Navigation und Service

Inhalt

Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Besuch der Dalhousie-Universität

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Donnerstag, 16. August 2012
Ort:
Halifax

Sehr geehrter Herr Staatsminister Goodyear,
sehr geehrter Herr Premierminister Dexter,
sehr geehrter Herr Präsident Traves,
sehr geehrte Frau Vizepräsidentin Crago,
sehr geehrte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Kanada und Deutschland,
meine Damen und Herren,

ich freue mich sehr, heute mit unserer Delegation hier in Halifax zu Gast zu sein und möchte mich ganz herzlich für Ihre Gastfreundschaft bedanken. Der Name Kanada hat in Deutschland einen ganz besonderen Klang. Er steht für wunderschöne weite Landschaften, für Offenheit, für die Kraft der Integration und nicht zuletzt für eine tiefe und traditionelle Freundschaft zwischen unseren Ländern. Die Beziehungen unserer beiden Länder reichen weit zurück bis in die Zeit der Besiedlung des nordamerikanischen Kontinents. Viele Deutsche suchten hier ihr Glück, und sie fanden eine neue Heimat.

Auch in der jüngeren Geschichte hat Kanada für uns Deutsche eine ganz besondere Rolle gespielt. Ich möchte nur an die langjährige Präsenz von insgesamt mehr als 100.000 kanadischen Soldaten in Deutschland erinnern. Kanadas Luftwaffe war auch an der Berliner Luftbrücke beteiligt, über die die abgeriegelte Stadt mit dem Notwendigsten versorgt wurde. Schließlich, als die Berliner Mauer fiel, unterstützte Kanada den Wunsch der Deutschen, in einem wiedervereinten Land in Frieden und Freiheit zu leben – ich, die ich in der früheren DDR gelebt habe, weiß das natürlich besonders zu schätzen. All dies ist und bleibt unvergessen. Für all dies sind und bleiben wir Kanada immer in großer Dankbarkeit verbunden.

Heute sehen sich Kanada und Deutschland in einer sich rasant verändernden Welt mit einer Vielzahl völlig neuer Herausforderungen konfrontiert. Ich denke an die Bewältigung der internationalen Finanzkrise, an die wirtschaftlichen Folgen, an die Lage in Nordafrika und Nahost, die Bekämpfung des Klimawandels, den Kampf gegen Hunger und Armut, gegen Piraterie und gegen den Terrorismus. Diese Herausforderungen betreffen uns alle gemeinsam, und wir können sie – auch das ist die Lehre unserer Zeit – nur gemeinsam bewältigen und lösen.

Deshalb arbeiten Deutsche und Kanadier eng zusammen – als Verbündete in der Nato, als Partner in der G 8 und der G 20, in anderen internationalen Foren sowie in bilateralen Projekten. Ich habe auf vielen Treffen mit Ihrem Premierminister Stephen Harper immer wieder genau an den gleichen Problemen gearbeitet – und zwar gemeinsam. Unsere Partnerschaft – und das zeichnet sie in besonderer Weise aus – wird von Werten und Interessen getragen, die wir teilen und leben: Frieden und Freiheit, Demokratie und Menschenrechte. Wir wissen, dass wir aufeinander zählen können. Das ist nicht bei allen auf der Welt so, und deshalb sollten wir das auch schätzen.

Gestern und heute haben wir uns in Ottawa über die verschiedensten aktuellen bilateralen und internationalen Fragen ausgetauscht. Hier in Halifax gilt unser Augenmerk natürlich der Wissenschaft und Forschung. Schon vor 41 Jahren haben Kanada und Deutschland ein Abkommen zur wissenschaftlich-technologischen Zusammenarbeit geschlossen. Für Deutschland wie für Kanada hängt auch die zukünftige Sicherung von Wachstum und Wohlstand ganz wesentlich davon ab, wie unsere Anstrengungen und Erfolge in Wissenschaft, Forschung und Innovation ausgestaltet sind.

Deutsche und kanadische Forscherinnen und Forscher kooperieren erfolgreich auf vielen Gebieten: im Bereich der Medizin und Gesundheitsforschung, der grünen Biotechnologie, neuer Materialien, der Informations- und Kommunikationstechnologien und der Weltraumforschung. Zunehmend gewinnt auch die Zusammenarbeit in den Bereichen Energie- und Umweltforschung an Bedeutung, beispielsweise bei der Entwicklung der Brennstoffzelle.

Hier in Halifax liegt ein besonderer Schwerpunkt der deutsch-kanadischen Zusammenarbeit – und zwar in der Meeres-, Polar- und Klimaforschung. Ich hatte ja vorhin die Gelegenheit, etwas aus dem breiten Bereich der Forschung zu erfahren, und ich konnte eben auch mit Wissenschaftlern und Studenten diskutieren und mich davon überzeugen, wie viel Motivation, wie viel Leidenschaft und wie viel Begeisterung in dieser Forschung steckt. Das war auch genau der Zweck meiner Reise nach Halifax: mir ein direktes Bild zu machen, ein Bild von der Praxis der Kooperation zwischen kanadischen und deutschen Forschern.

Mit namhaften kanadischen Einrichtungen der Meeres- und Polarforschung arbeiten drei Helmholtz-Zentren eng zusammen: das Zentrum für Ozeanforschung in Kiel, das für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven und das Deutsche GeoForschungsZentrum in Potsdam. Erst im vergangenen Jahr wurden wieder entscheidende Weichen für den weiteren Ausbau der deutsch-kanadischen Kooperation in der Meeres- und Polarforschung gestellt. Und noch in diesem Jahr soll die transatlantische Helmholtz Research School for Ocean System Science and Technology ihren Betrieb aufnehmen.

Erfolgreiche Kooperation lebt natürlich auch von intensiver Koordination. Das gilt auch für die Forschungsarbeiten am Halifax Marine Research Institute und in den Helmholtz-Zentren. Ich freue mich deshalb, dass ich heute dabei sein kann, wenn genau dafür ein Memorandum of Understanding unterzeichnet wird, damit das Ganze dann auch erfüllt und umgesetzt werden kann. Ich weiß, dass das heute hier nur sozusagen pars pro toto ein Ausschnitt der Forschungszusammenarbeit zwischen Kanada und Deutschland ist, aber ich will ausdrücklich sagen, dass ich natürlich sehr gerne gerade bei Ihnen bin und mich anhand dieses Beispiels überzeugen konnte, mit welcher Leidenschaft hier gearbeitet wird, mit welcher Freude und mit welcher Selbstverständlichkeit internationale Kooperation in der Wissenschaft funktioniert.

Ich darf Ihnen sagen: Das gilt auch für die politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Kanada. Da haben wir etwas gemeinsam, auch wenn das Feld der Betätigung ganz unterschiedlich ist. Deshalb wünsche ich für die Umsetzung des Memorandum of Understanding alles Gute und viel Erfolg. Ich werde die wissenschaftliche Kooperation zwischen unseren beiden Ländern nach diesem Besuch noch sorgsamer im Auge haben, als es bisher der Fall war. Danke schön! Wir konnten uns an allen Stationen von einer wunderbaren Gastfreundschaft in Kanada überzeugen. Und ich hoffe, dass dies die freundschaftlichen bilateralen Beziehungen zwischen unseren Ländern noch einmal stärken wird, obwohl sie bereits stark sind und – davon bin ich überzeugt – auch stark bleiben werden. Herzlichen Dank Ihnen allen!

Freitag, 17. August 2012