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Rede von Bundeskanzlerin Merkel beim 8. Integrationsgipfel am 17. November 2015

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Dienstag, 17. November 2015
Ort:
Berlin

im Bundeskanzleramt

Meine Damen und Herren,
liebe Teilnehmer des Integrationsgipfels,
liebe Frau Staatsministerin Özoğuz,
liebe Kollegen aus dem Kabinett und aus dem Deutschen Bundestag,
liebe Repräsentanten der Migrantenorganisationen und anderer gesellschaftlicher Gruppen,

herzlich willkommen zum Integrationsgipfel, der zum 8. Mal in dieser Form stattfindet. Die Themen, über die wir bei den vergangenen Gipfeln gesprochen haben, waren jeweils natürlich aktuell; und so ist es auch dieses Mal. Aber in diesem Jahr fällt es uns wohl allen schwer, einfach zur Tagesordnung zurückzukehren, nachdem wir am letzten Freitag erfahren mussten, wozu menschenverachtende und gottlose Terroristen fähig sind. Ihre Taten sind Taten gegen die Menschlichkeit. Sie sind im Grunde Taten gegen das Menschsein, die sich gegen uns alle richten. Sie richten sich gegen das, worum es uns ja auch bei den Integrationsgipfeln geht, nämlich um ein gutes und gewinnbringendes Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kultur und Religion.

Wir haben es in der Hand, für ein solch gutes Miteinander ein Zeichen zu setzen – für gegenseitigen Respekt und für Toleranz. Wir haben es in der Hand, für unsere Werte einzutreten, für diese Werte zu leben und sie auch anderen vorzuleben. Ich bin davon überzeugt: Freiheit ist stärker als Hass und Terror; Freiheit lässt sich nicht unterdrücken.

Deshalb, weil sich Freiheit nicht unterdrücken lässt, nehmen auch so viele Menschen Gefahren für Leib und Leben in Kauf, um fernab ihrer Heimat Zuflucht zu finden. Sie wollen Terror, Krieg, Verfolgung und Perspektivlosigkeit hinter sich lassen. So verschieden ihre persönlichen Schicksale auch sind, sie alle eint die Hoffnung auf ein besseres Leben.

Tag für Tag kommen viele Flüchtlinge und Asylbewerber auch nach Deutschland – und mit ihnen auch große Herausforderungen. Es gilt, die ankommenden Menschen zu registrieren, sie zu versorgen und unterzubringen. Essen, Kleidung und andere Dinge für den täglichen Bedarf müssen bereitgestellt werden. Daran wird ja auf allen Ebenen unseres föderalen Staates – in den Kommunen, in den Ländern, im Bund – gearbeitet. Zahlreiche ehrenamtliche Helfer sind unermüdlich im Einsatz. Sie leisten Außerordentliches. Sie gehen an den Rand ihrer Kräfte. Sie wachsen oft über sich hinaus. Wenn ich daran denke, genauso wie an die vielen Hauptamtlichen, dann sage ich: Das erfüllt mich mit Dankbarkeit; das erfüllt mich auch mit Stolz auf unser Land und darauf, wie wir uns präsentieren.

Wir sind ein starkes Land. Wir sind eine wohlhabende Gesellschaft. Wir haben die Kraft zu helfen. Aber diejenigen, die aus wirtschaftlichen Gründen oder aus einem sicheren Land kommen, müssen unser Land auch wieder verlassen. Denn dann haben wir die Kraft, denen zu helfen, die wirklich Schutz brauchen. Diejenigen, die eine Bleibeperspektive haben, müssen die Chance erhalten, sich gut zu integrieren. Das verlangt Kraftanstrengungen von allen Seiten. Wir brauchen sicherlich einen langen Atem und auch mehr Wissen über die Kulturen, die Sitten und die Gebräuche anderer Länder.

Die Voraussetzungen für Integration sind gut, denn ich glaube, wir haben ein Stück weit aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Wir werden hier im Haus in den nächsten Tagen auch Gastarbeiter der ersten Stunde empfangen. Schon das Wort drückt aus, was wir damals dachten: Arbeiter, die nur zu Gast sind. Inzwischen lebt die dritte Generation bei uns, die vierte ist geboren. Wir haben gelernt, wie wichtig Integration von Anfang an ist. Deshalb haben wir jetzt auch gesagt: sehr schneller Zugang zu Integrationskursen, sehr schneller Zugang zur Sprachförderung, sehr schneller Zugang zum Arbeitsmarkt, wo immer möglich.

Wir haben glücklicherweise auch die wirtschaftlichen Voraussetzungen, um das schaffen zu können. Wir haben ein solides Wirtschaftswachstum. Wir suchen an vielen Stellen Auszubildende und Fachkräfte. Das heißt, wenn Migranten die Fähigkeiten und Fertigkeiten aufweisen, die gefragt sind, dann sollten sie auch entsprechende Arbeitsmöglichkeiten nutzen können. Das heißt, wir sollten nicht nur über Lasten sprechen, die die Vielzahl der Flüchtlinge mit sich bringt, sondern auch die Chancen sehen – realistisch und ohne etwas zu beschönigen.

Deshalb möchte ich auch gerade Sie hier, insbesondere die Vertreter der Migrantenorganisationen, bitten: Machen Sie mit. Sie kennen unser Land; und Sie kennen auch andere Kulturen und andere Sitten. Natürlich finden Sie daher manchmal besser einen Draht zu denen, die jetzt neu zu uns kommen, als wir, deren Familien schon seit vielen Generationen hier in Deutschland leben. Bitte sagen Sie uns, wo wir noch etwas dazulernen müssen und wo wir vielleicht Unsicherheiten überbrücken können. Denn auch wir sind manchmal unsicher, wie man sich verhalten soll. Aus Unsicherheit entsteht manchmal Distanz, aus Distanz entsteht Angst. Sorgen, Ängste und Sprachlosigkeit müssen überwunden werden – unbeschadet dessen, dass wir auch sagen: Ihr kommt in ein Land, in dem es Gesetze und Regeln gibt, an die man sich halten soll und muss. Aber auch das können viele von Ihnen vielleicht besser ausdrücken.

Auf jeden Fall sage ich auch im Namen der Bundesregierung, dass wir die Integrationsaufgabe auch als Beitrag zu einem guten Miteinander von Kulturen anpacken wollen. Ich sage, dass wir mit unserem Integrationsgipfel auf einem richtigen Weg sind, weil wir die ansprechen, die dazu beitragen können, diese Aufgabe zu schultern, auch in ihrer gesamten Breite und Vielfalt.

Das heißt nicht, dass wir für heute nicht wieder ein bestimmtes Thema hätten – ein spannendes Thema, auch wenn es auf den ersten Blick nicht unbedingt ins Auge sticht, nämlich das Thema Gesundheit. Wenn jemand nicht gesund ist, dann kann er sich nicht wohlfühlen. Wenn jemand gesund ist, dann geht vieles leichter im Leben. Deshalb ist es wichtig, dass wir erstens jeden, der in unserem Land lebt, in unser Gesundheitssystem integrieren, dass wir zweitens für die, die sich noch nicht so gut auskennen, Informationen über unser Gesundheitssystem zur Verfügung haben und dass wir uns drittens auch mit dem Thema befassen, dass die Zahl der über 65-Jährigen nicht nur der hier Geborenen, sondern auch der Zuwanderer zunehmen wird. Deshalb wird es mit Blick auf die Gesundheitsberufe, die Pflegeberufe und die Arbeit in den Wohlfahrtsorganisationen wichtig sein, für diese auch mehr Menschen mit Migrationshintergrund zu gewinnen.

Deshalb finde ich es sehr gut, dass sich Aydan Özoğuz für dieses Thema entschieden hat. Ich war am Anfang zwar ein bisschen skeptisch, ob das Thema trägt. Sie hat mir aber vorgetragen, was alles im Rahmen der Arbeit der letzten Monate entstanden ist. Und das finde ich schlichtweg toll. Sicherlich muss noch weiter gearbeitet werden. Deshalb herzlich willkommen – und Dank all denen, die zur Vorbereitung des heutigen Treffens beigetragen haben.

Dienstag, 17. November 2015