Navigation und Service

Inhalt

Rede von Bundeskanzlerin Merkel auf der Festveranstaltung zum 50-jährigen Bestehen der Stiftung Warentest am 4. Dezember 2014

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Donnerstag, 04. Dezember 2014
Ort:
Berlin

in Berlin

Sehr geehrter Herr Professor Oehler,
sehr geehrter Herr Primus,
lieber Volker Kauder und alle Mitglieder der Parlamente,
liebe heutige und ehemalige Mitarbeiter der Stiftung,
meine Damen und Herren,

auf den Tag genau vor 50 Jahren legte die damalige Bundesregierung von Konrad Adenauer den Grundstein für die selbständige Stiftung Warentest. Damals sorgte das deutsche Wirtschaftswunder für volle Regale und für eine bislang nie gekannte Produktvielfalt. Eine unabhängige Institution sollte geschaffen werden, um Verbraucherinnen und Verbrauchern mit objektiven Tests zu helfen, sich in diesem Dschungel der Warenwelt zurechtzufinden. Wirtschaftsminister Ludwig Erhard fand markige Worte für sein Idealbild des informierten und mündigen Kunden: „Er soll wach sein. Er soll sich auf dem Markt nicht so benehmen wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird.“

Bundeskanzler Konrad Adenauer kündigte daher im Jahr 1961 die Errichtung einer „Körperschaft für neutrale Warentests“ an, wie es hieß. Zwei Jahre später stimmte der Deutsche Bundestag für die Gründung eines Warentestinstituts. Der Beschluss wurde übrigens einstimmig gefasst. Daran wird ersichtlich, dass die Stiftung Warentest schon von Anfang an viel Vertrauen genoss. Heute, ein halbes Jahrhundert später, können wir mit Fug und Recht sagen: Sie hat dieses Vertrauen nicht enttäuscht; ganz im Gegenteil. Daher können wir uns, die Stiftung und wir alle als Verbraucher, zum Jubiläum gegenseitig gratulieren. Deshalb freue ich mich, dass ich heute gemeinsam mit Ihnen dieses Ereignis wenigstens ein wenig feiern kann.

Auf der Hälfte dieser Zeitetappe, also vor 25 Jahren, haben wir den Fall der Berliner Mauer erlebt. Vor wenigen Wochen haben wir uns diesen historischen Moment in besonderer Weise nochmals vor Augen geführt: Die Bilder von den offenen Schlagbäumen und den freudestrahlenden Menschen bleiben für uns alle unvergessen. Ich glaube, sie zählen zu den schönsten Momenten in unserem nationalen Gedächtnis. Ein Teil der Anziehungskraft, die von der freien Welt ausging, beruhte natürlich auch auf der bunten Warenvielfalt, die es im Westen gab. Ich persönlich erinnere mich noch gut daran, als Westpakete ankamen. Die Vielfalt war weitaus größer als in der DDR.

Eine Wahl, eine Auswahl zu haben, das ist eben ein Wert an sich. Es gilt allerdings manchmal auch der alte Satz: Wer die Wahl hat, hat die Qual. Und genau an dieser Stelle kommt die Stiftung Warentest ins Spiel. So verteilte sie im September 1989 zum Beispiel eigens produzierte sogenannte Einkaufshelfer an die Kunden, die es in der DDR bislang eher gewöhnt waren, vor der Ladentür und nicht erst an der Kasse Schlange zu stehen. Mit weiteren Sonderpublikationen versuchte die Stiftung, uns Kunden aus der DDR die bis dahin nicht erlebte Marktwirtschaft im Konsumalltag etwas vertrauter zu machen; und das war damals auch bitter notwendig.

Informationen zu beschaffen, Transparenz herzustellen – das war und ist die grundlegende Aufgabe der Stiftung Warentest. Diese Aufgabe hat sich keinesfalls erledigt, sie ist heute aktueller denn je. Denn im Zuge der Globalisierung ist die Welt kleiner, das Warenangebot aber immer größer geworden. Wer kann da ohne größeren Aufwand den Überblick darüber behalten, welche Angebote es gibt und was am besten zu den eigenen Ansprüchen passt?

Gewiss, die Möglichkeiten, sich zu informieren, sind zahlreich. Auch im Internet gibt es tausende Kundenbewertungen zu einem Produkt. Doch um zuverlässige Einschätzungen zu bekommen, ist die Stiftung Warentest von unverändert großer, ich würde sagen, größter Bedeutung. Das zeigt sich gerade bei technisch anspruchsvollen Produkten oder inzwischen auch bei finanziellen Dienstleistungen, bei denen es überaus schwierig ist, sich über einzelne Angebote eine solide Meinung zu bilden. Denken wir etwa an den sogenannten Grauen Kapitalmarkt. Hier mussten Kleinanleger in jüngerer Zeit zum Teil erhebliche Verluste hinnehmen. Die Bundesregierung hat daraus Konsequenzen gezogen und vor wenigen Wochen Regeln für einen besseren Kleinanlegerschutz auf den Weg gebracht.

Letzten Endes trifft natürlich jeder selbst seine Entscheidung eigenverantwortlich. Niemand kann und darf das mündigen Bürgerinnen und Bürgern abnehmen. Die Stiftung Warentest aber kann helfen, Kunden so etwas wie ein verlässliches Koordinatensystem zur Orientierung an die Hand zu geben. Damit können wir Kunden die Produktkriterien, die uns wichtig sind, herausgreifen, die Testergebnisse vergleichen und auf dieser Basis sorgsam abwägen. Das macht die Stiftung Warentest zu einer verlässlichen Säule der Verbrauchermündigkeit. Das ist kein Widerspruch, denn Mündigkeit erwächst erst aus einem gewissen Wissen; und das wiederum liefert die Stiftung Warentest.

Um diesem Anspruch auch dauerhaft gerecht zu werden, muss die Stiftung mit der Zeit gehen. Deshalb nimmt sie stets besonders die Produkte und Dienstleistungen unter die Lupe, die bei Nachfragen jeweils im Trend liegen. Im ersten Test-Heft, in der Aprilausgabe 1966, waren zum Beispiel – ich zitiere – „Nähmaschinen im Examen“. Bis heute gibt es klassische Dauerrenner wie Waschmaschinen. Andererseits wurden und werden viele Produkte immer wieder von der technischen Entwicklung überholt, aus dem Prüfprogramm genommen und durch andere, neue ersetzt.

Meine Damen und Herren, damit spiegelt die Geschichte der Stiftung Warentest weit mehr als technische Entwicklungen wider. Sie erweist sich auch als Abbild des gesellschaftlichen Wandels. Sie erzählt uns etwas von den sich wandelnden Konsumgewohnheiten der Deutschen. Sie zeigt, wann was für Kaufentscheidungen wichtig geworden ist. Tatsächlich gelingt es der Stiftung Warentest immer wieder, jeweils aktuelle verbraucherpolitische Themen aufzugreifen. So berücksichtigt sie bei ihren Analysen seit Mitte der 80er Jahre verstärkt das Umweltbewusstsein. 1995 wurde die Aufklärung über gesundheitsbewusstes Verhalten zum Zweck der Stiftung erklärt. Und seit gut zehn Jahren bezieht die Stiftung auch soziale und ethische Aspekte der Unternehmensverantwortung in ihre Tests mit ein. Das alles aus guten Gründen, denn viele Verbraucherinnen und Verbraucher interessieren diese Punkte genauso wie die Frage, wie lange ein Produkt hält und wie gut es seinen Zweck erfüllt. Sie möchten zum Beispiel wissen, wie die Produktionsbedingungen in sozialer wie auch in ökologischer Hinsicht aussehen.

Die Stiftung Warentest legt im Übrigen nicht nur an verschiedenste Ver- und Gebrauchsgüter des täglichen Lebens die Messlatte an, sie stellt auch hohe Ansprüche an sich selbst. Fortlaufend überarbeitet sie ihre Testmethoden und -kriterien, um eigenen Qualitätsstandards zu genügen. Jeder Schritt bis zur Prädikatsvergabe erfolgt mit größter Sorgfalt. Der Aufwand, der hier betrieben wird, ist wirklich bemerkenswert, aber er ist eben auch unverzichtbar, wenn die Bürgerinnen und Bürger auch in Zukunft den Einschätzungen der Testergebnisse vertrauen sollen. Nur so erweist sich die Stiftung Warentest auch künftig als weithin anerkannter und verlässlicher Anwalt des Verbraucherschutzes.

Deshalb ist es richtig, dass der Bund die Stiftung Warentest finanziell unterstützt. Die jährlichen Zuwendungen waren immer auch als Ausgleich für den Verzicht auf Anzeigen und Werbeeinkünfte gedacht. Das sichert die Unabhängigkeit der Stiftung in ihrem Wirken. Um die Unabhängigkeit gar nicht erst in Frage zu stellen, hält sich die Politik konsequent aus der Geschäftspolitik der Stiftung heraus. Die Unabhängigkeit der Stiftung von Politik und Wirtschaft ist zweifellos ein wichtiger Garant für das Vertrauen, das die Stiftung genießt. Und Vertrauen in ihre Arbeit ist wohl das wichtigste Kapital, das sie hat. In diesem Sinne ist in den vergangenen Jahren ein beträchtlicher Kapitalstock angewachsen. Daraus erwächst der Stiftung auch Verantwortung über rein finanzielle Aspekte hinaus.

Die Testergebnisse der Stiftung Warentest sind ohne Zweifel in erster Linie Basis für Konsumentscheidungen. Verbraucher erhoffen sich auch Aufschlüsse über Preis-Leistungs-Verhältnisse. In jedem Fall aber bedeuten als richtig empfundene Konsumentscheidungen auch, sich im Alltag zurechtfinden zu können. Dies wiederum wirkt sich entsprechend positiv auf die Lebenszufriedenheit insgesamt aus.

Wir machen uns in der Bundesregierung derzeit verstärkt Gedanken darüber, wie wir noch besser berücksichtigen können, was im Alltag wirklich zählt. Dazu planen wir einen breit angelegten Bürgerdialog, in dem wir ermitteln wollen, was aus subjektiver, individueller Sicht die Lebensqualität prägt. Daraus wollen wir Indikatoren entwickeln, die uns als Richtschnur im Regierungshandeln dienen sollen. Die Politik muss Antworten auf die Fragen geben, die die Bürgerinnen und Bürger bewegen. Und auch die Wirtschaft muss mit ihren Angeboten den Interessen und Wünschen der Kundschaft gerecht werden. In dieser Hinsicht sind die unabhängigen Tests der Stiftung eine große Chance.

Diese Chance wurde nicht von Beginn an gesehen. Die Debatten aus den Anfangsjahren der Stiftung machen deutlich, wie kritisch die Wirtschaft ihr zunächst gegenüberstand. Die Unternehmen sahen damals keine Notwendigkeit für ein solches Testinstitut. Ein Argument war, die kaufmännische Ehre verlange schließlich ohnehin, nur gute Waren anzubieten. Außerdem hieß es, Werbung und Prospekte würden zur Verbraucheraufklärung ausreichen. Diese Ansicht hat sich gewiss gewandelt.

Aber es ist natürlich auch heute noch so, dass ein Testurteil große Auswirkungen haben kann. Ein „Sehr gut“ ist in aller Regel für die Anbieter Gold wert. Ein „Mangelhaft“ ist dagegen für den Hersteller oft mit Einbußen verbunden. Unter dem Strich aber, so glaube ich, überwiegt in der Wirtschaft wohl die Wertschätzung der Stiftungsarbeit. Denn Testergebnisse lassen sich als konstruktive Kritik werten, manchmal sogar als Ergänzung zum eigenen Qualitätsmanagement. Genau darin liegt eine besondere Chance der Stiftungsarbeit. Die Tests können helfen, hohe qualitative und sicherheitstechnische Standards zu sichern. Die Stiftung Warentest erweist sich damit als eine feste Instanz des Qualitätsstandorts Deutschland. Dies unterstreicht einmal mehr die Verantwortung, die die Stiftung trägt. Ihr gerecht zu werden, wird angesichts zum Teil rasanter technischer Weiterentwicklungen in Zukunft sicher nicht leichter werden.

Insbesondere die Digitalisierung birgt für neue Produkte, Verfahren und Anwendungen viele große Potenziale, die es zu erschließen gilt. Da ist in erster Linie natürlich die Wirtschaft gefordert. Der Staat aber hat für möglichst innovationsfreundliche Rahmenbedingungen zu sorgen. Dazu hat die Bundesregierung die Digitale Agenda beschlossen. Zunehmende Digitalisierung stellt letztlich auch die Stiftung Warentest vor neue Herausforderungen. Schnelle Innovationszyklen sorgen dafür, dass Testergebnisse innerhalb kürzester Zeit überholt sein können, weil es schon wieder neue Angebote gibt. Der Trend von morgen ist schneller denn je der Trend von gestern. Außerdem haben sich unsere Einkaufswege verändert. Der Handel über das Internet, bequem von zu Hause aus, hat enorm zugenommen. Doch wer kann sich schon sicher sein, dass sein Online-Shop am nächsten Tag noch die gleichen Geschäftsbedingungen ausweist? Die Stiftung Warentest wird deshalb auch künftig alle Hände voll zu tun haben, um die Verbrauchersouveränität zu stärken – sei es auf digitalen oder nichtdigitalen Märkten.

Wo neue Märkte und neue Entwicklungen entstehen, sind Transparenz und schnelle wie effiziente Informationen besonders gefragt. Das gilt für die mikro- und makroökonomischen Ebenen gleichermaßen. Schließlich ändern sich die globalen Rahmenbedingungen des Handels auch laufend. Ein bilaterales Handelsabkommen nach dem anderen wird abgeschlossen. Hierbei sticht insbesondere die südostasiatische Region hervor.

Deutschland und Europa müssen darauf achten, nicht ins Hintertreffen zu geraten; zum einen als Handelspartner, zum anderen – das halte ich für mindestens genauso wichtig – auch mit Blick auf Standards. Wenn andere Freihandelszonen ihre eigenen Standards setzen, dann haben wir Europäer sehr wenige Möglichkeiten, dort mit unseren Standards, die wir für wichtig halten, überhaupt noch durchzudringen. Auch deshalb ist es für uns so wichtig, die Verhandlungen zur Transatlantischen Handels- und Investitionspartnerschaft voranzutreiben. Denn eines kann ich Ihnen versichern: Die Bundesregierung ist sich mit ihren europäischen und amerikanischen Partnern darin einig, dass unsere hohen Standards zum Schutz von Verbrauchern und Umwelt in keiner Weise aufgeweicht werden dürfen. Im Gegenteil, wir wollen sie erhalten und soweit wie möglich noch stärken. Angesichts der Größe des transatlantischen Markts dürfte das auch Auswirkungen auf die Weltmärkte insgesamt haben.

Meine Damen und Herren, die Geschichte der ersten 50 Jahre der Stiftung Warentest spricht für sich. Diese Stiftung hilft dem Kunden, tatsächlich König zu sein und souveräne Entscheidungen zu treffen. Ganz gleich, welche technischen Neuerungen auf uns zukommen werden, wir können mit Gewissheit sagen, dass die Dienste der Stiftung Warentest weiterhin gefragt sein werden, da sie auch in Zukunft genauso wie bisher Orientierung bietet und uns das Leben leichter macht. Dafür zum Schluss von meiner Seite noch einmal ein herzliches Dankeschön.

Mit Ihren Tests fällen Sie Urteile, die für Käufer, für Kunden von größter Bedeutung und für die Wirtschaft nicht unerheblich sind und die auch ein Stück weit dazu beitragen, was Soziale Marktwirtschaft schaffen soll, nämlich Vertrauen zueinander. Deshalb wünsche ich als Bundeskanzlerin genauso wie als Verbraucherin der Stiftung auch weiterhin das richtige Augenmaß und viel Erfolg.

Herzlichen Dank und Ihnen noch einen schönen Abend.

Donnerstag, 04. Dezember 2014