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Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel beim 10. Deutschen Seniorentage am 4. Mai 2012

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Freitag, 04. Mai 2012

in Hamburg

Sehr geehrte Frau Professorin Lehr,
lieber Staatssekretär Herrmann Kues,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus den Parlamenten,
aber vor allen Dingen: liebe Tagungsgäste, meine Damen und Herren,

Ja zum Alter – so lautet Ihr Motto auf dem Seniorentag. Aber das Motto lautet ja nicht nur hier in Hamburg so, sondern auch zu Hause im alltäglichen Leben. Wer diesen Satz einer solch eindrucksvollen Konferenz voranstellt, einem Seniorentag, der zeigt damit auch, dass er selbstbewusst zu den eigenen Lebensjahren steht.

Ich darf vielleicht daran erinnern, dass Ihre Vorsitzende, Frau Professorin Lehr, alles, was sie in ihrem Leben getan hat, immer selbstbewusst gemacht hat. Sie war diejenige, die mir sozusagen den ersten Schritt ins Ministerdasein eröffnet hat – ich werde nie vergessen, wie ich in das Familienministerium kam und dann einen kleinen Teil davon geerbt habe: Frauen und Jugend. Sie hat mir damals schon gesagt: Junge Frau, lassen Sie sich nicht verrückt machen, behalten Sie immer die Übersicht. Ich glaube, das Gleiche hat sie anschließend zu Hannelore Rönsch gesagt, die zum gleichen Zeitpunkt das Familien- und Seniorenministerium bekam, und dann noch einmal zu Gerda Hasselfeldt, die das Gesundheitsministerium bekam.

Ich könnte etwas scherzhaft sagen: So hat Helmut Kohl damals den Frauenanteil in seiner Regierung erhöht, indem er einfach aus einem Ministerium drei Ministerien mit einer Frauenbesetzung machte und darauf gehofft hat, dass die Frauen sich schon gut vertragen werden – was wir auch getan haben. Das aber nur am Rande.

Nun aber zurück zu Ihnen. Ja zum Alter – das sagen Sie, die Sie zu einer starken Generation im umfassenden Sinne gehören. In Deutschland leben heute 17 Millionen Menschen, die 65 Jahre oder älter sind. Zum Vergleich: Kinder und junge Erwachsene bis 25 Jahre bilden zusammen eine Gruppe von etwa 20 Millionen. Aber vor allen Dingen sind Sie, die Sie älter als 65 Jahre sind, Menschen, die ganz wesentlich zum Aufbau unseres Landes beigetragen haben. Schon deshalb sind Sie eine ganz starke Generation. Und es gibt einen dritten Grund: Sie sind leistungsfähig und fit für Ihr Alter. Sie gestalten Ihr Leben aktiv und sorgen dafür, dass das auch so bleibt. Und Sie sorgen nicht nur für sich, sondern auch für andere mit. Dafür sage ich Ihnen von meiner Seite ein ganz herzliches Dankeschön.

Auch wenn Sie immer wieder Ja zum Alter sagen, vergessen Sie nicht, dass das Alter auch Härten hat. Sie verschließen die Augen nicht vor Krankheit, vor Gebrechlichkeit, Hilfsbedürftigkeit – also Themen, die wir in unserer Gesellschaft allzu oft an den Rand schieben, über die wir nicht reden wollen, obwohl sie für jede Generation zum Leben gehören. Auch da können Ältere einen ganz wichtigen Beitrag leisten, den Blick darauf zu lenken, dass jedes Leben immer auch ein Stück Unvollkommenheit hat, und es uns stark macht, wenn wir diese Unvollkommenheit auch zur Geltung kommen lassen.

Meine Damen und Herren, zu einer starken Generation gehören auch starke Verbände. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen ist so eine Organisation. Sie bündelt Kräfte unter einem Dach. Frau Professorin Lehr hat es eben gesagt: Über 100 Verbände gehören ihr an – rund 13 Millionen Menschen repräsentieren sie. Das ist eine wirklich beeindruckende Zahl.

Natürlich bringen sich nicht alle Mitglieder aktiv in die Verbands- und Vereinsarbeit ein. Aber sie gehören dazu. Sie teilen die Ziele. Sie vergrößern das Engagement, und damit zeigt sich eine Stärke unseres Landes auch in der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen. Es ist sozusagen ein Glücksfall, dass Sie sich zu einer Dachorganisation zusammengeschlossen haben, die natürlich in ganz anderer Weise als jede Organisation für sich die Anliegen bündeln kann und die auch ein wichtiger Gesprächspartner für die Politik ist.

Das heißt, Sie wissen das Potenzial Ihrer Generation zu nutzen, denn Ihre Fachkompetenz zeigt sich in all Ihren Arbeiten, und die Vorsitzende, Frau Professorin Lehr, bündelt sie geradezu in ihrer Persönlichkeit. Denn sie ist schon lange eine ausgewiesene Fachfrau für Fragen des Alters.

Sie war die Inhaberin des ersten deutschen Lehrstuhls für Gerontologie. Und sie hat über die Fragen des Alterns, der Bereicherung der Gesellschaft, der Notwendigkeit der Gesellschaft, sich mit dieser Phase des Lebens zu befassen, gesprochen, als das für alle anderen noch Neuland war. Der Gedanke von Frau Professorin Lehr war richtigerweise – und das ist für uns heute fast schon selbstverständlich –, die Kompetenzen Älterer zu erkennen und zu fördern. Ihr ging es immer darum, Ältere überall aktiv einzubinden.

Ich muss sagen: Wenn ich auf meine nunmehr auch schon 20-jährige politische Tätigkeit blicke, dann ist vielleicht der größte Verlust, den sich unsere Gesellschaft an vielen Stellen zugemutet hat, dass sie Ältere zu schnell aus dem öffentlichen Leben – das ist nicht nur das Arbeitsleben, sondern das sind auch andere Bereiche des öffentlichen Lebens – herausgehalten hat. Es gab eine Zeit, in der die Schnelligkeit der Jugend an oberster Stelle der gebrauchten Eigenschaften in der Gesellschaft stand. Der knappe Schwung der Routine, den man erst im Alter bekommt, die Lebenserfahrung, der Überblick – all das ist lange Jahre nicht geachtet worden.

Es ist ein sehr interessanter Nebeneffekt der Frühverrentungen gewesen, dass plötzlich die Leute mit Überblick und Erfahrung fehlten und wieder gesucht wurden, als man Fehler in der Produktion hatte und nicht wusste, wie man damit klar kam. So, wie das für die Arbeitswelt gilt, gilt das für alle Bereiche des Lebens. Deshalb sage ich als Bundeskanzlerin: Sie gehören dazu; Sie haben Fähigkeiten und Fertigkeiten; und deshalb bin ich heute auch ganz besonders gern hier.

Frau Professorin Lehr hat nicht nur in ihrer Zeit, als sie das offizielle Rentenalter noch nicht erreicht hatte, schon viel über die Fragen des Alterns nachgedacht und geforscht, sondern sie hat auch, als sie dieses Alter überschritten hatte, wieder Verantwortung übernommen. Das heißt, sie ist ein lebendes Beispiel für das, was sie auch in der Forschung viele Jahre gefordert hat. Deshalb sei ihr dafür ein ganz herzlicher Dank ausgesprochen.

Aber es sei mir auch gestattet, an dieser Stelle noch einmal an Walter Link zu erinnern. Mit ihm habe ich vor drei Jahren den Seniorentag in Leipzig eröffnet. Ich erinnere mich ausgesprochen gern daran zurück. Walter Link war ein treuer Anwalt für die Anliegen Älterer an der Spitze der BAGSO, aber auch im Deutschen Bundestag. Er hat für Verständnis zwischen den Generationen geworben. Und er hat den Blick von uns allen für den demografischen Wandel geschärft. Deshalb möchte ich an dieser Stelle sehr gern an ihn und seine Arbeit erinnern.

Nun ist das Interessante, dass die BAGSO als Bundesarbeitsgemeinschaft nicht nur die Vertretung der Generation der Älteren ist, sondern dass sie, da der Anteil dieser Generation an unserer gesamten Gesellschaft zunimmt – das ist ja nicht in allen Gesellschaften so –, ein ganz wesentlicher Teil eines unglaublichen Wandels des Altersaufbaus unserer ganzen Gesellschaft ist.

Wir alle wissen noch nicht, wie sich das genau auswirken wird. Wir wissen, dass es kommt. Wir kennen die Zahlen. Wir wissen, dass die Lebenserwartung der Älteren steigt. Das ist ein wunderschöner Erfolg vieler Bereiche unseres Lebens. Wir wissen aber auch, dass die Zahl der Kinder heute schon geringer ist. Wir wissen, dass wir dadurch in den nächsten Jahren insgesamt weniger werden, und wir wissen auch, dass wir vielfältiger werden, weil die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund steigen wird. Das alles ist klar.

Dass Menschen im Durchschnitt älter werden und wir weniger Kinder haben, das kann man, glaube ich, nicht auf den ersten Blick sehen. Aber wenn man sich z. B. typische Familienfotos aus der Zeit vor 50 Jahren anschaut, dann wird das schon etwas offensichtlicher. Die gute Nachricht heißt: Die 60-Jährigen von damals sahen schon etwas älter aus als die 60-Jährigen von heute. Aber die betrübliche Nachricht heißt, dass die Zahl der Kinder und Enkel heute etwas geringer ist. Nichtsdestotrotz: Unsere Gesellschaft befindet sich in einem unglaublichen Wandel, aber wir alle spüren das gar nicht so.

Mir ist besonders eine Geschichte eindrücklich gewesen – ich habe sie schon manchmal erzählt. Ich war auf einer Verleihung eines Medienpreises, bei der interessante Beiträge über Migranten ausgezeichnet wurden. Dort wurde ein Beitrag über ein Callcenter ausgezeichnet, von dem aus ein äthiopischer Asylbewerber in Deutschland seine Mutter in Äthiopien anrief. Er hatte natürlich kein eigenes Telefon, keine eigene Handykarte usw., also ging er in ein Callcenter. Die Mutter hatte immer Angst, dass es hier im Winter kalt ist und der arme Junge nicht durchkommt. Er sagte: Mach dir keine Sorgen, das geht alles prima; und dann kann ich dir noch eine Sache sagen, Mutter, hier sind alle so alt wie du; wenn du hier auf einer Bank sitzen würdest, würdest du überhaupt nicht auffallen. Das war seine Nachricht an die äthiopische Gesellschaft, in der sich offensichtlich die ältere Mutter auf der Straße unwohl fühlte, weil sie unter den vielen Jüngeren so auffiel. Er fand unsere Gesellschaft in diesem Sinne sehr menschlich. Diese Chance sollten wir nutzen, wenn wir über den demografischen Wandel sprechen, meine Damen und Herren.

Wir haben im Zusammenhang mit einer gestiegenen Lebenserwartung natürlich oft die Frage zu debattieren, wie wir selbstbestimmtes Leben organisieren und dies auch in unsere Gesamtpolitik integrieren. Da sind Fragen der sozialen Sicherungssysteme von großer Bedeutung. Frau Professorin Lehr hat eben darauf hingewiesen: Wir müssen alles daran setzen, dass die soziale Absicherung im Alter – dazu gehört die Rente, dazu gehört auch die Pflegeversicherung – nachhaltig gestaltet wird. Das gehört ja zu den schwierigsten Themen.

Heute war schon ein Vortragender aus dem Bereich der Gewerkschaften hier, der sich dazu geäußert hat, mit dem ich nicht in allem übereinstimme. Ich bin sehr dafür, dass wir versuchen, Flexibilität in die verschiedenen Arbeits- und Altersgrenzen hineinzubringen. Aber wir kommen um einen Punkt nicht umhin – davon bin ich zumindest zutiefst überzeugt –, dass die Lebensarbeitszeit nicht kürzer werden kann, sondern graduell länger werden muss, damit die Jüngeren in die Lage versetzt werden, im Umlageverfahren weiter für die Solidarität mit den Älteren zu sorgen, was im Bereich der Rente passiert.

Ich freue mich, dass zumindest einige von Ihnen Beifall klatschen, denn das Interessante ist, dass über diese Entwicklung ganz viele sehr besorgt sind, die selber nicht mehr im Berufsleben stehen. Wenn Sie Umfragen zu der Rente mit 67 hören, die ja erst im Jahre 2029 voll umgesetzt wird, dann sind diejenigen, die es betrifft, zum Teil weniger besorgt als diejenigen, die heute in Rente sind. Deshalb rufe ich Ihnen noch einmal zu: Diese schwierige Maßnahme – ich weiß, dass das für körperlich tätige Menschen zum Teil sehr schwierig ist, da unsere Arbeitswelt auf die Älteren noch nicht ausreichend vorbereitet ist – machen wir, damit diejenigen, die heute jenseits der Erwerbstätigkeit sind, eine gesicherte Rente haben und das auch morgen so sein wird – das müssen wir immer im Auge behalten.

Natürlich ist es richtig, dass sich in diesem Zusammenhang auch der Blick auf Ältere im Erwerbsleben verändern muss. Es ist gut, dass die Anzahl derer, die jenseits des 55. Lebensjahres im sozialversicherungspflichtigen Bereich Beschäftigung haben, in den letzten Jahren massiv gestiegen ist. Denn wenn das nicht passieren würde, dann wäre die Rente mit 67 nur eine Rentenkappung – und das darf es nicht sein. Aber, meine Damen und Herren, ich werde mich auch nicht damit abgeben – und die Bundesregierung als Ganzes nicht –, dass Unternehmen nach Fachkräften suchen und über 55-Jährigen zum Teil keine Beschäftigungsperspektive mehr geben. Das ist nicht in Ordnung, und das muss sich ändern.

Wir haben schon über die Kompetenzen älterer Beschäftigter gesprochen. Ich habe neulich, als wir in der Bundesregierung über dieses Thema gesprochen haben, das Beispiel von einer Autofabrik in Dingolfing erzählt. Dort ist eine Produktionsstraße für ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer eingerichtet worden. Die Taktzeiten sind etwas verlängert worden. Aber das Ergebnis war zum Schluss leicht besser als auf den Produktionsstraßen mit den Jüngeren, bei denen mehr Fehler passiert sind. Das heißt, es zeigt sich: Man kann es machen.

Ich habe gerade eine Vielzahl von Treffen mit Mittelständlern, die sehr über den Fachkräftemangel klagen und mir sehr interessante Wege zeigen, wie man Ältere als gesunde Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Betrieb halten kann, wenn man Kleinigkeiten verändert. Unsere Gesellschaft wird sich darauf einstellen müssen. Ansonsten ist es keine menschliche Gesellschaft, meine Damen und Herren. Auch das ist Soziale Marktwirtschaft im 21. Jahrhundert. Auch darum müssen wir ringen.

Dann haben wir einen zweiten großen Bereich, der, wie ich finde, jahrelang unterschätzt wurde. Das ist nämlich der Kunde im höheren Alter. Ich habe mich jahrelang über die Werbewirtschaft gewundert. Sie scheint aber jetzt langsam umzudenken. Ältere Menschen haben nämlich durchaus in vielen Fällen eine vernünftige Kaufkraft. Ich weiß, dass das nicht für alle gleichermaßen gilt. Aber die SenNova Messe, die hier parallel zum Seniorentag stattfindet, zeigt ja, welche Interessen da sind. Eine Wirtschaft muss sich eben auch auf diese Kunden einstellen. Und jetzt habe ich noch gar nicht davon gesprochen, was ältere Menschen für ihre Kinder und Enkel tun, die natürlich auch davon profitieren, wenn Großmutter oder Großvater richtig einkaufen. Und im Übrigen hält das ja auch jung, wenn man weiß, was die junge Generation so möchte.

Meine Damen und Herren, natürlich hängt unglaublich viel von allen Ebenen des Staates ab – von der Bundesregierung, von den Ländern, aber gerade auch von den Kommunen. Letztlich kommt eine riesige Aufgabe auf die Stadtgestaltung, die regionale Gestaltung zu. Denn man lebt in den Städten. Man lebt in den Gemeinden. Wir werden durch den demografischen Wandel erhebliche Effekte auf regionaler Ebene haben. Man sagt: Während heute noch etwa die Hälfte der Menschen im ländlichen Raum und die Hälfte in den Städten lebt, wird sich das bis zum Jahre 2050 dahingehend verschieben, dass nur noch 30 Prozent im ländlichen Raum und der Rest in den städtischen Ballungsbieten lebt.

Wir haben jedes Interesse daran, dass sich das nicht so verschiebt, dass zum Schluss nur noch in den Städten ein altersgerechtes Leben möglich ist. Sondern der ländliche Raum bedarf unserer ganz besonderen Aufmerksamkeit. Aber auch in den Städten wird sich vieles ändern müssen.

Wir haben deshalb gesagt: Wir wollen als Bundesregierung eine Demografiestrategie erarbeiten. Wir haben als Erstes eine Analyse gemacht. Wir haben jetzt die Strategie sozusagen strukturiert, und wir werden im Herbst und im nächsten Frühjahr in den Arbeitsgruppen Berichte haben. Wir werden versuchen, die Gespräche über die Berichte und die Maßnahmen, die wir durchführen, immer zwischen Bund, Ländern und Kommunen in Gang zu setzen.

Wir sehen bei diesem Thema – genauso wie bei den Themen Integration und Bildung –, dass wir ein föderales Land sind, in dem jeder seine Zuständigkeiten hat, aber dass wir schlussendlich immer Politik für Menschen machen. Menschen leben in jeder Ebene ein bisschen. Sie fragen nicht danach, ob gerade der Bund, das Land oder die Kommune zuständig ist, sondern sie wollen, dass alles klappt. Deshalb ist die Aufgabe der Politik, viel stärker über die verschiedenen Ebenen hinaus zusammenzuarbeiten. Junge Eltern interessiert es nicht, ob für die Kita jetzt die Kommune oder das Land verantwortlich ist. Eltern interessiert es nicht, ob beim Übergang von der Schule zur Berufsausbildung plötzlich die Zuständigkeit zwischen Land und Bund wechselt, sondern sie wollen einfach sagen: Das wird für uns gemacht. Genauso ist es bei der Demografiestrategie.

Was wollen wir? Was sind unsere Ziele?

Erstens. Jeder Einzelne soll entsprechend seiner Lebenssituation und seines Alters mehr Chancen haben, seine Fähigkeiten zu entwickeln. Das heißt also, was ich eben gesagt habe: Politik muss mehr vom Menschen, vom Einzelnen her denken.

Zweitens. Die Wachstumsdynamik, die Innovationskraft und der Wohlstand unseres Landes sollen erhalten bleiben. Wir wollen ja den nächsten Generationen genau solche Lebenschancen ermöglichen, wie wir sie in der Vergangenheit hatten und heute haben.

Drittens. Der Zusammenhalt der Generationen in unserem Land soll bewahrt und gestärkt werden – der Zusammenhalt von Jüngeren und Älteren, von Gesunden und Kranken, von Einheimischen und Zugewanderten, von Regionen, Städten und Dörfern.

Die Ziele hängen miteinander zusammen – das sieht man. Wir haben dann Handlungsfelder gesucht, denn man kann ja sonst über alles und jedes sprechen. Und wir haben Handlungsfelder identifiziert. Es geht einmal um die Situation von Familien, denn da wird der Zusammenhalt gelebt, da hängen die Generationen zusammen. Es geht um motivierte, qualifizierte und gesunde Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer jedes Alters. Es geht um die Selbstbestimmung im Alter. Es geht um die Lebensqualität in den ländlichen Räumen – ich habe das schon erwähnt. Es geht um eine integrative Stadtpolitik. Es geht um nachhaltiges Wachstum unserer Gesellschaft. Und es geht darum, dass der Staat handlungsfähig bleibt und die Institutionen des Staates handlungsfähig bleiben.

Damit haben wir uns ein ziemlich anspruchsvolles Programm vorgenommen, und wir hoffen, dass alle Ebenen des Staates mitziehen. Aber ich möchte auch Sie zum Mitmachen einladen möchte. Wir sind auf die gesellschaftlichen Organisationen angewiesen und dabei ganz besonders auch auf die BAGSO und ihre 100 Verbände. Sie sollen sich einbringen. Sie sollen mitmachen. Sie werden auch Einladungen bekommen. Denn die Diskussion über den demografischen Wandel wird nicht allein durch politische Maßnahmen zu bewältigen sein, sondern sie muss in den Köpfen und Herzen der Menschen ankommen. Denn es ist immer so, dass die Bürgerinnen und Bürger vor Ort am besten wissen, wo der Schuh drückt, wo etwas noch nicht in Ordnung ist.

Deshalb habe ich auch den Dialog über Deutschlands Zukunft als Bürgerdialog begonnen – in drei Städten, aber auch im Internet, in dessen Rahmen ich immerhin 11.000 Vorschläge zu den Fragen bekommen habe: Wie wollen wir in Zukunft zusammenleben? Wovon wollen wir in Zukunft leben? Wie wollen wir gemeinsam lernen?

Das Lernen ist das ganze Leben lang der Schlüssel dazu, innovationsfreudig zu bleiben, offen zu bleiben und voranzukommen. Obwohl wir die 11.000 Vorschläge noch auswerten und in unsere politische Arbeit einbauen müssen, kann man sagen, dass dieser Dialog ein Erfolg war, weil sich so viele daran beteiligt haben. Er hat gezeigt – das habe ich auch in allen persönlichen Bürgerdialogen gesehen –, dass Menschen sich in unsere Gesellschaft einbringen wollen. Manchmal ist noch nicht ganz klar wie, aber sie wollen es. Oft haben wir es noch nicht geschafft, diesem Willen Raum zu geben und Möglichkeiten zu eröffnen.

Wir gehen dabei auch in der Politik immer wieder neue Wege und müssen schauen: Klappt das, oder klappt das nicht? Ein neuer Weg, den wir jetzt aufgemacht haben, ist nach der Aussetzung der Wehrpflicht und dem Nicht-mehr-Existieren des Zivildienstes der Bundesfreiwilligendienst. Es war eine richtige Entscheidung zu sagen: Wir öffnen das Angebot für alle Altersgruppen, nicht nur für die Jungen. Es hat sich gezeigt, dass sich immerhin rund 2.300 Frauen und Männer über 60 Jahre für einen solchen Dienst entschieden haben. Und es werden sicherlich noch mehr werden. Ich sage ausdrücklich – Frau Professorin Lehr, ich habe das auch noch gar nicht gehört: Niemand möchte etwas Verpflichtendes einrichten. Aber an freiwilligen Angeboten könnte es, glaube ich, durchaus noch mehr geben.

Der Bundesfreiwilligendienst hat im Übrigen gezeigt, dass gar nicht das eingetreten ist, was wir alle befürchtet hatten. Wenn Sie mich vor drei Jahren gefragt hätten, was passiert, wenn der Zivildienst nicht mehr existiert, dann hätte ich gesagt: Dann bricht ein ziemliches Chaos im Lande aus. Durch das Umstellen auf den Bundesfreiwilligendienst, durch das freiwillige soziale Jahr, durch die Öffnung für alle Altersgruppen haben wir eine wunderbare Erfahrung gemacht: Im Augenblick fehlt Geld im Bundeshaushalt, um alle Anträge überhaupt bearbeiten zu können; wir haben mehr Interessenten, als wir im Augenblick Plätze vergeben können. Ich finde, das ist ein tolles Zeugnis für unsere Gesellschaft, meine Damen und Herren.

Es ist eine alte Regel: Geistig und körperlich aktiv zu bleiben, ist der Schlüssel, um Alterungsprozesse, die in jedem von uns ablaufen – im Übrigen vom ersten Tag nach der Geburt an – abzumildern, um fit zu bleiben und Selbständigkeit bis weit ins hohe Alter zu bewahren. Das gilt erst recht für das Engagement, das auf Gegenseitigkeit beruht – in der Nachbarschaft, im Freundeskreis. Wir müssen es schaffen, die unterschiedlichen Potenziale, die in der Gesellschaft angelegt sind, auch in verschiedenen Formen zusammenzubringen. Da gibt es die Hilfe in der Großfamilie oder in der Familie. Da gibt es inzwischen die Mehrgenerationenhäuser. Da gibt es Möglichkeiten, dass Ältere sich in die Kinderbetreuung einbringen – Stichwort Großelternzeit – und vieles andere mehr, meine Damen und Herren. Wir sind hier noch längst nicht am Ende unseres Denkprozesses.

Das oberste Prinzip muss sein: Die Menschen müssen ihren Lebensentwurf leben können – dafür muss Sorge getragen werden. Ich will an dieser Stelle noch einmal daran erinnern: Frau Professorin Lehr hat sich nicht nur mit Aussagen übers Alter manch gerunzelte Stirn eingetragen, sondern sie hat in ihrer Zeit als Bundesministerin auch Krabbelstuben für unter Dreijährige gefordert. Sie können sich nicht vorstellen, welch ein Kulturschock das vor über zwanzig Jahren war, auch in der Partei, der ich angehöre – das will ich ganz ehrlich zugeben.

Wenn man heute die Diskussion verfolgt, dann kann man auf jeden Fall sagen, dass sich in der Gesellschaft etwas getan hat. Denn heute gibt es eine Diskussion über die Frage, ob, wenn jemand sein ein- oder zweijähriges Kind noch nicht in eine staatlich geförderte Betreuung gibt, man für die Betreuung 100 oder 150 Euro zahlen könnte. Der Vorschlag hat in etwa den Effekt, den Frau Professorin Lehr mit ihrer Krabbelstube hervorgerufen hat, als sie vor über 20 Jahren davon gesprochen hat. Da können Sie einmal sehen, wie leidenschaftlich wir in familiären Fragen diskutieren. Das ist ja auch okay.

Wir haben uns jetzt jedenfalls vorgenommen – Frau Professorin Lehr, vielleicht ist es ein Geschenk für Sie nach vielen Jahren – zu sagen: Es gibt einen Rechtsanspruch zum August des Jahres 2013 für alle diejenigen, die einen Betreuungsplatz für die unter Dreijährigen bekommen wollen. Das ist eine große Aufgabe für die Kommunen. Der Bund beteiligt sich an der Finanzierung.

Aber im Sinne der Wahlfreiheit soll auch die Möglichkeit bestehen, durch das Betreuungsgeld Eltern zu unterstützen, die sich für einen anderen Weg entscheiden. Jeder soll frei wählen können. Ich bin der tiefen Überzeugung, die Menschen können das, und man sollte sie nicht davon abbringen, meine Damen und Herren.

Das bringt ungefähr so viel Leben in die Bude wie einst der Krabbelstubenvorschlag von Frau Professorin Lehr. Das ist auch gut so. Ich sage an dieser Stelle ausdrücklich denen, die sich hier gerade geäußert haben: Ich habe es für falsch gehalten, dass man der Frage von Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Deutschland so lange nicht ausreichend Platz eingeräumt hat. Noch heute fehlt unserer Gesellschaft etwas, beispielsweise dass Kinder ganz normal ein warmes Mittagessen in einer Schule bekommen können – dass wir dafür so lange Zeit brauchen.

Es ist richtig, dass wir Betreuungsplätze haben. Aber, meine Damen und Herren, es kann auch eine Möglichkeit sein, dass man ein einjähriges Kind noch bis zum zweiten, gegebenenfalls auch bis zum dritten Lebensjahr zu Hause erzieht. Auch diese Freiheit sollte in unserem Lande weiter bestehen, meine Damen und Herren.

Von der Kinderbetreuung komme ich zu den Mehrgenerationenhäusern und damit direkt zu den Bereichen, in denen auch Ältere aktiv im Alter sein können und wo Ältere Schutz und Geborgenheit finden. Auch hier ist bürgerschaftliches Engagement gefragt. Ich erinnere mich, wie damals Hannelore Rönsch begonnen hat, ihre Stiftung „Daheim im Heim“ zu gründen. Auch betreute Wohnformen und Pflegeeinrichtungen sind Orte, wo nicht nur der Staat handeln muss, sondern sich auch die Gesellschaft engagieren kann.

Ich habe es am Anfang schon gesagt: Selbstbestimmtes Leben im Alter ist so wichtig, und die Würde im Alter ist so wesentlich. Das hat auch etwas damit zu tun, dass wir uns alle immer bewusst sind: Das Leben beginnt, und das Leben hat ein natürliches Ende. Ich glaube, man kann es bewusst nur dann leben, wenn man jeden Lebensabschnitt ganz ernsthaft als Teil unseres gesellschaftlichen Lebens annimmt und nicht einzelne Abschnitte einfach ausgrenzt. Es wäre falsch, über das Alter zu sprechen, wenn man nicht auch die Tatsache der Krankheit, der Gebrechlichkeit und der Pflege erwähnen würde. Das Sprechen über eine Gesellschaft ist nach meiner festen Überzeugung immer nur dann menschlich, wenn wir alle Facetten des Lebens in den Blickpunkt rücken.

Frau Professorin Lehr hat hier auch gesagt, dass das Thema der Demenz ein zunehmendes Thema ist, mit dem unsere Gesellschaft noch nicht ausreichend gut umgehen kann. Wir haben jetzt erste öffentliche Diskussionen. Aber nach meiner Auffassung sind es immer noch zu wenig. Wenn man mit Menschen in ein privates Gespräch hineinkommt, dann sieht man erst einmal, wie viele mit einem Thema befasst sind, das in der Gesellschaft noch gar nicht entsprechend ausreichend diskutiert wird. Deshalb haben wir jetzt einen ersten Schritt gemacht, damit Demenz besser in die Pflegeversicherung integriert wird. Aber ich sage ganz bewusst: Das wird ein erster Schritt sein; wir werden hier in den nächsten Jahren noch sehr viel tun müssen.

Meine Damen und Herren, auf Ihrem Seniorentag der BAGSO diskutieren Sie über zentrale Felder unserer Gesellschaft. Dass Sie das so selbstbewusst tun und Ja zum Alter sagen, aber auch Ja zur Einmischung, Ja zum Mitreden und Ja zum Engagement, das ist unendlich wichtig für uns, die wir oft in bestimmte Formen des Handelns und der Tagesablaufe eingebunden sind und immer wieder einmal gestupst werden müssen, dass wir uns der Gesellschaft öffnen und die Menschen einbeziehen. Dafür möchte ich der BAGSO ein ganz, ganz herzliches Dankeschön sagen.

Die meisten von Ihnen, die hier sitzen, könnten die drei Tage auch anders verbringen. Wahrscheinlich warten Kinder, Enkel, Freunde, Männer und Frauen zu Hause und sagen: Wo willst du denn schon wieder hin? Muss das sein? Kannst du dich nicht erst einmal um mich und deine Nachbarn kümmern, statt dass du dich noch um die ganze Welt kümmern musst?

Ich sage: Danke, dass Sie das hier in Hamburg tun. Danke, dass Sie Kraft aus der Gemeinschaft schöpfen. Danke, dass Sie uns immer wieder Aufgaben ins Heft schreiben und danke, dass wir gemeinsam über die Zukunft unseres Landes diskutieren können. Herzlichen Dank, dass ich heute hier sein konnte.

Freitag, 04. Mai 2012