Rede von Bundeskanzlerin Merkel bei der Eröffnungsveranstaltung der Hannover Messe 2015

Sehr geehrter Herr Premierminister Modi,
sehr geehrter Herr Ministerpräsident Weil,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
Herr Festge,
Herr Professor Wahlster,
liebe Bundesminister,
meine Damen und Herren,

dass die Industrie in Deutschland traditionell einen hohen Stellenwert einnimmt, ist weithin bekannt. Aber das wäre nicht denkbar, wenn sich das Produzierende Gewerbe nicht immer wieder weiterentwickeln würde. Unsere Bilder verändern sich in diesen Jahren: Aus den rauchenden Schloten und den stampfenden und dampfenden Maschinen sind Fertigungsprozesse mit modernsten Informationstechnologien geworden. Folgerichtig lautet das Leitthema der diesjährigen Hannover Messe „Integrated Industry“ oder auf Deutsch „Integrierte bzw. vernetzte Industrie“.

Der Trend zur Vernetzung ganzer Wertschöpfungsprozesse fand schon auf früheren Messen in Hannover regen Anklang. Aber in diesem Jahr begegnen wir den verschiedensten Facetten von dem, was wir Industrie 4.0 nennen, gekoppelt mit Smart Factories – und das nicht nur in Einzelfällen, sondern an allen Ecken und Enden dieser Messe.

Die digitale Vernetzung mag in Produktionsabläufen immer mehr zum Standard werden. Eines jedoch macht sie nicht hinfällig, nämlich dass sich Menschen auch persönlich treffen. Es ist schön, dass bei dieser Eröffnungsveranstaltung der Andrang größer war denn je. Ich freue mich, dass die Hannover Messe damit ein Ort ist, an dem die weltweit bedeutendsten industriellen Erfahrungen ausgetauscht werden können.

Von 6.500 Aussteller kommt mehr als die Hälfte aus dem Ausland. Ein Land setzt in diesem Jahr besondere Akzente: Indien ist nach dem Jahr 2006 nunmehr zum zweiten Mal Partnerland der Hannover Messe. Und wir haben es schon erleben können: Indien präsentiert sich in neuer Stärke.

Ich begrüße ganz herzlich den indischen Premierminister Narendra Modi gemein-sam mit seinen Ministern und den indischen Ausstellern. Seien Sie uns herzlich willkommen. Danke, dass Sie uns, bevor wir uns den Ausstellern zuwenden, heute bei dieser Eröffnungsveranstaltung einen Einblick in den kulturellen Reichtum, in die Vielfalt und in die Kraft Ihrer Geschichte, aus der auch der Mut für die Gestaltung der Zukunft erwächst, gegeben haben. Das war für uns alle unglaublich beeindruckend. Und ich freue mich, dass wir Deutschen unsere Flexibilität dahingehend gezeigt haben, dass wir dem Löwen, den wir gerade gesehen haben, auch außerhalb eines Zoos anständige Bewegungsmöglichkeiten gegeben haben. Eine solche Flexibilität ist in Deutschland nicht immer selbstverständlich.

Das zeigt, lieber Herr Premierminister: Alle Vertreter Ihres Landes sind uns herzlich willkommen, egal wer es ist, inklusive des Löwen. Dieses herzliche Willkommen ist auch nicht nur ein Lippenbekenntnis. Es ist, wie Sie es schon dargestellt haben, gelebte Geschichte. Und es soll auch gelebte Zukunft sein. Diese Erfahrung werden Sie auf dieser Messe machen. Und Sie werden sie auch machen, wenn wir heute Abend noch mit Wirtschaftsvertretern zusammenkommen.

Wir haben eine spannende Zeit vor uns, auch in unseren politischen Kontakten. Im Herbst dieses Jahres werden wir Deutsch-Indische Regierungskonsultationen in Ihrem Land haben. Dann können wir all das, was wir jetzt an Erfahrungen sammeln, auswerten. Sie haben uns gebeten, die guten Erfahrungen, aber vielleicht auch die Probleme beim Namen zu nennen und daraus gemeinsam zu lernen. Ich habe auch Herrn Festge sehr wohl verstanden, der meinte, auch wir in Deutschland könnten in unserer Kooperation mit Indien noch einiges ändern.

Herr Premierminister, Sie haben noch etwas anderes gesagt, das mich besonders ermutigt. Sie haben von dem kooperativen Föderalismus in Indien, von der kooperativen Zusammenarbeit mit den Bundesstaaten gesprochen. Ich darf Ihnen mitteilen, dass wir im Allgemeinen auch einen kooperativen Föderalismus haben. Minister-präsident Weil ist ein lebendiges Beispiel dafür. Aber auch da können wir noch miteinander lernen. Auch da sind Deutschland und Indien sich sehr ähnlich.

Meine Damen und Herren, das Handelsvolumen mit Indien ist eine gute Ausgangs-basis, um unsere wirtschaftlichen Kontakte weiter zu pflegen. Es beläuft sich auf rund 16 Milliarden Euro. Deutschland ist damit Indiens wichtigster Handelspartner in der Europäischen Union. Wir wollen das natürlich bleiben. Das sage ich auch dem anwesenden Herrn Kommissar, den ich ganz herzlich begrüße. Ich weiß, dass wir durchaus Wettbewerber haben. Herr Premierminister, Sie kommen gerade aus Frankreich. Aber Wettbewerb belebt ja das Geschäft.

Wir freuen uns, dass Ihre Wirtschaft auf Reformkurs ist. Auch wir wissen, dass wir uns jeden Tag ändern müssen. Deshalb hat sich die Bundesregierung mit ihrer Digitalen Agenda des Themas Industrie 4.0 und der Rahmenbedingungen für die Digitalisierung in besonderer Weise angenommen. Es wird auf der Messe eine besondere Aktivität geben: Bundesminister Sigmar Gabriel und Bundesministerin Johanna Wanka werden gemeinsam mit dem VDMA, mit dem ZVEI und mit BITKOM die Plattform Industrie 4.0 vorstellen. Es gibt nicht nur „Make in India“, was wir sehr unterstützen, sondern es gibt auch eine Plattform für „Made in Germany“, die wir gemeinsam entwickelt haben und die darauf hindeutet, dass bei allen Partikularinteressen der betroffenen Unternehmen die Standardisierung nicht vergessen wird – eine gemeinsame Plattform, auf die gerade auch die kleineren und mittleren Unternehmen aufbauen können, die für die Wirtschaftskraft Deutschlands so besonders wichtig sind.

An anderer Stelle, bei der Eröffnung der CeBIT, haben wir darüber gesprochen, wie wichtig die innovativen Unternehmen der neueren Kategorie sind, die Startup-Unternehmen, die in der Kombination mit den klassischen Unternehmen die Innovationskraft entwickeln. Auch für sie werden wir die Rahmenbedingungen insgesamt verbessern.

Eines ist aber auch klar: Alleine kann Deutschland die Vorteile, die uns der Europäische Binnenmarkt gibt, nicht nutzen. Deshalb wird es genauso wichtig sein, all das, was uns im Rahmen der Digitalisierung bewegt, möglichst schnell auf europäischer Ebene zu regeln. Auch darüber habe ich schon bei der Eröffnung der CeBIT gesprochen. Ich will Kommissar Šefčovič, der heute für das andere Standbein der Hannover Messe hier ist, ans Herz legen, den Kollegen Günther Oettinger in Brüssel sehr zu unterstützen. Wir müssen in Europa einfach einen Zahn zulegen, genauso wie wir in Deutschland einen Zahn zulegen müssen. Die Welt wartet nicht auf uns, sondern wir müssen selber sehen, dass wir vorne mit dabei sind. Betrachten Sie dies als Ermutigung.

Damit bin ich beim zweiten Standbein dieser Messe: Ohne berechenbare Energie-versorgung keine Zukunft der Industrie. Sie wissen, dass wir in Deutschland mit großem Tempo die Energiewende vorantreiben. Dabei machen wir sicher auch manche Erfahrung, aus der dann andere lernen können. Wir sind im Augenblick in einer kritischen Phase, nachdem die erneuerbaren Energien aus der Nische herausgekommen und zur Hauptsäule unserer Energieversorgung geworden sind. All das, was damit an Umstellungen verbunden ist, wird uns zwar noch Jahre beschäftigen, aber die jetzige Legislaturperiode ist die zentrale Legislaturperiode.

Deshalb ist es ganz wichtig, dass sich sowohl die Wirtschaft als auch die politischen Rahmenbedingungen so darstellen, dass wir innovativ bleiben können, dass wir bezahlbare Energiekosten haben, dass wir zukunftsweisende Energiekosten haben. Denn bei allem, was sich bei uns tut: Andere Länder machen ebenfalls beachtliche Fortschritte. Wir werden das im Dezember dieses Jahres bei der internationalen Klimakonferenz in Paris sehen. Es gibt 130, 140 Länder, die die Produktion erneuerbarer Energien fördern, welche, die Schritt für Schritt von der fossilen Energieerzeugung auf erneuerbare Energien umsteigen. Auch hier sollte Deutschland seine führende Position weiter ausbauen.

Meine Damen und Herren, all das spricht dafür, dass dies eine spannende, eine interessante Hannover Messe wird, eine Hannover Messe, die in einer Zeit stattfindet, in der wir auch in Europa wieder positiver in die Zukunft blicken können – die Wachstumsraten werden besser, sie sind zwar immer noch weit entfernt von denen Indiens zum Beispiel, aber immerhin –, in der sich manche nationalen Reformen, aber auch Reformen in Europa bemerkbar machen und in der wir gerade auch in der Eurozone unsere Wirtschaftskraft so entwickeln wollen, dass das größte Problem, das wir nach wie vor haben, nämlich die Arbeitslosigkeit und dabei insbesondere die Arbeitslosigkeit der jungen Menschen, möglichst schnell überwunden werden kann.

Dies alles erfordert, dass wir uns nicht gegenüber dem Wettbewerb abschotten, sondern dass wir offen sind. Das habe ich gegenüber dem Partnerland Indien gesagt. Wir würden uns in der Tat sehr freuen, wenn wir die weit fortgeschrittenen Handelsgespräche wieder aufnehmen könnten. Aber dies sage ich auch im Blick auf freien Handel mit den Vereinigten Staaten von Amerika, mit Kanada und mit anderen wichtigen Ländern. Von der Globalisierung werden wir dann am meisten profitieren und aus ihr den größten Nutzen ziehen, wenn wir uns offen zeigen, aber gleichzeitig natürlich auf unseren hohen Qualitätsstandards, die wir in der Europäischen Union entwickelt haben, beharren bzw. sie noch weiterentwickeln. Das bedingt einander. Das macht Freihandelsabkommen weltweit besser. Und das gibt uns gleichzeitig die Möglichkeit zunehmender Wertschöpfung.

Danke für den schwungvollen Eröffnungsabend heute, der ganz wesentlich durch das geprägt war, was Indien uns aus seiner vielfältigen Geschichte und Kultur gezeigt hat. Mit diesem Schwung sollten wir in die nächsten Tage gehen.

Damit darf ich die Hannover Messe für eröffnet erklären und ihr viel Erfolg wünschen. Ich darf alle Aussteller herzlich begrüßen und Ihnen sagen: Gehen Sie auf-einander zu, knüpfen Sie neue Kontakte, machen Sie diese Messe zu einem Erfolg.

Herzlichen Dank.