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Rede von Bundeskanzlerin Merkel anlässlich der Verleihung des Preises für Verständigung und Toleranz im Rahmen der Jubiläumswoche zum zehnjährigen Bestehen des Jüdischen Museums Berlin

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Montag, 24. Oktober 2011

in Berlin

Sehr geehrter Herr Professor Blumenthal,

sehr geehrter Herr Bundestagspräsident, lieber Norbert Lammert,

sehr geehrter Herr Bundeskanzler Helmut Schmidt,

sehr geehrter Herr Bundespräsident Richard von Weizsäcker,

sehr geehrte Tzipi Livni,

sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,

Exzellenzen,

sehr geehrter Herr Regierender Bürgermeister,

sehr geehrter Herr Graumann,

liebe Frau Süsskind,

meine Damen und Herren,

ich möchte Herrn Professor Blumenthal für die von ihm gehaltene Laudatio und für die persönlichen Worte ganz herzlich danken. Mit meiner Geburtsurkunde habe ich keine Probleme, denn ich bin in Hamburg geboren. Aber das, was Herr Professor Blumenthal über das Thema Israel, Judentum, Juden und ehemalige DDR gesagt hat, das ist schon etwas, was heute fast in Vergessenheit zu geraten scheint. Und deshalb möchte ich am Anfang kurz noch einmal meine persönliche Sicht darlegen.

Die DDR hatte keine diplomatischen Beziehungen zu Israel und demzufolge auch keinen Postverkehr. Ich arbeitete als Physikerin am Zentralinstitut für Physikalische Chemie der Akademie der Wissenschaften und war an der internationalen Wissenschaftswelt sehr interessiert und demzufolge auch an den Arbeiten israelischer Wissenschaftler. Es war eine Zeit, in der es noch keine Computer gab, auf denen alle Sonderdrucke und Artikel sofort zu erhalten gewesen wären. Und außerdem war die DDR ein Regime, in dem eine der gefährlichsten Sachen ein Kopiergerät war. Also besorgten wir uns internationale Artikel immer durch Anschreiben des jeweiligen Autors. Dieser sandte dann wichtige Sachen zu – ob es nun ein Sonderdruck seines Artikels war, ein Auszug aus dem Journal of the American Chemical Society oder etwas anderes.

Aber immer, wenn es sich um einen israelischen Autor handelte, war es nicht möglich, direkt einen Brief an ihn zu schreiben. Also schrieb man an einen Amerikaner mit der Bitte, uns die jeweilige Veröffentlichung des israelischen Wissenschaftlers zu schicken. Das klappte in 90 Prozent der Fälle und war ein kleiner Beleg dafür, dass wir in der ehemaligen DDR nicht vergessen waren. Ich sage den vielen, die aus Amerika heute hier sind, und denjenigen aus Israel herzlichen Dank dafür.

Meine Damen und Herren, den renommierten Preis für Verständigung und Toleranz entgegenzunehmen, ist mir natürlich eine große Ehre – gerade auch weil die heutige Auszeichnung mit einem ganz besonderen Jubiläum zusammenfällt. Sie fällt mit dem zehnjährigen Bestehen des Jüdischen Museums Berlin zusammen. Ich glaube, in Ihrer aller Namen sagen zu dürfen: Das ist Grund zur Freude und zu großer Dankbarkeit.

Ich habe es schon gesagt, lieber Herr Professor Blumenthal: Ihre freundlichen Worte haben mich sehr berührt. Doch eigentlich kommt am heutigen Abend nicht mir, sondern Ihnen ganz besondere Anerkennung zu. Ihnen und Ihrem Team verdanken wir, dass wir den zehnten Geburtstag des Jüdischen Museums Berlin und seine großartige Entwicklung feiern können.

Ihr Engagement steht vor dem Hintergrund Ihrer außergewöhnlichen Lebensgeschichte. Viele hier im Raum kennen die wichtigsten Stationen: die Kindheit in Berlin, die Flucht aus Deutschland vor dem Terror des Nationalsozialismus, die Zeit der Entbehrungen in Shanghai, der Neuanfang in Amerika, Ihre Laufbahn als Wissenschaftler, Manager und Finanzminister der Vereinigten Staaten und schließlich Ihre Berufung zum Direktor des Jüdischen Museums in Berlin, mit dem sich in gewisser Weise auch ein Kreis Ihres Lebens schließt.

In Ihrer Autobiografie „In achtzig Jahren um die Welt – Mein Leben“ beschreiben Sie die turbulenten Anfänge dieses Hauses. Zunächst lag das Projekt noch in den Händen des Landes Berlin. Schnell aber trugen die damals entwickelte umfassende Ausstellungs- und Dokumentationskonzeption und nicht zuletzt der spektakuläre Museumsneubau des Architekten Daniel Libeskind zur Erkenntnis bei, dass sich hier eine viel größere, eine gesamtstaatliche Herausforderung stellte.

Lieber Herr Libeskind, Sie haben ein großartiges Gebäude geschaffen, das ja schon allein für sich die Besucher in den Bann zieht. – Wer ein bisschen hier nach hinten blickt, der ahnt: Es entsteht wieder Neues. – Das Jüdische Museum Berlin ist neben dem Deutschen Historischen Museum und dem Haus der Geschichte in Bonn das dritte große Geschichtsmuseum des Bundes. Die Erinnerung an 2.000 Jahre jüdischer Geschichte in Deutschland mit ihren Höhen und Tiefen, mit ihren Licht- und Schattenseiten zu fördern, ist wahrhaft eine nationale Aufgabe. Jüdisches Leben war immer ein Teil Deutschlands. Es wird auch immer ein Teil Deutschlands bleiben.

Das Jüdische Museum Berlin zeigt dies anschaulich bei Wissenschaft, Kultur, Wirtschaft und Politik. Es zeigt eine viele Jahrhunderte alte deutsch-jüdische Tradition. Es zeigt aber auch Ausgrenzung, Verfolgung, Erniedrigung bis hin zum absoluten Tiefpunkt des Zivilisationsbruchs der Shoa. Meine Damen und Herren, dieser liegt kaum ein Menschenleben zurück. Erst vor wenigen Tagen wurde in Berlin der über 55.000 Menschen gedacht, die bis 1945 allein aus der Hauptstadt in die Konzentrationslager und Vernichtungsstätten deportiert wurden.

Die Erinnerung an das von Deutschland begangene Menschheitsverbrechen, das Bewusstsein der immerwährenden Verantwortung dafür, sind und bleiben eine besondere Verpflichtung für unser Land und ein Auftrag an die Politik jeder Bundesregierung. Denn nur in diesem Bewusstsein können wir eine gute Zukunft gestalten. Und weil wir nur in diesem Bewusstsein eine gute Zukunft gestalten können, sind Orte des Erinnerns so wichtig – gerade auch, weil immer weniger unter uns sind, die die Unmenschlichkeit nationalsozialistischen Terrors selbst erdulden mussten und hiervon persönlich Zeugnis ablegen können.

Deshalb erhalten wir die furchtbaren, aber eben auch authentischen Orte des Leidens. Gedenkstätten wie Bergen-Belsen, Dachau, Sachsenhausen oder Buchenwald werden jedes Jahr von Tausenden aufgesucht, darunter auch von zahlreichen Schulklassen. Deshalb steht auch im Herzen unserer Hauptstadt, nahe dem Brandenburger Tor und dem Deutschen Bundestag, das Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Es war eine lange, zum Schluss auch sehr gute Debatte, die wir darüber im Parlament geführt haben, um deutlich zu machen: Wir wollen diese Erinnerungsstätte. Das Jüdische Museum Berlin widmet sich auf besondere Art und Weise der Shoa – nicht nur inhaltlich, sondern mit Orten wie dem Holocaust-Turm oder dem Garten des Exils auch räumlich.

So vermittelt das Jüdische Museum Berlin mit seinem Bau und seinen Ausstellungen ein einzigartiges Bild von 2.000 Jahren deutsch-jüdischer Geschichte – dies auch, weil es ein Ort der Begegnung, des gesellschaftlichen Dialogs und nicht zuletzt der Wissenschaft ist. Wer einmal hier war, wird auch empfinden können, welchen Verlust wir durch die Shoa, durch den Nationalsozialismus erlitten haben.

In diesem Haus haben Sie mir heute den Preis für Verständigung und Toleranz verliehen. Schaut man einfach nur einmal auf die Besucherzahlen, so könnten wir zuversichtlich sein, dass Museen wie dieses tatsächlich Verständigung und Toleranz gegen Hass und Antisemitismus durchsetzen. Hatte man ursprünglich mit 250.000 Besuchern pro Jahr gerechnet, so wurden diese Erwartungen schließlich mit einer Dreiviertelmillion pro Jahr weit übertroffen.

Schauen wir aber auf andere Zahlen, so müssen wir aufpassen, nicht zu resignieren, Antisemitismus einzudämmen und zu überwinden, denn Studien – auch ganz aktuelle aus diesem Jahr – zeigen, dass Antisemitismus in Europa eigentlich nicht auf dem Rückzug ist. So stimmten zum Beispiel laut einer in diesem Jahr veröffentlichten Befragung in mehreren europäischen Ländern fast 20 Prozent der in Deutschland Befragten der Einschätzung zu, dass Juden im Land zu viel Einfluss hätten. Und auf die Frage, ob man bei der Politik, die Israel mache, gut verstehen könne, dass man Juden nicht mag, antworteten in Deutschland 35,6 Prozent der Befragten mit Ja. Hinzu kommt die Einschätzung von fast 60 Prozent aller Europäer, die laut einer vor einigen Jahren durchgeführten Studie meinten, dass die größte Bedrohung für die Welt von Israel ausgehe, nicht etwa von Nordkorea oder vom Iran.

Sind Museen, sind Bildungseinrichtungen, sind alle Bemühungen, die jüdische Geschichte zu vermitteln, die sich für Verständigung und Toleranz und gegen Hass und Antisemitismus einsetzen, angesichts solcher Zahlen erfolglos? Sind sie gar sinnlos? Ich sage: Nein, auf keinen Fall. Das Gegenteil ist der Fall – insbesondere, wenn Orte wie das Jüdische Museum Berlin neben der Vermittlung der Geschichte auch Gelegenheit für Begegnung bieten – für einen Dialog, um sich auch mit den verschiedenen Ausprägungen von Antisemitismus auseinandersetzen zu können, zum Beispiel auch mit derjenigen, die dazu führt, die Legitimität des Staates Israel infrage zu stellen.

Und weil das so ist, ergänze ich: Deutschland ist mit Israel in einzigartigen Beziehungen verbunden – zum einen wegen der immerwährenden Verantwortung Deutschlands für den Zivilisationsbruch der Shoa, zum anderen als Partner in Zeiten der Globalisierung, als Partner mit gemeinsamen Werten und Interessen. Beide Länder wissen, wie wichtig es ist, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte zu verteidigen, vorneweg gegen Feinde von außen – Feinde, die Israel und die ganze freie Welt mit Nuklearprogrammen und Terrorismus bedrohen.

Wenn wir heute über Verständigung und Toleranz in unserem Land sprechen, dann geht es aber auch darum, unsere Werte gegen Feinde im Innern zu verteidigen – Feinde, die uns im Alltag herausfordern. Wir müssen einschreiten, wenn Menschen beginnen, andere zu diskreditieren und auszugrenzen. Wir müssen unsere Stimme erheben, wenn Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus um sich greifen. Kurz: Wir dürfen nicht wegsehen, wenn Zivilcourage oder Mut gefragt sind. Gerade Jugendliche gilt es zu festigen, damit sie nicht für stumpfsinnige Parolen offen, sondern gegen sie gewappnet sind.

Trotz aller Rückschläge und ernüchternden Umfragen wäre es also grundfalsch, Einrichtungen wie das Jüdische Museum in ihrer Bedeutung für Verständigung und Toleranz zu unterschätzen. Gerade ein Museum wie dieses, das mit speziellen Angeboten dazu beiträgt – durch die Akademie werden es ja noch mehr werden –, dass junge Menschen ihre Eindrücke auch in Seminaren und Workshops vertiefen können, ist unverzichtbar. Dazu gehört auch der schon erwähnte Museumsbus, der im Rahmen des Projekts „on.tour – Das JMB macht Schule“ zu Schulen in ganz Deutschland fährt, um Jugendlichen in ihren Heimatorten die Geschichte des Judentums in Deutschland zu vermitteln.

Darüber hinaus halte ich es für wichtig, dass sich das Museum auch den aktuellen Themen von Migration und Integration zuwendet. Deshalb ist die Idee der Bildungsakademie so hervorragend. Und es freut mich sehr, dass wir diese Idee nun verwirklichen können. Ihren Platz findet sie in der ehemaligen Blumengroßmarkthalle, für die erneut Herr Libeskind um den Gestaltungsentwurf gebeten wurde. Herr Professor Blumenthal, Sie haben mir beim Hereinkommen erzählt, Sie haben das Gebäude einfach gekauft und sich dafür eingesetzt, dass dieser Platz zur Verfügung steht. Dass wir heute Abend hier sein können, ist einfach wunderbar.

Ermöglicht wird der Umbau der Blumengroßmarkthalle – das möchte ich besonders hervorheben – durch das gemeinsame Engagement privater Förderer und der öffentlichen Hand. Etwa ein Drittel der Baukosten haben die Freunde des Museums durch Spenden bereitgestellt. Den Rest der Kosten übernimmt der Bund. Auch das Land Berlin war beteiligt. Es hat der Stiftung das Grundstück kostengünstig zur Verfügung gestellt. Ihnen allen, die Sie die Fortentwicklung des Museums mit Begeisterung und ganz besonderem persönlichen Einsatz möglich machen, möchte ich meinen besonderen Dank aussprechen. Denn Sie tragen dazu bei, gegenseitiges Verständnis und Toleranz zu fördern.

Verständnis und Toleranz gehören zum Wesen unseres freiheitlichen Lebens. Das ist der Boden, auf dem sich auch das jüdische Leben heute in Deutschland entwickeln kann. Ich empfinde es als wunderbar, dass sich jüdisches Leben entwickelt. Wir können uns über die vielfältigen Zeichen seines Wiedererstarkens freuen. Das ist nicht ohne die Integration von Zuwanderern aus den ehemaligen Sowjetrepubliken denkbar, die in den Gemeinden so viel verändert hat. Und deshalb möchte ich am heutigen Abend auch allen danken, die an dieser Integration arbeiten. Das ist eine ganz ungewöhnliche Arbeit, für die wir höchsten Respekt haben.

Hinzu kommen neben dem Jüdischen Museum Berlin auch andere jüdische Museen – von Essen bis Erfurt, von Westfalen bis Franken, außerdem die Gründung jüdischer Orchester wie etwa der Neuen Kammerphilharmonie Dresden, der Kammer-Philharmonie Recklinghausen oder des Ernest Bloch Orchesters in Hamburg. Wir können uns gemeinsam auch über die mehr als 20 in den vergangenen Jahren teils neu erbauten, teils restaurierten Synagogen und Gemeindezentren freuen. Von Lörrach bis Schwerin und von Dresden bis Speyer machen sie die Präsenz des Judentums in unserem Land öffentlich erkennbar. Auch die Tatsache, dass in Deutschland wieder jedes Jahr Rabbiner ausgebildet werden, ordiniert werden und in ihren Gemeindedienst in die Welt aufbrechen, ist ein ermutigendes Zeichen. Dass dabei allerdings die Gebäude und die Menschen, die in ihnen arbeiten und beten, auch heute noch von der Polizei bewacht und geschützt werden müssen, gehört leider auch zu unserer Realität. Auch darüber müssen wir heute Abend sprechen. Diese Realität ist beschämend. Abfinden dürfen wir uns damit nicht.

Meine Damen und Herren, lieber Herr Professor Blumenthal, Sie schreiben in Ihrer Autobiografie – ich zitiere: „Das 20. Jahrhundert sollte uns lehren, dass Klugheit nicht immer über Dummheit triumphiert und Achtung für das menschliche Leben nicht immer den Sieg davonträgt. Aber es bietet auch Anlass für die Hoffnung, dass sie sich mit etwas Glück und gesundem Menschenverstand doch durchsetzen können.“ Aus dieser Zuversicht heraus lebt und wirkt auch gerade dieses Haus. Ich kann uns allen nur wünschen, dass das Jüdische Museum Berlin auch weiterhin so viele Menschen anzieht, wie es in den ersten zehn Jahren angezogen hat, damit Klugheit über Dummheit und die Achtung für das menschliche Leben über Hass und Antisemitismus triumphieren.

Meine Damen und Herren, es ist ein bewegendes Ereignis heute. Zehn erfolgreiche Jahre – das war nicht von Anfang an absehbar. Lassen Sie mich zum Schluss noch zwei Dinge sagen. Das eine ist: Wir haben heute ein wunderbares Konzert gehört. Ich danke Daniel Barenboim, ich danke der Staatskapelle. Und das andere: Ich glaube, der Auftrag dieses Preises für Verständigung und Toleranz bedeutet auch, dass ich meine Aufgaben als Bundeskanzlerin ordentlich erfülle. Nun hatte ich heute Abend die Wahl: Gehst du entweder ins Konzert oder aber bleibst du länger hier, um hier anschließend noch zu Abend zu essen? Ich habe mich dafür entschieden, das Konzert zu hören – es war wunderbar – und die Laudatio zu hören – Dankeschön für diesen Preis, er ist mir Verpflichtung – und jetzt wieder meinen Pflichten nachzugehen.

Herzlichen Dank.

Montag, 24. Oktober 2011