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Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Jahresempfang des Bundes der Vertriebenen

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Dienstag, 20. März 2012

in Berlin

Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Erika Steinbach,
lieber Hans-Peter Friedrich,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus den Parlamenten
– auch ich möchte Volker Kauder stellvertretend für alle Abgeordneten des
Deutschen Bundestages ganz herzlich grüßen; und auch Frank Henkel für die
Landtagsabgeordneten aus allen Ländern –,
Exzellenzen,
meine Damen und Herren,

es ist für mich in der Tat schon eine gute Tradition geworden, am Jahresempfang des Bundes der Vertriebenen teilzunehmen, sofern mir nicht Unvorgesehenes wie im vergangenen Jahr – dankenswerterweise entschuldigt – einen Strich durch die Rechnung macht. Ich komme immer sehr gerne zu diesem Empfang.

Das Leitwort des BdV in diesem Jahr 2012 hat eine einfache, aber auch sehr treffende Formel: „Erbe erhalten – Zukunft gestalten.“ Mit diesem Motto vor Augen erschließt sich auch der Reichtum der Ausstellung „Heimatweh“ hier im Kronprinzenpalais. Ich hatte eben mit Erika Steinbach die Gelegenheit, einen kurzen Rundgang zu machen. Es ist ein sehr schönes Zusammentreffen, dass sich in diesem Jahr zeitgleich mit dem Jahresempfang auch die Türen zu dieser Ausstellung öffnen.

Es ist eine Präsentation aus drei Einzelausstellungen: „Die Gerufenen“, „Erzwungene Wege“ und „Angekommen“. Die Ausstellung beschreibt die Tatsache, dass Deutsche schon früh in ferne Gebiete gegangen sind – ich habe es mir gerade am Beispiel der Wolgadeutschen und auch von Katharina der Großen angeschaut. Es ist ja sehr interessant, dass damals Menschen „gerufen“ wurden, um sich dort anzusiedeln. Es wird ein breiter Bogen gespannt bis hin zu den erzwungenen Wegen der Vertreibung und zur Ankunft in der neuen Heimat. Ich wünsche den vielen Menschen, die diese Ausstellung besuchen, Freude daran. Ich glaube, dass diejenigen, die hier angesprochene Zeitphasen selber, am eigenen Leib, in ihrem persönlichen Leben erlebt haben, auch sehr große Gefühle dabei empfinden werden, wenn sie sich die Ausstellung anschauen.

Schon im Mittelalter zog es viele Menschen aus deutschen Landen auf der Suche nach einem besseren Leben in die Ferne. Sie machten sich manchmal aus eigenem Antrieb, wobei der Antrieb oft auch die Not war, auf den Weg, oder sie wurden eben „gerufen“: ins Baltikum, nach Böhmen und in die Westkarpaten, bis an die Wolga und ans Schwarze Meer nach Bessarabien.

Es ist schön, dass an diese Geschichte erinnert wird, an die Kultur und die Traditionen, die dort entstanden sind – jeweils natürlich charakterisiert durch regionale Eigenheiten. Die gegenseitige Beeinflussung derer, die schon länger dort lebten, und derer, die dazukamen, ist dabei doch auch sehr sichtbar. Dieses reichhaltige Kulturerbe ist Teil unserer deutschen Identität – ein Erbe, aus dem uns zugleich eine einzigartige Bindekraft in Europa erwächst.

Dieses Erbe zu erforschen und auch jungen Menschen zu vermitteln, ist, wie ich finde, eine sehr wichtige Aufgabe, wie wir auch in der Kulturförderung von Bund und Ländern deutlich machen. Davon zeugen zum Beispiel der Ausbau von Landesmuseen – ich gebe zu, ich war noch nicht in allen; ich könnte vielleicht in Greifswald, also in Nachbarschaft zu meinem Bundestagswahlkreis, mit einem Besuch beginnen –, das Herder-Institut, die Unterstützung vieler Initiativen etwa zur Erfassung von Zeitzeugenberichten, ein akademisches Förderprogramm und die Ausstellung „Heimatweh“, die ja nur denkbar ist, weil es schon drei Vorgängerausstellungen gegeben hat, die auch erheblich mit Bundesmitteln gefördert wurden.

Aber das alles wäre natürlich nicht denkbar ohne die Leidenschaft der Menschen, die hier in Deutschland angekommen sind und gleichzeitig immer darauf gedrängt haben, dass ihre Herkunft, ihre Traditionen, ihre Bindungen auch heute in unserer Bundesrepublik Deutschland deutlich werden.

Die fast 800-jährige Siedlungsgeschichte Deutscher in Mittel-, Ost- und Südosteuropa fand mit dem Zweiten Weltkrieg eine grausame Zäsur. Zunächst überzog Deutschland unseren Kontinent während des Nationalsozialismus mit unvorstellbarem Leid. Wir dürfen den Zivilisationsbruch der Shoa nie vergessen und müssen uns auch unserer immerwährenden Verantwortung bewusst sein, um so unsere Zukunft zu gestalten. Zum Ende und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mussten Millionen Deutsche im Osten ihr Zuhause verlassen und – wie es die zweite Einzelausstellung zeigt – diese Wege erzwungenerweise gehen. Viele kamen bei Flucht und Vertreibung ums Leben.

Ich glaube, es ist eine Frage der Menschlichkeit, dass das Leid und die Erinnerungen der Zeitzeugen ernst genommen werden und dass wir diese Erinnerungen weiter in die Zukunft tragen. Das ist unsere Aufgabe. Denn – ich sage es noch einmal – diese Millionen von Menschen haben Unrecht erlebt; und dieses Unrecht, das sie erlebt haben, ist Teil unserer gemeinsamen Geschichte. Es ist überhaupt niemandem damit geholfen, wenn man versucht, diesen Teil der Geschichte auszuklammern oder zu verdrängen. Wir müssen vielmehr Lehren aus dieser Geschichte ziehen. Und das geht nur, wenn wir uns die Geschichte in all ihren Teilen immer wieder vergegenwärtigen. Die Lehre, die wir daraus ziehen müssen, ist, menschenverachtenden Entwicklungen – auch in ihren Ansätzen und wo auch immer auf der Welt – entgegenzuwirken und Vertreibung für alle Zeit zu ächten.

Einer, der sich für die historische Aufarbeitung immer eingesetzt hat, war der ehemalige tschechische Präsident Václav Havel. Er ist im vergangenen Dezember gestorben. Er sagte 1995 in einer vielbeachteten Rede zur deutsch-tschechischen Aussöhnung: „Ich glaube an die Macht der Wahrheit und des guten Willens als Hauptquellen unseres gegenseitigen Verständnisses.“ Die Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ steht im Dienst der von Václav Havel betonten Wahrheit und ist Ausdruck guten Willens.

Die Stiftung gewinnt als sichtbares Zeichen der Erinnerung und Aufarbeitung des Unrechts von Vertreibung weiter an Kontur. Erika Steinbach hat es sehr nett gesagt: Ich war dafür. Aber jetzt wollen wir der Wahrheit auch in vollem Umfang die Ehre geben: Ohne Erika Steinbach hätte ich gar nicht dafür sein können. Insofern gebührt erst einmal ihr Dank, genauso wie den vielen anderen Dank gebührt, die ebenfalls an diesem Projekt mitgewirkt haben. Der Architekten-Wettbewerb für das Deutschlandhaus wurde im Herbst erfolgreich abgeschlossen. Die Konzeption der Arbeit der Stiftung und der geplanten Dauerausstellung ist intensiv weiterentwickelt worden. Ich sage: Dieses Projekt wird eine Lücke in der deutschen Geschichtsaufarbeitung schließen. Deshalb bin ich auch zuversichtlich, dass das Interesse eines großen, auch jüngeren Publikums der Lohn für unser gemeinsames und beharrliches Bemühen sein wird. Wir werden aufpassen, dass es auch wirklich Schritt für Schritt weitergeht.

Die Aufarbeitung von Flucht und Vertreibung kam nach dem Krieg zu kurz. Es galt ja vor allem, sich erst einmal um das Lebensnotwendigste zu kümmern – das wird in der Einzelausstellung „Angekommen“ auch sehr deutlich gemacht. Die Flüchtlinge und Vertriebenen haben mit viel Fleiß und Geduld ihren Platz im Nachkriegsdeutschland gefunden. Irgendwann haben sie sich auch „angekommen“ gefühlt. Hinter ihnen aber lag ein Weg – jemand wie ich, der das nicht selbst erlebt hat, kann das nur ungefähr nachvollziehen –, der nicht einfach war.

Wenn ich mir die Bilder in der Ausstellung „Angekommen“ anschaue, dann muss ich schon sagen: Wir haben zwar auch heute viele Probleme, die ich auch nicht kleinreden will, aber ein Blick in eine solche Ausstellung zeigt einem, dass wir auch schon Einiges geschafft haben. Im Nachkriegsdeutschland hatten diejenigen, die hier schon lebten, viele, viele Sorgen; und die, die dazukamen, mussten sich ihren Platz erst erkämpfen. Deshalb ist der Titel „Heimatweh“ für diesen Teil der Ausstellung und natürlich auch für die Gesamtausstellung trefflich gewählt.

Die Herkunft hinterlässt selbstverständlich immer bleibende Spuren im Leben – das gilt für jeden Menschen. Das Gefühl, an einem neuen Ort tatsächlich angekommen zu sein, entsteht ja nicht über Nacht. Identitäten wachsen über Jahre und Jahrzehnte. Das, was wir in unserer deutschen Geschichte erlebt haben – dieses Ankommen, dieses Wachsen einer Identität in einer neuen Umgebung, ist ja auch etwas, das wir in Europa erleben.

Deshalb möchte ich dem BdV auch ganz herzlich dafür danken, dass er sich immer für die europäische Integration eingesetzt hat. Das Zusammenwachsen unseres Kontinents ist ein Prozess, der weit gediehen ist und der historisch sicherlich einzigartig ist. Er kann nicht verordnet werden. Dieser Prozess kann angesichts der Geschichte, die ja auch so viel Trennendes für uns in Europa enthält – nicht nur für uns, sondern für alle, die in Europa leben –, überhaupt nur deshalb gelingen, weil es viele Brückenbauer gibt – Brückenbauer in der Politik, in Wirtschaft und Wissenschaft, in den Kirchen, in den Verbänden, in den Vereinen. Uns einen enge und vielfältige Bande von Mensch zu Mensch. Ich schaue jetzt einfach einmal zu Helmut Sauer, der exemplarisch für viele andere steht, die lange Zeit ihres Lebens als Brückenbauer unterwegs sind und dabei wunderschöne und manchmal auch schwierige Erfahrungen gemacht haben, sich aber niemals davon haben abbringen lassen.

Wir wissen, welchen Beitrag auch die deutschen Minderheiten in Mittel- und Osteuropa als Vermittler und Bindeglieder zwischen unseren Völkern leisten. Sie machen sich um die europäische Integration verdient – davon konnte ich mich auch selbst auf mancher Reise überzeugen. Ich möchte einfach ganz herzlich Danke dafür sagen.

Es liegen aber noch viele Schritte zur weiteren Integration vor uns. Daran mitzuwirken ist dem BdV immer Pflicht und Herzensanliegen gewesen. Deshalb danke ich dem BdV – Erika Steinbach ganz persönlich und auch dem ganzen Präsidium – dafür, dass wir Partner in all diesen Fragen sind. Ich danke Ihnen dafür, dass Sie immer auf der Suche nach der Wahrheit und immer zur Versöhnung bereit sind. So tragen Sie auch mit dazu bei, ein geeintes Europa in Frieden und Freiheit zu festigen.

Eine Ausstellung zu diesem Thema hier an der Straße Unter den Linden, die ja auch sehr viel mit der Teilung und der Wiedervereinigung dieser Stadt zu tun hat, wird sicherlich viele interessierte Besucher finden. Ich wünsche das der Ausstellung – und ich wünsche Ihnen heute noch einen wunderschönen Abend. Herzlichen Dank.

Dienstag, 20. März 2012