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Rede von Bundeskanzlerin Merkel bei der Unesco-Weltsportministerkonferenz

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Mittwoch, 29. Mai 2013
Ort:
Berlin

in Berlin

Sehr geehrte Frau Generaldirektorin Bokova,
sehr geehrter Herr IPC-Präsident Sir Philip Craven,
sehr geehrter Herr Minister Friedrich,
sehr geehrter Herr Bürgermeister Henkel,
liebe Ministerinnen und Minister,
meine Damen und Herren,
werte Gäste,

herzlich willkommen zur 5. Weltsportministerkonferenz in Deutschland. Es ist für uns und für unser ganzes Land eine große Freude, Ihr Gastgeber sein zu dürfen. Minister Friedrich wird im Namen der gesamten Bundesregierung alles daransetzen, dass Sie sich in Deutschland und natürlich auch in der deutschen Hauptstadt, in Berlin, wohlfühlen.

Sport fasziniert und fesselt die Menschen. Dies war bereits in der Antike so. Und dies gilt auch für unsere heutige Zeit. Erst am vergangenen Samstag – die Generaldirektorin hat schon darauf hingewiesen – haben wir wieder gesehen und gehört, dass Sport eine Sprache spricht, die überall auf der Welt verstanden wird. Das Finale der UEFA Champions League im Londoner Wembley-Stadion haben weltweit rund 300 Millionen Fernsehzuschauer verfolgt. Sie brauchten dafür keinen Dolmetscher. Das ist einmal mehr der Praxisbeweis dafür, dass Fußball nicht nur hierzulande als schönste Nebensache der Welt gilt.

Doch ist Sport im Allgemeinen tatsächlich eine Nebensache? Da habe ich Zweifel; und Sie sicherlich auch. Schließlich ist für unzählige Sportfreunde die Identifikation mit einer Mannschaft oder die eigene sportliche Aktivität ein zentraler Bestandteil des Alltags. Sie nehmen sich Zeit dafür, auch wenn die Ressource Zeit knapp ist. Sie schätzen die Gemeinschaft im Stadion, in der Sporthalle oder im Verein. Und sie halten Werte wie Teamgeist, Fairness und Toleranz hoch.

Sport verbindet. Er entfaltet enorme emotionale und soziale Kraft. Die gemeinsame Begeisterung, das gemeinschaftliche Erleben von Erfolg und Niederlage, das Teilen von Freud und Leid – das schweißt einfach zusammen. Sport überwindet Grenzen. Sport schafft es, Menschen jeden Alters und verschiedenster Herkunft, unabhängig von Hautfarbe, Bildung oder Religion, zusammenzuführen.

In Deutschland spielt Sport für die Integration von Migrantinnen und Migranten eine zentrale Rolle. Sport wirkt als Integrationsmotor. In vielen Vereinen und Mannschaften trainieren gemeinsam Sportlerinnen und Sportler mit und ohne ausländische Wurzeln. Sie bilden im Team eine Einheit, die ein gemeinsames Ziel verfolgt. Wettkampf wie auch das alltägliche Miteinander verlangen und lehren gleichermaßen kulturelles Verständnis und Weltoffenheit. Dies gilt auch nationenübergreifend. Denken wir nur an die Begeisterung, die Olympische und Paralympische Spiele regelmäßig entfachen. An den Sommerspielen nahmen zuletzt Sportlerinnen und Sportler aus über 200 Nationen teil. Die Wettkämpfe ließen an allen Ecken und Enden der Welt die Menschen vor den Bildschirmen zusammenrücken.

Die internationale Bedeutung des Sports spiegelt sich letztlich auch in den Weltsportministerkonferenzen wider. Sie sind, meine Damen und Herren, aus rund 150 Staaten heute nach Berlin gereist, um gemeinsam nach Antworten zu suchen – vor allem auch auf Fragen rund um Großveranstaltungen. Sportliche Großereignisse erfordern zweifellos einen sehr hohen Aufwand. Aber sie bieten auch die Chance, Impulse für eine nachhaltige Entwicklung des jeweiligen Austragungsortes zu bekommen. Und dabei geht es über wirtschaftliche Aspekte hinaus etwa auch um umwelt- und kulturpolitische Entwicklungen. Was zum Beispiel in London möglich geworden ist, wie sich das Land präsentieren konnte – das war eines der vielen guten Beispiele dafür, wie Sportgroßereignisse wirken können.

Die Ausrichtung einer internationalen Sportveranstaltung ist eine besondere Ehre für ein Land. Auch wir in Deutschland haben gute Erinnerungen zum Beispiel an die Fußballweltmeisterschaft 2006. Zum Schluss haben viele Länder auf der Welt realisiert, dass Deutsche auch lachen können. Das war bis dahin noch nicht so ganz bekannt. Man erfährt also über Großveranstaltungen auch über die Bewohnerinnen und Bewohner eines Landes manchmal etwas, das man bisher noch nicht so gesehen hat. Allerdings war damals das Wetter auch so, als lebten wir in Brasilien. Das ist in Deutschland leider nicht immer so. Ich hoffe, Sie haben jetzt Glück. Wir haben viele Regentage hinter uns in Berlin; es müssten eigentlich ein paar gute Tage vor uns liegen.

Von der Möglichkeit, sich der Weltöffentlichkeit von seiner besten Seite zu zeigen, sollten möglichst viele Staaten profitieren. Großprojekte stellen aber zum Beispiel immer auch hohe Sicherheitsanforderungen; das ist deshalb auch zu Recht ein Thema dieser Weltsportministerkonferenz.

Wenn ich mir anschaue, wer aus dem Deutschen Bundestag heute diese Eröffnungsveranstaltung begleitet, dann stelle ich fest, dass das Freunde des Sports sind, aber auch Menschen, die sich unter anderem mit innerer Sicherheit befassen. Ich grüße deshalb auch die Abgeordneten des Deutschen Bundestags ganz herzlich.

Eine Sportveranstaltung kann noch so gut organisiert sein, vor allem aber lebt sie von sportlichen Helden. Viele Sportlerinnen und Sportler sind wegen ihrer Erfolge und ihrer Persönlichkeiten Vorbilder und Identifikationsfiguren. Mit ihrem Willen und ihrer Leistungsbereitschaft spornen sie andere Menschen an. Wie sie mit Niederlagen umgehen, erzeugt oft Anerkennung, aber auch Mitgefühl. Und wenn sie beharrlich weitertrainieren und ihre Ziele im Blick behalten, dann machen sie Mut. Dies gilt für den Sport von Menschen ohne und für Menschen mit Behinderungen gleichermaßen.

Gerade im Behindertensport hat sich in den vergangenen Jahren außerordentlich viel bewegt. Er erfährt heute deutlich mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung, was er angesichts atemberaubender und großartiger Leistungen auch wirklich verdient. Doch es wäre sicher noch mehr möglich. Denn der ungehinderte Zugang zu Sportanlagen und barrierefreie Einrichtungen sind längst noch nicht überall Selbstverständlichkeit. Wir in Deutschland sind im Augenblick auch sehr damit beschäftigt, die UN-Behindertenrechtskonvention umzusetzen und Inklusion in unserem Lande wirklich zu leben. Es ist wichtig, dass das Thema Inklusion auch auf der Agenda Ihrer diesjährigen Konferenz steht.

Ziel ist stets, die positiven Effekte des Sports und seine Vorbildfunktion zu nutzen und zu fördern. Und es zeigt sich ganz klar: Unser Bemühen läuft sofort ins Leere, sobald die Integrität sportlicher Leistungen infrage steht. Wir haben immer wieder erleben müssen, wie schnell fairer und sauberer Wettbewerb in Gefahr gerät, wenn es systematische oder absichtliche Regelverstöße, Manipulationsversuche, Doping oder Korruption gibt. Das alles fügt dem großartigen Image des Sports großen Schaden zu und unterhöhlt auch die Werte, für die der Sport steht.

Deshalb gilt es, solchen unsportlichen und kriminellen Machenschaften entschlossen entgegenzutreten. Auch dabei kommt es auf gemeinsames Handeln an. Daher ist eine internationale Strategie angezeigt, die alle Verantwortlichen guten Willens mit ins Boot holt. Dabei dürfen wir – das sage ich ausdrücklich für die Politik – Sportorganisationen nicht alleinlassen. Sie brauchen staatliche Unterstützung – sei es von den Regierungen, sei es von den Parlamenten –, wenn es darum geht, die teils erhebliche kriminelle Energie im Umfeld des Sports zu bekämpfen.

Daher kann ich es nur begrüßen, wenn von dieser Weltsportministerkonferenz das klare politische Signal ausgeht, gemeinsam Präventionsmaßnahmen und Sanktionsmöglichkeiten zu erarbeiten und diese auch auf den Weg zu bringen. Ich sehe darin eine große Chance für den Sport. Deshalb bitte ich Sie: Lassen Sie uns diese Chance nutzen.

Schon der deutsche Gelehrte Johann Gottfried von Herder wusste – ich zitiere: „Wer nicht läuft, gelangt nie ans Ziel.“ Daher wünsche ich Ihnen für die anstehenden Diskussionen eine gute Kondition. Ich bin zuversichtlich, dass es am Konferenzziel einen klaren Gewinner geben wird – und das wird der Sport sein. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und uns allen eine gewinnbringende Konferenz. Fühlen Sie sich wohl in Deutschland, in Berlin. Seien Sie gerne unsere Gäste. Wir tun alles, damit dies eine erfolgreiche Konferenz wird. – Herzlichen Dank.

Mittwoch, 29. Mai 2013