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Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel beim 20. Dreikönigsvereinstreffen

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Donnerstag, 06. Januar 2011

in Neubrandenburg

Lieber Rainer Prachtl,

sehr geehrte Frau Landtagspräsidentin,

sehr geehrte Damen und Herren Minister und Abgeordnete,

liebe Förderer und Mitglieder des Dreikönigsvereins,

Herr Oberbürgermeister,

Herr Bischof Abromeit,

liebe Festversammlung,

ich freue mich, heute hier zu sein. Als Erstes möchte ich ein ganz herzliches Dankeschön an das Jugendsinfonieorchester richten. Es ist ja eine breite Palette, was ihr könnt. Danke schön, dass ihr das so toll macht. Neubrandenburg kann stolz auf euch sein.

Zweitens, lieber Rainer Prachtl, bin ich natürlich gerne wieder einmal nach Neubrandenburg gekommen. Ich habe gerade mit Paul Krüger darüber gesprochen: Ich bin zwar in Brandenburg aufgewachsen, aber da die DDR viel Wert darauf gelegt hatte, alte Landesgrenzen zu durchbrechen, hatte sie den Bezirk Neubrandenburg so festgelegt, dass ein Teil von Brandenburg dazugehörte und damit auch das Städtchen Templin. Insofern war in meiner Jugend Neubrandenburg immer sozusagen das große Zentrum, in das man zu Mathematik- und Russischolympiaden fuhr. Manchmal gab es auch anderes hier, wenn die DDR-Führung der Meinung war, dass das nur eine Bezirkshauptstadt erledigen konnte.

Ich gratuliere ganz herzlich dem Dreikönigsverein zu dem 20-jährigen Bestehen in der Form, wie er sie heute hat. Bei seiner zweiten Festveranstaltung sollte ich eigentlich dabei sein, aber ich habe mir dann leider an dem betreffenden 6. Januar das Bein gebrochen. Ich weiß gar nicht mehr, ob du noch einen Vertretungsredner gefunden hast, Rainer. Auf jeden Fall hat die Veranstaltung trotzdem stattgefunden. Aber 1999 hat es dann geklappt. Und dieses Jahr bin ich sehr gerne wiedergekommen. Ich gratuliere zum 20-jährigen Bestehen und zu allem, was dieser Verein schon bewegt hat.

Der 6. Januar ist der Dreikönigstag, der Tag der drei Weisen aus dem Morgenland. Die Zeit bis zum 6. Januar ist die Zeit, in der Sternsinger in der ganzen Bundesrepublik bei den Menschen dafür eintreten, dafür werben, dass die Botschaft der Geburt von Jesus Christus hinausgetragen wird, weitergetragen wird. Sie setzen sich für gute Zwecke ein. Neben dem, was hier der Dreikönigsverein macht, haben die Sternsinger im ganzen Land in den letzten Tagen dafür geworben, dass Kinder in aller Welt unterstützt werden – in diesem Jahr Kinder mit Behinderungen.

Bei mir im Kanzleramt waren auch die Sternsinger. Wir haben darüber gesprochen, wie wunderbar stark diese Kinder sind, die durchs Land gehen. Es ist ja nicht gerade die beste Jahreszeit, um an den Türen zu klopfen und zu klingeln und darum zu werben, dass man etwas gibt. Ich finde es ganz toll, dass es in Neubrandenburg so viele Sternsinger gibt. Herzliches Dankeschön an all die, die diese Tradition fortsetzen.

Der 6. Januar ist neben Epiphanias bei uns das Weihnachtsfest für all die Menschen, die auch Christen sind, aber altorientalische Christen, oder den sogenannten Ostkirchen angehören. Sie alle feiern heute das Weihnachtsfest. Wir haben in den vergangenen Tagen in schrecklicher Weise erleben müssen, wie viele Christen auf der Welt ihre Gottesdienste immer in Gefahr feiern müssen. Vielleicht war es geradezu Voraussicht von Papst Benedikt XVI., dass er uns zu diesem Weihnachtsfest eine Botschaft übersandt hat, die auch besagt, dass Religionsfreiheit ein Teil des Friedenswerkes ist, dass Frieden in der Welt sich nur darauf gründen kann, dass Religionsausübung frei ist, dass das ein Grundrecht aller Menschen ist.

Wir müssen leider feststellen, dass Christen eine Religion vertreten, mit der sie weltweit wohl doch am allermeisten verfolgt werden. Deshalb sollte unser Blick immer wieder nicht nur zu uns nach Hause gehen, wo wir alle demokratische Freiheiten haben, Religion auszuüben, sondern vor allen Dingen auch zu den Christen in der Welt, die es oft sehr schwer haben, die oft sehr darum kämpfen müssen, Anerkennung zu finden.

Wer einmal in verschiedenen Ländern der Erde mit Christen gesprochen und erlebt hat, wie dankbar sie schon sind, wenn sie nicht verfolgt werden, geschweige denn, dass sie ihren Glauben offen bekennen können, der versteht, dass wir uns auch vor allen Dingen politisch noch mehr dafür einsetzen müssen, dass Christenverfolgung bekämpft wird, wo immer sie stattfindet.

Epiphanias markiert für viele das Ende der Weihnachtszeit. Die Botschaft von Weihnachten wird uns aber noch einmal präsent. Das hat in vielen Haushalten auch damit zu tun, dass die Tannenbäume aus den Zimmern verschwinden, Kugeln, Kerzen und Sterne wieder eingepackt werden. Die Feiertage sind vorüber, man erinnert sich noch einmal, wie schön es war, als Eltern und Kinder, Freunde und Bekannte zusammen waren. Und nun geht jeder wieder seine Alltagswege.

Das Weihnachtsfest führt uns zu etwas, von dem ich glaube, dass es auch in Zukunft der Kern unserer Gesellschaft sein wird, nämlich zur Familie. Natürlich ist unser Alltag oft geprägt von vielerlei beruflichen Aktivitäten. Aber gerade an Weihnachten wird doch vielen von uns wieder bewusst, wie wichtig Eltern, Kinder, Enkel, Verwandte sind, wie wichtig Familie ist. Deshalb fühlen wir auch mit denjenigen, die einsam sind, und können uns umso mehr freuen für diejenigen, die eine intakte, eine liebevolle Familie haben, aus der auch die Kraft erwächst, anderen Gemeinschaft zu spenden.

Neulich war in einer Sonntagszeitung zu lesen: „Vom Familienglück profitieren nicht nur Familienmitglieder, sondern die ganze Gesellschaft.“ Ich glaube, das ist richtig. Vom Familienglück profitiert unsere ganze Gesellschaft. Die Leistung, die Familien erbringen, ist nicht zu messen in Euro und Cent, sondern sie ist einzigartig und kann durch nichts, durch gar nichts, nicht durch Politik, nicht durch Rechtsverordnung, nicht durch Gesetze erbracht werden. Die Familien unterstützen die Kinder. Junge Familien sind dankbar, wenn Großeltern die Enkelkinder betreuen. Und die Großeltern haben ihre Freude daran. Viele Pflegebedürftige können dank der gelebten Solidarität von Familien zu Hause bleiben.

Die Frage, wie Familienmitglieder miteinander umgehen, ist etwas, das ausdrückt, was unsere Gesellschaft prägt: Werte, Traditionen. Diese werden auch von Generation zu Generation weitergegeben. Gesellschaftlicher Zusammenhalt erwächst ja nicht aus irgendetwas, sondern basiert auf Wertvorstellungen. Es haben diejenigen Recht, die immer wieder sagen: Alles, was wir politisch tun, basiert im Grunde auf Dingen, auf Voraussetzungen, die wir selber gar nicht schaffen können. Deshalb ist es so wichtig, dass wir mit Wertvorstellungen, mit Traditionen und gerade auch mit Familien ganz vorsichtig, behutsam und liebevoll umgehen, damit wir nicht etwas zerstören, was wir nie wieder aus eigener Kraft schaffen könnten. Ich habe das sehr bewusst gesagt, um erst einmal das zu beschreiben, was Politik nur hegen und pflegen, aber nicht hervorbringen kann, um dann über das zu reden, was ich mir hier vorgenommen habe, nämlich darüber, was nun Politik in Verantwortung bedeutet.

Politik in Verantwortung bezieht sich erst einmal auf das, was uns allen die gesetzliche Grundlage unseres Zusammenlebens gibt – auf unser Grundgesetz, auf unsere Verfassung. Dort ist schon in der Präambel davon die Rede, dass wir in Verantwortung vor Gott und den Menschen arbeiten und leben. In Verantwortung vor Gott und den Menschen – das haben die Gründer und diejenigen, die die Verfassung geschaffen haben, mit Bedacht formuliert. Das zeigt auch, dass unser Grundgesetz, die Grundlage, auf der wir arbeiten – auch wenn wir Menschen aller Religionen oder auch solche, die keinem Glauben anhängen, in unserem Land haben –, durch die christlich-jüdische Tradition geprägt ist. Seit jeher ist klar gewesen: Man weiß um die Notwendigkeit von Verantwortung und Solidarität. Deshalb ist die Familie natürlich auch ein ganz wichtiger Baustein im Grundgesetz und der Schutz von Ehe und Familie als ein wichtiger Artikel im Grundgesetz verankert.

Das Leben in Familien hat sich in den letzten Jahren massiv verändert. Wir sprechen heute von einer Pluralität der Lebensformen. Allerdings werde ich in meiner politischen Arbeit immer dafür eintreten, dass die Ehe als die auf Dauer angelegte Form des Zusammenlebens von Mann und Frau einen besonderen Schutz genießt, weil sie aus meiner Sicht die Voraussetzung für eine intakte Familie am besten gestaltet. Aber wir haben viele Formen des Zusammenlebens, Liebe wird Kindern in vielerlei Partnerschaften zuteil. Deshalb werden auch diese Partnerschaften natürlich geachtet.

Wenn wir über Familien in unserem Land sprechen, dann sind wir sehr schnell bei einem Thema, das die Politik in den nächsten Jahren noch stärker umtreiben wird als bisher. Gerade hier in Neubrandenburg weiß jeder, wovon ich spreche, wenn ich über die Veränderung des Altersaufbaus in unserer Gesellschaft rede. Diese Veränderung ist in den neuen Bundesländern heute schon manifest. Wir freuen uns, dass es immerhin noch so viele junge Leute in Neubrandenburg gibt – ihr euch erkennbarerweise ja auch. Aber gemessen an der Frage, wie viele Ältere und wie viele Jüngere wir in unserem Land haben, muss man sich einmal den Altersaufbau unserer Gesellschaft und den anderer Gesellschaften auf der Welt anschauen. Dann sehen wir, dass die steigende Lebenserwartung und die Tatsache, dass es in den letzten Jahren und Jahrzehnten weniger Kinder gab, eine ganz massive Auswirkung auf unsere Gesellschaft haben werden.

Mich hat eine Geschichte ganz besonders berührt, die in einem Radiostück über einen äthiopischen Asylbewerber erzählt wurde. Er telefonierte oft mit seiner Mutter in Äthiopien. Die Mutter hatte Angst um den Sohn und sagte: Du bist in ein Land gegangen, wo es im Winter so kalt ist. Ist das nicht fürchterlich schrecklich? Wie kommst du damit klar? Der Sohn hat dann gesagt: Ach, Mutter, das ist nicht so schlimm. Aber ich kann dir etwas sehr Schönes über Deutschland sagen: Hier sitzen überall auf den Bänken ältere Menschen. Hier würdest du richtig gut hinpassen, hier könntest du dich in die Öffentlichkeit trauen. Das zeigt nur, wie wir an etwas gewöhnt sind, was aber woanders auf der Welt, wo 50 Prozent der Bevölkerung unter 21 sind und wo die Älteren, was ja auch wieder nicht gut ist, sich kaum auf die Straße, geschweige denn auf die Bank im Park trauen, in einer ganz anderen Weise sichtbar wird.

Daran sieht man, vor welcher Aufgabe wir stehen. Politik in Verantwortung heißt für uns, die Gegenwart so zu gestalten, dass die Lebensleistung der Älteren durch die Gesellschaft gewürdigt wird, und gleichzeitig darauf aufzupassen, dass die Chancen für die jungen Menschen in Zukunft nicht zerstört werden. Das bedeutet natürlich, dass wir die Kraft haben müssen, unserer Politik eine Richtung, eine Orientierung zu geben, die weit über den Tag hinaus geht. Wir alle sind relativ anfällig dafür, uns jeden Tag irgendwelche Umfragen anzugucken. Verantwortliche Politik denkt an morgen und bezieht die Erfahrung von gestern ein und richtet sich nicht nach der täglichen Umfrage. Ansonsten bräuchte man uns nicht. Wenn wir einfach nur das machen würden, was die Mehrheit mal an diesem, mal an jenem Tag denkt, wäre Politik geradezu überflüssig.

Was gibt uns nun Orientierung? Da kann ich für mich persönlich sagen: Für mich bietet das christliche Menschenbild Orientierung. Was ist das christliche Menschenbild? Das christliche Menschenbild besagt ja im Kern nichts anderes, als dass der Mensch das Ebenbild Gottes ist und dass er zur Freiheit berufen ist, dass er eine Aufgabe hat, dass er nicht einfach nur da ist.

Jetzt kommen wir an einen ganz spannenden Punkt, über den wir gerade in den neuen Bundesländern immer wieder diskutiert haben. Der Wunsch nach Freiheit hat so etwas wie den Dreikönigsverein hervorgebracht. Er hat die friedliche Revolution hervorgerufen. Er hat die Mauer zum Einsturz gebracht. Aber Freiheit ist – jedenfalls wie ich es für richtig halte – nicht gemeint im Sinne einer Freiheit von etwas, sondern es ist eine Freiheit zu etwas. Das sagt uns das christliche Menschenbild, das sagen uns auch andere verantwortliche Philosophien: Freiheit zu etwas, zur Möglichkeit, für andere etwas zu tun, kurzum: verantwortlich zu handeln; Verantwortung und Freiheit gehören eng zusammen.

Wenn es in unserem Grundgesetz heißt, die Würde des Menschen ist unantastbar – das ist ja der zentrale Satz des Grundgesetzes –, dann heißt das nichts anderes als: Jeder Mensch ist einzigartig, Menschen sind sozusagen unterschiedlich. Deshalb ist es auch nicht die Aufgabe der Politik, die Menschen alle gleichzumachen, sondern die Aufgabe der Politik ist es, die Unterschiedlichkeit der Menschen zu respektieren, aber den Menschen gleiche Chancen zu geben. Das ist politisch extrem schwer durchzusetzen. Darüber wird ja stets eine politische Debatte geführt, darum ringen wir, zum Beispiel wenn es jetzt um Hartz IV und andere Dinge geht.

Aber selbst wenn ich den Menschen die gleichen Chancen gebe, wird das Ergebnis ihres Tuns unterschiedlich sein, weil jeder Mensch unterschiedlich ist. Deshalb ist das Ziel Gerechtigkeit, deshalb brauchen wir natürlich einen sozialen Ausgleich, weil die Ergebnisse einzelner Menschen, auch wenn sie mit den gleichen Chancen ausgestattet sind, immer wieder unterschiedlich sein werden.

Aber genauso wichtig wie sozialer Ausgleich ist es, dass wir dem Einzelnen Anreize geben, sich selbst zu verwirklichen und verantwortlich zu sein. Deshalb soll der Staat nicht alle Aufgaben übernehmen, sondern die Aufgaben einer Gesellschaft möglichst so verteilen – das nennen wir das Subsidiaritätsprinzip –, dass sie immer dort angesiedelt werden, wo sie am besten erfüllt werden können, weil das den Menschen am dienlichsten ist.

Ich fand damals die Entscheidung meines Bundestagskollegen Paul Krüger toll, nicht zu sagen, Berlin ist das Einzige, was er sich als Wirkungsstätte vorstellen kann, oder am besten noch Brüssel, sondern zu sagen: Ich kann mir gut vorstellen, Oberbürgermeister einer Stadt zu sein, einer Stadt wie Neubrandenburg, weil es viele Aufgaben gibt, die man viel besser hier erledigen kann – wie etwa das Jugendsinfonieorchester unterstützt wird, wie die verschiedenen Vereine und Sportvereine unterstützt werden, wie man hier bestimmte wirtschaftliche Entwicklungen fördert. Das würde viel schlechter funktionieren, wenn wir das alles zentralisieren würden.

Dann gibt es Aufgaben – in der Außenpolitik, Klimapolitik, in der Frage, wie wir vergleichbare Lebensumstände in Deutschland herstellen können –, die man besser in Berlin erfüllen kann. Dann gibt es Aufgaben, die ich besser in Europa erfüllen kann, weil in einer Welt von sieben Milliarden Menschen die 80 Millionen Deutschen sich nicht so toll durchsetzen können. Wenn aber 500 Millionen Europäer das Gleiche vertreten, dann haben wir ein ganz anderes Gewicht in der Welt. Das ist also die räumliche Verantwortung: Nah beim Menschen.

Dann gibt es eine zweite Dimension, das ist die Verantwortung für die Zukunft. Ralf Dahrendorf hat in einem seiner letzten Essays geschrieben: „Verantwortung hat etwas mit der Zeitspanne zu tun, in der und für die Entscheidungsträger denken und handeln.“ Verantwortbare Politik kann sich eben nicht nur auf die Gegenwart konzentrieren, sondern verantwortbare Politik muss dafür werben, auch in die Zukunft hineinzuwirken.

Wir leben in einer Gesellschaft, deren Durchschnittsalter steigt. Wir hatten, wenn ich es recht in Erinnerung habe, vor 30 Jahren ein Durchschnittsalter von 35 Jahren in Deutschland, wir haben jetzt eins von 42 Jahren und wir werden in 30 Jahren ein Durchschnittsalter von rund 50 Jahren haben. Das ist der demografische Wandel. Wie werben wir in einer solchen Gesellschaft dafür, dass die Älteren bereit sind, auch an die Zukunft zu denken, auch über ihren eigenen Lebenshorizont hinaus zu denken? Warum heute solide Finanzen, wenn ich es mir doch heute noch mal gut gehen lassen könnte? Warum heute an Klimaschutz denken, wo wir doch noch ein paar Jahre Zeit haben? Warum heute schon die Rente mit 67 einführen, wenn wir es vielleicht doch noch einige Jahre viel einfacher hätten?

Deshalb sage ich: Verantwortlich sind wir nur dann, wenn wir es auch schaffen, an die Zukunft zu denken. Deshalb ist es so wichtig, nicht nur die räumliche Dimension zu sehen, sondern auch die zeitliche.

Meine Damen und Herren, verantwortliche Politik lässt Freiräume. In Deutschland kommt immer sehr schnell der Ruf nach Gesetzen. Kaum ist irgendwo etwas passiert, heißt es, wir brauchen eine neue Verordnung, eine neue Regelung, um sich anschließend darüber zu beklagen, wie schlimm das mit der Bürokratie in Deutschland ist. Das ist ein sehr ambivalentes Verhältnis.

Ich habe inzwischen ja auch schon eine ganze Reihe von Erfahrungen. Die Frage, ob man eine Verordnung oder ein Gesetz braucht, hängt immer davon ab, wen Sie fragen. Wenn beim Bau von Kläranlagen irgendwann mal einer in einen Gully gefallen ist, weil da keine Leiter war oder weil die Platte zu dünn war, kommt sofort die Aufforderung: Alles dicker machen, alles größer machen, alles besser schützen. Der Bürger wird meistens nicht gefragt, ob er zum Schluss mehr Gebühren zahlen muss, aber die Betonindustrie freut sich im Zweifelsfalle, dass die Gullydeckel dicker werden.

Etwas abzuschaffen heißt also auch, nicht jeder Klientel nachzugehen, sondern den Bürger, die Allgemeinheit im Blick zu haben, die ja – jedenfalls hat sie den Eindruck – oft keine ausreichende Vertretung hat. Auf der anderen Seite muss man wiederum vorsichtig sein. Ich habe zum Beispiel beim Projekt Stuttgart 21 nicht nur, aber oft gehört: Warum soll ich, wenn ich 75 bin, die letzten Jahre meines Lebens wieder in einer Stadt leben, in der alles umgebuddelt wird? Es ist gerade so schön ordentlich hier. – Also muss man wieder fragen: Wie weit müssen wir an die Zukunft denken, damit wir nicht abgehängt werden? Dieses Abwägen ist natürlich eines der schwierigen Dinge.

Politik muss Freiräume für ehrenamtliches Engagement lassen. Ich spreche heute Abend vor Ihnen als Menschen, die alle eine große Hochachtung für das Ehrenamt haben, die das Ehrenamt unterstützen – in Form des Dreikönigsvereins hier oder in Form vieler anderer Vereine. Das Jahr 2011 ist nicht nur das Jahr des 20-jährigen Bestehens des Dreikönigsvereins, sondern auch das Jahr des Ehrenamtes. Verantwortliche Politik heißt auch, dafür Sorge zu tragen, dass diejenigen, die ehrenamtlich tätig sind, sich in unserer Gesellschaft unterstützt fühlen. Dazu werden wir in diesem Jahr viel Gelegenheit haben.

Wir haben die Wehrpflicht ausgesetzt, damit entfällt auch der Zivildienst. Wir werden darum werben, dass Freiwillige sich für diese Aufgaben bewerben, dass Freiwillige sagen: Jawohl, ich werde einen Teil meines Lebens, ein Jahr oder einige Monate, damit verbringen, bewusst etwas für den sozialen Zusammenhalt unseres Landes zu tun. Ich glaube, die Menschen, die das tun, brauchen Ermutigung. Jetzt wird es darauf ankommen, politisch so geschickt zu arbeiten, dass diese Ermutigung keine Professionalisierung erfährt, aber dass diese Menschen sagen können: Unser Engagement in unserer Gesellschaft wird anerkannt – genauso wie das Engagement in Stiftungen und in vielem anderen.

Meine Damen und Herren, vieles, worüber ich gesprochen habe – Politik in Verantwortung, auf welcher Ebene auch immer; im freiwilligen Ehrenamt oder in der professionellen Politik, bei denen, die sich in der Kommune, in ihrem Dorf, in den Parlamenten engagieren –, erfordert immer wieder Entscheidungen. Politik kann in einem Land nur verantwortlich handeln, wenn es auch einen Respekt vor Entscheidungen gibt.

Es gibt ganz selten eine Entscheidung, zu der ich zu hundert Prozent Ja und null Prozent Nein sage. Meine politische Erfahrung besteht darin, dass es viele Entscheidungen gibt, bei denen ich sage, dass die Vorteile die Nachteile überwiegen; also mache ich das. Da wird dann gemeinhin gesagt: Kompromiss. Meine Damen und Herren, der Kompromiss beginnt ja meistens schon – wenn ich noch einmal zur Familie zurückkomme – bei der Frage, ob eine Familie irgendwann einmal etwas gemeinsam macht. Wenn niemand mehr einen Kompromiss macht, kommt es zu keiner gemeinsamen Aktivität mehr. Dann frühstückt jeder, wann er will, gemeinsame Spaziergänge entfallen; von Theaterbesuchen oder sonstigem will ich gar nicht sprechen.

Wenn es Gemeinschaften gibt und wenn sich jeder darin wiederfinden will, dann muss verantwortbare Politik in einem Umfeld stattfinden, wo der Kompromiss nicht etwas Schlechtes ist, sondern wo der Kompromiss sozusagen die bestmögliche Repräsentierung möglichst vieler Menschen darstellt. Deshalb sage ich: Was wir brauchen, ist mehr Mut zu Entscheidungen. Nicht umsonst haben wir in Deutschland das schöne Wort „Zumutung“. Jemand muss Mut haben, damit er zu etwas kommt. Jede Entscheidung ist auf eine gewisse Art eine Zumutung und auf eine andere Art ein Stück Zukunftsgestaltung.

Es ist natürlich einfach, sich vor den Fernseher zu setzen und Fußballspiele zu kommentieren: Wie spielt der Idiot schon wieder, ich kann das nicht mit ansehen; die paar Zentimeter; schon wieder an den Pfosten, mein Gott. Wenn man dann aber selber in die Situation kommt und etwas machen soll, kommt man ja an den Punkt, wo man die Endlichkeit seiner eigenen Kräfte massiv zu spüren bekommt. In dieser Hinsicht war die DDR ja eine gute Sache. Nicht, dass jetzt morgen in der Zeitung steht: Merkel sagt, die DDR war eine gute Sache. Sie war es natürlich nicht, aber eins hat sie ermöglicht, meine Damen und Herren: Man konnte so schön in der Illusion leben, was man alles schaffen könnte, wenn man nicht so einen blöden Staat hätte. Damit waren wir ja alle so gut wie Nobelpreisträger. Wenn ich mich an meine eigene berufliche Karriere erinnere: Hätten wir einen besseren Rechner gehabt, hätten wir in den Westen reisen können, hätten wir noch ein paar mehr Bücher gehabt, hätten wir dies und jenes gehabt, dann wären wir alle ganz toll gewesen.

Das Schöne und das Beschwerliche an verantwortlicher Politik ist, dass man nicht mehr ganz so viele Leute findet, die man beschimpfen kann, dass es nicht so gut geht, wie man eigentlich dachte. Auch das ist etwas, das ich mit Freiheit in Verantwortung meine. Ich finde – damit komme ich noch einmal zurück zum 6. Januar, zu Epiphanias, zum Dreikönigsverein –, der christliche Glaube ist für die, die ihn haben und in sich tragen, eine sehr gute Ermutigung, weil wir auch Fehler machen dürfen, weil wir auch endlich sein dürfen, weil wir auch schwach sein dürfen. Deshalb ist für mich Politik in Verantwortung immer auch Politik mit Blick auf den Glauben. Andere bekommen ihre Kraft woanders her. Aber auf jeden Fall bedarf verantwortliche Politik einer tiefen eigenen Orientierung. Ohne zu wissen, woher wir kommen, ohne ein Gefühl dafür zu haben, wo wir hin wollen, ist es nach meiner festen Überzeugung schwer oder gar nicht möglich, verantwortliche Politik zu machen.

Deshalb möchte ich allen danken, die in diesem Raum und überhaupt in diesem Land bereit sind, Entscheidungen zu treffen, sich etwas zuzumuten, Mut zu zeigen und zu sagen: Lassen Sie uns dafür werben. Denn das Interessante ist: Zum Schluss hat man selbst etwas davon und ist ein Stück glücklicher.

In diesem Sinne noch einmal herzlichen Glückwunsch zu 20 Jahren Dreikönigsverein. Alles Gute und weiter viel Tatkraft und Gottes Segen.

Donnerstag, 06. Januar 2011