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Rede von Bundeskanzlerin Merkel beim Besuch des Universitätsklinikums Greifswald

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Freitag, 05. Juli 2013
Ort:
Greifswald

in Greifswald

Sehr geehrte Frau Rektorin Weber,
sehr geehrter Herr Prof. Greinacher,
sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Frau Landrätin,
sehr geehrte Abgeordnete aus Bund und Land,
meine Damen und Herren,

man kann wohl sagen: Greifswald hat ein neues Aushängeschild. Die Universitätsmedizin in der Hansestadt genießt zwar schon seit Jahrhunderten einen guten Ruf, aber mit dem Neubau des Universitätsklinikums erhält sie ein Gesicht, das diesem Ruf in der heutigen Zeit auch wirklich entspricht. Ob Ärzte, Forscher oder Studierende – der Neubau bietet allen, die hier tätig sind, bessere Arbeitsbedingungen, als sie bisher hatten. Damit kann Greifswald noch stärker mit seiner forschungsstarken Hochschulmedizin glänzen – und das weit über die Region hinaus. Dass der Ministerpräsident und ich hier sind, deutet ja auch darauf hin – die Frau Rektorin hat es auch schon angesprochen –: Ein hochmoderner Neubau für die Universitätsmedizin, eingebettet in einen neuen Campus – das ist für Mecklenburg-Vorpommern ein einmaliges Prestigeobjekt und für Deutschland ein beachtlicher Gewinn. Bund und Land haben hier gewonnen. Deshalb können wir uns hier heute alle gegenseitig gratulieren.

Das Diagnostikzentrum hier im Zentralgebäude bildet sozusagen den symbolischen Schlussstein der Bauarbeiten. Es gemeinsam einzuweihen, entspricht auch der Bedeutung des gesamten Bauvorhabens. Ich möchte mich bei all denen bedanken, die an der Planung und dem Bau des neuen Universitätsklinikums über die vielen Jahre hinweg beteiligt waren, sowie auch denen, die den Umzug bei laufendem Betrieb gemeistert haben.

Land und Bund haben für den Neubau der Universitätsmedizin rund 300 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Davon profitieren die Forschenden, die Lehrenden, die Studierenden und nicht zuletzt natürlich auch die Patientinnen und Patienten. Auch an diesem Beispiel zeigt sich: Heutige Investitionen in Innovationen entscheiden morgen über den Wohlstand unseres Landes. Deshalb zeichnet sich nachhaltige Wachstumspolitik auch durch einen Schwerpunkt auf Bildung, Wissenschaft und Forschung aus.

Die Bundesregierung hat in dieser Legislaturperiode mehr als 13 Milliarden Euro zusätzlich in diesen Bereich investiert – mehr als je zuvor. Aber es kommt natürlich auch darauf an, die Mittel effizient und zielgerichtet einzusetzen. Deshalb haben wir die Hightech-Strategie weiterentwickelt. Das betrifft auch das Rahmenprogramm Gesundheitsforschung. Dabei geht es uns insbesondere um Verbesserungen von Prävention, Diagnose und Therapie der großen Volkskrankheiten. Forschungsergebnisse sollen möglichst schnell zur klinischen Anwendung gebracht werden.

Die Universitätsmedizin hier in Greifswald spielt in diesem Kontext eine besonders wichtige Rolle. So ist Greifswald ein Partnerstandort des Deutschen Zentrums für Herz- und Kreislauf-Forschung, das der Bund fördert. Greifswald übernimmt Forschungsaufgaben im Hinblick auf multiresistente Erreger und individualisierte Medizin. Greifswald ist auch einer von bundesweit 13 Universitätsstandorten, die an der sogenannten „Nationalen Kohorte“ mitwirken. Dahinter verbirgt sich die kürzlich gestartete und bisher größte medizinische Gesundheitsstudie in Deutschland, die auf 20 Jahre angelegt ist und an der rund 200.000 Menschen teilnehmen sollen. Wir versprechen uns davon genauere Aufschlüsse über Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten der großen Volkskrankheiten.

Das Spitzenniveau der Greifswalder Universitätsmedizin ist weit über die Stadtgrenzen hinweg bekannt. Deshalb lockt sie eben auch sehr viele Studierende an. Damit liegen Sie hier ganz im Trend der Zeit. Sowohl bei der Studienanfängerquote als auch bei der Zahl der Studierenden insgesamt haben wir in Deutschland Rekordwerte erreicht. Das hängt aber auch mit den geburtenstarken Jahrgängen und den zum Teil verkürzten Schulzeiten bis zum Abitur zusammen. Aber gerade in diesen Jahren ist es ganz entscheidend, den Studierenden gute Ausbildungsperspektiven zu bieten, denn sie werden sehr stark die Veränderungen des demografischen Wandels schultern müssen. Je besser die Menschen ausgebildet sind, umso besser wird es uns gelingen, Wohlstand zu erhalten.

Wir haben das BAföG angehoben, wir haben die Begabtenförderung ausgebaut und mit dem Deutschlandstipendium die Studienfinanzierung verbessert. Wir müssen vor allen Dingen für gut ausgestattete Studienplätze sorgen. Das ist zum Beispiel im Rahmen der Medizin nicht immer ganz einfach. Deshalb haben wir die Mittel des Hochschulpakts aufgestockt. Dadurch werden 300.000 Studienplätze mehr entstehen und damit bis 2015 insgesamt über 600.000 neue Studienplätze. Der Bund stellt dafür, neben den Ländern, rund sieben Milliarden Euro zur Verfügung. Das ist unsere notwendige Antwort auf die Herausforderungen.

Es geht uns aber nicht nur um Quantität, sondern wir haben auch den Qualitätspakt Lehre installiert, um innovative Lehransätze zu fördern. Auch in Greifswald gibt es dafür ein Projekt, nämlich das Projekt „interStudies“. Außerdem haben wir mit der Exzellenzinitiative den Hochschulen neue Freiräume in der Forschung eröffnet. Dies hat eine bis dahin ungeahnte Dynamik in der Hochschullandschaft entfaltet. Das heißt, es ist nicht einfach nur Geld ausgegeben worden, sondern es hat die Hochschulen im Hinblick auf Forschung auch gegenüber anderen Forschungsinstitutionen wieder sehr viel wettbewerbsfähiger gemacht. Diese Initiative hilft also, die Stärken noch besser ans Licht zu bringen und auszubauen und damit auch den internationalen Stellenwert unserer Hochschulen zu erhöhen. Das ist angesichts des starken Wettbewerbs sehr wichtig. Abzulesen ist dieser höhere internationale Stellenwert auch daran, dass ausländische Studenten und Wissenschaftler wieder vermehrt nach Deutschland kommen.

Zur dauerhaften Förderung von Hochschuleinrichtungen durch Bund und Länder hat die Bundesregierung vorgeschlagen, Artikel 91 b des Grundgesetzes dementsprechend zu ändern. Bund und Länder sind da noch ein bisschen unterschiedlicher Meinung. Wir müssen aber sehen, wie wir Wege zueinander finden, weil gerade im Hochschulbereich die Kooperation – auch mit Großforschungseinrichtungen und anderen – in Zukunft noch von größerer Bedeutung sein wird, als das heute schon der Fall ist. Letztendlich fragt Forschung nicht nach Zuständigkeiten, sondern nach geeigneten Clustern.

Wie auch immer die Förderung der Wissenschaft organisiert sein mag – damit sind natürlich immer auch gewisse Erwartungen an die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses verbunden. Denn letztlich entscheidet die Qualifikation heute über unser Lehr- und Forschungsniveau morgen. In Deutschland bietet sich jungen Wissenschaftlern ein offenes und vielfältiges Qualifizierungssystem. Aber es besteht an einigen Stellen auch noch deutlicher Nachholbedarf.

Ich will auch ausdrücklich sagen, dass natürlich die Umstände einer wissenschaftlichen Karriere in Deutschland, aber auch international oft von starkem Wettbewerb geprägt sind. Das liegt in der Natur der Sache. Aber gerade auch, wenn man zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie kommt, sieht man manche Schwierigkeiten vor sich. Deshalb komme ich noch einmal auf das Thema des Anteils von Frauen in leitenden Funktionen zu sprechen. Wir haben Fortschritte gemacht, aber die Wissenschaftlerinnen stellen heute trotzdem nur 18 Prozent der Professuren und 20 Prozent der Hochschulleitungen. Greifswald ist auch hierbei wieder vorne mit dabei. Ich freue mich natürlich, dass ich hier eine Rektorin treffe.

Es besteht auch Nachholbedarf bei der Planbarkeit und Verlässlichkeit von Karrierewegen. Sämtliche Unsicherheiten können natürlich nicht ausgeräumt werden. Befristete Projekte wird es immer wieder geben. Aber professionelles Personalmanagement ist wichtig, denn die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fragen sich immer wieder: Haben wir in Deutschland eine Perspektive?

Deshalb freue ich mich, dass ich gleich im Anschluss mit Nachwuchsforschern zusammentreffen kann, und zwar im Center of Drug Absorption and Transport – kurz: C_DAT. Dieses Zentrum ist ein herausragendes Beispiel für interdisziplinäre Arbeit. Forschergruppen aus den medizinischen und mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultäten ergründen hier gemeinsam, wie Prozesse der Absorption und des Transports von Arzneistoffen im Körper ablaufen. Da ich zu denen gehöre, die auf den Tag warten, an dem es gelingt, dass sich die Absorption punktgenau an der Stelle vollzieht, an der der Körper den Arzneiwirkstoff wirklich braucht, stehe ich diesem Forschungsvorhaben sehr positiv gegenüber. Ich denke, dass noch sehr, sehr viel zu machen ist, um auch die Nebenwirkungen von Medikamenten einzudämmen. Es ist aber immer wieder beeindruckend, wie sich hier der Fortschritt Bahn bricht.

Das C_DAT ist ein nationales Forschungszentrum, das Bund und Land gemeinsam aufgebaut haben. Wir haben uns die Kosten von rund 17,6 Millionen Euro geteilt. Insofern ist das C_DAT ein weiterer Beleg dafür, dass bei Forschungsbauten die Zusammenarbeit von Bund und Land eben auch ertragreich sein kann.

Das Zentrum ist auch ein gutes Beispiel dafür, was gezielte Förderung von Forschung und Innovation in den ostdeutschen Ländern ermöglicht. Mecklenburg-Vorpommern ist ja nun – ich glaube, da trete ich dem Land nicht zu nahe – nicht gerade für die größten Industriekonzerne bekannt. Mit einer von kleinen und mittleren Betrieben geprägten Wirtschaftsstruktur fällt der Unternehmensanteil an FuE-Ausgaben entsprechend gering aus. Das ist eine besondere Herausforderung auch aus Sicht der Bundesregierung.

Wir haben deshalb ein Programm „Unternehmen Region“ installiert, das darauf abzielt, tragfähige regionale Kooperationen zwischen Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Unternehmen zu entwickeln und somit die regionale Forschungslandschaft zu stärken. In Greifswald liegt die Fördersumme für Spitzenforschung und Innovation in der Medizin und zugunsten kooperierender Einrichtungen bei rund 95 Millionen Euro. Also auch hier gibt es eine hervorragende Vernetzung.

Sehr geehrte Frau Rektorin Weber, sehr geehrter Herr Prof. Greinacher, der Bund steht zu seinem Engagement für Bildung und Forschung, für Exzellenz. Das ist auch wesentliche Voraussetzung, um international mithalten zu können. Das C_DAT hat beim Bundesministerium für Bildung und Forschung einen Antrag auf Förderung eines InnoProfile-Transfer-Projekts gestellt. Das Projekt soll dazu dienen, Testsysteme auf Laborniveau für den praktischen Einsatz zu optimieren. Der Antrag wurde kürzlich genehmigt. Es wurden Projektfördermittel des Bundes in Höhe von rund 1,6 Millionen Euro bis 2016 bewilligt. Das Gesamtvolumen einschließlich des Beitrags der Wirtschaft beläuft sich damit auf 2,1 Millionen Euro. Das garantiert also, dass man hier auch etwas tun kann und nicht nur schöne neue Gebäude hat.

Meine Damen und Herren, mit dem Campus und diesem hochmodernen Gebäudekomplex haben Sie ein Juwel der Forschung in einer neuen Fassung – ein Juwel, das nicht nur im Verborgenen glänzt, sondern als praktische Anlage echten Mehrwert erzielt. Das, was man hier sieht, ist auch, wie ich sagen muss, architektonisch sehr gelungen. Wenn man hier in diesem Hörsaal ist – ich habe mich vorhin mit Herrn Sellering darüber ausgetauscht –, möchte man fast wieder anfangen zu studieren.

Wer sich hier engagiert, weiß, dass er nicht nur für sich selbst arbeitet, sondern auch für das kostbarste Gut der Menschen, nämlich für ihre Gesundheit. Dazu haben Sie hier herausragende Voraussetzungen, wofür ich Ihnen gratuliere. Hochschulen sind ja sozusagen so etwas wie die Herzkammer des Innovationsstandorts Deutschland – und das eben auch hier in Greifswald.

In meinen Dank möchte ich auch all die einschließen, die der Forschung zuarbeiten, die den Patientinnen und Patienten helfen: die Krankenschwestern, die vielen Techniker, diejenigen, die diesen Ort hier zu einem Ort gelebter Innovation machen. Herzlichen Dank dafür, dass ich heute mit dabei sein kann. Ihnen hier eine schöne neue Heimat.

Freitag, 05. Juli 2013