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Rede von Bundeskanzlerin Merkel bei der Eröffnung der Ausstellung „Kunst aus dem Holocaust – 100 Werke aus der Gedenkstätte Yad Vashem“ am 25. Januar 2016

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Montag, 25. Januar 2016
Ort:
Berlin

Sehr geehrter Herr Shalev,
sehr geehrter Herr Professor Smerling,
sehr geehrter Herr Professor Koch,
sehr geehrter Herr Diekmann,
sehr geehrte Frau Kollegin, liebe Staatsministerin Grütters,
Exzellenzen,
meine Damen und Herren,

was bleibt von einem Menschen, wenn er im Nationalsozialismus schrecklich gelitten hat oder, wie so viele, sterben musste? Heute eröffnen wir eine Ausstellung, die uns dieser Frage näherbringt. Es ist eine Kunstausstellung und zugleich eine Geschichtsausstellung, die uns – ich konnte mir eben schon einen Einblick gönnen –auf dichte Weise mit persönlichen Schicksalen konfrontiert. Durch die Kunst ist es möglich geworden, etwas von der Kraft und von dem Leiden der Menschen zu spüren und damit auch ihre Spuren ein wenig zu verfolgen, obgleich wir die Spuren so vieler nicht mehr verfolgen können.

In der Ausstellung findet sich zum Beispiel ein Werk von Esther Lurie. Sie kam 1913 in Lettland zur Welt, studierte Malerei in Belgien und lebte vor dem Krieg als erfolgreiche Künstlerin im damaligen Britischen Mandatsgebiet Palästina. Nach ihrer Rückkehr nach Europa, um Verwandte zu besuchen, wurde sie 1941 bei einem Besuch in Litauen vom deutschen Überfall überrascht und dort interniert. Auf Befehl der deutschen Besatzer fertigte sie im Ghetto Kowno Landschaftsbilder und Porträts an. Nebenbei arbeitete sie heimlich an Bildern, die das Lagerleben dokumentierten. Es blieben nur wenige davon erhalten, aber diese wenigen aussagekräftigen Werke sollten später sogar im Prozess gegen Adolf Eichmann als Beweismittel der Anklage dienen.

Nach dem Krieg und dem Zivilisationsbruch der Shoa wurden oft kontroverse Diskussionen über die Frage geführt, ob es nach Auschwitz überhaupt möglich sei, Kunst zu schaffen – gar eine Kunst, die sich explizit mit dem Grauen der Lager auseinandersetzt. Doch in der Ausstellung, die wir eröffnen, stellt sich diese Frage nicht. Denn sie versammelt Werke, die nicht nach, sondern in Auschwitz oder in anderen Orten des Schreckens entstanden sind. Sie zeigt Zeugnisse des Zivilisationsbruchs, die Kunst und Dokument in einem sind.

Insgesamt sind es 100 Werke von 50 Künstlerinnen und Künstlern, die als Juden verfolgt, in Ghettos und Konzentrationslagern eingesperrt und gequält wurden. Viele von ihnen wurden ermordet. Die Bilder zeigen uns einen Alltag jenseits der Alltäglichkeit: Totenstille Landschaften, beklemmende Lagerszenen und immer wieder Porträts – Gesichter voller Schmerz und Trauer, aber auch voller Stolz und Hoffnung. Auch Esther Lurie zeigt sich auf ihrem Selbstporträt als ungebrochene Frau. Jedoch lassen der ernste Blick, die Schatten um die Augen und das unregelmäßige Format erahnen, unter welch erdrückenden Umständen das Bild entstanden ist.

Es ist gerade diese komplexe Identität der Bilder, die dem Betrachter so nahegeht. Dass diese Bilder mehr erzählen, als uns vielleicht auf den ersten Blick bewusst wird, und dass sie uns auch heute noch ansprechen und bis ins Innerste bewegen, macht sie so überaus wertvoll. Das spürt man gleich, wenn man in der Ausstellung das erste Bild – „Der Flüchtling“ von Felix Nussbaum – betrachtet, das so einprägsam die Hoffnungslosigkeit eines Juden zeigt, der nirgendwo auf der Welt eine Heimat, nicht einmal einen Platz hat.

Von den Künstlerinnen und Künstlern, die die Bilder angefertigt haben, überstand nur etwa die Hälfte die Hölle der Konzentrationslager und Ghettos – darunter auch Nelly Toll. Liebe Frau Toll, es hat mich unglaublich berührt und gefreut, dass wir uns vorhin während des Rundgangs kennenlernen konnten. Ich freue mich, auch Ihren Mann hier begrüßen zu können. Ihre Werke sind auch in dieser Ausstellung zu sehen; sie sind unglaublich beeindruckend. Als kleines Mädchen waren Sie eingesperrt. Sie aber haben Bilder gemalt von Mädchen im Feld, von Mädchen am Klavier. Sie zeigen in diesen Bildern etwas, das Sie wahrscheinlich empfunden haben. Sie haben dieses Eingesperrtsein durch Malen ausgedrückt – die Sehnsucht, aus dem Versteck herauszukommen und in die Welt einzutauchen. Sie waren noch so jung. Der Drang nach Freiheit war ungebrochen. Das spiegelt sich in diesen Bildern wider. Ganz herzlichen Dank dafür, dass Sie die weite Reise auf sich genommen haben und heute bei uns sind.

Die allermeisten Überlebenden sind heute nicht mehr unter uns, aber ihre Zeugnisse leben weiter und mit ihnen die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus. Die millionenfachen Geschichten unfassbaren Leids bleiben fest im nationalen Gedächtnis Deutschlands haften – ich betone: in unserem nationalen Gedächtnis. Heutige Generationen, die Krieg und Verfolgung nicht persönlich erleben müssen, vermag – und das ist meine Hoffnung – gerade auch die Kunst an dieses außerordentlich schwierige Thema heranzuführen.

Wenn man durch diese Ausstellung geht, spürt man: Da ist so viel Authentizität, da ist so viel Eigenes enthalten, sodass man sich diesen Bildern nicht entziehen kann. Es geht immer um einzelne Menschen in diesen Bildern; das führt uns den Schrecken dieser Zeit vor Augen. Die Bilder bieten uns einen Einstieg, eine nachdenklich stimmende und zum Nachdenken anregende Begleitung in der Beschäftigung mit dem schrecklichsten Kapitel der deutschen Geschichte. Ich glaube, auch deshalb ist das Deutsche Historische Museum der richtige Ort, diese Bilder zu zeigen.

Ich bin froh, dass wir diese Ausstellung haben; das ist alles andere als selbstverständlich. Ermöglicht hat sie das großzügige Entgegenkommen der Gedenkstätte Yad Vashem. In dieser umfangreichen Zusammenstellung – ein herzliches Dankeschön auch den Kuratoren – waren die Werke bisher nur in Israel zu sehen. Jetzt haben wir sie erstmals in Deutschland. Danke für Ihr Vertrauen. Und natürlich geht dieser Dank ganz besonders an Sie, an Herrn Shalev, den Präsidenten von Yad Vashem.

Ich habe heute in einer Zeitung die sehr anrührende Geschichte der Verpackung und des Auf-die-Reise-Schickens dieser Bilder gelesen – jedes einzelne herausgelöst aus einer großen Sammlung, liebevoll verpackt, zum ersten Mal wieder Israel verlassend und ein wenig von der Angst begleitet, was alles passieren könnte. Deshalb haben Sie auch die Bilder in zwei Gruppen nach Deutschland gebracht, damit, falls etwas passiert, nicht alles Schaden nimmt. Das hat mich sehr berührt.

Ich möchte auch der Stiftung für Kunst und Kultur aus Bonn, Herrn Professor Smerling und Herrn Diekmann sehr, sehr herzlich dafür danken, dass sie an diesem Projekt drangeblieben sind und es so zum Schluss möglich wurde. Dies ist ein beispielhaftes Projekt der deutsch-israelischen Zusammenarbeit.

Mittlerweile können wir auf etwas mehr als 50 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Israel und Deutschland zurückblicken. Es gab eine erste vorsichtige Annäherung, die Ministerpräsident Ben-Gurion und Bundeskanzler Adenauer wagten. Mit Umsicht und Weitblick gelang es ihnen, den Grundstein für eine enge Partnerschaft unserer beiden Länder zu legen. Diese ersten Schritte waren alles andere als leicht. Sie trotzdem zu gehen, kostete vielen Menschen in Israel große Überwindung. Das war nur allzu verständlich. Natürlich brauchte es Zeit und Geduld, damit Vertrauen in ein neues, ein menschliches und demokratisches Deutschland wachsen konnte.

Heute pflegen wir zwischen Israel und Deutschland eine enge Zusammenarbeit. Mitte Februar werden wir hier in Berlin die Sechsten Deutsch-Israelischen Regierungskonsultationen durchführen. Daran kann man die ganze Breite und Tiefe unserer einzigartigen Beziehungen auf politischer Ebene erkennen. Auch die Wissenschaft spielt eine zentrale Rolle, der wir in der Nachkriegszeit die ersten Kontakte zwischen Israel und Deutschland zu verdanken haben. Das Engagement der Max-Planck-Gesellschaft und der Helmholtz-Gemeinschaft in Israel, viele Hochschulkooperationen – darin zeigt sich ein beständiger wissenschaftlicher Austausch. Ich möchte auch die Kultur nennen, zum Beispiel den Deutsch-Hebräischen Übersetzerpreis, und natürlich auch die Wirtschaft.

Ob beruflich oder privat – Israelis und Deutsche begegnen sich auf vielerlei Weise. Dass beide Länder einander so vielfältig verbunden sind, nimmt sich angesichts der Geschichte wie ein Wunder aus. Wir in Deutschland sollten nie vergessen, dass dies eben alles andere als selbstverständlich ist, sondern ein Wunder.

Die Erinnerung an den Zivilisationsbruch der Shoa wird immerwährende Verantwortung Deutschlands bleiben. Übermorgen, am 27. Januar, dem Tag, als vor nunmehr 71 Jahren das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz befreit wurde, werden wir im Deutschen Bundestag wieder der Opfer gedenken, die die Shoa gefordert hat. Diese Ausstellungseröffnung im Vorfeld des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus unterstreicht, dass wir eine gute Zukunft nur im Bewusstsein dieser immerwährenden Verantwortung gestalten können. Die hier gezeigten Bilder – jedes Bild auf seine eigene Art und Weise – mahnen uns, das, was geschehen ist, für immer im Gedächtnis zu behalten, das Andenken an die Opfer zu bewahren und uns mit ganzer Kraft für das „Nie wieder“ einzusetzen. Ich wünsche mir, dass viele Besucherinnen und Besucher kommen – jüngere und ältere –, die sich auf diese beeindruckenden Bilder einlassen.

Herzlichen Dank.

Montag, 25. Januar 2016