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im Wortlaut

Rede von Bundeskanzlerin Merkel an der Universität Auckland am 14. November 2014

Datum:
Freitag, 14. November 2014

in Auckland

Sehr geehrter Herr Minister Joyce,
sehr geehrter Herr Kanzler Parton,
sehr geehrter Herr Vizekanzler McCutcheon,
Exzellenzen,
meine sehr geehrten Damen und Herren
und, vor allem, liebe Studierende,

es ist mir eine große Freude, an der ehrwürdigen Universität Auckland, der größten Hochschule Neuseelands, zu Ihnen zu sprechen. Hier erwerben sich viele Studierende das Rüstzeug, um später Verantwortung zu übernehmen – Verantwortung in der Wirtschaft, der Wissenschaft oder vielleicht auch in der Politik. Ob Sie sich hierzulande oder international engagieren – die Zukunft liegt in Ihren Händen.

Natürlich ist und bleibt die Zukunft immer unvorhersehbar. Eines aber erscheint sicher: Im Zuge der weiteren Globalisierung werden sich immer mehr Länder gleichen Herausforderungen gegenübersehen, aber nicht in der Lage sein, diese Herausforderungen allein zu meistern. Deshalb ist es nicht weniger als ein Gebot der Vernunft, Kräfte zu bündeln und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Das ist auch das Ziel des nächsten G20-Gipfels, der am Wochenende in Australien stattfinden wird.

Die G20 hat sich zu einem der wichtigsten Foren der Weltpolitik entwickelt. Unsere Absprachen und Vereinbarungen ebnen den Weg, um globale Herausforderungen gemeinsam, nach jeweiligen Fähigkeiten, zu meistern. Dieses Mal ist auch Neuseeland an unserem Treffen beteiligt. Ich begrüße das sehr. – Heute hatte ich bereits die Möglichkeit, bilaterale Gespräche mit Ihrem Ministerpräsidenten John Key zu führen. – Die Beteiligung unterstreicht in besonderer Weise den Willen und die Fähigkeit Ihres Landes, international Verantwortung zu übernehmen. Hierfür danke zu sagen – das ist der eine Grund meines Besuchs. Der andere ist schlichtweg, die langjährige Freundschaft unserer beiden Länder, zwischen Deutschland und Neuseeland, zu bekräftigen.

Beides, die bilateralen und die multilateralen Beziehungen, haben in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen. Die verstärkte globale Zusammenarbeit ist vor allem der historischen Zäsur zu verdanken, die mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Ende des Kalten Krieges vor 25 Jahren verbunden ist. Davor war die Welt in Ost und West gespalten. Im geteilten Deutschland war die Konfrontation der beiden Blöcke besonders deutlich. Ständig lag die gegenseitige Bedrohung in der Luft. Wer hätte damals gedacht, dass sich eines Tages die Staats- und die Regierungschefs der 20 führenden Volkswirtschaften an einem Tisch versammeln, um darüber zu reden, wie gemeinsame Herausforderungen gemeinsam angegangen und bewältigt werden könnten?

Nach dem Durchbruch der Protest- und Freiheitsbewegung in Mittel- und Osteuropa 1989 hat sich die Welt in atemberaubendem Tempo verändert. Die heutige Weltordnung ist die Folge der Umbrüche von damals. Sie ist geprägt von einer immer stärkeren Vernetzung der Länder und Regionen. Aber es gibt natürlich auch weiterhin sehr deutliche Meinungsunterschiede – etwa zu Krisen wie in der Ukraine oder zu Tragödien in Syrien und im Nordirak, um nur einige Stichworte zu nennen. Auch heute gilt es, immer wieder aufs Neue für die Stärke des Rechts einzutreten, wenn sie bedroht oder verletzt wird. Auch darüber werden wir auf dem Gipfel in Brisbane – zum Teil sicherlich auch kontrovers – reden.

Meine Damen und Herren, die Globalisierung ist nicht allein ein Phänomen von Politik und Wirtschaft, sondern sie prägt in besonderem Maße auch Wissenschaft und Forschung. Sie profitieren von den Antriebskräften des internationalen Wettbewerbs und von Synergieeffekten durch Kooperation. Fortschritt braucht Zusammenarbeit. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus allen Teilen der Welt sind mehr denn je aufeinander angewiesen, wenn sie in ihrer Forschung vorankommen wollen. Da fällt es kaum noch ins Gewicht, dass man auf dem Weg von Berlin nach Auckland immerhin den halben Globus umrunden muss.

Deutschland und Neuseeland sind in Wissenschaft und Forschung auf vielfältigste Weise miteinander verbunden. Viele von Ihnen hier im Publikum haben Anteil an dieser engen Verbundenheit. Deshalb möchte ich die Gelegenheit nutzen, Ihnen ganz herzlich für diese Kooperation zu danken. Neuseeland hat in den letzten beiden Jahren in Wissenschaftsprojekte mit Deutschland mehr als in Projekte mit anderen Staaten investiert. Ich begrüße das ausdrücklich.

Es gibt für unsere lebendige Partnerschaft viele Beispiele und Belege. So hat etwa die Alexander von Humboldt-Stiftung seit 1953 rund 130 Forschungsstipendien an Neuseeländer vergeben. Gemessen an der jeweiligen Einwohnerzahl ist das die weltweit zweithöchste Anzahl an Stipendien, die die Humboldt-Stiftung in einem Land vergeben hat. Den renommierten Humboldt-Forschungspreis haben bislang fünf neuseeländische Forscher erhalten. Derzeit gibt es 95 deutsch-neuseeländische Hochschulkooperationen – Tendenz weiter steigend. Jeder sechste neuseeländische Forscher unterhält Kontakte mit deutschen Partnern oder betreibt mit ihnen gemeinsame Projekte. Über 200 deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind an neuseeländischen Forschungseinrichtungen tätig. Kurzum: Die Brücke, die die Wissenschaft zwischen unseren beiden Ländern schlägt, ist trotz der großen räumlichen Entfernung breit und stabil. So verwundert es auch wenig, wenn wir in wichtigen Fragen ähnliche Ansätze teilen. Wir arbeiten nicht nur zusammen, sondern wir gehen auch methodisch ähnlich vor, zum Beispiel durch die Förderung von Clustern oder durch große Offenheit beim Technologietransfer.

Auch das, was gut ist, kann immer noch besser werden. Deshalb freue ich mich, über ein weiteres Beispiel unserer lebendigen Partnerschaft berichten zu können. Vorhin haben die Universität Auckland und die Fraunhofer-Gesellschaft ein Memorandum of Understanding zu einem Leuchtturmprojekt unterzeichnet, dessen Ziel es ist, neue Systeme für präventive Ergonomie sowie Rehabilitationsmaßnahmen gemeinsam zu entwickeln. An der Kooperation dieses Projekts sind das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung sowie zwei Universitäten beteiligt, nämlich die hier in Auckland und die in Stuttgart. Von den Ergebnissen dieses Projekts erhoffen wir uns Verbesserungen für Gesundheit, Mobilität und berufliche Leistungsfähigkeit im Hinblick auf unsere alternde Bevölkerung. Daran zeigt sich, dass Neuseeland und Deutschland demografische Entwicklungen nicht einfach als gegeben hinnehmen, sondern als Chance begreifen und sie gestalten wollen.

In diesem Zusammenhang knüpfen sich gerade an die Gesundheitsforschung große Hoffnungen. In Deutschland blicken wir besonders auf die großen Volkskrankheiten Diabetes, Alzheimer und Krebs. Durch den demografischen Wandel, den Deutschland erlebt, werden diese Krankheiten absehbar weiter an Bedeutung gewinnen. Wir bündeln deshalb unsere medizinische Expertise in nationalen Forschungszentren. Davon versprechen wir uns, wissenschaftlichen Fortschritt noch schneller als bisher in die klinische Praxis überführen zu können.

Deutschland steht mit seinen Forschungskapazitäten natürlich auch in internationaler Verantwortung. Wir können und dürfen andere Länder mit sogenannten vernachlässigten oder armutsbedingten Erkrankungen nicht allein lassen. Das ist im Zeitalter zunehmender Globalisierung auch eine Frage des Selbstschutzes, vor allem aber ist es ein Gebot der Menschlichkeit. Die schreckliche Ebola-Epidemie in Westafrika macht das ja auch sehr deutlich. Um weltweit Gesundheitsrisiken einzudämmen, ist neben der Wissenschaft gerade auch die Politik gefordert. Sie muss geeignete Rahmenbedingungen schaffen, damit wissenschaftliche Arbeiten Früchte tragen können. Daher haben wir die Gesundheitsforschung zu einem Schwerpunkt unserer deutschen G7-Präsidentschaft gemacht.

Eine weitere drängende Frage ist, wie wir die globale Energieversorgung sichern. Deutschland hat nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima vor bald vier Jahren den beschleunigten Ausstieg aus der Kernenergie, die Energiewende, beschlossen. Seitdem investieren wir verstärkt in den Ausbau und die Nutzung erneuerbarer Energien, in neue Speichertechnologien und in Technologien zur Verbesserung der Energieeffizienz. Ich will nicht verschweigen, dass eine solche Energiewende auch für ein Hochtechnologieland wie Deutschland durchaus eine Herkulesaufgabe ist – eine nationale Kraftanstrengung. Sie bietet aber, davon bin ich überzeugt, deutlich mehr Chancen als Risiken, wenn wir sie konsequent angehen.

Energieforschung dient darüber hinaus natürlich dem globalen Klima- und Umweltschutz. Die Forschung liefert den Schlüssel dazu, die Veränderungsprozesse auf dem Land, im Wasser und in der Luft besser verstehen und mit ihnen besser umgehen zu können. Dafür engagiert sich Deutschland in wissenschaftlichen Gremien wie dem IPCC. Es gibt eine Menge an Gemeinsamkeiten in der Beurteilung des Klimawandels, wie ich heute auch in den Gesprächen mit dem Premierminister feststellen konnte.

Wir setzen als Bundesrepublik Deutschland Schwerpunkte im Umwelt- und Klimaschutz etwa auch mit unserer Meeresforschung. Im Sommer dieses Jahres war ich bei der Taufe des Forschungsschiffs „Sonne“ dabei. Man kann sagen, dass dieses Schiff ein öffentlich finanziertes Wunderwerk der Technik ist. Sein Einsatzgebiet wird im Indischen und im Pazifischen Ozean liegen. An Bord werden sich Forscherinnen und Forscher aus verschiedensten Ländern insbesondere mit Fragen der Energiegewinnung sowie des Küsten- und Klimaschutzes befassen. Das Forschungsschiff „Sonne“ hat mittlerweile seine Probefahrten abgeschlossen. Es wird am kommenden Montag offiziell in den Dienst der Wissenschaft gestellt und seine Forschungsexpeditionen beginnen können.

Wie Neuseeland engagiert sich Deutschland auch in der internationalen Polarforschung. Wir betreiben in der Antarktis, der wir hier aus meiner Sicht ziemlich nahe sind, die Neumayer-III-Station. Sie liefert Informationen für die Erforschung der Atmosphäre, der Ozeane, der Entwicklung des Eises und des Meeresspiegelanstiegs. – In Neuseeland wissen Sie ja, wovon die Rede ist, wenn wir an die Inseln in der Umgebung denken. – Die Erkenntnisse dieser Forschung helfen, die globalen Klimaprozesse besser zu verstehen und die Folgen zu erkennen, die unsere Art zu leben und zu wirtschaften nach sich zieht. Dieser Erkenntnisprozess ist von existenzieller Bedeutung für uns Menschen und die Erde insgesamt.

Ähnliches gilt, wenn auch in völlig anderen Maßstäben, für die Erforschung von Erdbeben. Auch Neuseeland war ja vor einigen Jahren von einer dramatischen Katastrophe betroffen. Deutschland übernimmt im Bereich der Erdbebenforschung auch internationale Verantwortung. Unter dem Eindruck der verheerenden Flutkatastrophe im Dezember 2004 haben wir mit dem Deutschen GeoForschungsZentrum das Tsunami-Frühwarnsystem vor Indonesien entwickelt und aufgebaut.

Meine Damen und Herren, es gibt noch viele weitere globale Fragen, deren Beantwortung wesentlich vom Stand der Forschung abhängt – denken wir nur an die Fragen der Mobilität, der Landwirtschaft und Ernährung. Sie sind auch für Neuseeland von allergrößter Bedeutung. Wer auf diese Fragen tragfähige Antworten zu entwickeln vermag, ist heutzutage nicht nur wissenschaftlich exzellent, sondern schafft auch die wichtigsten Grundlagen für ein besseres Leben, und zwar weltweit. Für jedes einzelne Land gilt: Wissenschaftliche Exzellenz, Innovationsfähigkeit und technologische Leistungsfähigkeit liefern die wohl wichtigsten Rohstoffe für Wachstum und Wohlstand.

Aus guten Gründen hat die Bundesregierung deshalb in den vergangenen Jahren auf Forschung und Innovation einen politischen Schwerpunkt gelegt. Die Ergebnisse sind ermutigend: Seit 2005 ist die Zahl der Beschäftigten in Forschung und Entwicklung um mehr als 100.000 auf 575.000 Beschäftigte angewachsen. Das liegt auch daran, dass die Bundesregierung in den vergangenen acht Jahren die öffentlichen Investitionen um rund 60 Prozent erhöht hat. Damit hat Deutschland das Ziel, drei Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung auszugeben, nahezu erfüllt. Ein Drittel dieser Investitionen stammen aus dem öffentlichen Bereich, zwei Drittel entfallen auf die Wirtschaft. Das deutet darauf hin, dass wir sehr forschungsintensive Industriebranchen haben. Dazu gehören unter anderem der Automobilbau, der Maschinenbau, der Anlagenbau und die chemische Industrie.

Besonderes Augenmerk verdienen nicht allein große, sondern vor allem auch die vielen kleineren und mittleren Unternehmen, die in Deutschland das Rückgrat der Wirtschaft bilden. Sie alle sind hochinnovativ und verstehen es auch, sich weltweit immer wieder neue Marktnischen zu erschließen. Viele von Ihnen können sich sogar als Weltmarktführer behaupten. Ich sage allerdings auch, dass die deutsche Wirtschaft im Augenblick vor einem großen Transformationsprozess steht, der mit der Verbindung der digitalen Welt und der realen Industriewelt zu tun hat. Wenn ich mir die digitalen Fähigkeiten anschaue, dann sehe ich, dass die europäischen Fähigkeiten nicht so gut entwickelt sind wie die Fähigkeiten anderer Teile der Welt wie in den Vereinigten Staaten von Amerika und in Asien. Es wird jetzt sehr darauf ankommen, in welchem Tempo es uns gelingt, die digitalen Notwendigkeiten in die Realwirtschaft hineinzubringen. Sie können es „The Second Machine Age“ nennen; wir nennen es in Deutschland „Industrie 4.0“. Hier liegt jedenfalls auch eine große Forschungsaufgabe vor uns.

Maßgebend dafür, dass wir wettbewerbsfähig sein können, ist natürlich die Qualifikation der Beschäftigten. Wir setzen in Deutschland auf zwei Säulen: auf die Hochschulausbildung auf der einen Seite und die berufliche Ausbildung auf der anderen Seite. Wir arbeiten daran, die Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Bildungsformen zu verbessern. In der beruflichen Ausbildung ist das duale Berufsausbildungssystem für uns ein Markenzeichen. Es garantiert in hohem Maße eine praxisbezogene Ausbildung, die stark am Bedarf der Unternehmen ausgerichtet ist. Das erleichtert den Einstieg in den Beruf. Und so sichern sich die Unternehmen ihren Nachwuchs und damit ihre Wettbewerbsfähigkeit. Dieses duale System, in dem Ausbildung im Betrieb und schulische Ausbildung parallel verlaufen, ist einer der Gründe dafür, dass Deutschland eine der niedrigsten Jugendarbeitslosenquote in Europa hat. Ich werbe daher auch dafür, nicht nur die Hochschulausbildung als das Nonplusultra anzusehen, sondern auch weiterhin beide Säulen zu entwickeln. Dennoch bauen wir auch in Deutschland die Zahl der Hochschulplätze sehr stark aus, gerade weil wir auch einen demografischen Wandel vor uns sehen. Die jungen Leute, die wir heute ausbilden, werden für die nächsten Jahrzehnte sozusagen das Rückgrat unseres Fachkräftebestands sein.

Wir haben in den letzten Jahren mit einer Exzellenzinitiative gezielt international herausragende Forschung an deutschen Hochschulen gefördert. Unsere Hochschulausbildung insgesamt ist gut, aber wir müssen aufpassen, dass wir auch im internationalen Vergleich zu den Besten gehören. Die Universität von Auckland zeigt uns, wie man das schaffen kann. Wir haben die erwähnte Exzellenzinitiative sehr gut entwickelt. Wir haben dabei auch bestimmte Hochschulen, die traditionell sehr gut sind, speziell gefördert. Und jetzt werden wir auch über ein Anschlussprogramm nachdenken.

In Deutschland gibt es auf der einen Seite die Hochschullandschaft, auf der anderen Seite haben wir mit den außeruniversitären Forschungseinrichtungen eine starke Komponente. Wir hatten in den letzten Jahren – und das hat sich bewährt – eine verlässliche Verbesserung der finanziellen Ausstattung der außeruniversitären Forschungseinrichtungen, die ihnen Planungssicherheit verschaffte. Das hat auch dazu geführt, dass viele internationale Forscher nach Deutschland gekommen sind, weil sie für langfristige Projekte ein hohes Maß an Sicherheit haben.

Der diesjährige Nobelpreisträger für Chemie, Professor Stefan Hell, der für seine bahnbrechende Arbeit in der hochauflösenden Mikroskopie ausgezeichnet wurde, führt seine Grundlagenforschung an einer solchen außeruniversitären Forschungseinrichtung durch, und zwar an einem Max-Planck-Institut in Göttingen. Projekte wie die vorhin erwähnte Neumayer-III-Station in der Antarktis oder das Tsunami-Frühwarnsystem vor Indonesien gehen auf das Engagement von Forschungszentren der Helmholtz-Gemeinschaft zurück. Wir haben vorhin schon darüber gesprochen: Das, was heute hier unterzeichnet wurde, ist ein Projekt der Fraunhofer-Gesellschaft zusammen mit Universitäten.

Meine Damen und Herren, Sie verzeihen mir hoffentlich, dass ich Ihnen auch mit ein wenig Stolz davon berichtet habe, wie differenziert das Wissenschaftssystem mit Hochschulen und außeruniversitären Forschungsorganisationen in Deutschland aufgebaut ist. Ich weiß aber auch, dass wir uns niemals darauf ausruhen dürfen; ganz im Gegenteil. Die Welt wartet nicht auf uns. Deutschland steht in einem globalen Wettbewerb. Aber wir freuen uns natürlich, wenn Sie trotzdem Kenntnis vom deutschen Wissenschaftssystem nehmen. Neuseeländische Forscher sind immer gerne eingeladen, um in Deutschland zu forschen.

Dass die Welt auf uns nicht wartet, ist uns in Europa sehr bewusst. Die europäische Staatsschuldenkrise im Anschluss an die internationale Finanzkrise hat gezeigt, dass die Wettbewerbsfähigkeit der Europäischen Union nicht in allen Teilen ausreichend ist. Diese Krise haben wir auch noch nicht überwunden. Deshalb arbeiten wir in Deutschland und in Europa auch nach wie vor daran, die Lehren aus dieser Krise zu ziehen.

Für die Länder, die den Euro als gemeinsame Währung haben, muss klar sein: Mit der Entscheidung für eine gemeinsame Währung haben wir auch die Pflicht, die wirtschaftspolitische Koordinierung in der Eurozone zu verbessern. Wir müssen nationale Strukturreformen umsetzen, wir müssen unsere öffentlichen Haushalte konsolidieren und wir müssen auf eine vergleichbare Wettbewerbsfähigkeit hinarbeiten. Dabei ist ganz wichtig – in der Exportnation Deutschland wissen wir das –, dass wir uns nicht am Durchschnitt der europäischen Länder orientieren dürfen, sondern dass wir uns mit den Besten der Welt messen müssen. Die sind zum Teil eben nicht in Europa, sondern an anderen Stellen der Welt zu finden. Deshalb hat Deutschland eine sogenannte nationale Hightech-Strategie entwickelt, mit der wir die Kräfte von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik bündeln. In jedem Bereich dieser Hightech-Strategie nehmen wir immer wieder eine internationale Analyse vor und fragen: Wo steht Deutschland, was müssen wir verbessern, wie müssen wir uns für die Zukunft ausrichten?

Ich sprach bereits über die Herausforderungen im Zusammenhang mit der Digitalisierung und der Industrie 4.0. Wir müssen das Internet der Dinge jetzt entwickeln. Es wird die gesamte Wertschöpfungskette durchdringen. Die Bündelung von Kräften und Kompetenzen wird hier ganz besonders notwendig sein. Dabei können wir uns die Vorteile des Europäischen Binnenmarkts zunutze machen. Wenn wir das aber nicht konsequent tun, dann kann es auch passieren, dass Europa zurückfällt. Das heißt also, wir in Deutschland begreifen die Europäische Union mit dem gemeinsamen Binnenmarkt und der Freizügigkeit von Arbeitskräften als eine große Chance. Wir müssen Europa aber auch im Bereich Forschung zu einem Raum großer Leistungsfähigkeit entwickeln. Wir haben dazu Anfang 2014 in der Europäischen Union das Rahmenprogramm für Forschung und Innovation „Horizont 2020“ gestartet. Es ist das größte Programm dieser Art auf der Welt. Wir können damit, wenn wir es richtig anstellen, Europa zu einem Exzellenzort der Forschung machen.

Ich bin der festen Überzeugung: Universitäten und Forschungseinrichtungen tun immer gut daran, in der Welt Partner zu suchen, mit denen sie ihre Forschungsschwerpunkte teilen können. Fast die Hälfte aller wissenschaftlichen Publikationen deutscher Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler entsteht bereits in internationaler Kooperation. Mit der Alexander von Humboldt-Stiftung und dem Deutschen Akademischen Austauschdienst haben wir wichtige Institutionen, die den internationalen Austausch stärken. Längst sind in Deutschland Forscherinnen und Forscher aus aller Welt tätig. Zum Beispiel beschäftigt allein die Fraunhofer-Gesellschaft Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus rund 100 Nationen. In der Max-Planck-Gesellschaft kommt rund ein Drittel der dort arbeitenden Forscherinnen und Forscher aus dem Ausland.

Aber wir wissen: Wir müssen noch attraktiver werden. Das gilt nicht nur für Forscher, sondern auch für Studierende. Einen Auslandsaufenthalt einzulegen, ist für viele Menschen in unseren Ländern bereits selbstverständlich. Knapp ein Drittel der Studierenden an deutschen Hochschulen hat vorübergehend Studienerfahrungen in einem anderen Land gesammelt. Umgekehrt wird auch Deutschland für Studierende aus anderen Staaten immer attraktiver – das sage ich gerade auch hier in Neuseeland –, denn wir öffnen uns auch zunehmend der englischen Sprache. Es gibt zunehmend Curricula, die auch in Englisch verfasst sind, denn wir haben durchaus verstanden, dass die Sprachbarriere jemanden davon abhalten kann, nach Deutschland zu kommen. Deshalb möchte ich auch für die neuseeländischen Studierenden nochmals eine Ermunterung aussprechen. Derzeit sind rund 100 von ihnen an deutschen Hochschulen eingeschrieben. 1.300 Deutsche studieren in Neuseeland. Nun muss man sagen: Neuseeland ist ja auch ein bisschen kleiner als Deutschland; insofern sind 100 gar nicht so wenig. Aber wir können das noch intensivieren. Ich darf Ihnen sagen: Auch unter Schülern ist Neuseeland ein sehr attraktives Land geworden. Die Working Holidays sind für viele junge Leute unglaublich attraktiv.

Es kann nur gut sein, wenn noch mehr junge Menschen einen Teil ihres Studiums entweder in Neuseeland oder in Deutschland verbringen. Warum? Unsere beiden Länder teilen gemeinsame Werte – grundlegende Werte wie Freiheit, Demokratie, Menschenrechte. Gerade am vergangenen Sonntag haben wir es wieder als ein großes Glück empfunden, in Frieden und Freiheit leben zu können. Denn am 9. November dieses Jahres haben wir des Falls der Berliner Mauer vor 25 Jahren gedacht. Für mich persönlich hat sich mit diesem Tag mein ganzes Leben verändert. Bis dahin war ich in der Forschung tätig. Das hatte auch etwas damit zu tun, dass selbst unter sozialistischen Bedingungen die Werte der Naturwissenschaften nicht verbogen werden konnten. 2+2 blieb 4; und die Erdanziehungskraft war auch nicht durch sozialistische Ideologie zu verändern. Ich habe nach dem Mauerfall meinen Weg in die Politik gefunden. Die Tatsache zu erleben, dass Freiheit über Unfreiheit gesiegt hat, bleibt ein wesentliches Erlebnis in meinem Leben.

Ich glaube, wir sind uns alle einig in diesem Raum: Freiheit war, ist und bleibt die wesentliche Voraussetzung und Triebkraft menschlichen Handelns. Sie eröffnet immer wieder neue Welten, gerade auch Welten der Forschung. Wer frei denken, handeln und forschen darf, dem erschließen sich größere Zusammenhänge, der erkennt neue Wege, der ist in der Lage, diese zu gehen. Die permanente Schizophrenie in den sozialistischen Ländern, einerseits als Forscher frei denken zu sollen, aber nach Verlassen des wissenschaftlichen Instituts über die eigene Gesellschaft nicht mehr frei denken zu dürfen, war einer der vielen Gründe, warum das System zum Schluss in sich zusammengefallen ist. Deshalb gilt: Die Hoffnung auf ein gutes, ein besseres Leben kann sich durch freie Forschung, durch Eröffnung neuer Perspektiven erfüllen. Dass wir allerdings auf dieser Welt noch viel zu tun haben, um alle davon zu überzeugen, dass das der richtige Weg ist, zeigen auch viele Herausforderungen, vor denen Neuseeland und Deutschland gemeinsam stehen.

Meine Damen und Herren, danke dafür, dass ich heute hier sein kann und zu Ihnen sprechen durfte. Gerne beantworte ich jetzt auch einige Fragen. Ich hoffe, dass dies ein Tag ist, an dem wir unsere Zusammenarbeit nochmals kräftigen und intensivieren können. Seien Sie versichert: Deutschland ist ein offenes Land, das sich über internationalen Austausch immer freut. Herzlichen Dank.

Freitag, 14. November 2014