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Rede von Bundeskanzlerin Merkel anlässlich der Verleihung des Général-André-Delpech-Preises am 4. November 2014

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Dienstag, 04. November 2014
Ort:
Berlin

Sehr geehrter Herr Dietz de Loos,
sehr geehrte Vertreter des Internationalen Lagerkomitees Dachau,
vor allem: sehr geehrte Frau Boursier,
sehr geehrter Herr Naor,
sehr geehrter Herr Samuel,
sehr geehrter Herr Feierabend,
liebe Gerda Hasselfeldt, die du mit dabei warst, als ich Dachau besucht habe, weil es dein Wahlkreis ist,
meine Damen und Herren,

zum 55. Jahrestag der Befreiung des ehemaligen Konzentrationslagers im Jahr 2000 betonte Général André Delpech mit Blick auf die Verbrechen Deutschlands in der Zeit des Nationalsozialismus eine „Pflicht zur Erinnerung“ und „Pflicht zur Wachsamkeit“. Freiheit, so André Delpech, sei kein „Geschenk des Himmels“, sondern müsse jeden Tag aufs Neue gewonnen werden. Genau dazu mahnt auch der Preis, der seinen Namen trägt.

Ich möchte mich ganz herzlich dafür bedanken, dass Sie mir die Ehre zuteilwerden lassen, diese Auszeichnung entgegennehmen zu dürfen – noch dazu im Beisein von Überlebenden des Konzentrationslagers Dachau und der Tochter von André Delpech. Ich weiß diese Geste des Vertrauens sehr zu schätzen.

Das Jahr 2014 steht ganz im Zeichen des Gedenkens an den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren und genauso des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren. Wir erinnern in diesem Jahr in besonderer Weise an das unermessliche Leid, das Deutschland über Europa gebracht hat. Der Zivilisationsbruch der Shoa erfüllt uns mit tiefer Trauer und Scham. Wir sind uns der immerwährenden Verantwortung Deutschlands bewusst, die hieraus erwächst. Nur so – davon bin ich überzeugt – kann eine gute Zukunft gestaltet werden.

Der Freiheits- und Widerstandskämpfer André Delpech hat das Grauen eines Todeszugs und des Konzentrationslagers Dachau erlebt – und nur mit knapper Not überlebt. Im Sommer letzten Jahres habe ich die Gedenkstätte Dachau besucht. Dieser Ort des Zivilisationsbruchs ist heute ein Ort gegen das Vergessen – für uns und für kommende Generationen.

Umso entsetzlicher – das sei hier auch gesagt – sind Taten wie der Diebstahl des Eingangstores dieser KZ-Gedenkstätte in der Nacht zum vergangenen Sonntag. Ich hoffe, dass diejenigen, die das getan haben, schnell gefasst und zur Verantwortung gezogen werden.

Meine Damen und Herren, Erinnerung und das Erinnern wachzuhalten – das ist alles andere als rückwärtsgewandt; im Gegenteil. Erinnerung und das Erinnern wachzuhalten, ehrt die Opfer und dient dazu, unser Leben heute und unsere Zukunft zu gestalten. Erinnerung ist untrennbar damit verbunden, uns stets aufs Neue entschieden gegen jegliche Form von Extremismus, Antisemitismus und Rassismus zu wenden – und uns für Menschenrechte, für Frieden, für Freiheit, für Meinungsfreiheit einzusetzen. Diese so wertvollen und doch so verletzlichen Güter, die die Grundlage eines Lebens in Würde bilden, können wir in Europa nur gemeinsam bewahren und stärken.

Dessen waren sich die Europäer der ersten Stunde nach den Katastrophen der beiden Weltkriege und der Shoa bewusst. Davon legte auch Général André Delpech persönlich Zeugnis ab. – Sie haben das soeben eindrucksvoll noch einmal in Erinnerung gerufen.

Wir Deutschen werden nie vergessen, dass uns Frankreich nach all den Jahren des von Deutschland ausgelösten Leids die Hand zur Aussöhnung reichte. Die Aussöhnung zwischen unseren Völkern, aus der schließlich unsere Freundschaft erwuchs, gehört zu den Wundern der Nachkriegszeit; sie war eine der wesentlichen Grundlagen der europäischen Einigung. Heute ist es nun an uns, dieses kostbare Erbe zu pflegen und im Wissen um dieses hohe Gut eine friedliche und gute Zukunft für unser gemeinsames Europa zu sichern. In diesem Sinne sehe ich die Auszeichnung mit dem Général-André-Delpech-Preis als Aufforderung, als Ansporn und als Ermutigung an.

Herzlichen Dank.

Dienstag, 04. November 2014