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Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Gedenkveranstaltung zum 50. Jahrestag der Versöhnungsmesse

Redner:
Angela Merkel
Datum:
Sonntag, 08. Juli 2012
Ort:
Reims

in Reims

Sehr geehrter Herr Präsident, lieber François Hollande,
sehr geehrte Frau Bürgermeisterin,
sehr geehrter Herr Erzbischof,
meine Damen und Herren,

heute vor 50 Jahren richtete Präsident de Gaulle folgende Worte an den Erzbischof von Reims – ich zitiere: „Exzellenz, Bundeskanzler Adenauer und ich kommen in Ihre Kathedrale, um die Versöhnung Frankreichs mit Deutschland zu besiegeln.“ Einfache, wenige Worte – und doch an historischer Größe kaum zu übertreffen. Worte, die Geschichte geschrieben haben. Worte, die buchstäblich in Stein gemeißelt wurden. Eine Marmortafel erinnert jeden Besucher der Kathedrale an diesen denkwürdigen Satz.

Die Dimension der historischen Geste de Gaulles und Adenauers in Reims erschließt sich erst vollständig, wenn wir uns den langen und steinigen Weg vor Augen führen, den Frankreich und Deutschland gegangen sind. Eine schier endlose Abfolge von Kriegen und schrecklichem Blutvergießen prägte über Jahrhunderte unsere Nachbarschaft. Vorurteil, Hass und Feindschaft gipfelten schließlich in zwei verheerenden Weltkriegen. Gerade auch die Stadt Reims und der gesamte Norden Frankreichs mussten großes Leid und Elend erdulden. Viele Kriegsgräber in der Region sind uns eine mahnende Erinnerung. Ein Sinnbild für die Sinnlosigkeit von Krieg und Zerstörung war der Beschuss der Kathedrale von Reims durch deutsche Truppen im Ersten Weltkrieg.

Und doch keimte nach Ende dieses Krieges die Hoffnung nach deutsch-französischer Versöhnung auf. Männer wie Aristide Briand und Gustav Stresemann haben es versucht. Aber es sollte anders kommen – und zwar schlimmer als jemals vorstellbar. Der von Deutschland entfesselte Zweite Weltkrieg brachte unermessliches Leid über unsere Völker, über Europa und die Welt – Barbarei, Erniedrigung und Entrechtung, Ausbeutung und Vernichtung, den Zivilisationsbruch durch die Shoah.

Frankreich wurde von 1940 bis 1944 von deutschen Truppen besetzt. Der Terror von Gestapo und SS hinterließ tiefe Spuren im Gedächtnis der französischen Nation. Das Verhältnis zwischen unseren Völkern hätte kaum tiefer zerrüttet sein können. Am 8. Mai 1945 schließlich erfolgte die bedingungslose Kapitulation Deutschlands hier in Reims. Frankreich wurde eine der vier Besatzungsmächte in Deutschland. Von deutschem Boden aus sollte nie wieder Unheil in die Welt getragen werden.

Diese Ausgangslage müssen wir uns vergegenwärtigen, wenn wir die historische Leistung de Gaulles und Adenauers ermessen wollen. Kaum eine Familie, die nicht von Tod und Leid durch Krieg und Zerstörung gezeichnet war. Und dennoch legte neu gewonnene Hoffnung in eine gute Zukunft die Saat der Versöhnung.

17 Jahre nach Kriegsende traten Präsident de Gaulle und Bundeskanzler Adenauer zur gemeinsamen Messe in die Kathedrale von Reims. Nach den dunklen Kapiteln der deutsch-französischen Geschichte begannen sie ein neues Kapitel aufzuschlagen. Ja, mehr noch: Diese beiden großen Staatsmänner begannen in dieser Kathedrale ein neues Bauwerk zu errichten – das Bauwerk der deutsch-französischen Freundschaft.

Tief berührt von dieser historischen Stunde sprach der eine von einem Wunder, der andere von einem Geschenk des Himmels. So hob Bundeskanzler Adenauer bei seiner Tischrede am Abend des 8. Juli 1962 hervor – ich zitiere: „Das, was der Himmel unseren Völkern geschenkt hat, wollen wir ehrfürchtig und dankbar pflegen und erhalten.“ Und in der Tat: Auf den Staatsbesuch von Bundeskanzler Adenauer in Frankreich folgte alsbald ein Gegenbesuch von Präsident de Gaulle in Deutschland. Seine Reise entwickelte sich zu einem wahren Triumphzug. Seine Persönlichkeit und seine Reden begeisterten die Menschen. In Ludwigsburg hielt er vor tausenden jungen Deutschen und Franzosen seine wegweisende Rede an die Jugend.

Aus all diesen Begegnungen heraus nahm schließlich eine politische Vereinbarung Gestalt an, die als Freundschaftsvertrag in die Geschichte einging. Mit Unterzeichnung des Élysée-Vertrags 1963 war das gemeinsame Vermächtnis von Charles de Gaulle und Konrad Adenauer nun auch schriftlich besiegelt. Diesem Vermächtnis haben sich alle ihre Nachfolger verpflichtet gefühlt. Besonders im Gedächtnis bleibt der Händedruck von Präsident Mitterand und Bundeskanzler Kohl über den Gräbern von Verdun. So wie die Schlacht von 1916 Sinnbild für den Wahnsinn des Krieges war, so wurde dieser Händedruck knapp 70 Jahre später Sinnbild für die deutsch-französische Freundschaft.

An diesem Tag denken wir voller Dankbarkeit an all jene, die den Krieg und seine Folgen am eigenen Leib erlitten und trotzdem – oder gerade deshalb – den Weg der Versöhnung gesucht haben. Die Freundschaft unserer Nationen und Völker ist alles andere als selbstverständlich. Sie zeigt sich heute in einer vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen unseren Regierungen, in unserem Miteinander in der Europäischen Union und in der Nato. Sie zeigt sich in vielfältigen Beziehungen zwischen den Bürgerinnen und Bürgern unserer Länder, in hunderten deutsch-französischen Städtepartnerschaften, in Kooperationen zwischen Wissenschaftlern, Künstlern und Unternehmen und nicht zuletzt beim Jugendaustausch.

Es war kein Zufall, dass die Gründungsväter des Élysée-Vertrags als erste neue deutsch-französische Institution ein Jugendwerk geschaffen haben. Seit 1963 haben fast acht Millionen junge Menschen an den Austauschprogrammen teilgenommen. In der Tat wird das kostbare Erbe der deutsch-französischen Freundschaft nicht einfach weitergereicht. Sie muss vielmehr von Generation zu Generation immer wieder aufs Neue belebt werden.

Charles de Gaulle und Konrad Adenauer wussten, dass Freundschaft bedeutet, gerade in schweren Zeiten eng zusammenzustehen und sich gegenseitig zu unterstützen. Damals wie heute gilt: Wenn wir einig sind, dann können wir alle Herausforderungen, vor die wir gestellt werden, bewältigen – zum Wohl unserer beiden Völker und zum Wohl Europas.

Dieser Tage sind wir Zeugen einer großen Bewährungsprobe, die Europa zu bestehen hat. Die europäische Wirtschafts- und Währungsunion, so wie sie vor zwanzig Jahren gegründet wurde, erweist sich als noch nicht stark genug. Daraus muss unsere Generation die richtigen Lehren ziehen. Wir müssen das nachholen, was vor zwanzig Jahren versäumt worden ist; und das ist die politische Vollendung der Wirtschafts- und Währungsunion. Das ist fraglos eine Herkules-Aufgabe. Aber Europa kann diese Herkules-Aufgabe bewältigen. Europa kann stärker aus dieser Krise hervorgehen, als es in sie hineingegangen ist, wenn wir uns bei allen alltäglichen Mühen wieder und wieder bewusst machen: „Wir Europäer sind zu unserem Glück vereint.“ – So haben wir es 2007 zum 50. Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge formuliert.

Weit mehr als ein halbes Jahrhundert bestehen Frieden zwischen Deutschland und Frankreich, eine einzigartige deutsch-französische Freundschaft, Frieden und Freiheit in Europa. Letztlich ist das nur ein Wimpernschlag in der Geschichte der Menschheit. Dennoch oder genau deshalb ist und bleibt dies Motor und Antrieb unseres Handelns. Denn Europa ist weit mehr als eine Währung. Unverzichtbar dafür sind die deutsch-französischen Beziehungen. Sie haben die europäische Einigung maßgeblich geprägt und vorangebracht – und zwar gerade auch deshalb, weil sie nicht exklusiv sind. Sie schließen niemanden aus, sondern alle sind eingeladen, um gemeinsam als Partner ein starkes Europa zu schaffen – ein Europa, das auf dem Fundament gemeinsamer Werte ein Hort des Friedens und Wohlstands auch in der Welt des 21. Jahrhunderts seinen Platz selbstbewusst einnimmt.

Meine Damen und Herren, ich selbst konnte den Weg der Aussöhnung und Freundschaft bis 1989 nur aus einer erzwungenen Ferne verfolgen – von jenseits des Eisernen Vorhangs, der Deutschland und Europa geteilt hat. Umso mehr empfinde ich es auch persönlich als großes Glück, nicht mehr unbeteiligte Beobachterin sein zu müssen, sondern auch selbst an der deutsch-französischen Freundschaft teilhaben und die europäische Einigung mitgestalten zu können.

Deshalb danke ich Ihnen, sehr geehrter Herr Präsident, lieber François, ganz herzlich für diese Einladung. Dass wir gemeinsam der Versöhnungsmesse vor 50 Jahren gedenken, ist ein wunderbares Zeichen des vertrauensvollen Miteinanders unserer Länder und Völker.

So greife ich zum Abschluss auch gerne die Worte von Präsident de Gaulle auf, als er auf seinem Staatsbesuch in Deutschland 1962 den begeisterten Zuhörern zurief: „Es lebe die deutsch-französische Freundschaft! Vive l’amitié franco-allemande!“

Montag, 09. Juli 2012