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Rede von Bundeskanzlerin Merkel bei der Verleihung des Eugen-Bolz-Preises am 1. Februar 2017

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Mittwoch, 01. Februar 2017
Ort:
Stuttgart

Sehr geehrter Herr Bischof Fürst und sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Neher,
ich darf Sie unabhängig vom Protokoll als Erste erwähnen, denn Ihre Diözese und Ihre Stadt Rottenburg am Neckar pflegen auf besondere Weise das Erbe von Eugen Bolz. Mir ist es eine große Ehre, einen Preis entgegenzunehmen, der seinen Namen trägt.

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Kretschmann,
auch das Land hält die Erinnerung an den aufrichtigen und gewissenhaften Staatspräsidenten hoch.

Sehr geehrter Herr Kardinal Marx,
Ihnen danke ich für Ihre freundlichen und durchaus bewegenden Worte. Sie werden sich wundern: Ich erinnere mich noch an unsere erste Begegnung, weil ich hart dafür arbeiten musste, überhaupt einen Termin zu bekommen. Die Terminfindung unter uns beiden ist heute einfacher als früher. Sie waren schon in Paderborn sehr beschäftigt und in Trier nicht weniger. Meinen aufrichtigen Dank für das, was Sie in Ihrer Laudatio gesagt haben.

Liebe Angehörige der Familie Bolz,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus Regierungen und Parlamenten,
liebe Preisträger,
meine Damen und Herren,

im Herbst 1944 schrieb Eugen Bolz im Gefängnis folgende Worte an seine Tochter – ich möchte ihn zitieren –: „Wenn in den kommenden Wochen die Flut der Zerstörung noch ansteigt, so wissen wir doch auch, dass auf Flut Ebbe folgt und auf Zerstörung Aufbau.“ Der ehemalige württembergische Staatspräsident bleibt selbst angesichts des drohenden Todesurteils ein Mann der Zuversicht, der seinen Liebsten Mut macht, dass sich die Zeiten wieder ändern. Er selbst erlebte das Ende des Nationalsozialismus in Deutschland und den Neuanfang nach dem Krieg nicht mehr. Am 23. Januar 1945 wurde er hingerichtet.

Eugen Bolz sah sich im christlichen Glauben verwurzelt und der katholischen Soziallehre verpflichtet. So stand er bereits als junger Minister der Ideologie des Nationalsozialismus sehr fern. Dennoch schien er später zunächst davon auszugehen, dass der Nationalsozialismus nur eine kurze Phase sein würde; mehr noch, dass er angesichts der schlechten Wirtschaftslage des Landes und der Krise des Parlamentarismus vielleicht sogar manches Problem lösen könne. Dies war eine Fehleinschätzung, wie sich zeigte.

Die Nationalsozialisten machten ernst. Politische Gegner waren einer Hetzjagd ausgesetzt. Auch Eugen Bolz wurde öffentlich diffamiert, erniedrigt und inhaftiert. Er zog sich schließlich ins Privatleben zurück. Deutschland begann den Zweiten Weltkrieg. Im Zivilisationsbruch der Shoa offenbarte sich der moralische Zusammenbruch eines ganzen Landes. Eugen Bolz sprach von einem – ich zitiere – „Sklavenstaat“, der verschwinden müsse. Er schloss sich Widerstandskreisen an. Einem Bekannten vertraute er an – ich zitiere ihn nochmals –: „Ich muss dabei sein.“ Der Gefahren war er sich bewusst.

Die Lebensgeschichte von Eugen Bolz führt uns den Schrecken und das Leid durch ein Terrorregime vor Augen. Und zugleich öffnet sie den Blick für das Glück, in einer Demokratie, in Freiheit und in Frieden mit unseren Nachbarn in Europa leben zu dürfen. Dies verdanken wir Männern und Frauen, die ähnliche Grundüberzeugungen wie Eugen Bolz auszeichneten: eine tiefe demokratische Gesinnung und Verantwortungsbewusstsein auch und besonders im Sinne christlicher Verbundenheit mit dem Nächsten. Sie machten sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust an den Wiederaufbau – und zwar in doppeltem Sinne: in materieller wie in moralischer Hinsicht. Neben dem Aufbau zerstörter Städte und Infrastrukturen galt es, ein gänzlich neues Staats- und Gemeinwesen zu gründen, das die Würde jedes einzelnen Menschen in das Zentrum allen politischen Handelns rückt.

Die schließlich im Grundgesetz verbürgten Grundrechte waren die Antwort auf den Zivilisationsbruch durch den Nationalsozialismus in Deutschland. Die neue Verfassung war also die folgerichtige Konsequenz aus dem Scheitern der Weimarer Republik, dem Demokraten wie Eugen Bolz so hilflos gegenüberstanden. In Deutschland entwickelte sich nach den Verbrechen des Nationalsozialismus und auf den Trümmern des Krieges eine stabile Demokratie – zunächst im Westen des Landes, nach dem Mauerfall auch im Osten.

Eingebettet war dieser Prozess in die europäische Aussöhnung und Einigung. Aus Feinden von einst wurden Freunde. Das sagt sich so leicht. Aber das war alles andere als selbstverständlich. Das fiel gewiss nicht jedem leicht. Doch Vertrauen aufzubauen, Offenheit füreinander zu zeigen und Toleranz zu üben, sich fähig zu erweisen, sich immer auch in die Gedankenwelt des anderen hineinzuversetzen, um zu verstehen, wie man zu einer gemeinsamen Lösung kommen kann – davon lebt die Europäische Union bis heute.

Heute spüren wir allerdings auch, dass gemeinsame Erfahrungen zwar wichtig, aber allein zu wenig sind, um Europa zusammenzuhalten. Als wir im Jahr 2007 „50 Jahre Römische Verträge“ feierten, stellten wir in der Berliner Erklärung einmütig fest: „Wir Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union sind zu unserem Glück vereint.“ Im März dieses Jahres begehen wir den 60. Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge. Die Feststellung vor zehn Jahren gilt für mich nach wie vor. Aber sie wird unverkennbar auch in Zweifel gezogen. Das Referendum für einen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union war und ist ein tiefer Einschnitt. Und auch sonst durchlebt Europa schwierige Zeiten. Denken wir etwa nur an die nach wie vor bestehenden Risiken im Zusammenhang mit unserer Währung, an die angespannte Situation in der Ostukraine, an die vielen Menschen, die bei uns Schutz vor Krieg und Verfolgung suchen, an die mangelnde Solidarität unter den Partnern in Europa und an die Gefahren des internationalen Terrorismus.

Entscheidend ist: auf diese und andere Herausforderungen können wir in Europa überzeugende Antworten finden – aber nur, wenn wir sie gemeinsam geben. Europa ist nur so stark, wie wir es wirklich zusammenhalten können. Das müssen wir – jeder Einzelne, auch wir hier in Deutschland – uns immer wieder bewusst machen. Wir stehen in der Verantwortung, Europas Bedeutung für jedes einzelne Land noch besser zu vermitteln und durch Taten erkennbar zu machen. Wir brauchen konkrete Ergebnisse, die zeigen, dass Europa funktioniert, dass es uns gute Dienste leistet und dass es auch sein Wohlstandsversprechen erfüllt.

Das zeigt sich auch im wirtschaftlich starken Baden-Württemberg. Auch hier profitiert das Bundesland vom gemeinsamen Markt mit seinem freien Personen-, Waren-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehr. Aber es bleibt auch immer richtig und wichtig, dass Europa weit mehr ist als ein Binnenmarkt. Ein einiges Europa ist und bleibt unsere beste Versicherung für ein Leben in Frieden und Freiheit. – Herr Kardinal, Sie haben es gerade so wunderbar gesagt: Es geht im Grunde um Lebensmodelle in offenen, liberalen, freien Gesellschaften, in denen die Würde jedes Einzelnen respektiert und geachtet wird.

Wenn wir sehen, welche Gräben nach dem Krieg die Mütter und Väter der europäischen Einigung überwunden haben, dann sollte es für uns heute – in einer unvergleichlich besseren Situation – doch möglich sein, Europa neuen Schwung zu verleihen. Ein Blick zurück lohnt sich, wenn wir uns heute manchmal überfordert fühlen. Diejenigen, die vor uns vieles für uns aufgebaut haben, mussten ganz andere Dinge leisten. Wenn wir sehen, mit welcher Courage die Gründerväter und -mütter des Grundgesetzes auf ein besseres Deutschland hingewirkt haben, dann sollten wir diese Courage auch heute aufbringen und uns für das Gemeinwohl einbringen.

Jeder von uns – jedenfalls auch diejenigen, die in der Politik tätig sind; vielleicht ist es bei kirchlichen Entscheidungen auch manchmal so – weiß, dass Entscheidungen zu treffen durchaus auch bedrücken kann: Gelingt es, ist es richtig, habe ich alles bedacht? Wenn man sich nicht durchsetzt, sind die Konsequenzen einer Entscheidung ja überschaubar. Aber führen wir uns einmal vor Augen, was Eugen Bolz damals auf sich nahm. Selbst bei Todesgefahr haben Menschen wie Eugen Bolz, Dietrich Bonhoeffer und viele, viele andere die Kraft aufgebracht, Zuversicht auszustrahlen. Das sollte uns heute ein Beispiel sein, fest zu unseren Grundwerten zu stehen und nicht schon am dritten Tag zu verzagen und alles in Zweifel zu ziehen.

Gewiss, das Leben von Eugen Bolz zeigt auch etwas anderes: Sich zu irren, kann auch dazugehören; sich vor der Last der Herausforderungen zu fragen, ob man ihnen gewachsen ist, gehört auch dazu. Aber wir sehen auch, welche Willenskraft werteorientierte Menschen aufbringen können und wie sie damit – wenn nicht sich selbst, so doch anderen – einen Weg in eine gute, in eine bessere Zukunft aufzeigen können.

Deshalb haben wir allen Grund, die Erinnerung an Eugen Bolz wachzuhalten. Vielleicht ist es gerade auch in diesen Jahren, auch im Jahr 2017, besonders wichtig, an ihn zu erinnern. Jedes Jahr hat seine eigene Note, aber dieses Jahr ist sicherlich ein Jahr, in dem die Erinnerung besonders wachgehalten werden sollte. Dass diesem Ziel der Preis und die Arbeit der Stiftung dienen, das freut mich. Auch Straßen tragen den Namen von Eugen Bolz. Das Bischöfliche Ordinariat befindet sich am Eugen-Bolz-Platz in Rottenburg. Es gibt Schulen, die das Andenken an Eugen Bolz pflegen. Das ist besonders wichtig. Junge Menschen tasten sich über Namensgeber wie Eugen Bolz an die deutsche Geschichte heran; und zwar nicht abstrakt, sondern über ein Leben, über eine Biografie. Im besten Fall öffnet sich so für die Schüler das, was man den Zauber der Freiheit oder auch das Glück der Freiheit nennt. Max Weber sprach von einem „Zauber der Freiheit“.

Wir dürfen uns heute glücklich schätzen, dass wir mit diesem Zauber ziemlich oft in Berührung kommen – vielleicht manchmal so oft, dass wir ihn gar nicht mehr richtig als Zauber erkennen. Aber es ist einer. Dass dieser Zauber Wirkung entfalten kann, das liegt an jedem Einzelnen von uns – an jedem, der hier im Raum ist, und jedem, dem wir es weitersagen.

Danke noch einmal für die Ehrung. Wenn man gewöhnt ist, eigentlich seinen ganzen Tag sozusagen eher in einem Kampf zu verbringen, ist es ein bisschen komisch, wenn man wie hier eine Stunde lang so viel Gutes hört. Aber ich nehme das als Ansporn. Danke dafür, dass ich den Eugen-Bolz-Preis erhalten habe.

Mittwoch, 01. Februar 2017