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Rede von Bundeskanzlerin Merkel beim Besuch der Jena-Optronik

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Donnerstag, 02. Mai 2013
Ort:
Jena

in Jena

Sehr geehrter Herr Ratzsch,
sehr geehrter Herr Bruhn,
sehr geehrte Frau Knop,
sehr geehrte Frau Ministerpräsidentin, liebe Christine Lieberknecht,
meine Damen und Herren,
vor allen Dingen liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,

ich freue mich, heute hier zu sein. Ich bin natürlich auch hier, weil Ihr Unternehmen dadurch auf sich aufmerksam gemacht hat, dass es auch anderen schon vorher aufgefallen ist, und weil es mit seiner Personalpolitik wunderbar zu dem passt, das wir seitens der Bundesregierung mit unserer Demografiestrategie verfolgen. Herr Ratzsch hatte ja soeben gesagt, dass es ein lang angelegtes Projekt ist.

Der demografische Wandel ist auf den ersten Blick nicht allzu sehr spürbar. Aber wenn man sich bestimmte Statistiken anschaut – Sie haben die Situation hier in Bezug auf das Alter der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehr gut dargestellt –, merkt man, dass sich etwas schleichend verändert und dass Deutschland darauf reagieren muss. Nach ein paar Jahren und Jahrzehnten sieht man natürlich ganz massive Veränderungen. Wir haben eine Entwicklung in Deutschland, in der auf lange Sicht im Durchschnitt jedes Jahr etwa 500.000 Menschen, also eine halbe Million Menschen, mehr in Rente gehen als neu in den Arbeitsmarkt hinzukommen. Wir werden deshalb bis Mitte/Ende des nächsten Jahrzehnts etwa sechs Millionen Menschen weniger im erwerbsfähigen Alter haben.

Wie kann man darauf reagieren? Unsere Antwort und unser Motto heißen: „Jedes Alter zählt.“ Das ist genau das, das Sie hier im Unternehmen leben. Ich glaube, dass es symptomatisch ist, dass es sich dabei um ein mittelständisches Unternehmen handelt, denn gerade mittelständische Unternehmen werden sich vielleicht noch mehr als die großen Flaggschiffe fragen müssen: Wo bekommen wir junge Mitarbeiter her, wie können wir als Arbeitgeber attraktiv sein? In dieser Hinsicht ist Jena in gewisser Weise durchaus eine ganz besondere Stadt, weil hier unter anderem universitäre Ausbildung, Tradition und vieles andere zusammenkommen, weshalb es auch jedem, der einmal hier gewesen ist, einleuchtet, dass die Lebensqualität hier eine sehr gute ist.

Es ist sehr spannend, bei Ihnen zu sehen, wie sich das im praktischen Leben widerspiegelt. Deshalb auch ganz herzlichen Dank dafür, dass Sie uns einen Einblick gegeben haben. Ich habe mir zu Beginn ein bisschen erläutern lassen, was Sie hier herstellen. Ich habe in der Konstruktions- und Fertigungsabteilung einen kleinen Einblick von der hohen Qualität der Arbeit bekommen, die hier geleistet wird. Einer der Konstrukteure sagte: „Weltraumtechnik ist eben High-End.“ – Klar, insofern ist hier die fachliche Qualifikation das alles Entscheidende.

Ich finde es sehr, sehr interessant, dass Sie schon im Jahr 2005 gefragt haben: Wie stellen wir sicher, dass wir in der Lage bleiben, Spitzenleistungen zu erbringen; wie machen wir das nachhaltig? Deshalb haben Sie die Personalpolitik in den Vordergrund gerückt und gesagt: Wir müssen über längere Zeiträume nachdenken; und das ganz besonders, weil wir wissen, dass die Fähigkeiten und Fertigkeiten, die hier verlangt werden, nicht nur über Wochen und Monate, sondern über Jahre hinweg erworben werden müssen. Umso wichtiger ist es, dass das Know-how von Generation zu Generation weitergegeben wird. Es ist ja nicht von ungefähr auch mit der Technik und den Fertigkeiten der Zeit vor der Deutschen Einheit hier in Jena ein solches Unternehmen entstanden. Das heißt, es sind langfristig erworbene Fähigkeiten und Fertigkeiten, die weitergegeben werden müssen.

Nun wurde über viele Jahre hinweg in Deutschland einseitig eine Politik verfolgt in dem Sinne: Wir brauchen junge Leute, denn es geht um Schnelligkeit, es geht um Wendigkeit und Offenheit, die die Jugend mitbringt. Aber man hat dadurch vergessen, dass das Alter oder die älteren Semester auch über Fähigkeiten und Fertigkeiten verfügen, die man unter keinen Umständen durch mehr Schnelligkeit und mehr Druck ersetzen kann. Das, was man den „knappen Schwung der Routine“ nennt, vieles, das man an Erfahrung, an Überblick, an Übersicht einbringen kann, lässt sich oft nur in langen Jahren, eben durch Lebenszeit gewinnen. Insofern gehören die Altersgruppen zusammen. Deshalb haben wir gesagt: „Jedes Alter zählt.“

Ein Team ist nicht einfach dadurch modern – das brauche ich Ihnen hier eigentlich gar nicht zu sagen, aber ich formuliere es noch einmal als allgemeine Aussage –, dass man besonders jung ist, sondern es ist wahrscheinlich dann am allerbesten, wenn es besonders vielfältig ist und wenn man besonders viele Erfahrungen mit einbringt. Dabei ist die Altersstruktur wichtig. Dabei ist natürlich auch die Mischung aus Männern und Frauen mit unterschiedlichen Erlebniswelten wichtig. Wir wissen auch aus anderen Ländern – zum Beispiel aus den Vereinigten Staaten von Amerika unter dem Stichwort „diversity“ –, dass vielfältige Unternehmungen eigentlich die besten sind und die besten Fähigkeiten haben, Probleme zu lösen und auf verschiedene Fragen Antworten zu finden.

Frau Knop hat uns einen Überblick darüber gegeben, was man machen kann. Der Staat kann Rahmenbedingungen schaffen. Zum Beispiel haben wir die Tatsache, dass wir auch für die unter Dreijährigen einen Rechtsanspruch für Kinderbetreuung brauchen. Das muss der Staat umsetzen. Auch die Möglichkeiten, Familienzeiten und Pflegezeiten in Anspruch zu nehmen, zählen zu den Rahmenbedingungen, bei denen sich die Regierung nicht aus der Verantwortung zurückziehen kann. Förderprogramme haben sich auch immer wieder als gut erwiesen. Das Programm 55+ ist zum Beispiel vom Land Thüringen intensiv genutzt worden. Dadurch ist wiederum die Ministerpräsidentin auf Sie aufmerksam geworden.

Es gibt eine Anzahl von Dingen, die der Staat nicht vorschreiben kann. Wir können nicht für alle Mittelständler ausrufen: Sie haben die Verpflichtung, diesen und jenen Altersdurchschnitt in ihren Betrieben zu haben. Das würde mit Recht einen Aufschrei des Entsetzens hervorrufen. Aber wir können durchaus Rahmenbedingungen setzen, mit denen wir das Nachdenken über diese Fragen, den Erfahrungsaustausch, auch das Hervorheben derer, die Vorreiter auf diesem Weg sind, fördern. Dem soll einfach neben einem Dankeschön für alles, was Sie hier schon personalpolitisch unternommen haben, mein Besuch heute auch dienen.

Es ist möglich, es ist machbar, auch wenn Sie unter einem hohen Leistungsdruck stehen. Das heißt, auf den ersten Blick würde man vielleicht fragen: Haben wir überhaupt die Zeit, wenn wir schon so unter Stress stehen? Es sieht ja hier alles ganz einfach aus, aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass der internationale Druck hoch ist. Haben wir die Zeit, uns damit überhaupt zu beschäftigen? Haben wir die Kraft, auch den Älteren die Präzision weiter zuzutrauen? Haben wir die Kraft, die Jüngeren anzulernen? All diese Fragen stellt man sich natürlich, wenn man betriebswirtschaftlich denkt. Sie haben sie mit Ja beantwortet. Man kann ja offensichtlich nicht feststellen, dass Ihre Wettbewerbsfähigkeit zwischen 2005 und 2013 gesunken ist. Wenn ich mir die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anschaue, dann geht diese doch mit einem nachhaltigen und stetigen Wachstum einher.

In Ihrer Branche – obwohl heute das Thema Demografie ist, habe ich den kleinen Hinweis durchaus verstanden – ist die Hightech-Strategie nicht unwichtig. Verlässliche Rahmenbedingungen im Bereich Wissenschaft und Forschung sind von größter Wichtigkeit. Wir haben in den letzten vier Jahren 13 Milliarden Euro mehr für Forschung und Innovation ausgegeben. Wir haben mit der Hightech-Strategie klare Zielsetzungen, wohin das Ganze gehen soll. Ich weiß deshalb auch, dass manch einer im europäischen Ausland uns hier in Deutschland um die guten Rahmenbedingungen beneidet. Diese haben auch dazu geführt, dass Wissenschaftler und Forscher wieder zurückkommen, weil sie eben darauf setzen, dass es hier verlässliche Rahmenbedingungen gibt.

Manchmal ist es ja so: Das, was nicht jeden Tag öffentlich kontrovers besprochen wird, gerät auch nicht so sehr in den Fokus der Aufmerksamkeit. Aber in den Bereichen, in denen hochwissenschaftliche Forschung und Entwicklung eine große Rolle spielen, werden gute Rahmenbedingungen durchaus geschätzt. Ich weiß, dass die Erwartung besteht, dass wir diese weiter pflegen. Natürlich dürfen wir nicht wieder zurückfallen. Wir geben knapp drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung aus. Weil wir uns hier im Weltraumforschungsbereich befinden, sage ich: Mir ist der gesamtgesellschaftliche Nutzen durchaus klar. Das heißt, wir werden nicht jedes denkbare Projekt realisieren können – da gibt es viel, das man heutzutage machen könnte –, aber die Ableitung aus der Raumforschung etwa für technische Entwicklungen oder für Werkstoffe oder bestimmte Fertigkeiten ist überwältigend. Es ist natürlich schon toll, wenn man weiß, dass Sie hier mit Ihren Satellitenbeiträgen Weltspitze sind.

Wir haben es geschafft, dass wir in der Bundesrepublik Deutschland bei den erwerbstätigen 55- bis 64-Jährigen glücklicherweise nicht mehr, wie im Jahr 2000, eine Quote von 37,4 Prozent, sondern von über 60 Prozent haben. Aber auch das muss weiterentwickelt werden. Deshalb sind Sie ein sehr wichtiges und beispielgebendes Unternehmen. Von Konflikten wird wenig berichtet. Ich vermute einmal, manche gibt es hier auch. Aber ich finde es sehr, sehr gut, dass Sie, auch was die Breite der Maßnahmen anbelangt, nicht nur auf lebenslanges Lernen und Weitergabe von Erfahrungen setzen – schon allein das ist wichtig –, sondern auch versuchen, die Arbeit mit anderen Aktivitäten zu verbinden, was auch die Einordnung in das soziale Gefüge zeigt: Mitarbeit am Familiennetz hier in Jena; Sie bringen sich auch in das Thüringer Netzwerk für Demografie ein und sind damit auch immer wieder offen für Anregungen aus anderen Bereichen.

Etwas, das ich persönlich auch für sehr wichtig halte, sind die Fragen Gesundheit und Sport, das Zutrauen, dass man auch im höheren Alter nicht zum alten Eisen gehört, sondern mitmachen kann; und sei es für einen guten Zweck. Damit werden Barrieren überwunden, die man sonst vielleicht gar nicht überwinden würde. Eines ist auch klar: Die hohe Rate von Menschen, die ihrem Beruf nicht mehr nachgehen können, die frühverrentet werden müssen, hängt auch sehr stark damit zusammen, dass die Arbeitswelt mit dem, was man an gesundheitlichen Anforderungen oder an Möglichkeiten erwarten müsste, zum Teil noch nicht in ausreichendem Maße zusammengeht.

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir völlig anders denken müssen, wenn wir den über 55-Jährigen mehr Chancen geben wollen. Dies hängt nicht damit zusammen, dass die erforderlichen Fertigkeiten nicht vorhanden wären. Es hängt zum Teil an einseitigen Beschäftigungen, an Abnutzungen von bestimmten Möglichkeiten, die man gut verhindern könnte, wenn man das Ganze etwas anders aufbauen würde – sei es in der Fließbandfertigung im Automobilbereich, wo es bereits sehr interessante Antworten gibt, oder bei Ihnen hier in der doch eher individuellen Fertigung.

Deshalb ist es also eine Freude für mich, bei Ihnen zu sein, bevor die Bundesregierung am 14. Mai den zweiten Demografiegipfel durchführt. Wir müssen nicht nur, wir wollen auch mit Gemeinden, mit Ländern, mit Unternehmen und gesellschaftlichen Kräften, zum Beispiel den Gewerkschaften, zusammenarbeiten. Gemeinsam stellen wir uns Fragen: Wie funktioniert die Vereinbarkeit von Beruf und Familie? Wie steht es um die Fragen der Kindererziehung oder Pflege? Welche Arbeitszeitmodelle gibt es? Wie können wir die Lebensqualität im ländlichen Raum weiter erhalten? Wir fragen: Wie kann das Leben im Alter selbstbestimmt bleiben? Was können Ehrenamtliche dazu leisten? Wir fragen auch danach, wie der Staat seine Aufgaben weiter erfüllen kann. Denn je attraktiver Sie als Arbeitgeber werden, umso mehr müssen wir uns strecken, für gesamtstaatliche Aufgaben überhaupt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen. Ja, das ist so. Bundeswehr und Polizei sind zum Beispiel Arbeitgeber, die in dem Maße unter Druck kommen, wie die Fachkräfte im privaten Bereich stärker umworben werden.

Noch einmal ganz herzlichen Dank all Ihnen, die Sie ja offensichtlich auf Ihre Art mitmachen – insbesondere den Älteren, die den Jüngeren etwas beibringen und auch sehen müssen, dass die Jüngeren plötzlich Dinge können, die sie als Ältere vielleicht noch nicht können. Ich finde, das ist noch ein schwieriges kulturelles Thema. Dass ein Älterer einem Jüngeren etwas vermittelt, war schon jahrhundertelang so. Aber dass plötzlich die Jüngeren kommen und erst einmal checken, ob der ältere Herr oder die ältere Dame von der neuesten Softwareentwicklung etwas versteht, wie er oder sie das Handy benutzt, bei welchem sozialen Netzwerk er oder sie vernetzt ist und ob man ihn oder sie sozusagen in eine andere Kategorie einordnen muss oder ob man mit ihm oder ihr noch etwas anfangen kann, das ist auch wichtig. Wie gehen diejenigen, die vielleicht in diesen Fähigkeiten überlegen sind, damit um, erklären den Älteren das und führen sie vielleicht auch in diese Welten ein? Das ist eine völlig neue kulturelle Technik, die man erlernen muss, ohne dass man zu selbstbewusst ist, aber sein Licht auch nicht unter den Scheffel stellt. Man kann also eine Menge voneinander lernen. Ich glaube, das Beste ist: Jeder, der bei so einem Generationentransfer mitmacht, macht das so, dass er alles, was er mit dem anderen macht, so macht, wie er es mit sich selbst auch geschehen lassen würde. Dann kommt man ganz gut voran.

Ich freue mich jetzt auf das Gespräch. Ihnen allen weiterhin viel, viel Erfolg. Danke auch für den Astrium-Besuch, Herr von Thadden. Ich habe gehört, viele Mitarbeiter müssen immer wieder nach Oberpfaffenhofen, um die Zertifikate zu erlangen. Danke schön für den freundlichen Empfang. Danke dem Land Thüringen, dass es so gute Betriebe hat.

Donnerstag, 02. Mai 2013