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Rede von Bundeskanzlerin Merkel beim ASEM-Workshop "Break Barriers for Inclusive Development" am 29. Oktober 2015

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Dienstag, 29. Dezember 2015
Ort:
Peking

in Peking

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Li Keqiang,
sehr geehrter Herr Staatsrat Wang,
sehr geehrter Herr Lu,
sehr geehrte Frau Zhang,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Teilnehmer,

ich freue mich sehr, dass ich mit Ihnen diese Konferenz besuchen kann, die sich mit so wichtigen Themen wie Inklusion, Arbeit und Soziales befasst. Das sind ja wirklich wichtige Themen. Wir haben heute in unseren politischen Gesprächen schon über Innovation gesprochen. Wenn man sieht, was hier an Innovation für Menschen mit Behinderungen geschaffen wird, die wirklich mehr Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht, dann weiß man auch, wofür Innovation notwendig ist und wozu sie praktisch möglich ist – ob das Prothesen auf dem neuesten technischen Niveau sind, die das Laufen und Greifen wieder möglich machen, oder ob das Implantate für gehörlose Kinder sind, die damit auch sprechen lernen und das Spielen von Musikinstrumenten erlernen können. Es geht also um eine ganz praktische Innovation für diejenigen, die es in unserer Gesellschaft noch nicht überall so einfach wie andere haben.

China und Deutschland haben die Konvention der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen unterschrieben. Der zentrale Gedanke ist Inklusion: Wie kann sich jeder Mensch, auch wenn er eine Behinderung hat, in die Gesellschaft einbringen? Wir erleben ja, dass dies an vielen Stellen unsere gesamte Gesellschaft bereichern kann. Wenn wir eine Gesellschaft sind, in der nur noch die Fitten, die Schnellen, diejenigen, die alles sofort umsetzen können, eine Chance haben, dann ist das keine menschliche Gesellschaft. Manchmal ist etwas mehr Entschleunigung, etwas mehr Hinschauen gut für die Kinder wie auch für die Älteren in einer Gesellschaft. Wir lernen also durch Inklusion, dass jeder seinen Beitrag leisten kann, dass wir aufeinander Rücksicht nehmen sollten und dass das dann für unsere Gesellschaft besser ist.

Wir haben in Deutschland zur Umsetzung der Konvention der Vereinten Nationen einen Nationalen Aktionsplan entwickelt. Es gibt darüber sehr spannende, zum Teil auch sehr kontroverse Diskussionen, wenn es insbesondere um die Themen Schule und Arbeitsmarkt geht. Wir sind in Deutschland sehr lange Zeit den Weg gegangen, Menschen mit Behinderungen in Spezialschulen zu bringen. Heute versucht man sehr viel stärker auf Inklusion zu setzen, also auf Schulklassen mit Behinderten und Nicht-Behinderten. Man muss jedes Mal sehen: Passt das eine Modell, passt das andere Modell?

Unserer Erfahrung in Deutschland nach ist für körperlich oder auch geistig Behinderte eines sehr wichtig: Man muss immer wieder Durchlässigkeit schaffen. Für den einen Behinderten ist eine geschützte Werkstatt der richtige Ort, den anderen kann man in den Arbeitsmarkt integrieren. Früher war es oft so, dass man eine feste Zuteilung vorgenommen und gesagt hat: Du kommst in eine geschützte Werkstatt und Du kannst vielleicht einen normalen Arbeitsplatz bekommen. Wir müssen lernen, immer wieder darauf zu achten, ob man Menschen wieder eine andere Chance geben kann, ob man von einem zum anderen Arbeitsplatz wechseln kann.

Inklusion ist auch in Deutschland eine riesige Aufgabe. Wenn man sich selber einmal ein Bein gebrochen hat, dann kann man erahnen, was alles Behinderten schwer fällt, was alles nicht in Ordnung ist, wie schwierig es zum Beispiel ist, in eine Straßenbahn, in einen Bus, in eine Eisenbahn einzusteigen. Es gibt viele Handicaps. Das heißt, Hilfsmittel und Technologien sind wichtig.

Ich freue mich, dass wir als Bundesregierung auch den chinesischen Behindertenverband als Partner haben und wir uns auch auf diesem Kongress über Möglichkeiten der Kooperation austauschen können. Der heutige ASEM-Workshop bietet herausragende Möglichkeiten. Auch über die Frage „Was bedeutet Soziale Marktwirtschaft?“ wird diskutiert. So bezeichnen wir unser Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell in Deutschland – einerseits marktwirtschaftliche Mechanismen, andererseits der soziale Ausgleich. Was heißt das gerade auch für die Beiträge für behinderte Menschen? Menschlichkeit und Solidarität müssen ein Teil sein. Deshalb freue ich mich, dass es zwischen unserem Sozial- und Arbeitsministerium und China eine Diskussion sowohl über Behinderungen im Bereich der Arbeitswelt gibt – wie kann man Behinderten hier eine Chance geben? – und dass auch über die Frage diskutiert wird, welche sozialen Leistungen notwendig sind.

Ich wünsche China auf dem Weg der Inklusion natürlich sehr viel Erfolg. Bei Ihnen sind die Zahlen einfach immer so groß – 80 Millionen behinderte Menschen. So viele Einwohner hat Deutschland insgesamt. Nichtsdestotrotz bietet sich die Möglichkeit, vieles in der Praxis auszuprobieren und fortzuentwickeln. Ich freue mich, wenn ein Land mit bescheidenem Wohlstand, wie Sie immer sagen, Herr Ministerpräsident, an die Behinderten denkt und auch ihnen eine Chance gibt, besser leben zu können, als sie das früher konnten.

Herzlichen Dank und alles Gute.

Donnerstag, 29. Oktober 2015