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Rede von Bundeskanzlerin Merkel anlässlich des Empfangs im Kloster Sant’Egidio, am 21. Februar 2015

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Samstag, 21. Februar 2015
Ort:
Italien

Italien

Sehr geehrter Herr Professor Impagliazzo,
sehr geehrter Herr Professor Riccardi,
Eminenzen,
Exzellenzen,
sehr geehrte Frau Botschafterin, liebe Annette,
sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich, hier im Friedenssaal bei Sant'Egidio zu sein. Wir haben uns schon in München getroffen, aber hier vor Ort zu sein, ist ein ganz besonderes Gefühl. Ich möchte mich dafür bedanken, dass dieser Empfang hier an diesem Ort stattfinden kann.

Europa gedenkt in diesem Jahr des 70. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkriegs. Deutschland hat in der Zeit des Nationalsozialismus schreckliche Schuld auf sich geladen. Ich will an den Holocaust erinnern und an die Verantwortung, die uns daraus erwachsen ist.

Wir haben in weiten Teilen Europas gezeigt, dass nach Jahrhunderten zahlreicher Kriege ein friedliches Zusammenleben möglich ist. Das sollte uns gerade auch in den Mitgliedstaaten der Europäischen Union Kraft verleihen, für Frieden auch weltweit einzutreten, so wie Sie in Ihrer Gemeinschaft die Friedensbotschaft an vielen Orten der Welt nicht nur verkünden, sondern auch leben. Wenn wir daran denken, dass hier an diesem Ort Versöhnungsgesten möglich wurden, dann wird uns auch bewusst, dass man, wenn man einen langen Atem hat, auch Rückschläge verkraften und neue Brücken errichten kann.

Wir sehen uns derzeit konfrontiert mit einer aggressiven Auseinandersetzung in der Ukraine, die von Russland ausgeht. Die Ukraine kann ihren Anspruch auf territoriale Integrität nicht verwirklichen. Aber wir alle in Europa wissen, dass die Achtung der territorialen Integrität wesentliche Grundlage für ein friedliches Zusammenleben ist. Wer sich einmal mit den verschiedenen Kongressen in der europäischen Geschichte befasst hat, weiß, dass nur dann, wenn die territoriale Integrität geachtet wird, ein friedliches Zusammenleben möglich sein kann. Dieses Prinzip wurde durch Russland verletzt. Wir werden alles tun, um eine diplomatische Lösung dieses Konflikts herbeizuführen. Aber wir haben auch erlebt, dass wir Maßnahmen ergreifen müssen, wie z.B. Sanktionen, um deutlich zu machen, dass wir so etwas nicht einfach hinnehmen, sondern reagieren.

Es ist nicht immer einfach, in den Gesellschaften zu erklären, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist und dass man Aggressionen auch beim Namen nennen muss. Denn Europa hat sich in all den Jahren des friedlichen Zusammenlebens daran gewöhnt, dass Frieden und Freiheit etwas scheinbar Selbstverständliches sind. Wir müssen aber lernen, dass dafür immer wieder gekämpft werden muss. Der Blick auch über Europa hinaus auf die Welt zeigt uns das sehr schnell.

Wir erleben in diesem 21. Jahrhundert, dass wir die Augen vor Konflikten nicht verschließen dürfen. Jedes Problem, das wir nicht zu lösen helfen, wird auch ein Problem für uns. Wir sehen das im Augenblick auch an den Migrationsströmen. Deshalb werden wir auch in den nächsten Jahrzehnten sehr viel zu tun haben, um mit Mut und Zuversicht die Aufgaben anzugehen, Menschen aus Armut zu befreien, Menschen aus Kriegen zu befreien, Kindern eine gute Zukunft zu ermöglichen.

Ich bin sehr froh, dass ich heute die Gelegenheit hatte, Papst Franziskus unsere Agenda für die G7-Präsidentschaft, die Deutschland in diesem Jahr innehat, darlegen zu können, die sehr viel mit diesen Themen zu tun hat: Bekämpfung von Armut, Bekämpfung von Korruption, auch der Versuch, einen Beitrag zum Frieden auf der Welt zu leisten, und – ein besonderer Punkt – auch die Rolle der Frauen beim Schaffen von Frieden, beim Gestalten von Zukunft. Die Rolle der Frauen ist ein Thema, das der Papst immer wieder in den Mittelpunkt gestellt hat, weil Frauen eine ganz besondere Verbindung zu Familien und damit auch zur Zukunft des Zusammenlebens haben.

Es gibt also eine ganze Reihe an Überschneidungen von Dingen, die uns wichtig sind. Ich persönlich habe die Rede des Papstes im Europäischen Parlament sehr geschätzt, in der er betont hat, dass Europa aufpassen muss, wenn es Dynamik ausstrahlen will. Großmütter sind zwar wunderbare Frauen, aber trotzdem beleben unseren Kontinent nicht nur Großmütter, sondern auch Kinder, Jugendliche und tatkräftige Menschen. Weisheit ist gut, aber nicht das einzige.

Deshalb, Professor Riccardi und werte Mitstreiter bei Sant'Egidio, vielen Dank dafür, dass wir hier sein können an einem Ort, an dem, inspiriert von der christlichen Botschaft, Mut und Kraft gelebt werden, an dem Sie nicht die Augen verschließen, Trübsal blasen oder nicht anpacken, sondern sagen: Probleme können gelöst werden, Menschen haben Verantwortung. Ihre Freiheit ist nicht eine Freiheit von etwas, sondern eine Freiheit zu etwas. Sie nutzen die menschliche Freiheit dazu, diese Welt besser zu machen. Herzlichen Dank dafür. Herzlichen Dank, dass wir hier sein können.

Samstag, 21. Februar 2015