreundlich sein. Deshalb gibt es allerbeste Chancen, dass Ihr Baum so schön, wie er hier auf Ihrem Markenzeichen zu sehen ist, auch weiter im Erzgebirge gedeihen kann.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg. Ich wünsche Ihnen alles Gute. Und ich sage ein herzliches Dankeschön. Wir als Politiker können versuchen, gute Rahmenbedingungen für Sie zu schaffen. Wir können versuchen, Ihnen manche Hürde aus dem Weg zu räumen. Mir wurde gerade eben gesagt, dass die lokal Verantwortlichen immer nach dem Motto „Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg“ agieren. Wichtig ist aber, dass es Menschen gibt, die etwas unternehmen wollen. Das deutsche Wort „Unternehmer“ ist ein sehr interessantes Wort. Es sagt nämlich aus, dass nur der ein Unternehmer sein kann, der eine Idee hat, der etwas unternehmen will, der vorangehen will und der immer wieder neue Möglichkeiten sucht. Deshalb wollen wir seitens der Politik alles tun, dieses Unternehmertum vor allem nicht zu sehr in seiner Entwicklung zu stören und, wo immer es geht, hilfreiche Rahmenbedingungen entstehen zu lassen, damit Arbeitsplätze geschaffen werden und damit gute Produkte geschaffen werden.

Herzlichen Dank, dass ich heute mit dabei sein kann. Ich wünsche Ihnen allen noch einen schönen Vormittag.

Montag, 11. März 2013