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Rede von Bundeskanzlerin Merkel bei Baubeginn eines Dokumentationszentrums der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung im Deutschlandhaus

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Dienstag, 11. Juni 2013
Ort:
Berlin

in Berlin

Sehr geehrter Herr Professor Kittel,
sehr geehrter Herr Staatsminister Neumann,
sehr geehrter Herr Vizepräsident Thierse,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Deutschen Bundestag und
Staatssekretäre,
liebe Erika Steinbach,
liebe Frau Glotz,
meine Damen und Herren,

auf dem langen Weg von der Idee bis zur Umsetzung mag manch einer, zumindest an manchen Tagen, kaum noch geglaubt haben, dass das Ziel des Baubeginns für ein Dokumentationszentrum der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung im Deutschlandhaus tatsächlich erreicht werden könnte. Der Gegenwind war stark. Hoch schlug die Welle der Emotionen. Schwerwiegend schienen manche Einwände zu sein. Doch für mich gab und gibt es keinen Zweifel, dass Erinnerung Raum braucht. Diesen Raum schaffen wir jetzt – und zwar im Sinne des Wortes.

Wichtig für diesen Schritt war und ist das Wissen darum, wie wir diesen Raum inhaltlich ausfüllen. Grundlage dafür bildet eine Konzeption, die die Stiftung Flucht, Vertreibung und Versöhnung einvernehmlich verabschieden konnte und die auch im Ausland ein überwiegend positives Echo fand. Der Baubeginn im Deutschlandhaus setzt nun ein sichtbares Zeichen. Wir haben eine breite gemeinsame Einigung gefunden. Auf diesem Fundament bauen wir jetzt auf.

Ich möchte allen danken, die auf diesem Weg mitgewirkt und sich eingebracht haben. Ich danke Herrn Staatsminister Neumann, dem gesamten Stiftungsteam unter Leitung von Herrn Professor Kittel; und ich danke dem internationalen Beraterkreis. Sie haben mit viel Engagement einen Ausgleich zwischen verschiedenen Ansichten und Interessen gesucht und schließlich gefunden.

Vor allem aber danke ich ausdrücklich der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen. Sie, liebe Frau Steinbach, haben vor vielen Jahren gemeinsam mit Peter Glotz den Anstoß für einen zentralen Dokumentations- und Erinnerungsort gegeben. Seitdem haben Sie das Projekt beharrlich und geduldig verfolgt. Seine Umsetzung ruht nun auf einer Reihe von Schultern. Sie ist und bleibt aber vor allem Ihr Erfolg und der Erfolg von Peter Glotz, der es leider nicht mehr miterleben kann. Umso schöner, dass Sie heute da sind.

Mit den Umbauten und der künftigen Dauerausstellung wird sich eine Leerstelle in der Museums- und Erinnerungslandschaft unseres Landes schließen. Debatten über das Thema Vertreibungen wird es auch künftig geben – und es muss sie auch geben; das ist geradezu Sinn und Zweck des Deutschlandhauses. Für diese Debatten kann das neue Dokumentations- und Informationszentrum Standards setzen. Dazu gehört, Flucht und Vertreibung als das wahrzunehmen, was es ist: großes Leid und schweres Unrecht.

Das Dokumentations- und Informationszentrum wird umfassende Einblicke in diese leidgeprägte Geschichte von Flucht und Vertreibung der Deutschen wie auch anderer Vertreibungen im Europa des 20. Jahrhunderts ermöglichen. An Flucht und Vertreibung der Deutschen zu erinnern heißt gleichzeitig auch, nie zu vergessen, dass Flucht und Vertreibung von bis zu 14 Millionen Deutschen ohne den Nationalsozialismus nicht geschehen wären. Deutschland hatte Europa mit Krieg und Vernichtung, schier unvorstellbarer Gewalt und dem Zivilisationsbruch der Shoah überzogen.

Vor diesem geschichtlichen Hintergrund war es der Bundesregierung und auch mir persönlich sehr wichtig, im Gesetz zur Errichtung der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung die Aufgaben und die Ziele dieser Stiftung umfassend zu formulieren. Danach wird das künftige Ausstellungs-, Dokumentations- und Informationszentrum im europäischen Geist auf Versöhnung hin ausgerichtet sein. Flucht und Vertreibung sind gesamteuropäische Gewalterfahrungen.

Brücken über die Gräben der Vergangenheit zu schlagen und diese Brücken dann auch instand zu halten – das ist deshalb die Aufgabe, die sich in der Stiftungskonzeption niederschlägt. Sie stellt den Heimatverlust von bis zu 14 Millionen Deutschen in seinen historischen Kontext, ohne das Leid der Einzelnen dadurch zu schmälern oder etwa gar zu rechtfertigen. Denn Tatsache ist: Das, was die Vertriebenen durchgemacht haben, war bitter und grausam. Sie verloren alles Vertraute. Sie mussten Hab und Gut zurücklassen. Sie sahen Angehörige auf der Flucht sterben. Was ihnen blieb, waren Trauer, Schmerz und Erinnerung an ihre Heimat, die es so nicht mehr gab. Kulturlandschaften, die Deutsche teils über Jahrhunderte geprägt hatten, gehörten nun der Vergangenheit an.

Diesen Erfahrungen Raum zu geben, ist ein Gebot der Menschlichkeit. Es ist auch ein Gebot historischer Redlichkeit. Das Schicksal der Vertriebenen ist Teil der deutschen Geschichte. Sie haben mit ihren Erfahrungen unser Land in der Nachkriegszeit entscheidend mit geprägt. Sie haben es mit aufgebaut und zu dem gemacht, was es heute ist. Wie schwierig der Anfang war, beschreibt unter anderem ein Satz aus der Charta der deutschen Heimatvertriebenen von 1950 – ich zitiere: „Heimatlose sind Fremdlinge auf dieser Erde.“ Heimatlos zu sein bedeutet, an einem fremden Ort, in einer fremden Landschaft, umgeben von fremden Menschen zu leben. In unserer heutigen Zeit fällt es schwer, sich diesen Anfang in Kellern, Baracken, Scheunen und Ställen auch nur einigermaßen vorzustellen. Hunger, Kälte, Armut und Perspektivlosigkeit bestimmten die ersten Jahre – häufig noch begleitet von einer trügerischen Hoffnung, bald in die Heimat zurückkehren zu können.

Umso beeindruckender ist es, wie gut und rasch die Vertriebenen ihren Platz mitten in der Gesellschaft gefunden haben. Die alte Bundesrepublik Deutschland hat dabei geholfen. Wir blicken 2013 auf 60 Jahre Bundesvertriebenengesetz zurück. Zusammen mit dem Lastenausgleichsgesetz bildete es das Fundament für die Kriegsfolgenrechte der Vertriebenen. Selbstverständlich können aber auch noch so gut gemeinte Regelungen den vielen Dimensionen des Heimatverlustes nie wirklich gerecht werden. Aber sie halfen wenigstens über die größten Schwierigkeiten hinweg. In der ehemaligen DDR hingegen wurde Vertriebenen vom Staat zu verstehen gegeben, das eigene Schicksal öffentlich zu verschweigen. Dies ist zum Glück seit der Wiedervereinigung unseres Landes 1990 vorbei.

Aber manchmal taucht heute vor allem in der jüngeren Generation die Frage auf: Müssen wir denn wirklich heute, nach so langer Zeit, noch darüber reden? Ja, wir müssen. Dabei ist es gut, dass sich im immer mehr zusammenwachsenden Europa mit den Grenzzäunen auch Barrieren in Köpfen aufgelöst haben. Wir pflegen einen intensiven Austausch – auf Regierungsebene, in Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst, Kultur und auch privat. Eine gemeinsame Erinnerung an Flucht und Vertreibung kann Brücken quer durch Europa bauen. Städte in Polen oder Tschechien entdecken verstärkt deutsches Kulturgut auch als ihr Erbe und pflegen es – oft auch mit Unterstützung aus unserem Land. Da wächst viel Verbindendes.

Zugleich schärft die Erinnerung an das Leid der Vergangenheit den Blick für so manches Leid der Gegenwart. Auch heute zwingen Hass und Gewalt Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen – oft ohne zu wissen, ob sie Obdach finden. In diesen Tagen sind es vor allem die Flüchtlinge aus Syrien, die uns schmerzhaft vor Augen führen, wie aktuell das Thema nach wie vor ist.

Die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung kann mahnen, erinnern und verstehen helfen. Sie kann einen Ort der Begegnung schaffen, der Menschen zusammenführt. Sie kann mithelfen, eine gemeinsame Perspektive auf das vielfältige Leid von Vertreibungen zu finden.

Meine Damen und Herren, für den Weg bis zu diesem Baubeginn für ein Dokumentationszentrum der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung im Deutschlandhaus waren wahrlich viele schwierige Schritte nötig. Auch ich war mir nicht jeden Tag sicher, ob es gelingt. Es ist gelungen. Aber mach einer musste auch über seinen Schatten springen. Es ist gelungen, sich gemeinsam vom Leid der Geschichte berühren zu lassen und gemeinsam darüber nachzudenken, wie wir daran erinnern.

Deshalb möchte ich zum Schluss all denen danken, die sich darauf eingelassen haben, diesen Weg zu gehen. Er hat uns – im europäischen Geist – zum heutigen Baubeginn im Deutschlandhaus geführt. Ich bin zutiefst davon überzeugt: Hier entsteht ein Raum der Erinnerung, ein Raum der Versöhnung.

Alles Gute für die, die die nächsten Schritte zu gehen haben. Herzlichen Dank.

Dienstag, 11. Juni 2013