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Rede von Bundeskanzlerin Merkel bei der 5. Lindauer Tagung der Wirtschaftswissenschaften

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Mittwoch, 20. August 2014
Ort:
Lindau

in Lindau

Sehr geehrte Gräfin Bernadotte,
sehr geehrter Herr Heikensten,
sehr geehrter Herr Professor Schürer,
Herr Staatspräsident Tan,
sehr geehrter Herr Kollege, lieber Minister Gerd Müller, der gleichzeitig Abgeordneter hier im Wahlkreis ist, im schönen Lindau,
sehr geehrter Herr Landrat Stegmann,
Herr Bürgermeister Schober,
aber vor allen Dingen sehr geehrte Nobelpreisträger, Gäste und Teilnehmer hier,
meine Damen und Herren,

die Nobelpreisträgertreffen in Lindau sind im besten Sinne des Wortes eine Institution mit Tradition. Über 60 Jahre Erfolgsgeschichte zeichnen sie aus. Es ist ein einzigartiges wissenschaftliches Dialogforum entstanden. Ich darf Ihnen als Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland sagen: Wir sind stolz auf diese jährlichen Treffen, denn sie sind ein glänzendes Aushängeschild für unseren Wissenschaftsstandort, aber auch für die Dialogkultur, die wir in Deutschland pflegen. Denn hier in Lindau bauen Sie, die Laureaten und jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Brücken – Brücken der Inspiration und der Motivation und Brücken zwischen Generationen, Ländern, aber eben auch Wissenschaftsdisziplinen.

Die Wissenschaft lebt ja von solch einem offenen Dialog. All denen, die sich genau darum verdient machen, die sich nicht nur im eigenen Elfenbeinturm verschanzen, sondern andere an ihrem Wissen, aber auch an ihrem Suchen nach Wissen teilhaben lassen, möchte ich ein ganz herzliches Dankeschön sagen. Denn es ist ja heute, im 21. Jahrhundert, immer stärker so, dass Zeit zum kostbarsten Gut wird. Dass sich hier hochgeehrte Wissenschaftler mit jungen, ebenso fleißigen und unter Stress stehenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern treffen und mit ihnen Zeit verbringen, das ist eine wunderbare Sache.

Ich möchte mich deshalb auch bedanken, dass ich heute bei der Eröffnungsveranstaltung dabei sein kann. Das Lindauer Nobelpreisträgertreffen für die Wirtschaftswissenschaften ist ja noch relativ jung – es findet jetzt zum fünften Mal statt –, aber es hat eine sehr große Resonanz: 18 Nobelpreisträger, über 450 junge und vielversprechende Nachwuchswissenschaftler aus über 80 Ländern haben sich hier eingefunden. Ich heiße Sie ganz herzlich in Deutschland willkommen.

Leitmotiv für Ihr diesjähriges Treffen ist: “How useful is economics – how is economics useful?” Es ist gut, dass Sie das so fragen. Ich kann Ihnen bei den Antworten nur sehr bedingt helfen. Aber natürlich stellt sich auch die Frage, welchen Nutzen Wirtschaftswissenschaften für die Gesellschaft haben. Dann sind wir schon fast bei der Politik, die es ja ermöglicht, wissenschaftliche Erkenntnisse auch zur praktischen Anwendung zu bringen. Deshalb lässt sich aus der Grundsatzfrage nach der gesellschaftlichen Nutzenstiftung einer Forschung auch eine weitere Frage ableiten. Und die heißt: Wie sieht eigentlich optimale volkswirtschaftliche Politikberatung aus?

Max Weber hat das Spannungsverhältnis und die Arbeitsteilung zwischen Wissenschaft und Politik in seinen beiden Vorträgen „Wissenschaft als Beruf“ und „Politik als Beruf“ schon vor fast 100 Jahren thematisiert. Es gibt eine Gemeinsamkeit: Wissenschaft und Politik stehen immer in den Diensten einer überpersönlichen Sache. Aber es gibt eben auch gravierende Unterschiede: Für die Wissenschaft steht die Freiheit von Forschung und Lehre im Mittelpunkt und damit natürlich der Erkenntnisgewinn an sich. Demgegenüber ist Politik beauftragt, die Gestaltung und Leitung des Gemeinwesens zu leisten. Politik muss immer zu Entscheidungen kommen, selbst wenn man ganz widersprüchliche Analysen oder auch Theorien hat. Sie trägt darüber hinaus noch Verantwortung für die Umsetzung der Entscheidungen.

In Demokratien ist die Sache noch einmal komplexer. Politik muss in Demokratien auch immer notwendige Mehrheiten für die Entscheidungen gewinnen. Das zeigt schon, dass nicht allein ökonomisch rationale Erwägungen ins Kalkül zu ziehen sind. Sie sollten allerdings nicht zu kurz kommen, das möchte ich hier noch einmal betonen. Sondern es sind auch gesellschaftliche Entwicklungen, kulturelle Hintergründe Gegenstand der Untersuchungen. Sie kennen das aus den Wirtschaftswissenschaften natürlich auch, dass man nicht alles im luftleeren Raum erforschen kann.

Ökonomisches Know-how findet auf vielerlei Weise Eingang in die Politik, sei es über Veröffentlichungen in den Medien, aber vor allen Dingen über die Zusammenarbeit mit Gutachtern, Beiräten oder Sachverständigenräten. Ich darf sagen, dass ich sehr dankbar für diese Zuarbeit bin, die wir in vielerlei Formen in der Bundesregierung haben. Denn das Verständnis, wie Märkte funktionieren oder warum sie gegebenenfalls nicht funktionieren, hat natürlich gravierende Auswirkungen auf die gesellschaftliche Wohlfahrt und unser aller Leben.

Ehrlich gesagt, ist es besser, einmal auf einen guten Hinweis eines Sachverständigen zu hören, als später erhebliche Enttäuschungen einer ganzen Gesellschaft wieder begleichen zu müssen und auszubügeln. Deshalb ist es gut und auch ausdrücklich wünschenswert, dass sich die Wissenschaft dem Anspruch stellt, immer wieder Brücken von der Theorie zur Praxis zu schlagen und auch der Politik Leitfäden in die Hand zu geben.

Gute Politikberatung zeichnet sich zweifellos durch Praxisnähe aus, also dadurch, dass sie gegebene Realitäten und Interdependenzen berücksichtigt. Aber natürlich brauchen Sie für Ihre Forschung auch Prioritäten und Prämissen. Die Komplexität und Dynamik der Wirklichkeit lässt sich auch nicht so ganz einfach in Modelle pressen. Aber der Anspruch, der Realität so nahe wie möglich zu kommen, sollte da, wo Beratung im politischen und gesellschaftlichen Bereich erfolgt, schon bestehen.

Ich füge noch etwas anderes hinzu, was ich als ehemalige Wissenschaftlerin bei diesen Beratungen sehr häufig vermisse: Man sollte auch die Ehrlichkeit haben, die Fehlerquoten oder die Unschärfen anzugeben, wenn man es nicht ganz genau weiß. Das hilft manchmal auch, Enttäuschungen vorzubeugen, und wir können damit durchaus leben.

Nachhaltigkeit ist für uns in Deutschland ein wichtiges Prinzip im gesamten Wirtschafts-, Finanz- und Sozialwesen. Deshalb muss gute Politikberatung auch immer von Vorschlägen leben, die den Tag überdauern. Wir versuchen in Deutschland, das Nachhaltigkeitsprinzip zur politischen Leitstrategie zu machen und dabei ökologische, ökonomische und soziale Aspekte gleichermaßen zu berücksichtigen, denn das ist ja sozusagen das Wesen jeder Nachhaltigkeitsstrategie. Dies allerdings ist leichter gesagt als getan. Insbesondere ist eine solche Nachhaltigkeitsstrategie darauf angewiesen zu wissen, was die Menschen, für die wir Politik machen, unter guter Lebensqualität verstehen.

Wir versuchen, unser Regierungshandeln gerade auch in dieser Legislaturperiode genau auf diese Frage guter Lebensqualität auszurichten. Dabei können wir auf Arbeiten aufbauen, die es in Frankreich bei der Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission gegeben hat. Damals hat man sich bemüht, eine erweiterte Messung und bessere Abbildung von Wohlstand und sozialem Fortschritt zu schaffen. Wir sind uns sicherlich einig, dass reine Wachstumsraten und das Bruttoinlandsprodukt alleine noch keine qualitativ ausreichenden Indikatoren sind. Dieses Anliegen teile ich ausdrücklich.

Wir wollen mit einem noch etwas anderen Ansatz in den nächsten Jahren als Bundesregierung da herangehen, indem wir intensiver als bisher die konkreten Vorstellungen von Bürgerinnen und Bürgern von einem guten Leben in Erfahrung bringen und ein Indikatorensystem entwickeln, an dem sich die Politik dann orientieren kann. Das heißt auch, wir sind uns gewiss, dass der Homo oeconomicus weit mehr ist als nur ein Wesen mit ökonomischen Daten, sondern dass Einflüsse der Verhaltensökonomie und vieles andere in eine für die Gesellschaft brauchbare Theorie einfließt.

Ludwig Erhard, der in Deutschland als der Vater der Sozialen Marktwirtschaft gilt, war schon vor Jahrzehnten überzeugt, dass Wirtschaft zu 50 Prozent Psychologie ist. Wir alle lernen immer wieder, dass ein halb volles Glas eben halb voll oder halb leer sein kann und je nach Betrachtungsweise dabei Freude oder Ärger aufkommt. Insofern ist eine Vielzahl von Faktoren für die Bereitstellung von Zukunftsszenarien ausgesprochen wichtig.

Nun kommen wir aus Jahren, in denen man – ich will das in einem so gelehrten Kreis ganz vorsichtig sagen – nicht immer den Eindruck hatte, dass die Wirtschaftswissenschaften schon alles wissen, was auf uns zukommt. Man kann jetzt natürlich fragen, woran es gelegen hat, dass manches, was wir in unseren Statistiken und Prognosen angenommen haben – nicht nur wir als Politiker, sondern auch in hoch sachverständigen Organisationen –, so schwer neben der Realität lag, die sich dann eingestellt hat. Da gibt es ja verschiedene Möglichkeiten. Wahrscheinlich haben alle einen Anteil daran.

Das eine ist, dass die zugrunde gelegten Theorien nicht ausreichend waren, insbesondere dass man Umschläge von Quantitäten in völlig neue Qualitäten nicht richtig vorausgesagt hat. Man kann aber auch sagen: Es hat immer wieder Stimmen in der Wissenschaft gegeben, die nahezu alles, was eingetreten ist, vorausgesagt haben. Man könnte also auch sagen: Wir haben nicht richtig hingehört. Oder man könnte sagen: Wir haben auf die Falschen gehört. Auf jeden Fall hatte man nicht den Eindruck, dass die Mehrheit die Prognosen richtig gemacht hat.

Es ergibt sich für Politiker auch Spielraum. Man kann sich unter verschiedenen wissenschaftlichen Meinungen immer die aussuchen, die einem am wahrscheinlichsten erscheint. Deshalb wird der Dialog zwischen Wissenschaft und Politik auch interessant bleiben. Aber natürlich hat die Politik ein Interesse daran, nicht immer zu reagieren, sondern zu agieren, das heißt Entwicklungen präventiv zu gestalten. Deshalb müssen wir überlegen: Was lernen wir aus den Krisen der vergangenen Jahre – aus der Finanzmarktkrise, die in der Europäischen Union sehr schnell in eine Krise des Euroraums übergegangen ist?

Wir haben uns sehr ad hoc mit der Krise der Finanzmärkte beschäftigen müssen, immer in dem Erleben, dass die, die vielleicht etwas mit der Verursachung der Krise zu tun hatten, eigentlich längst am rettenden Ufer waren, während diejenigen, die mit der Krise selbst gar nicht so viel zu tun hatten, in schwere wirtschaftliche Turbulenzen geraten sind. Wenn wir an die Millionen Arbeitslosen auf der Welt denken, dann ist das manchmal schon sehr bitter.

Deshalb haben wir in Europa versucht, neue Wege einzuschlagen – insbesondere in der Krise, die wir als Eurokrise bezeichnet haben. Man kann sie auch eine Staatsschuldenkrise oder eine Wettbewerbsfähigkeitskrise nennen. Wir haben heute eine Situation, in der die Produktivität wieder steigt, die Leistungsbilanzdefizite sinken, Haushaltsdefizite abgebaut werden und vor allen Dingen mit verschiedenen Programmen wie von der EFSF und dem ESM auch Sicherheiten geschaffen wurden.

Man kann also sagen: Es gibt erste Früchte. Aber man muss sich auch fragen: Reicht es schon? Ich weiß, dass viele von Ihnen hier durchaus sehr kritische Anmerkungen machen zu der Frage, wie Europa seine Krise bewältigt. Deshalb will ich vorausschickend sagen: Europa – das sind 28 Mitgliedstaaten, von denen 18 inzwischen eine gemeinsame Währung haben. Das ist ein ziemlich einzigartiger Vorgang, wenn man das weltweit vergleicht. Diese 18 Staaten haben eine eigene Haushaltspolitik, eine eigene Wirtschaftspolitik und eine gemeinsame Zentralbank. Die Frage, wie man mit einem solchen Konstrukt umgeht, hat sich in dieser Zeit natürlich ganz massiv gestellt. Denn jedes dieser 18 Euroländer hat ein nationales Parlament, das mitnichten jeder Empfehlung der Europäischen Kommission oder der Europäischen Zentralbank folgt, wenn es um die Aufstellung von Haushalten oder auch Wirtschaftspolitiken oder Sozialpolitiken geht.

Deshalb sind für mich drei Ursachen zu benennen, an deren Überwindung wir arbeiten müssen, um nicht wieder in eine solche Krise zu kommen. Das heißt erstens: Wir müssen die Konstruktionsfehler der Wirtschafts- und Währungsunion beheben. Das ist ein erheblicher Kraftakt. Wir haben zwar einen Binnenmarkt, aber wir haben sehr wenig wirtschaftspolitische Koordinierung und schon gar keine verpflichtende und sanktionierte Möglichkeit, bei Nichteinhaltung der eigenen Versprechen in irgendeiner Weise belangt zu werden. Das muss in der Zone mit einer gemeinsamen Währung nach meiner tiefen Überzeugung verbessert werden – sowohl im Hinblick auf die Haushaltsaufstellung als auch im Hinblick auf die Wettbewerbsfähigkeit. Zweitens: Wir haben sozusagen Altlasten in Form von sehr hohen Staatsverschuldungen. Drittens: Wir haben Bankensysteme, die insgesamt zu viel Probleme und zu wenig Transparenz mit sich bringen. An all diesen Fragen ist bereits gearbeitet worden, aber daran muss auch weiter gearbeitet werden.

Eine Lehre wird sein – und daran werde ich weiter arbeiten –, dass wir uns europaweit wirtschaftspolitisch besser abstimmen, dass unser Referenzpunkt nicht der Durchschnitt aller Mitgliedstaaten des Euroraums ist, wenn es um Wettbewerbsfähigkeit geht, sondern dass der Referenzpunkt die Besten sein müssen und da auch nicht die Besten in Europa, sondern die Besten weltweit, wenn wir unseren Wohlstand erhalten wollen.

Man muss sich immer wieder vor Augen führen: Die Europäische Union hat noch einen Anteil von rund sieben Prozent an der Weltbevölkerung. Wir haben, wenn es einigermaßen läuft, einen Anteil von etwa 25 Prozent an der Wertschöpfung der Welt. Und wir haben annähernd 50 Prozent der Sozialausgaben der Welt. Wenn wir das auf Dauer erhalten wollen – unser Bevölkerungsanteil nimmt ab, unser BIP-Anteil wahrscheinlich auch –, dann müssen wir ziemlich kreativ, ziemlich innovativ sein und können uns wirklich nicht sozusagen am Mittelmaß der Welt orientieren.

Meine Damen und Herren, Deutschland hat die Erfahrung gemacht, dass wir Haushaltskonsolidierung und Wachstum recht gut zusammenbekommen. Das ist ja einer der großen Diskussionsgegenstände: Muss man sich für Wachstum eigentlich immer verschulden? Wir haben in den letzten Jahren die Erfahrung gemacht, dass man das nicht muss, sondern dass wir unseren Haushalt konsolidieren konnten – mit einer Schuldenbremse in der Verfassung arbeiten und leben – und gleichzeitig in den letzten zehn Jahren deutlich mehr Beschäftigung entstanden ist. Wir haben drei Millionen Beschäftigte mehr als vor zehn Jahren und können jetzt einen Rekord von 42 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland verzeichnen. Wir haben in der Zeit seit 2005 unsere Forschungs- und Innovationsausgaben sowie die Bildungsausgaben auf der Bundesebene nahezu verdoppelt. Und wir haben unsere Chancen bei den Investitionsausgaben auch in anderen Bereichen immer wieder genutzt, wenn wir Haushaltsspielräume hatten.

Ich will noch eines für die sagen, die nicht aus den europäischen Ländern kommen: Europa ist ein Kontinent, der stärker als zum Beispiel die Vereinigten Staaten von Amerika durch einen demografischen Wandel geprägt ist. Das heißt, die Zahl der Älteren nimmt zu, die Zahl der Jüngeren nimmt ab. Deutschland gehört zu den Ländern, die am stärksten von den demografischen Herausforderungen geprägt sein werden. Das heißt, wenn wir heute auf eine Null bei der Neuverschuldung hinarbeiten, dann tun wir das auch immer im Lichte einer völlig anderen demografischen Situation in den nächsten zehn Jahren als zum Beispiel in den Vereinigten Staaten von Amerika. Auch da liegt ein großer Unterschied. Und wir dürfen nicht den zukünftigen Generationen alle Spielräume nehmen. Deshalb sehe ich Wachstum und Haushaltskonsolidierung als zwei Seiten ein und derselben Medaille.

Nun sind all die Probleme, die wir im Euroraum haben, in anderen Teilen der Welt ja nicht völlig unbekannt. Hohe Staatsverschuldung gibt es auch anderswo, Reformstau auch. Wir haben alle in der internationalen Finanzkrise erlebt, dass zumindest die Finanzmärkte bereits völlig globalisiert sind, während die Entscheidungsstrukturen weitestgehend national sind – in Europa auch im Rahmen der Europäischen Union. Daraus erwachsen natürlich erhebliche regulatorische Probleme.

Es ist ja schon nicht einfach zu wissen, wie man Finanzmärkte reguliert. Dies aber auch noch weltweit so umzusetzen, dass das sogenannte level playing field für alle einigermaßen vergleichbar ist und nicht irgendjemand sagt, ich hole mir jetzt doch wieder einen Wettbewerbsvorteil dadurch, dass ich es ein bisschen anders mache, das ist natürlich eine dramatische politische Aufgabe.

Da wir jetzt alle erlebt haben, dass es bei der internationalen Finanzkrise völlig egal war, wer sie verursacht hat, und zum Schluss alle davon betroffen waren, muss man versuchen, möglichst streng da heranzugehen und zu sagen: Wenn wir uns inmitten dieser Finanzkrise Ende des vergangenen Jahrzehnts vorgenommen haben, dass jeder Finanzplatz, jeder Finanzmarktakteur und jedes Finanzmarktprodukt reguliert werden, können wir nicht jetzt, wo es einigermaßen läuft, damit anfangen, davon wieder abzuweichen und zu gucken, dass man da irgendwie wieder herauskommt.

Wenn wir uns als die 20 führenden Industrienationen der Welt beim G20-Treffen in diesem Jahr in Australien sehen werden, dann haben wir immer noch einen Bereich, der regulatorisch ziemlich „nackt“ dasteht: Das sind die Schattenbanken. Die gesamte Regulierung, die wir im Bankenbereich geschaffen haben, hat natürlich die Wirkung, dass diejenigen, die der Regulierung unterworfen werden, versuchen, in den Schattenbankenbereich auszuweichen. Wenn wir nicht auch diesen Bereich mit derselben Konsequenz unter die Lupe nehmen, dann ist jedenfalls die Gefahr einer nächsten Krise bereits vorprogrammiert.

Wir haben in Europa einen neuen Fiskalpakt, was die Haushaltskonsolidierung anbelangt. Die europäische Schwäche ist manchmal, dass wir etwas beschließen und, nachdem wir es beschlossen haben, gleich wieder infrage stellen. Das sollten wir nicht tun. Neben der Frage, dass wir uns im Euroraum wirtschaftspolitisch enger koordinieren müssen, habe ich von der Schwäche des Bankensystems gesprochen. Hier ist uns in den letzten Jahren ein wirklicher Quantensprung gelungen. Wir arbeiten an einer europäischen Bankenunion mit einer gemeinsamen Aufsicht durch die Europäische Zentralbank und klaren Haftungskaskaden. Das wäre vor drei, vier Jahren völlig undenkbar gewesen. Es war auch für Deutschland ein schwerer Schritt, diesen Weg zu gehen. Aber wir sind überzeugt, dass es für die Transparenz und auch für die Akzeptanz des Eurosystems weltweit von allergrößter Bedeutung ist.

Meine Damen und Herren, wenn wir auf den realwirtschaftlichen Bereich blicken, ist die Frage: Wie können wir global Wachstumsmöglichkeiten am besten nutzen? Vor 70 Jahren, als auf der internationalen Bretton-Woods-Konferenz über die Ordnung des Weltwährungssystems gesprochen wurde, ist US-Präsident Roosevelt zu Gast gewesen. Er hat sich zum Handel geäußert. Ich möchte ihn einmal zitieren: „Handel ist der Lebenssaft einer freien Gesellschaft. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass die Arterien, die den Blutstrom befördern, nicht wieder verstopft werden, so wie es in der Vergangenheit geschah, von künstlichen, durch sinnlose ökonomische Rivalitäten geschaffenen Barrieren.“

Wir hatten uns in der internationalen Finanzkrise vorgenommen, die Handelshemmnisse nicht steigen zu lassen. Die Berichte der Welthandelsorganisation sind nicht ganz so optimistisch, wie es unser Vorhaben war. Wir wollen ein multilaterales Handelssystem. Wir haben manchmal Erfolge gehabt. Bali ließ Hoffnung aufkeimen. Jetzt gab es wieder Rückschläge. Wir gehen im Augenblick nicht auf dem besten Weg voran, und das ist nach meiner festen Überzeugung der multilaterale, sondern eher auf dem zweitbesten Weg mit bilateralen Abkommen. Hier hat die Europäische Union bereits eine ganze Reihe von Verhandlungen geführt.

Im Augenblick steht die sogenannte TTIP, das Handelsabkommen mit den Vereinigten Staaten von Amerika, sehr stark in der Diskussion. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen: Wenn der europäische Binnenmarkt und der amerikanische Binnenmarkt zusammen eine Freihandelszone bilden würden, würde das erhebliche Wachstumspotenziale eröffnen. Aber es gibt auch erhebliche Ängste, dass Standards für Umwelt-, Verbraucher- oder Arbeitnehmerschutz gefährdet sein könnten. Deshalb steht uns hier noch eine schwierige Debatte bevor. Aber ich will ganz ausdrücklich sagen: Freier Handel, barrierefreier Handel ist eine der Quellen von Wachstum, ohne dass man sich verschulden muss und auf Pump leben muss, und deshalb ist dies ein ganz wesentlicher Punkt.

Meine Damen und Herren, Sie nehmen das Geschehen auf den Märkten in Ihrer Forschung unter die Lupe, Sie suchen nach neuen Theorien, nach Erklärungen. Ob demografischer Wandel oder Klimawandel, ob Globalisierung oder Digitalisierung – es gibt offenbar nahezu nichts, was nicht auch die Ökonomen inzwischen interessiert. Ich glaube, das macht Ihre Theorien eher besser als schlechter, allerdings auch komplizierter, vermute ich.

Wissenschaft kann der Politik Entscheidungen erleichtern. Wir wissen als Politiker, dass Sie uns die Entscheidungen nicht abnehmen können. Ehrlich gesagt, wollen wir das auch nicht, sonst könnten wir ja selber Wissenschaftler sein. Wissenschaft ist durchaus von eigenen Prämissen und Wertungen geprägt. Dessen muss sich die Politik immer bewusst sein. Wir müssen einen Ausgleich zwischen den Interessen aller gesellschaftlichen Gruppen finden. Deshalb will ich schließen mit dem Bekenntnis zu der Freiheit und Unabhängigkeit der Wissenschaft und damit auch der Pluralität der Wissenschaft. Das sind wesentliche Voraussetzungen dafür, dass wissenschaftliche Beratung eine unvoreingenommene Entscheidungshilfe bietet, selbst wenn die Ergebnisse einem manchmal nicht passen. Nur eine solche Wissenschaft ist für uns ein wirklicher Ratgeber.

Deshalb möchte ich Sie, gerade auch die jüngeren Leute unter Ihnen, ermuntern: Bringen Sie sich in die politischen und gesellschaftlichen Debatten ein – mit Ihrem Sachverstand, mit Ihren Erfahrungen, unabhängig von Ihrem regionalen und kulturellen Hintergrund und unabhängig von der Frage, welcher Strömung innerhalb der Ökonomie Sie nahestehen. Sich einem offenen und freien Meinungsaustausch zu stellen, mag manchmal unbequem sein, etwa vergleichbar mit dem Wettbewerb in der Wirtschaft, aber er wird für uns alle von Nutzen sein. Davon bin ich zutiefst überzeugt.

Zum Schluss noch eine Bitte: Sprechen Sie verständlich als Wissenschaftler. Auch komplizierteste Sachverhalte lassen sich in einfache Sprache fassen. Das ist die notwendige Voraussetzung dafür, dass wir uns überhaupt verstehen können. In diesem Sinne hoffe ich, dass Sie mich verstehen konnten, und danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Mittwoch, 20. August 2014