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Rede von Bundeskanzlerin Merkel bei der Werkserweiterung der Takeda GmbH am 16. Juni 2017 in Oranienburg

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Freitag, 16. Juni 2017
Ort:
Oranienburg

Sehr geehrter Herr Weber,
sehr geehrter Herr Ministerpräsident, lieber Herr Woidke,
Herr Botschafter Yagi,
Herr Landrat,
Herr Innenminister und Landrat a.D.,
Herr Bürgermeister,
liebe Abgeordnete von Bund und Land,
vor allem: liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und liebe Auszubildende von Takeda,

Deutschland hat – das haben wir schon oft gesagt, Herr Botschafter – großes Interesse am Ausbau der Zusammenarbeit mit Japan. Der Ausbau des Oranienburger Takeda-Werks zeigt nun, wie das praktisch geht. Es freut mich deshalb sehr, dass ich bei der Eröffnung des neuen Produktionsmoduls mit dabei sein kann.

Beim Rundgang haben wir schon einige Einblicke in die Arbeit hier gewonnen. Wir haben eine hochmoderne Verpackungslinie gesehen und – das ist besonders spannend und gerade in der Entwicklung begriffen – einiges über die Möglichkeiten erfahren, die der 3-D-Druck auch im Bereich der Pharmazie bietet. Die Möglichkeit, heute die Ersatzteile selbst herzustellen oder auch Tabletten zu drucken, ist etwas, das wir vor zehn Jahren noch gar nicht so gesehen haben. Es ist auch hochinteressant, welche verschiedenen Eigenschaften die verschiedenen Materialien aufweisen.

In der Gesundheitswirtschaft hält also die Digitalisierung genauso Einzug wie in anderen Bereichen. Deshalb trifft es sich gut, dass die Bundesregierung gerade erst in dieser Woche wieder einen Digital-Gipfel in Ludwigshafen in Rheinland-Pfalz durchgeführt hat. Dort war das Schwerpunktthema Gesundheitswirtschaft und Digitalisierung. Das hier ist eine Facette. Das Themenspektrum reicht von der Anwendung in Krankenhäusern, der Operationstechnik über die Telemedizin, die gerade auch für ländliche Regionen von größter Bedeutung ist, bis zur Einführung der Gesundheitskarte und zu Veränderungen in den Arztpraxen.

Oranienburg ist ein moderner Standort für Takeda. Ich glaube, dass hier zu Recht von einem Kompetenzzentrum gesprochen wird. Es werden hier Arzneimittel produziert, die in alle Welt gehen; Herr Weber hat uns das dargestellt. Sie unterstützen von hier aus auch die Arbeit an anderen Standorten – ob es nun um neue Tablettenarten, neue Verpackungen oder Studien zur Haltbarkeit von Medikamenten geht. Die Investition in die Produktionserweiterung, die wir hier besichtigen können, beläuft sich auf 100 Millionen Euro. Das ist ein Bekenntnis Ihres Unternehmens zum Standort Oranienburg, gleichzeitig auch ein Bekenntnis des Landes Brandenburg zur industriellen Entwicklung an diesem Standort.

Ich glaube, ein Grund für die Entscheidung, hier stärker zu investieren – wir konnten uns auch eben davon überzeugen –, ist die Fachkräftebasis. Daran zeigt sich einmal mehr, wie wichtig Ausbildung ist. Wir – Herr Ministerpräsident Woidke und ich – haben mit den Auszubildenden ja auch darüber gesprochen. Ich glaube, wir können in Deutschland durchaus stolz darauf sein, dass wir eine sehr enge Verzahnung von praktischer Ausbildung und theoretischer Ausbildung in verschiedenen Berufen haben. Wir sind auch fest entschlossen, die Berufsausbildung auch in der Transformation durch die Digitalisierung zu stärken. Digitale Veränderungen müssen auch in die Ausbildung der jungen Menschen einfließen, um junge Talente zu fördern.

Die Sicherung der Fachkräftebasis in Deutschland ist natürlich eine Herausforderung. Wir werden in den nächsten Jahren weniger junge Menschen haben. Umso wichtiger ist es, dass jeder und jede eine gute Ausbildungsmöglichkeit bekommt. Wir müssen aber auch darauf achten, dass die Ausbildung in die richtigen Richtungen erfolgt. Uns fehlen viele Fachkräfte für IT-Technologien. Ich kann also alles, was im Zusammenhang mit der Digitalisierung an neuen Berufsbildern entsteht, jungen Menschen nur wärmstens empfehlen. Denn das hat Zukunft; da werden in Deutschland Fachkräfte gebraucht. Wir müssen unseren jungen Leuten aber eben auch hervorragende Ausbildungsmöglichkeiten bieten.

Takeda geht hierbei mit gutem Beispiel voran, was essentiell für den Pharmastandort Deutschland ist. Sie wissen bei Takeda auch, dass man gar nicht früh genug mit der Nachwuchsgewinnung beginnen kann. Es geht oft schon darum, im Schulalter die ersten Weichen zu stellen. Sie haben deshalb in diesem Jahr auch den Takeda-Runge-Schülerpreis ins Leben gerufen. Ich finde, das ist eine interessante Sache, denn damit wird der Ehrgeiz von Jugendlichen angestachelt, sich in den Naturwissenschaften zu beweisen und Bestleistungen zu bringen. Der Namensgeber des Preises ist nicht nur Takeda als Unternehmen, sondern auch der Chemiker Friedlieb Ferdinand Runge, dessen 150. Todestag gerade in dieses Jahr fällt. Er machte sich durch sein langjähriges Wirken in Oranienburg einen weithin bekannten Namen. So knüpfen Sie also auch mit dem Takeda-Runge-Schülerpreis an die Tradition dieser Stadt als Chemie- und Pharmastandort an.

Der Grundstein für die hiesige Arzneimittelproduktion wurde schon vor 130 Jahren von Heinrich Byk gelegt, der damals sein Werk von Berlin nach Oranienburg verlegte. Ich weiß nicht, was die Gründe waren, aber er hat eine gute Wahl getroffen. Damit war auch der Boden bereitet, auf dem das Unternehmen Takeda heute aufbauen kann. In den Anfangszeiten der Deutschen Einheit wird es bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern manche Stunde der Ungewissheit gegeben haben. Aber immerhin hat sich die damalige Muttergesellschaft von Byk Gulden, die damals die Altana AG war, für den alten Stammsitz entschieden. Daraufhin entstand eines der modernsten Pharmawerke Europas. Nach verschiedenen Stationen führt nun Takeda das Werk. Als Gerhard Schröder als Bundeskanzler 2005 mit Matthias Platzeck zu einer Standorterweiterung kam, gehörte das Ganze noch zur Altana AG. Ich freue mich natürlich, dass es danach sehr gut weitergegangen ist und wir heute sagen können, dass die Belegschaft nach und nach auf heute mehr als 700 Beschäftigte angewachsen ist. Das ist für diesen Standort schon eine Größenordnung, die sich sehen lassen kann. Das sind ja nicht irgendwelche Arbeitsplätze, sondern wirklich gute und qualifizierte Arbeitsplätze.

Man kann an diesem Standort auch sehen, wie viel davon abhängt, ob eine Entscheidung für oder gegen eine Investition fällt, und wie viele eigentlich daran mitarbeiten müssen, dass ein Standort sich auch über Jahre und Jahrzehnte – in diesem Falle mehr als 100 Jahre – entwickeln kann. Deshalb darf ich für die Bundesregierung, genauso wie das die brandenburgische Landesregierung oder die Landesregierungen anderer Bundesländer tun, sagen: Deutschland will – wir wissen auch, dass Deutschland das muss – für ausländische Investoren attraktiv bleiben. Wir stehen in einem globalen Wettbewerb. Wir wollen aus der Perspektive Deutschlands einen offenen, freien und fairen Wettbewerb. Wir glauben nicht an Abschottung, an Protektionismus. Wir glauben, dass das maximal kurzfristige Vorteile bringen kann, aber dass wir auf Dauer in einer gemeinsamen Win-win-Situation leben, wenn wir uns aufeinander einlassen und miteinander kooperieren.

Diese Überzeugung teilen wir auch mit Japan. Japan ist ja auch zunehmend diesen Weg gegangen. Wir haben als Wirtschaftspartner ein gemeinsames Interesse an offenen Märkten – ob es um Direktinvestitionen oder um Handel geht. Nicht umsonst war Japan Partnerland der CeBIT und anderer großer deutscher Messen. Ich arbeite mit Premierminister Abe genau in diesem Geist zusammen. Nicht von ungefähr verhandelt die Europäische Union im Augenblick mit Japan über den Abschluss eines Handelsabkommens. Wir müssen und wollen das zu einem Abschluss bringen, denn unsere Erfahrung ist, dass solche Handelsabkommen die Intensität der Kooperation vergrößern können. Mit dem Handelsabkommen sind wir noch nicht fertig, Takeda aber ist schon einen Schritt weiter und hat in die Gesundheitswirtschaft am deutschen Standort investiert.

Der Anteil der Gesundheitswirtschaft in Deutschland ist in den vergangenen fünf Jahren auf inzwischen 12 Prozent unseres Bruttoinlandsprodukts gestiegen. Man kann auch sagen, dass das eine Zukunftsbranche bleibt. Der pharmazeutische Anteil ist zwar nicht so dramatisch gestiegen – hier haben wir einen harten globalen Wettbewerb –, aber wir haben als Bundesregierung im Rahmen des Pharmadialogs mit der pharmazeutischen Industrie in Deutschland darüber gesprochen, wie wir die Rahmenbedingungen attraktiv halten können. Das, was ich von Herrn Weber gehört habe, war ja auch ermutigend. Wir schätzen die Innovationskraft. Wir können aber gar nicht oft genug sagen, wie lange es dauert, neue Medikamente zu entwickeln, weshalb es auch klarer rechtlicher Rahmenbedingungen bedarf, und dass wir in Innovationen insgesamt eben auch investieren müssen.

Die Gesundheitsforschung ist einer der Schwerpunkte unserer Hightech-Strategie. Der Pharmadialog, von dem ich eben schon sprach, wird im Übrigen auch bewusst nicht nur mit der Wirtschaft und der Regierung, sondern, wie es der Tradition der Sozialen Marktwirtschaft entspricht, auch mit der zuständigen Gewerkschaft, der IG BCE, geführt. Die Dialogtradition in der Sozialen Marktwirtschaft hat insgesamt in Deutschland dazu geführt, dass sich die Fachkräfte gut entwickeln konnten und dass für Arbeitnehmerinnen, Arbeitnehmer und Arbeitgeber sehr viele gute Entwicklungen erreicht werden konnten.

Wir brauchen immer wieder neue Medikamente. Ein Schwerpunkt sind zum Beispiel die Entwicklungen von neuen Antibiotika. Das haben wir uns – wir haben in diesem Jahr ja die G20-Präsidentschaft inne und sind Gastgeber des G20-Gipfels – zusammen mit den Akademien der Wissenschaften und den Mitgliedstaaten der G20 auf die Fahnen geschrieben. Das, was viele Menschen heute manchmal als selbstverständlich betrachten, dass es immer wieder neue Medikamente geben wird, ist gerade im Falle von Antibiotika gar nicht so selbstverständlich, weil es eben sehr, sehr schwer ist, neue Antibiotika zu entwickeln. Deshalb ist es auch ganz wichtig – Herr Weber hat auch darauf hingewiesen –, dass wir insgesamt einen klaren und guten Rechtsrahmen für die Produktion von Arzneimitteln brauchen. Wir brauchen Verlässlichkeit und auch einen guten Schutz vor Fälschungen von Arzneimitteln. Deshalb müssen wir immer wieder an den Regeln für die Arzneimittelversorgung arbeiten, müssen immer wieder in Kontakt mit den Krankenkassen stehen und müssen Lieferengpässe vermeiden. Sie sehen ja hier, wie eng die Dinge getaktet sind, wie je nach Bedarf produziert werden kann und wie hoch automatisiert das Ganze ist. Insofern können und müssen wir den Erwartungen derer, die auf Medikamente angewiesen sind, gerecht werden.

Meine Damen und Herren, an Produkten zu arbeiten, die dazu beitragen, dass Menschen gesund werden oder gesund bleiben, ist natürlich eine wichtige Aufgabe, bei der man auch sehr gut über den Nutzen und über das, was man jeden Tag tut, berichten kann. Deshalb verwundert es mich auch nicht, dass ich dort, wo ich einen kleinen Einblick erhalten konnte, hochmotivierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gesehen habe, denen ich viel Erfolg und auch viel Freude mit der neuen Produktionsstätte wünsche. Ich gratuliere der Unternehmensleitung zu dieser Investition. Ich sage dem Herrn Botschafter, dass ich das als ein gutes Omen für die deutsch-japanische Zusammenarbeit nehme.

Ihnen alles Gute und viel Freude bei der Nutzung der neuen Möglichkeiten.

Freitag, 16. Juni 2017